Der schwarze Schleier (eBook)
397 Seiten
Aufbau digital (Verlag)
978-3-8412-0317-5 (ISBN)
Ein neuer Dickens!
Von den frustrierenden Erfahrungen eines jungen Mannes, der gerade Vater geworden ist; den trickreichen Bemühungen eines verzweifelten Autors, seine Manuskripte loszuwerden; einem geheimnisvollen Zugunglück; einem Versicherungsangestellten, der einen Mörder und Betrüger zur Strecke bringt; den gespenstischen Erscheinungen, die einen Geschworenen während eines Prozesses verfolgen; den seltsamen Träumen eines Laternenanzünders von seinem Aufstieg ...Von all dem und vielem anderen mehr erfahren wir in den Erzählungen des großen englischen Romanciers Charles Dickens in dieser abwechslungsreichen, vergnüglichen und spannenden Auswahl.
Sämtliche Erzählungen wurden für diese Ausgabe neu übersetzt, einige erscheinen zum ersten Mal in deutscher Sprache.
'Die ganze Welt scheint irgendwie lächeln zu müssen, wenn Dickens sie betrachtet.' Stefan Zweig.
Charles Dickens wurde 1812 in Landport (bei Portmouth) als Sohn eines Angestellten im Marinezahlamt geboren. 1824-26 besuchte er eine höhere Privatschule (Wellington House Academy) und arbeitete anschließend als Advokatenschreiber und Gerichtsreporter. 1831-36 nahm er den Beruf des Parlamentsstenographen/-berichterstatter für liberale bürgerliche Zeitungen an. Er begründete 1846 die radikale bürgerliche Zeitung 'Daily News'. Seine literarische Laufbahn begann er unter dem Schriftstellernamen Boz mit scharf beobachteten und witzigen Skizzen aus dem Londoner Leben ('Sketches by Boz'). Berühmt wurde er durch 'Die Pickwickier' (1837). Seine frühen Romane 'Oliver Twist' (1838), 'Nicholas Nickleby' (1839), 'Der Raritätenladen' (1841) sowie die jährlichen Weihnachtsgeschichten machten Dickens zu einem der gefeiertsten Schriftsteller seiner Zeit. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt und erfuhren zahlreiche Bearbeitungen für Film und Bühne. Er starb 1870 in Gadshill Place (bei Rochester).
Weitere wichtige Werke: 'Leben und Abenteuer Martin Chuzzlewits' (1843/44), 'Dombey und Sohn' (1848), 'Ein Weihnachtslied in Prosa' (1844), 'David Copperfield' (1849/50), 'Bleak House' (1852/53), 'Klein Dorrit' (1855/57), 'Harte Zeiten' (1854), 'Große Erwartungen' (1861). Noch zu Lebzeiten wurde Charles Dickens zur Legende. Als er starb, fragte ein kleines Mädchen bange: 'Charles Dickens ist tot? Wird dann auch der Weihnachtsmann sterben?'
Inhalt 6
Der Mordprozess 8
In die Gesellschaft gehen 26
Die Geschichte des Kindes 43
Der arme Verwandte 50
Zur Strecke gebracht 67
Der schwarze Schleier 102
Die Geschichte des Schuljungen 120
George Silvermans Erklärung 135
Geburten: Mrs. Meek, ein Sohn 178
Der Laternenanzünder 186
Der Signalwärter 213
Die sieben armen Reisenden 233
Doktor Marigold 273
Das Gepäck 316
Atemberaubende Fabulierkunst - Charles Dickens als Geschichten-Erzähler 396
Der Mordprozess
Ich habe immer festgestellt, dass es Personen höherer Intelligenz und Kultur deutlich an Mut mangelt, sobald es darum geht, von den eigenen psychologischen Erfahrungen zu berichten, wenn diese merkwürdiger Natur waren. Beinahe alle Menschen fürchten, dass das, was sie von solcher Art berichten könnten, keinen Widerhall oder keine Reaktion in den Seelen ihrer Zuhörer finden würde und dass man sie misstrauisch beäugen oder gar verlachen würde. Ein wahrheitsliebender Reisender, der ein so außergewöhnliches Geschöpf wie etwa eine Seeschlange gesehen hat, würde sich doch nicht fürchten, dies zu erwähnen; aber derselbe Reisende, sollte ihm eine einzigartige Vorahnung, ein unerklärlicher Impuls, eine Kaprice der Gedanken, eine (sogenannte) Vision, ein Traum oder ein sonstiger bemerkenswerter geistig-seelischer Eindruck widerfahren sein, würde erheblich zögern, ehe er dies zugäbe. Auf diese Zurückhaltung führe ich einen großen Teil der Unklarheit zurück, mit der diese Themen umgeben sind. Wir verbreiten uns gewöhnlich nicht so über unsere Erfahrungen mit diesen subjektiven Dingen, wie wir es tun, wenn es um unsere Erfahrungen mit der objektiven, materiellen Schöpfung geht. Die Folge ist, dass der allgemeine Erfahrungsschatz diesbezüglich recht außergewöhnlich erscheint und das auch wirklich ist, nämlich beklagenswert unvollkommen.
Mit dem, was ich nun erzählen will, verfolge ich nicht die Absicht, irgendeine Theorie aufzustellen, zu widerlegen oder zu unterstützen. Ich kenne die Geschichte des Buchhändlers von Berlin, ich habe den Fall der Gattin des verstorbenen Königlichen Astronomen studiert, wie ihn Sir David Brewster berichtet, und ich habe einen sehr viel bemerkenswerteren Fall einer Geistererscheinung, der sich in meinem persönlichen Freundeskreis ereignet hat, bis in die kleinste Einzelheit untersucht. Zum Letzteren ist vielleicht die Anmerkung vonnöten, dass die Heimgesuchte (eine Dame) in keinem, auch nicht dem entferntesten Grad mit mir verwandt war. Eine irrtümliche Annahme diesbezüglich könnte eine teilweise – aber nur eine teilweise – Erklärung für meinen eigenen Fall geben, die allerdings völlig jeder Grundlage entbehren würde. Mein Fall lässt sich nicht darauf zurückführen, dass ich eine Eigenart geerbt hätte, noch hatte ich je zuvor überhaupt eine ähnliche Erfahrung gemacht, noch ist mir seither eine ähnliche Erfahrung widerfahren.
Es tut nichts zur Sache, vor wie vielen oder wie wenigen Jahren in England ein Mord begangen wurde, der große Aufmerksamkeit erregte. Wir hören ja mehr als genug über Mörder, wenn sie in der Öffentlichkeit grausige Berühmtheit erlangen, und ich würde, wenn ich könnte, die Erinnerung an diesen speziellen Unmenschen begraben, so wie man seinen Leichnam im Gefängnis von Newgate begraben hat. Ich sehe bewusst davon ab, irgendwelche unmittelbaren Hinweise auf die Identität dieses Verbrechers zu geben.
Als man den Mord entdeckte, fiel kein Verdacht – oder vielleicht sollte ich, weil ich hier mit den Tatsachen gar nicht sorgfältig genug umgehen kann, sagen, es wurde nirgendwo öffentlich angedeutet, dass ein Verdacht auf den Mann fiel, der danach vor Gericht gestellt wurde. Da man zu dieser Zeit in den Zeitungen keinerlei Bezug auf ihn nahm, ist es offensichtlich auch unmöglich, dass damals in den Zeitungen irgendeine Beschreibung von ihm gegeben wurde. Diese Tatsache muss man unbedingt in Erinnerung behalten.
Als ich beim Frühstück meine Morgenzeitung aufschlug, die den Bericht über jene erste Entdeckung des Mordes enthielt, fand ich ihn äußerst interessant und las ihn mit besonderer Aufmerksamkeit. Ich las ihn zweimal, wenn nicht gar dreimal. Man hatte die Entdeckung in einem Schlafzimmer gemacht, und als ich die Zeitung weglegte, wurde ich mir eines Blitzes gewahr – eines Ansturms – eines Rausches – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, denn kein Wort, das ich finden kann, vermag es befriedigend zu beschreiben –, in dem es mir so vorkam, als sähe ich dieses Schlafzimmer durch mein Zimmer hindurchschweben wie ein Bild, das, so unmöglich es scheinen mag, auf einen strömenden Fluss gemalt war. Obwohl es beinahe im gleichen Augenblick wieder verging, war es doch vollkommen klar; so klar, dass ich deutlich und mit einem Gefühl der Erleichterung feststellte, dass kein Leichnam auf dem Bett lag.
Dieses seltsame Gefühl überkam mich nicht an einem romantischen Ort, sondern in meiner Wohnung in Piccadilly, sehr nah an der Ecke zur St. James’s Street. Das Gefühl war mir vollkommen neu. Ich saß da gerade in meinem Lehnsessel, und das Gefühl ging mit einem merkwürdigen Beben einher, das den Sessel aus seiner Position rückte. (Aber es sollte vermerkt werden, dass der Sessel leicht auf Rollen lief.) Ich ging zu einem der Fenster (es gibt in diesem Zimmer zwei, und das Zimmer liegt im zweiten Stock), um meine Augen mit dem Anblick der sich bewegenden Menschen und Gefährte unten in Piccadilly zu erfrischen. Es war ein heller Herbstmorgen, und die Straße glitzerte fröhlich. Es wehte ein starker Wind. Als ich herausschaute, trug er gerade vom Park eine Menge gefallenes Laub herbei, das eine Bö erfasste und zu einer spiralförmigen Säule aufwirbelte. Als die Säule in sich zusammenfiel und die Blätter sich verstreuten, sah ich auf der anderen Straßenseite zwei Männer, die von Osten nach Westen gingen. Einer ging hinter dem anderen. Der vordere Mann schaute oft über die Schulter zurück. Der zweite folgte ihm in einem Abstand von etwa dreißig Schritten und hatte die Rechte drohend erhoben. Als Erstes erregte die Eigentümlichkeit und Beharrlichkeit dieser Drohgebärde auf einer so öffentlichen Straße meine Aufmerksamkeit; und als Nächstes der bemerkenswerte Umstand, dass niemand ihr Beachtung schenkte. Beide Männer schlängelten sich zwischen den anderen Passanten mit einer Geschmeidigkeit hindurch, die kaum mit dem Gehen auf einem Bürgersteig vereinbar schien; und kein einziges Geschöpf, das ich sehen konnte, wich ihnen aus, berührte sie oder blickte ihnen nach. Als sie vor meinen Fenstern vorüberkamen, starrten beide zu mir herauf. Ich sah ihre Gesichter sehr deutlich, und mir war klar, dass ich sie überall wiedererkennen würde. Nicht, dass ich bewusst irgendetwas Bemerkenswertes in einem der Gesichter wahrgenommen hätte, außer dass der Mann, der als Erster ging, ungewöhnlich finster aussah, und dass das Gesicht des Mannes, der ihm folgte, die Farbe von ungeklärtem Wachs hatte.
