Dennis L. McKiernan wurde am 4. April 1932 in Missouri geboren. Im Alter von 18 Jahren trat er in die Air Force ein und kämpfte vier Jahre als Soldat im Korea-Krieg. Nach seiner Militärzeit studierte McKiernan Elektrotechnik. 31 Jahre lang arbeitete er als Ingenieur im Rüstungsbereich, bevor er sich entschloss, das Schreiben zum Beruf zu machen. Sein erstes Buch schrieb er 1977, während er sich von einem Autounfall erholte. Seitdem hat Dennis L. McKiernan über zwanzig Fantasy-Romane verfasst. Er lebt mit seiner Frau in Tuscon, Arizona und ist ein leidenschaftlicher Taucher und Motorradfahrer.
1. Kapitel
WEHEN
Der Längste Tag des Jahres, 5E983
(Sechsundzwanzig Jahre früher)
Die ersten Wehen begannen, kurz nachdem sich die Dämmerung des Ha-Ji über die Steppen von Moko senkte und die junge Teiji, deren Bauch dick angeschwollen war, zum Geburtszelt geführt wurde, wo die Hebammen warteten. Sie bugsierten Teiji auf den Geburtsstuhl, der über einer flachen Mulde stand, die mit einer geflochtenen Strohmatte ausgelegt war. Die spitzen Strohhalme sollten zusammen mit dem gelben Saft den Schmerz lindern, falls er zu stark wurde. Weihrauch glühte in Schalen und verbreitete seinen beruhigenden Duft in der Jurte. Das Wasser kochte, die Tücher waren bereitgelegt, sowie auch Lappen, die das Blut aufnehmen und noch anderen Zwecken dienen sollten. Die Hebammen hatten für die anschließende Reinigung auch schon Duftöle und Seifen ausgelegt. Und – aber diskret – die Klingen für die Geburt bereitgelegt: ein ehernes Geburtsmesser, das eingesetzt werden sollte, falls die Mutter das Kind nicht herauspressen konnte und der Bauch aufgeschnitten werden musste, und ein eisernes Geburtsmesser, mit dem man dem Kind, sollte es missgebildet sein, die Gurgel durchschnitt und so dem Fluch rasch ein Ende bereitete, damit er nicht den ganzen Stamm traf. Niemand erwartete jedoch, dass eines der Messer benutzt werden musste, denn immerhin war dies hier Ha-Ji, der längste Tag des Jahres, eine günstige Zeit also, wenn es denn so etwas gab.
Chakun, die gerade elf geworden war und ihre erste Geburtshilfe leistete – sie würde in etwa einem Jahr verheiratet werden und zweifellos kurz darauf selbst gebären, also musste sie von diesen Dingen wissen –, kam im Laufschritt vom Fluss der Hochsteppe herüber, einen Wasserschlauch in der Hand. Das kalte Wasser sollte Teijis Stirn kühlen; diese Aufgabe fiel an diesem Tag Chakun zu.
Im Lager wurde Tee gebraut, den die Frauen des Stammes trinken würden, während sie es sich zum Warten gemütlich machten. Wie die Männer des Stammes der Cholui Chang würden sie an diesem Tag nicht auf ihren stämmigen Ponys über die Steppe reiten, sondern um das Feuer in der Mitte des Lagers tanzen und starke ammal palro ch’agi trinken, das ist fermentierte Stutenmilch. Denn Teiji, die jüngste Frau des chuy-ohan, sollte niederkommen.
Als es Morgen wurde im Dorf Yugu, das an den Gestaden der Jingarischen See lag, legte Wangu mit seinem kleinen Boot ab. Er stellte das abgenutzte Segel so in den Wind, dass es den schwachen, ablandigen Wind am besten nutzte, denn gewiss würde er an diesem Längsten Tag des Jahres einen Fang erbeuten, der es wert war, auf den Großen Markt in der Hafenstadt von Janjong gebracht zu werden.
Er nahm Kurs auf die Gewässer vor dem östlichen Ufer von Shàbíng, der kleinen Felsinsel, die sich wie ein Wachposten am Rand des tiefen Meeres befand. Während er segelte, bereitete er seine vielfach verzweigte seidene Leine vor; vielleicht war diese neue Angelschnur ja stark genug, auch dem Zug des größten Fisches standzuhalten, im Gegensatz zu der vorherigen, die unter dem Zug von etwas Großem zerrissen war, das Wangu nicht einmal zu Gesicht bekommen hatte.
