John Sinclair 1759 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-1777-7 (ISBN)
'Da unten brennt ein Licht!'
'Na und?'
'Da ist aber sonst keines.'
'Kümmert uns das?'
'Sollte es aber.'
Ein kurzes Nachdenken bestimmte die nächsten Sekunden. Dann nickte der Pilot und sagte: 'Okay, schauen wir mal nach.'
Beide Männer ahnten nicht, was sie erwartete ...
Es war nicht richtig hell und auch nicht richtig dunkel. Wie ein gewaltiges Insekt senkte sich der Helikopter aus dem Zwielicht hervor dem Eiland entgegen. Eigentlich war es keine Insel, mehr eine Halbinsel, durch einen schmalen Streifen mit dem Festland verbunden, der aber oft überspült war, und dann sah es aus, als wäre der Flecken Erde eine Insel.
Dort zu landen war nicht einfach, aber Craig Nelson, der Pilot, gehörte zu den erfahrensten Fliegern, die bei der Küstenüberwachung arbeiteten. Er schaffte die Landung auch auf schwierigem Gelände. Hinzu kam das Licht eines starken Scheinwerfers, der den Untergrund ableuchtete.
Das Licht hatte die beiden Männer neugierig gemacht. So etwas kannten sie nicht auf der Halbinsel, die manchmal eine Insel war. Es war ihnen neu. Es konnte harmlos sein, musste aber nicht. Sie hatten hoheitliche Aufgaben wahrzunehmen und dazu gehörte auch die Kontrolle, die sie sehr genau nahmen.
Es war jedenfalls kein Licht, das von einem Feuer stammte, denn das wäre ihnen aufgefallen. Sie hatten auch keinen Rauch entdeckt. Und trotzdem war das Licht ihrer Meinung nach nicht normal.
Alles würde sich erklären, wenn sie gelandet waren.
Sie flogen noch einen letzten kleinen Bogen, dann hatten sie eine Stelle erreicht, an der sie gut aufsetzen konnten.
Beide Männer beschäftigten sich mit der Landung. Für die Umgebung hatten sie keinen Blick, sie sahen den festen Boden näher und näher kommen.
Dann setzte Craig Nelson die Maschine auf. Es war keine völlig glatte Landung, dafür eignete sich der Boden nicht, aber der Pilot hatte das Optimale herausgeholt.
»Das war’s.«
Toby Hopper nickte. »Das hast du super gemacht.«
»Ach, halb so wild. Hättest du auch geschafft.« Nelson schnallte sich los. Die Instrumentenbeleuchtung ließ sein Gesicht grünlich aussehen. Es hatte beinahe die Farbe einer Wasserleiche bekommen. Die verschwand, als es normal dunkel wurde in der Kabine und die beiden Männer den Hubschrauber verlassen konnten.
Sie traten nach draußen und spürten sofort den Wind, der ihnen entgegenschlug. Er biss in die Gesichter. Dabei war es nicht mal so kalt, wie es sich für den Winter gehörte, aber die gefühlte Kälte lag wesentlich tiefer.
»Was ist das denn?«, sagte Toby Hopper.
»Wieso? Was meinst du?«
»Das Licht ist weg!«
Craig Nelson gab zunächst keinen Kommentar ab. Er schaute dorthin, wo sie das Licht gesehen hatten, und tatsächlich war es verschwunden. Die Halbinsel lag in der inzwischen tiefer gewordenen Dämmerung ohne einen Funken Licht. Und auch das vom Festland schien meilenweit entfernt zu liegen.
Die beiden Männer schauten sich an. Sie wollten lachen. In Ansätzen war das zu hören, aber ein Gelächter wurde es bei keinem von ihnen. Es war und blieb still.
»Verstehst du das, Craig?«
»Auf keinen Fall.«
»Ich auch nicht. Aber wir haben das Licht beide gesehen. Oder täusche ich mich?«
»Ganz und gar nicht. Sonst wären wir ja nicht gelandet. Das ist schon seltsam.«
»Oder unerklärlich.«
»Du sagst es.«
Beide warteten noch. Sie schauten dorthin, wo sie das Licht gesehen hatten. Aber da war nichts.
Die Männer sprachen nicht. Jeder hing seinen Gedanken nach. Beide schüttelten den Kopf. Versuche einer Erklärung, aber es gab keine für sie.
Was tun?
Wieder in die Maschine steigen und verschwinden? Das wäre eine Möglichkeit gewesen, die ihnen aber nicht passte. Nelson und Hopper waren Männer, die nichts im Raum stehen lassen wollten, die hinschauten und Dingen auf den Grund gingen.
