Die Unsterblichen (eBook)
303 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-75210-3 (ISBN)
<p>Ketil Bjørnstad, geboren 1952, studierte in Oslo, London und Paris klassisches Klavier. Sein musikalisches Debüt gab er im Alter von 16 Jahren mit dem Philharmonischen Orchester Oslo, wandte sich dann aber der Jazzmusik und dem Schreiben zu. Sein erster Gedichtband erschien 1972. Heute lebt Bjørnstad als Schriftsteller und Musiker mit seiner Familie in Oslo. Zu seinen erfolgreichsten Büchern zählen <em>Villa Europa</em> und <em>Oda </em>sowie die Trilogie um den jungen Pianisten Aksel Vinding: <em>Vindings Spiel</em>, <em>Der Fluß</em> und <em>Die Frau im Tal</em>.</p>
1
Der Gedanke kam erst, lange nachdem sie eingeschlafen war. Da hatte er sich schon mindestens eine Stunde im Bett hin und her gewälzt. Seine alte Mutter mußte ins Pflegeheim, diese Entscheidung war nun endgültig, und damit war die Trennung von ihrem Mann unausweichlich. Der Pflegedienst sah sich nicht mehr in der Lage, die prekäre Situation im Brenner-Haus zu verantworten, zu viele Stürze hatte es gegeben, zu viele Auseinandersetzungen, zu viel Streit und Zank; eine solche Verantwortung konnte man nicht länger übernehmen.
Aber es war nicht nur der Gedanke an die Situation von Mutter und Vater, der Thomas wach hielt. Es war eine Sache, die etwas früher passiert war, als er neben Elisabeth im Bett gelegen hatte und sie miteinander redeten. Das machten sie nun öfter, seit sie nicht mehr arbeitete und mehr Zeit für solche Gespräche blieb, obwohl sich an seiner Arbeitssituation als Arzt nichts verändert hatte und er genauso zeitig wie immer aufstehen mußte. Durch diese Gespräche fühlte er sich ihr wieder näher, das war neu. All die Jahre hatten Annika und Line sie voll und ganz beansprucht, und sie hatten sich damit klaglos abgefunden.
Sie bemühten sich, dem anderen zu zeigen, daß zwischen ihnen nach wie vor eine starke Bindung existierte. Kleine Zärtlichkeiten, freundliche Worte. Und seit kurzem hatten sie begonnen, wieder andere Seiten voneinander zuzulassen. Sie entdeckten die alten Bedürfnisse, physische wie psychische, die für ihre Beziehung wichtig waren. Eine Beziehung, die jetzt fast vierzig Jahre dauerte und wahrscheinlich noch viele Jahre dauern würde, wenn sie zu den Glücklichen zählten, die zusammen alt wurden. Auch daran hatte Thomas Brenner in dieser Nacht gedacht, obwohl er wußte, daß die Zeitdimension nicht unbedingt Glück bedeutete, wie er bei seinen Eltern sah, mit all den oft grotesken Schwierigkeiten für die Alten ebenso wie für die Angehörigen.
Aber an all das zu denken war für sie beide längst zur Gewohnheit geworden, das war es also nicht, was Thomas Brenner an diesem Herbstabend des Jahres 2009 nicht einschlafen ließ, als er das Rauschen in den Rohren hörte und wußte, daß die altmodische Zentralheizung ansprang, weil es draußen kälter geworden war. Zuerst war der Gedanke gar nicht klar, war gleichsam noch nicht ins Bewußtsein gedrungen, so als hätte ihn das Unterbewußtsein gedacht. Er verspürte nur ein Unbehagen, die Art von Unbehagen, wie es manchmal bei der Behandlung eines Patienten auftauchte, daß da etwas nicht stimmte, daß den Laborwerten nicht zu trauen war, daß ein Grund bestehen mußte, warum ihn der Patient aufgesucht hatte und beunruhigt war. Und wenn ihn diese Unruhe ansteckte, war das für ihn ein Anlaß zur Sorge. Und jetzt empfand er diese Unruhe, und deshalb wälzte er sich im Bett hin und her.
