Bel-Ami (eBook)
416 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-76650-6 (ISBN)
<p>Guy de Maupassant (1850-1893) ist einer der großen Romanciers Frankreichs. Existentielle Konflikte, Milieuschilderungen und psychologische Analyse machen seine seine Romane und Novellen zur auch heute noch fesselnden Lektüre.</p>
Cover 1
Informationen zum Buch oder Autor 2
Titel 5
Impressum 6
Bel-Ami 7
Erster Teil 9
Kapitel 1 11
Kapitel 2 31
Kapitel 3 48
Kapitel 4 72
Kapitel 5 90
Kapitel 6 135
Kapitel 7 173
Kapitel 8 196
Zweiter Teil 221
Kapitel 1 223
Kapitel 2 252
Kapitel 3 270
Kapitel 4 294
Kapitel 5 310
Kapitel 6 335
Kapitel 7 348
Kapitel 8 371
Kapitel 9 386
Kapitel 10 403
Erster Teil
Kapitel 1
Als die Kassiererin ihm auf sein Fünffrankenstück herausgegeben hatte, verließ Georges Duroy das Restaurant.
Da er ein schmucker Kerl war, sowohl von Natur wie durch seine soldatische Haltung als alter Unteroffizier, so warf er sich in die Brust, drehte seinen Schnurrbart mit gewohnter militärischer Bewegung und ließ einen raschen, umfassenden Blick über die verspäteten Tischgäste schweifen, einen jener Blicke schöner Männer, die wie Angelhaken um sich greifen.
Die Frauen blickten ihm nach: drei kleine Arbeiterinnen, eine Musiklehrerin in mittleren Jahren, schlecht frisiert und vernachlässigt, mit immer staubigem Hute, immer schief sitzendem Kleide; ferner zwei Bürgerfrauen mit ihren Männern, die in diesem Winkelrestaurant ihren festen Mittagstisch hatten.
Als er auf der Straße war, blieb er einen Augenblick unschlüssig stehen und bedachte sich, was er tun sollte. Es war der 28. Juni, und er hatte für den Rest des Monats gerade noch drei Franken vierzig in der Tasche. Somit hatte er die Wahl zwischen zwei Mittagessen ohne Frühstück oder zwei Frühstücken ohne Mittagessen. Er überlegte sich, daß das Frühstück nur zweiundzwanzig Sous kostete, während die Hauptmahlzeit dreißig Sous erforderte. Wenn er also mit dem Frühstück vorliebnahm, blieb ihm noch ein Franken zwanzig übrig, gerade soviel, als zweimal Brot mit Wurst und zwei Glas Bier auf den Boulevards kosteten: dies war nämlich seine Hauptausgabe und sein Hauptvergnügen am Abend. Und so schlenderte er denn die Rue Notre Dame de Lorette hinunter.
Er ging wie früher, wo er noch den Husarendolman trug, die Brust aufgeworfen, die Beine etwas nach außen gedrückt, als ob er just aus dem Sattel käme. So schritt er rücksichtslos durch die Menge, streifte die Schultern der Vorübergehenden und rempelte sie an, um selbst nicht ausweichen zu müssen. Seinen rauhgewordenen Zylinder hatte er schief auf das Ohr gesetzt, und seine Schritte schallten auf dem Pflaster. Er schien immerfort etwas herauszufordern, die Menschen, die Häuser, die ganze Stadt, wie es sich für einen schmucken Soldaten gebührt, der ins Zivil hat zurückkehren müssen.
Obwohl er einen fertigen Anzug zu sechzig Franken trug, so besaß er doch eine gewisse, zwar aufdringliche und etwas gewöhnliche, aber doch tatsächliche Eleganz. Er war groß, gut gewachsen, blond, von einem kastanienbraunen, etwas rötlichen Blond, hatte einen hochgedrehten Schnurrbart, der sich auf seiner Oberlippe zu kräuseln schien, klare, blaue Augen mit einer ganz kleinen Pupille und natürlich gelocktes Haar mit dem Scheitel in der Mitte. So glich er ganz dem Leichtfuß in den Kolportageromanen.
Es war einer jener Sommerabende, wo keine Luft in Paris ist. Die Stadt war heiß, wie ein Dampfbad, und schien an diesem erstickenden Abend zu schwitzen. Die Wasserablässe hauchten verpestete Dünste aus ihrem granitenen Munde, und aus den Küchen im Untergeschoß drang durch die niedrigen Fenster der widrige Geruch von Spülwasser und alten Saucen.