»Frage«, sagte der Pilot, »können wir uns geirrt haben?«
»Nein.«
»Das meine ich auch. Wir haben das Licht gesehen. Und zwar dort.« Craig Nelson streckte den Arm aus. »Aber jetzt ist es verschwunden, und wir wissen nicht einmal, ob es ein natürliches Licht gewesen ist oder ein künstliches.«
»Keines von beiden.«
»Wieso?«
Toby Hopper kicherte. »Kann es nicht sein, dass es Geisterlicht gewesen ist?«
Nelson schaute seinen Freund an. Dabei schlug er sich gegen die Stirn. »Quatsch. Wie kommst du denn auf so was?«
»Nun ja, man hört von Seefahrern des Öfteren, dass sie geheimnisvolle Lichter auf dem Wasser gesehen haben. Sie sind dann durch sie in die Irre gelockt worden.«
»Ach, das sind Geschichten.«
»Das hier ist keine Geschichte – oder doch?«
Nelson schaute zu Boden. »Eigentlich nicht«, gab er zu, »wir haben das Licht gesehen, aber jetzt ist es fort.«
»Genau.«
»Wie ausgelöscht.«
Beide Männer standen da und dachten nach. Keinem fiel eine Erklärung ein, die sie zufriedengestellt hätte. Dann fragte Toby Hopper: »Was weißt du denn von dieser komischen Halbinsel, die eine ist und dann wieder keine?«
»Ich weiß nicht viel.«
»Aber du bist doch hier in der Gegend geboren.«
»Das schon«, gab Nelson zu. »Trotzdem kann ich nicht alles wissen. Das Stück hier war nie bewohnt. Zumindest nicht von Menschen und …«
Hopper lachte und unterbrach seinen Freund. »Wovon hätte das Ding hier auch sonst bewohnt sein können?«
»Nun ja, von Tieren oder so.«
»Was meinst du denn mit oder so?«
»Da hat man sich früher komische Geschichten erzählt.«
»Ach.« Hopper bekam große Augen. Geschichten hatten ihn schon immer interessiert. »Was hat man sich denn erzählt?«
Nelson winkte ab. »Kinderkram.«
»Glaube ich dir nicht, sonst hättest du das nicht gerade jetzt gesagt. Los, raus mit der Sprache. Was hat man sich so alles erzählt von diesem Stück Land?«
»Dass es manchmal bewohnt ist.«
»Und von wem?«
»Nun ja, das ist nicht leicht zu sagen …« Nelson drehte sich von seinem Begleiter weg.
»Ich will es wissen.«
»Ja, okay, dann sage ich es dir. Die Leute haben davon gesprochen, dass sich auf diesem Stück Land hier besondere Wesen niedergelassen haben. Klar?«
»Nein. Da musst du schon deutlicher werden.«
Der Pilot gab es ungern zu, das war an seiner Stimme zu hören. »Da hat man von Geistern gesprochen.«
»Ehrlich? Und sonst?«
»Sogar von Engeln.«
»Ach? Wie das denn?«
Craig Nelson hob die Schultern. »Mich darfst du nicht fragen. Ich habe mir so etwas nicht ausgedacht. Das sind andere gewesen, aber es wurde von Engeln geredet. Das habe ich gehört, und ich bin wirklich nicht taub.«
Toby Hopper runzelte die Stirn. »Hell genug war es ja dafür.«
»Was meinst du?«
»Dass es ein Engel gewesen ist.« Toby musste über seine Antwort selbst lachen.
Craig Nelson lachte nicht. Er stammte aus dieser Gegend, die ländlich geprägt war. Hier lebten die Menschen noch mehr im Einklang mit der Natur und nahmen viele Dinge hin, die nur aus Erzählungen stammten und bei denen die Beweise fehlten.
»Ich weiß nicht, was es gewesen ist«, sagte der Pilot. »Aber fest steht, dass wir das Licht beide gesehen haben und uns nichts einbildeten.«
»Stimmt genau.« Toby drehte sich um. »Und ich denke, dass wir zu der Stelle hingehen sollten, wo es passiert ist. Kann sein, dass wir dort etwas finden, vielleicht einen Hinweis, dass es ein Engel gewesen ist, obwohl Weihnachten vorbei ist.«
»Du solltest nicht so spotten«, warnte Craig Nelson. »Es gibt manchmal Dinge im Leben, die man …« Er winkte ab. »Ach, was soll’s? Gehen wir zu der Stelle, dann hast du deinen Willen.«
»Ja, das meine ich doch. Wir müssen den Ort untersuchen.«
Nelson überhörte den Spott bewusst. Er ging dorthin, wo sie das Licht gesehen hatten. Zumindest hoffte er, dass sich dort die Stelle befand. Ihr Hubschrauber stand ein Stück entfernt in der Dunkelheit wie ein Gegenstand aus einer anderen Welt, der leicht glänzte.
Die beiden Männer passierten ihn. Sie musste noch ein wenig nach Norden gehen, um die Stelle zu erreichen, wo sie das Licht gesehen hatten.
Fremde Geräusche hörten sie nicht. Nur das Rauschen des Wassers war zu vernehmen. In einem immerwährenden Rhythmus rollten die Wellen gegen die kleine Insel. Es war die Musik des Wassers. Wer hier an der Küste lebte, der wurde damit groß und nahm diese Musik auch mit ins Grab.
Mal war sie leicht, fast sanft, dann wieder schwer und rau, wenn Stürme das Wasser zum Kochen brachten.
Das war heute nicht der Fall. Im Moment lag die Nordsee in einer ruhigen Zone. Stürme waren nicht angesagt. Schnee und Eis ebenfalls nicht, und der Tag lockte sogar mit Sonnenschein.
Das gefiel den Menschen. Es trieb sie nach draußen. Das schlechte Wetter kam noch früh genug. So war es immer im Winter. Da mussten die wenigen Sonnentage genutzt werden, denn besonders lang waren sie auch nicht.
»Wir haben einen Fehler gemacht, Craig.«
»Wieso?«
»Wir hätten Lampen mitnehmen sollen.«
»Stimmt. Soll ich welche holen?«
Hopper winkte ab. »Ach, lass mal. Bisher sind wir auch ohne ausgekommen.«
»Okay.«
Sie mussten weiter. Allerdings nicht mehr lange. Nach wenigen Schritten würden sie den Ort erreicht haben, wo sie das Licht gesehen hatten.
Dieses Wissen hinterließ bei Craig Nelson eine leichte Gänsehaut. In der Magengegend verspürte er zudem einen gewissen Druck. Er wusste nicht, woher das kam, es konnte so etwas wie eine Warnung sein, musste aber nicht.
Dann blieb er stehen.
Hinter ihm ging Toby Hopper. Craig wollte sich umdrehen...
| Erscheint lt. Verlag | 27.3.2012 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-1777-5 / 3838717775 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-1777-7 / 9783838717777 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich