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John Sinclair 1756 (eBook)

Das Grauen hieß Elvira

(Autor)

eBook Download: EPUB
2012 | 1. Aufl. 2012
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-1689-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

John Sinclair 1756 - Jason Dark
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'Warum freust du dich nicht, Elvira? Bald ist Heiligabend, und du bist der Engel, der Weihnachtsengel.'

Elvira Little schaute in das Gesicht der älteren Frau, die den Einsatz begleitete. Dann sagte sie mit leiser Stimme: 'Auch Engel können sterben.'

Rita Cromwell schluckte. Dabei verlor ihr Gesicht an Farbe. 'Was sagst du denn da?'

'Die Wahrheit. Auch Engel können sterben. Oder etwa nicht?'

»Nein, dann wären sie keine Engel, sondern Menschen. Die Engel sind unsterblich. Sie beschützen das Reich Gottes und …«

Elvira unterbrach sie. »Alle?«

»Ja, warum nicht?«

»Da bin ich anderer Meinung. Es gibt auch böse Engel. Höllenengel würde ich sagen. Ja, das ist so.«

»Aha. Und die sterben?«

Elvira schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht.«

»Aber davon hast du doch gesprochen.«

»Vielleicht, Rita. Aber ich habe andere Engel gemeint. Menschen, die man als Engel bezeichnet. Und das hast du doch mit mir getan. Oder etwa nicht?«

»Habe ich.« Rita nickte. »Und jetzt denkst du, dass du sterben musst. Oder wie sehe ich das?«

»So ähnlich. Die Nacht ist eben grausam. Die Dunkelheit ist gefährlich. Das wissen wir beide genau.«

»Willst du dann hier zurückbleiben?«

Elvira winkte ab. »Nein, das auf keinen Fall, ich komme schon mit. Wir werden das Thema lassen.«

»Sehr gut, Elvira, sehr gut.« Rita schaute die jüngere Person an. Allerdings so, dass Elvira es nicht mitbekam. Sie sah die dunklen Haare, die einen Mittelscheitel bildeten, und sie sah auch das Gesicht, das auf keinen Fall einen entspannten Ausdruck zeigte. Eher einen kalten und verbissenen.

Mit einem Kommentar hielt sich Rita Cromwell zurück. Sie wollte nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen. Seltsam war Elvira Littles Verhalten schon. Eigentlich war sie immer aufgeschlossen und auch ein fröhlicher Mensch, aber an diesen Abend war sie genau das Gegenteil.

Dabei hatte sie sich freiwillig gemeldet für die Fahrt auf der Weihnachtsroute. So wurde die Strecke genannt, die sie fuhren. Von den Mitgliedern der Gemeinde wussten sie, wo Menschen lebten, die sich zu Weihnachten nichts leisten konnten. Dort würden sie ein Paket abgeben. Liebe Menschen hatten Spenden gesammelt und die entsprechenden Pakete gepackt.

Es war noch nicht ganz dunkel geworden. Das machte nichts. Bis sie die erste Adresse erreichten, war es finster, und dann kam auch so etwas wie ein Weihnachtsgefühl auf, das sich noch verstärken würde, wenn Rita Cromwell in die Augen der Beschenkten schaute, in denen dann Freude und Dankbarkeit glänzten.

Die kleinen Pakete waren ungefähr alle gleich groß. So konnte man mehr von ihnen in dem Van stapeln, den Rita fahren würde. Die Strecke kannte sie auswendig. Dafür brauchte sie kein Navi. Die Menschen in der Gemeinde würden sich jedenfalls freuen. Und wenn sie das taten, freute sich Rita auch.

»Fertig, Elvira?«

»Bei mir ist alles klar.«

»Super. Dann können wir ja starten.« Rita Cromwell lachte, griff in die linke Seitentasche ihrer Jacke und holte dort eine rote Weihnachtsmütze hervor, die sie überstreifte.

»Aber wie ein Engel siehst du nicht aus.«

»Klar, mir fehlen die Flügel.«

»Die haben nicht alle Engel.«

»Du kennst dich aber gut aus.«

»Ein wenig«, gab Elvira zu.