Die Portiers saßen in Hemdärmeln rittlings auf ihren Rohrstühlen und rauchten die Pfeife unter den Hofeinfahrten. Und die Passanten gingen mit müden Schritten, barhäuptig, den Hut in der Hand.
Als Georges Duroy den Boulevard erreichte, blieb er abermals stehen, unschlüssig, was er tun sollte. Er hatte jetzt Lust, in die Champs-Élysées und die Avenue de Bois de Boulogne zu gehen, wo er unter den Bäumen etwas Luft schöpfen wollte. Aber zugleich quälte ihn ein anderes Verlangen: nach einem Liebesabenteuer.
Wie er das finden sollte, wußte er nicht. Doch er wartete darauf seit drei Monaten, tagaus, tagein, Abend für Abend. Dank seinem hübschen Gesicht und seinem galanten Wesen stahl er sich wohl hin und wieder ein bißchen Liebe; doch er hoffte stets auf mehr und auf Besseres.
Mit heißem Blut und leerer Tasche regte er sich auf, wenn die Dirnen ihn anstreiften und an den Straßenecken flüsterten: »Komm mit, hübscher Junge!« Doch er wagte ihnen nicht zu folgen; er konnte sie ja nicht bezahlen; und er wartete auch auf etwas Besseres, auf andere, minder gemeine Küsse.
Trotzdem liebte er die Orte, wo die öffentlichen Mädchen herumwimmelten, ihre Ballokale, ihre Cafés, ihre Straßen. Er mochte sie gern mit den Ellenbogen streifen, sie anreden, duzen, ihre aufdringlichen Parfüms einatmen, ihre Nähe fühlen. Sie waren doch schließlich Frauen, zur Liebe bestimmt. Er verachtete sie nicht mit dem angeborenen Abscheu des Familienmenschen.
Er lenkte die Schritte nach der Madeleinekirche und folgte dem Menschenstrom, der, von der Hitze bedrückt, träg dahinflutete. Die großen Cafés waren überfüllt; die Gäste saßen zum Teil auf dem Bürgersteig in dem blendenden, grellen Lichte der erleuchteten Spiegelscheiben. Vor ihnen, auf kleinen runden oder viereckigen Tischen, standen Gläser mit roten, gelben, grünen, braunen, in allen Farben schillernden Flüssigkeiten; und in den Karaffen sah man große, durchsichtige Eisstücke glänzen, die das schöne, klare Wasser kühlten.
Duroy hatte seine Schritte verlangsamt. Seine Kehle war wie ausgetrocknet. Ein brennender Durst, der Durst eines heißen Sommerabends, quälte ihn, und er dachte immerfort an das köstliche Gefühl, wenn ein kaltes Getränk durch die Kehle rinnt. Aber wenn er heute abend nur zwei Glas Bier trank, so war es mit dem kargen Abendbrot für morgen vorbei; und das Hungerleiden am Monatsende war ihm nur zu wohl bekannt.
Er sagte sich: »Bis zehn Uhr muß ich es aushalten; dann trink ich im Américain meinen Schnitt. Donnerwetter, was bin ich durstig!« Und er blickte all diese Menschen an, die da an den Tischen saßen und tranken, die sich ihren Durst löschen konnten, soviel sie wollten. Er schlenderte in kecker, herausfordernder Haltung an den Cafés vorüber und taxierte mit raschem Blick nach dem Aussehen und der Kleidung jedes Gastes, wieviel Geld er wohl bei sich trug. Und ein Zorn ergriff ihn gegen diese ruhig dasitzenden Leute. Wenn man ihre Taschen durchsuchte, so würde man Gold, Silber und Kleingeld finden. Durchschnittlich mußte jeder zwei Zwanzigfrankenstücke bei sich haben; es waren ihrer wohl hundert im Café. Hundert mal zwei Zwanzigfrankenstücke machte viertausend Franken! »Die Schweine!« brummte er und ging mit wiegenden Schritten weiter. Hätte er einen an einer Straßenecke im Dunkeln stellen können, weiß Gott, er hätte ihm unbedenklich den Hals umgedreht, wie den Hühnern der Bauern im Manöver!