Ich bin Junggeselle, und mein Diener und seine Frau bilden meinen gesamten Haushalt. Ich bin in einer gewissen Bankfiliale beschäftigt, und ich wünschte, meine Pflichten als Abteilungsleiter wären so einfach, wie das im Allgemeinen angenommen wird. Meine Arbeit hielt mich jedenfalls in jenem Herbst in der Stadt fest, obwohl ich eine Luftveränderung bitter nötig gehabt hätte. Ich war nicht krank, aber es ging mir nicht gut. Der Leser soll sich seinen eigenen Reim darauf machen, dass ich mich matt fühlte, dass mich mein monotones Leben bedrückte und ich an einem »leicht gereizten Magen« litt. Mein renommierter Arzt versicherte mir, dass mein tatsächlicher Gesundheitszustand zu diesem Zeitpunkt keine stärkere Diagnose verdient hätte, und ich zitiere dies aus seiner schriftlichen Antwort auf meine diesbezügliche Anfrage.
Als dann allmählich die Umstände des Mordes bekannt wurden und sich immer mehr ins öffentliche Bewusstsein drängten, hielt ich sie von meinen Gedanken fern, indem ich so wenig darüber in Erfahrung brachte, wie es inmitten der allgemeinen Aufregung möglich war. Aber ich wusste, dass man jemanden des vorsätzlichen Mordes verdächtigte und ihn bis zum Prozess nach Newgate überstellt hatte. Ich wusste auch, dass man seinen Prozess auf die übernächste Sitzung des Zentralen Strafgerichts verschoben hatte, und zwar wegen allgemeiner Voreingenommenheit und weil es seinen Anwälten sonst an Zeit für die Vorbereitung der Verteidigung gemangelt hätte. Vielleicht habe ich des Weiteren gewusst, wenn ich das auch nicht glaube, dass die Sitzung, auf die man diesen Prozess verschoben hatte, nun bald kommen sollte.
Mein Wohnzimmer, Schlafzimmer und Ankleidezimmer liegen alle auf einem Stockwerk. Letzteres ist nur über das Schlafzimmer zu erreichen. Es stimmt, es hat eine Tür, die Zugang zur Treppe gewährt; aber ein Teil der Armaturen meines Bades sind – und zwar schon einige Jahre – darüber befestigt. Zur selben Zeit – und als Teil derselben Umbauten – hatte man diese Tür vernagelt und mit Leinwand bespannt.
Ich stand eines Abends spät in meinem Schlafzimmer und erteilte meinem Diener einige Anweisungen, ehe er zu Bett ging. Mein Gesicht war zu der einzigen zur Verfügung stehenden Verbindungstür mit dem Ankleidezimmer gewandt, und diese war geschlossen. Mein Diener stand mit dem Rücken zur Tür. Während ich mit ihm redete, bemerkte ich, wie die Tür aufging und ein Mann hereinschaute, der mich sehr ernst und geheimnisvoll zu sich winkte. Und dass der Mann derjenige war, der als Zweiter von den beiden über den Piccadilly gegangen war und dessen Gesicht die Farbe von ungeklärtem Wachs hatte. Die Gestalt, nachdem sie mich herbeigewinkt hatte, zog sich zurück und schloss die Tür. Mit kaum weniger Zwischenzeit, als nötig war, um das Schlafzimmer zu durchqueren, öffnete ich die Tür zum Ankleidezimmer und schaute hinein. Eine brennende Kerze hielt ich bereits in der Hand. Ich verspürte keine innere Erwartung, die Gestalt im Ankleidezimmer vorzufinden, und ich sah sie dort auch nicht.
In dem Bewusstsein, dass mein Diener staunend dastand, drehte ich mich zu ihm um und sagte: »Derrick, würden Sie es glauben, dass ich mit meinem kühlen Verstand mir eingebildet habe, ich hätte...
| Erscheint lt. Verlag | 8.2.2012 |
|---|---|
| Übersetzer | Ulrike Seeberger |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 19. Jahrhundert • Charles Dickens • Dickens • England • Erzählungen |
| ISBN-10 | 3-8412-0317-5 / 3841203175 |
| ISBN-13 | 978-3-8412-0317-5 / 9783841203175 |
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