Aber wer hatte ihn angesteckt? An wen hatte er an diesem Abend gedacht außer an Elisabeth? Er hatte ihre Brust gestreichelt. Mehrmals. Und plötzlich war ihm, als hätte er unter der Haut etwas gespürt, von dem sie anscheinend nichts wußte oder nichts wissen wollte. Einen Knoten. Fest und unverkennbar.
In dem Moment schob sie seine Hand weg. Das konnte zufällig sein. Das konnte auch mit Absicht geschehen sein. Daß sie gemerkt hatte, daß er etwas getastet hatte, von dem sie nicht wollte, daß er sich darum kümmerte. Denn so war es üblich zwischen ihnen, dachte er. Diese Rücksichtnahme war die Stärke ihrer Beziehung. Was aber ganz plötzlich zu einer Schwäche werden konnte. Er dachte wieder an den Knoten. Sie muß da etwas unternehmen, dachte er und schlief ein.
Es war am nächsten Tag, nachmittags, gerade als er im Wartezimmer der Gemeinschaftspraxis, in der er arbeitet, seine alte Schulfreundin Mildred Låtefoss erblickte, daß er ihn wieder spürte, diesen veränderten Herzrhythmus, kräftige Schläge, die in Wellen kamen und den Puls erhöhten. Er wollte gerade die junge Mutter mit dem Kind hereinrufen, die sich angemeldet hatte und schon über eine Dreiviertelstunde wartete. Doch der Anfall war so stark, daß er, statt sie mit der Hand hereinzuwinken, nur murmelte »einen Augenblick«, um dann zurück in sein Sprechzimmer zu gehen und hinter sich die Tür zu schließen. Er spürte, wie der Schweiß kam und gleichzeitig die unvermeidliche Schwäche, die er auch beim letzten Mal gespürt hatte und die ihn zwang, sich wieder auf seinen Stuhl zu setzen. Abwesend und beklommen starrte er hinaus in den Oktobertag vor dem Fenster, das intensive gelbe Laub, das noch an den Bäumen hing, die Stadt und weit unten der Fjord, darüber der rötliche Nachmittagshimmel, der ihn immer an Munchs Schrei erinnerte, ein Gedanke, der ihm banal vorkam und schmerzliches Unbehagen erzeugte, manchmal sogar Panik, ohne daß er wußte, warum. Vielleicht war es nur die Vorstellung, daß wieder ein Tag im Meer versank, daß die Sonne das Licht mitnahm, daß er bald dem Alter wieder einen Tag näher gerückt sein würde, ein Lebensabschnitt, von dem er keineswegs so sicher war, ob er ihn würde erleben dürfen.
In wenigen Wochen wurde Elisabeth, die zwei Jahre älter war als er, sechzig. Ein Jubiläum, das ihn schon ein halbes Jahr beschäftigte, den Saal in Slemdal mieten, Musiker engagieren und dafür sorgen, daß Elisabeth, die jedes Aufhebens um ihre Person verabscheute, trotzdem Einladungen an den großen Freundeskreis verschickt hatte.
Er richtete sich auf, hoffte, daß der Anfall vorübergehen würde, wie es bei solchen Anfällen üblich war. Aber als sich der Anfall nach einigen Minuten nicht beruhigte, nahm er sich zusammen und bat die Mutter mit dem Kind herein, wobei er gleichzeitig Mildred Låtefoss mit einem vielsagenden Gesichtsausdruck signalisierte, daß sie danach an der Reihe sei. Er stellte fest, daß das Wartezimmer noch voller geworden war.
Sie war groß und blond und erinnerte ihn an seine jüngere Tochter Line. Aber diese Frau war mindestens zehn Jahre älter, was sich bestätigte, als sie ihre Personenkennziffer nannte. Es folgte ein unverbindliches Geplauder über die Freude, ein Kind zu haben und daß das siebenmonatige Mädchen gesund und kräftig sei, er hatte es bereits früher untersucht. Schon in fünf Monaten würde es in die Krabbelgruppe dürfen, und die Mutter konnte wieder arbeiten gehen. An der Anspannung, mit der sie das sagte, merkte er, daß sie es kaum erwarten konnte, daß sie nicht die übliche Bemerkung hören wollte, es sei wohl zu früh. Er merkte, daß sie so schnell wie möglich zurückwollte zu etwas, das sie wegen des Kindes hatte aufgeben müssen. Eine Art Ordnung wiederherstellen, die ihr momentan fehlte, über die sie nicht verfügte, solange das Kind alles bestimmte. Er versuchte, nicht an sein Herz zu denken, während er mit ihr redete. Das einleitende Gespräch konnte er so lange oder kurz gestalten, wie er wollte. Früher oder später kam der Punkt, an dem er fragen mußte, warum der Patient gekommen war. Darauf konnte sie nicht sofort antworten, rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her. Da nahm er das Kind, hielt es mit beiden Händen, immer wieder gerührt, atmete am Hinterkopf den besonderen Geruch des Kleinkindes ein. Er sah, wie erschöpft die Mutter unter dem glatten Make-up wirkte.