Beide Frauen saßen im Wagen. Rita hockte hinter dem Steuer und startete den Motor.

»Auf geht’s. Ab jetzt ist der Himmel offen.«

Oder die Hölle! Aber das sagte Elvira nicht, sondern dachte sich nur ihren Teil …

***

Perfekt wäre das Wetter gewesen, wenn es geschneit hätte. Aber das war nicht der Fall. Es war kein Schnee gefallen, dafür hatte es ab und zu stark geregnet. Auch in dieser Nacht sollte es Schauer geben. Allerdings erst in der zweiten Hälfte.

Um sich in Stimmung zu bringen, hatte Rita Cromwell eine CD mit Weihnachtsliedern in den Schlitz gesteckt. Elvira hätte sich eine andere Musik gewünscht, hielt sich aber mit ihrem Wunsch zurück und versuchte, ihr Gehör auf Durchzug zu stellen.

Die ersten drei Haltepunkte hatten sie rasch hinter sich gebracht. Es waren Familien mit Kindern, die beschenkt wurden. Das tat Rita sehr gern. Da ließ sie sogar Elvira im Wagen, der dies auch ganz recht war. So richtig Lust hatte sie nicht, bei den anderen Menschen anzutanzen. Sie hatte immer das Gefühl, als Störenfried aufzutreten.

Rita warf sich wieder auf den Sitz. »So, das haben wir hinter uns. Bei den nächsten Familien müssen wir mal schauen.«

»Wieso?«

»Die gehören zu den Problemfällen.«

»Gewalt?«

Rita nickte einige Male. »Ja, leider. Viel Gewalt. Aber die Frauen nehmen es hin. Sie leiden und denken an die Kinder, die sie nicht allein lassen können. Das macht alles keinen Spaß, wenn du so etwas hörst.«

»Ja, das glaube ich.«

»Mal schauen. Es ist noch früh am Abend. Ich hoffe, dass die Leute noch nicht so viel getrunken haben.«

»Nur die Männer?«

»In der Regel schon. Aber es gibt auch Frauen, die nicht ins Glas spucken. Und gerade an Festtagen kann es ausufern.«

»Deshalb sind wir ja auch zu zweit.«

»Du sagst es.«

Rita Cromwell lenkte den Wagen in eine düstere Gegend. Sie war dunkel, obwohl Laternen ihren Schein abgaben, aber die grauen Mauern schienen diese Helligkeit zu schlucken, sodass die Schatten überwogen.

Sie rollten in eine Straße hinein, die als Sackgasse endete. Eine Mauer bildete den Abschluss. Dahinter ragten einige Bauten hoch, in denen aber keine Menschen lebten. Es waren Lagerhäuser. Das wussten die beiden Frauen. Sie würden die Gegend auch so schnell wie möglich wieder verlassen.

Rita hielt den Van an. Sie nickte und sagte mit leiser Stimme: »Okay, bringen wir es hinter uns.«

»Ja. Aber ich möchte noch etwas wissen.«

»Bitte.«

»Wenn diese Gegend so schlimm ist, warum lassen wir sie nicht einfach aus?«

»Das geht nicht.«

»Und warum nicht?«

»Weil ich nicht darüber zu bestimmen habe, wer hier Geschenke bekommt und wer nicht.«

»Stimmt. Das sind andere Leute.«

»Leider.« Sie stieß Elvira an. »So, jetzt komm, dann haben wir es hinter uns.«

Beide Frauen stiegen aus. Der Wind war eingeschlafen. Es roch nach Regen, aber auch nach altem Mauerwerk. Es gab hier Häuser, die dicht nebeneinander standen. Vier Stockwerke waren sie hoch. Zwischen ihnen war Rasen gepflanzt worden, aber davon war nicht viel zu sehen.

Die beiden Frauen hatten einen Vorteil. Sie mussten nur in ein Haus. Bestimmt lebten auch in den anderen Häusern arme Menschen, aber die waren namentlich bei den Behörden nicht bekannt.