In der Jurte wurden Teijis Wehen stärker, ihr Stöhnen lauter – obwohl ihre Fruchtblase noch nicht geplatzt war, während die Sonne draußen vor dem Zelt hoch in den Himmel stieg und der Längste Tag mit jedem Kerzenstrich heißer wurde. Die junge Chakun wurde erneut zum kalten Fluss geschickt, den Wasserschlauch neu zu füllen, und wie schon bei den Malen davor schlug sie auch diesmal einen weiten Bogen um die Männer, die um das Lagerfeuer herum saßen, tranken, ihr Seitenblicke zuwarfen und beunruhigende Kommentare machten.
Wangu band seine neue Seidenschnur an ein kurzes Stück der kostbaren Eisenkette, die an seinem größten Haken hing, und hängte einen Netzbeutel mit Innereien an die Spitze. Dann betete er kurz zu den Göttern der Tiefe, warf Haken und Kette über Bord und ließ die seidene Schnur nach. Der Beutel mit den Innereien schien in der Tiefe unter dem Boot zu verschwinden. Kurz hinter Wangu erhoben sich die spitzen Klippen von Shàbíng aus dem Meer, deren Felsflanken streng und unnachgiebig in den Abgrund vor ihnen starrten.
Am Vormittag schließlich platzte endlich Teijis Fruchtblase. Chakun, die Teijis Stirn unablässig mit einem feuchten Tuch gekühlt hatte, sah erstaunt zu, wie die rötliche Flüssigkeit auslief. Als die Hebammen Teiji auf die Füße halfen, damit sie in dem Zelt herumgehen und so die Geburt ihres Kindes unterstützen konnte, wurde Chakun die Aufgabe zugeteilt, die Geburtsmatte in der Mulde zu erneuern und die schmutzige zum Feuer zu bringen und hineinzuwerfen. Als das kleine Mädchen die Matte in die Flammen warf, jubelten die Männer, denn es bedeutete, dass Teiji jetzt kurz vor der Geburt stand. Die Flammen loderten auf, verzehrten die Strohmatte, aber Chakun wartete nicht ab, bis sie verbrannt war, sondern hastete schnell fort. Einige der Männer starrten sie an, und ihr breites, trunkenes Grinsen beunruhigte das Mädchen. Chakun kam zum Zelt zurück, als die Alte Tal gerade ihre Hand zwischen Teijis Schenkeln zurückzog, wo sie die Öffnung des Muttermundes ertastet hatte. Die alte Frau runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Nicht mal einen Fingerbreit.« Chakun fuhr ein furchtsamer Stich durch die Brust, denn das waren schlechte Neuigkeiten. Jedenfalls schien es ihr so. Obwohl Teiji die Worte der Alten wegen ihres eigenen gequälten Stöhnens nicht hatte hören können, schien dieses Stöhnen lauter zu werden.
Mit einem lauten Zischen surrte die Leine ins Wasser. Etwas musste den Haken mit dem Köder geschluckt haben und schwamm davon.
»Ai!«, rief Wangu voller Freude. »Jetzt hab ich dich!« Er griff nach der Seidenschnur und wollte sie festhalten, schrie jedoch nur vor Schmerz und zuckte zurück, als sich die feine Schnur in seine Handfläche brannte. Er beugte sich über das Heck und tauchte seine Unterarme in das salzige Wasser der Jingarian-See, das zwar in der Wunde brannte, den Schmerz seiner durch die Leine versengten Hände aber trotzdem linderte.
Während er sich vorbeugte, sah er zu, wie die Leine immer knapper wurde, bis sie sich mit einem lauten Knall straffte. Der Knoten um die Heckklampe hielt. Doch was auch immer den Köder geschluckt hatte, es begann, das Boot rückwärts durch das Meer zu ziehen. Das Wasser kochte und schwappte über Bord.