Und er dachte an seine zwei Dienstjahre in Afrika und wie er die Araber in den kleinen Garnisonen im Süden ausgeplündert hatte. Und ein grausames, lustiges Lachen umspielte seine Lippen, als er eines Streiches gedachte, der drei Leuten vom Stamme der Ouled-Alan das Leben gekostet und ihm und seinen Kameraden zwanzig Hühner, zwei Schafe und Gold eingebracht hatte und Stoff zum Lachen für ein halbes Jahr.
Die Täter waren nie entdeckt worden; übrigens hatte man nicht nach ihnen geforscht, da der Araber sozusagen als natürliche Beute des Soldaten gilt.
In Paris war das anders. Da konnte man nicht mit dem Säbel an der Seite und dem Revolver in der Faust, fern von der bürgerlichen Gerichtsbarkeit, in voller Freiheit drauflosrabuschern. Er wünschte seine zwei Jahre in Afrika zurück. Wie schade, daß er nicht da unten geblieben war! Er hatte sich Besseres erhofft, als er heimkehrte. Aber nun! … Ja, jetzt hatte er was Rechtes!
Er bewegte die Zunge schnalzend im Munde herum, als wollte er die Trockenheit seines Gaumens feststellen.
Die Menge schob sich langsam und matt an ihm vorüber, und er dachte immer noch: »Dieses Pack! All diese Tröpfe haben Geld in der Tasche!« Er rempelte die Leute mit der Schulter an und pfiff eine lustige Weise. Herren, die er geschubst hatte, drehten sich schimpfend um; Frauen schalten: »So ein Rüpel!«
Er ging am Vaudeville vorbei und blieb vor dem Café Américain stehen; er fragte sich, ob er nicht seinen Schnitt trinken sollte; so peinigte ihn der Durst. Ehe er sich entschloß, blickte er nach den erleuchteten Uhren mitten auf dem Fahrdamm. Es war ein Viertel nach neun. Er kannte sich: sobald das Glas Bier vor ihm stand, goß er es herunter. Was sollte er nachher bis elf Uhr anfangen?
Er ging weiter. »Ich werde bis zur Madeleine gehen«, sagte er zu sich, »dann kehre ich ganz langsam wieder um.«
Als er an die Ecke des Opernplatzes kam, begegnete er einem dicken jungen Manne, dessen Gesicht er schon irgendwo gesehen haben mußte.
Er begann ihm zu folgen und suchte sich zu erinnern, während er halblaut vor sich hin sprach: »Zum Teufel, wo kenne ich diesen Kerl her?«
Er zermarterte sich das Hirn, ohne daß es ihm einfiel; dann plötzlich erschien ihm derselbe Mensch durch ein eigentümliches Spiel des Gedächtnisses weniger dick, jünger, in Husarenuniform. »Halt, Forestier!« rief er ganz laut, seine Schritte beschleunigend, und klopfte dem vor ihm Gehenden auf die Schulter. Dieser drehte sich um, blickte ihn an und fragte: »Was wünschen Sie, mein Herr?«
Duroy begann zu lachen: »Erkennst du mich nicht?«
»Nein.«
»Georges Duroy von den sechsten Husaren.«
Forestier streckte ihm beide Hände entgegen: »Ah, alter Junge! Wie geht's dir denn?«
»Ausgezeichnet. Und dir?«
»Oh, mir geht's nicht sehr gut. Denke dir, ich hab's auf der Lunge. Ich huste das halbe Jahr lang. Ich habe mir in Bougival einen Katarrh geholt in dem Jahr, wo ich nach Paris zurückkam; es ist jetzt vier Jahre her.«
»So, du siehst aber doch gesund aus.«
Und Forestier nahm den Arm seines alten...
| Erscheint lt. Verlag | 16.4.2012 |
|---|---|
| Übersetzer | Josef Halperin |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 50plus • Adaption • Belletristische Darstellung • Best Ager • Buch zum Film • Film • Frankreich • Generation Gold • Geschichte 1850-1860 • Golden Ager • Île-de-France • insel taschenbuch 4040 • IT 4040 • IT4040 • Karriere • Kinofilm • Liebhaber • Literaturverfilmung • Paris • Paris (City) • Paris (Region) • Rentner • Rentnerdasein • Ruhestand • Senioren • Westeuropa |
| ISBN-10 | 3-458-76650-2 / 3458766502 |
| ISBN-13 | 978-3-458-76650-6 / 9783458766506 |
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