Und so gingen die Weihnachtsengel mit ihren Paketen auf das eine Haus zu. Sie schauten an der Fassade hoch. Die beiden Fenster waren erleuchtet, kein Wunder um diese noch recht frühe Zeit.

»Kennst du die Namen, Rita?«

»Ja.«

»Und wo fangen wir an?«

»Da muss ich mal schauen.« Rita leuchtete mit ihrer Minilampe das Klingelschild ab und hatte schnell den ersten Namen gefunden. Es war eine Familie mit drei Kindern, die ein paar Pakete bekommen sollte.

Dort war auch jemand zu Hause. Die Tür wurde aufgedrückt, und wenig später standen die beiden Weihnachtsengel vor der offenen Wohnungstür.

Eine Frau mit dunklen Haaren hatte geöffnet. Ihr Gesicht entspannte sich, als sie sah, wer sie da besuchte.

»He, seid ihr die Weihnachtsfrauen?«

»So ähnlich«, sagte Rita. »Wir sind die Engel.«

»Das ist aber toll.« Die Frau drehte den Kopf und rief die Namen ihrer drei Kinder, die plötzlich erschienen und schier aus dem Häuschen waren, als sie die Pakete sahen.

In die Augen ihrer Mutter traten Tränen. Sie wollte sich überschwänglich bedanken, aber da winkten vier Hände ab. Auf keinen Fall wollten die beiden Dank. Alles sollte normal bleiben. Außerdem mussten sie noch weiter.

Rita atmete auf, nachdem die Tür wieder zugefallen war. »Zum Glück war der Mann nicht da.«

»Kennst du ihn?«

»Und ob ich den kenne. Er hat oft genug im Knast gesessen.«

»Manche sollten besser nicht mehr leben«, sagte Elvira.

»Da stimme ich dir zu. Man sollte sie sich wirklich der Reihe nach vornehmen.«

»He, willst du das tun?«

»Ich bin zu alt.«

»Aber ich, wie?«

Rita Cromwell schüttelte den Kopf. »Nein, nein, das war nur so ein Gedanke. Aber wenn man so viel Elend gesehen hat wie ich, der muss einfach so denken.«

»Ja, vielleicht.«

»Und jetzt können wir hier die nächsten Pakete abgeben.«

Sie hatten die oberste Etage erreicht und schauten sich in einem schmutzigen Flur um. Die Wände waren mit obszönen Sprüchen über die hier wohnenden Menschen bedeckt oder auch nur so beschmiert. Mehrere Türen gab es hier. Ein kleiner Flur führte zu weiteren Zimmern, aber da mussten sie nicht hin.

Es war eine Familie, bei der Rita klingelte. Hinter der Tür waren schon Geräusche zu hören gewesen. Allerdings undefinierbar. Beide Frauen schauten sich mit einem besorgten Blick an.

Die Tür wurde mit einem Ruck aufgerissen. So heftig, dass die beiden Besucherinnen unwillkürlich einen Schritt zurückgingen.

Vor ihnen stand ein Mann. Bei ihm trafen alle Vorurteile zusammen, die man gegen gewisse Menschen haben konnte. Der Typ roch nach Alkohol. Er trug ein Unterhemd und eine alte Jogginghose.

»He, was wollt ihr?« Er lachte und schüttelte den Kopf. »Wollt ihr was bringen?«

»Ja …«

»Dann her damit.«

»Nein, das sind Geschenke für Ihre Kinder, Mister.«

Er fing an zu kichern. »Für die Taliban? Scheiße, die liegen schon im Bett. Sie waren einfach zu laut. Da habe ich sie ins Bett gesteckt.«

»Aha. Und wo ist Ihre Frau?«

»Die schläft auch.«

Rita Cromwell war davon nicht...

Erscheint lt. Verlag 6.3.2012
Reihe/Serie John Sinclair
John Sinclair
Verlagsort Köln
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Horror
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies
ISBN-10 3-8387-1689-2 / 3838716892
ISBN-13 978-3-8387-1689-3 / 9783838716893
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