»Ich möchte fragen, ob ich ein Schlafmittel bekommen kann«, sagte sie.
»Für Sie oder Ihre Tochter?« fragte Thomas Brenner. Jetzt sah er, daß ihre Hände zitterten.
»Für Eveline«, antwortete sie, während er ihr das Kind vorsichtig zurückgab. O diese netten, altmodischen Namen, dachte er. Dabei wollte niemand von ihnen zurück in die Vergangenheit. Alles sollte neu und modern sein, schlicht und einfach in der Wohnung und im Kopf. Sie taten ihm nur leid. Sowenig Möbel wie möglich. Sowenig verwirrende Gedanken wie möglich. Dafür stilvoll.
»Eveline schläft nachts kaum noch«, sagte die junge Mutter und war den Tränen nahe. »Ich habe angefangen, ihr Paracetamol zu geben.«
»Damit sollten Sie aufhören«, sagte Thomas Brenner. »Ich kann Ihnen etwas Besseres verschreiben. Aber muß das wirklich sein?«
»Nur für kurze Zeit«, sagte die Mutter mit bittenden Augen. »Ich muß schlafen können.«
Weil du einen Anspruch darauf hast, dachte Thomas Brenner, sagte es aber nicht. Ein deutliches Zeichen für die egoistische Haltung hierzulande. Diese junge Mutter und auch seine eigene Tochter Line, sie glichen diesen Schauspielern und Supermodels, die ihr Geld damit verdienen, der Dummheit des Westens ein Gesicht zu geben.
Mehr und mehr hatte er in den letzten Jahren festgestellt, daß er seinen eigenen Patienten zunehmend mit Abneigung begegnete, daß er bei dem Charme und der Schönheit, die diese jungen Mütter früher für ihn gehabt hatten, jetzt nur daran dachte, wie dumm und egoistisch sie waren. Schlafmittel für einen Säugling? Damit sie bei ihrem Schönheitsschlaf nicht gestört wurden? Es widerte ihn an.
Und darin bestand auch eines seiner gegenwärtigen Probleme, dachte er, daß ihm der Arztberuf auf die Nerven ging, daß er ihm nicht mehr das bedeutete, was er früher bedeutet hatte, daß ein Schatten in sein Leben gekommen war, von dem er nicht genau wußte, woher er kam.
Er hatte sich eigentlich darauf gefreut, älter zu werden, vorausgesetzt, er bliebe gesund. Er hatte gedacht, die Zeit, die nun vor ihm lag, sei eine Zeit für Ruhe, Frieden und Vertiefung, eine Zeit, um zu ernten, die Früchte seiner Arbeit zu genießen, in Konzerte und Ausstellungen zu gehen, Orte zu besuchen, die er schon immer hatte sehen wollen, wie Chicago, die Reise, die er bereits gebucht hatte und die sie gemeinsam gleich nach der Geburtstagsfeier...
| Erscheint lt. Verlag | 15.10.2011 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | De Udodelige |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 50plus • Belletristische Darstellung • Best Ager • De Udødelige deutsch • Erzählungen • Familie • Familienroman • Generation Gold • Generationsbeziehung • Golden Ager • insel taschenbuch 4315 • IT 4315 • IT4315 • Norwegen • Rentner • Rentnerdasein • Romane • Ruhestand • Senioren |
| ISBN-10 | 3-458-75210-2 / 3458752102 |
| ISBN-13 | 978-3-458-75210-3 / 9783458752103 |
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