Vor Schreck riss Wangu die Augen auf. »Was habe ich da gefangen?«, schrie er aufs Meer hinaus. »Oder – was hat mich da gefangen?«
Die Sonne ging auf, überquerte den Zenit und senkte sich im Westen zum Horizont, während der Längste Tag langsam verstrich. Im Geburtszelt des Stammes Cholui Chang hielt sich Chakun die Ohren zu, um sich gegen Teijis Schreie zu verschließen. Aber sie hörte sie trotzdem, obwohl sie vor Anstrengung sogar die Augen zugekniffen hatte.
Während zwei stämmige Hebammen Teiji mehr durch das Zelt schleppten, als dass sie selber ging, sahen sich die anderen Hebammen besorgt an, denn die junge Frau hatte jetzt trockene Wehen. Die Anzeichen für die Geburt hatten sich nicht geändert: Das Kind wollte nicht kommen.
Erneut setzten sie Teiji auf den Geburtsstuhl, die Alte Tal legte ihr Ohr an den Bauch und lauschte, trotz der lauten Schreie. Dann legte sie ihre Hände auf den Bauch, drückte hier und da, und Teiji schrie noch lauter.
Schließlich wandte sich die Alte an die anderen Frauen. »Das Kind lebt und liegt auch in der richtigen Stellung … Es versucht nicht, rückwärts zur Welt zu kommen.«
Dann bereitete Tal eine weitere Menge des Saftes, der Teijis Schmerzen linden sollte, obwohl der letzte nur wenig Wirkung gehabt zu haben schien, wenn überhaupt.
Das Boot flog förmlich rückwärts durch das Wasser, das über das Heck hineinschwappte. Wangu schöpfte verzweifelt gegen die hereinströmende Flut an. Und gerade als er glaubte, seine kostbare Leine kappen zu müssen, damit das Boot nicht kenterte … blieb die Kreatur, was sie auch sein mochte, stehen.
Vielleicht ist sie tot.
Der Fischer schöpfte weiter.
Sei nicht dumm, Wangu. Sie macht nur eine Pause … Aie! Was, wenn es etwas Böses ausbrütet?
Wangu schöpfte hastig.
Im nächsten Augenblick versetzte etwas von unten dem Boot einen so mächtigen Schlag, dass es Wangu von den Füßen riss. Er rappelte sich rasch hoch, spähte über die Steuerbordseite des Bootes und sah einen großen, grauen Schatten, der abtauchte und verschwand.
»Aie!«, stieß Wangu hervor. »Es ist ein shâyú.«
Erneut wurde das Boot durch die Jingarische See gezerrt. Und Wangu zückte sein Messer. Kostbar oder nicht, wenn das Monster, das ich sah, in den Abgrund abtaucht, und das Boot unter Wasser zieht, kappe ich die Leine.
Trotzdem, es schmeckte ihm gar nicht, denn »Wangu« bedeutete nicht umsonst »eigensinnig«. Sein Vater, Kwàile, hatte ihm den Namen gegeben, weil er schon als Kind so entschlossen gewesen war. Und der große Haifisch würde in Janjong viel Gold einbringen, wenn er ihn nur an Land schaffen konnte. Aus seinen Flossen wurde die beste Heil-Suppe gemacht, und auch Herz und Leber und die anderen Organe würden viel Geld auf dem Markt bringen, vor allem die Augen, die angeblich von Hexen und dergleichen für ihre Weissagungszauber benutzt wurden. Das Gehirn wurde von Hexern ebenfalls sehr geschätzt, da sie es nutzten, um herauszufinden, was böse Menschen dachten, so sagte man jedenfalls. Das Fleisch des Haifisches war ohnehin sehr wertvoll, denn es verlieh...
| Erscheint lt. Verlag | 31.1.2012 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die Drachen-Saga | Die Drachen-Saga |
| Mitarbeit |
Mitglied der Redaktion: Joern Rauser |
| Übersetzer | Wolfgang Thon |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction | |
| Schlagworte | Abenteuer • Auserwählte • Drachen • Dunkelheit • eBooks • Epic Fantasy • Fantasy • halbelf • High Fantasy • Hoffnung • Kind • Legende • Licht • Macht • Magie • Mithgar • Mythen • Mythos • Prophezeiung • Reihe • Saga • Serien • Völker |
| ISBN-10 | 3-641-08094-0 / 3641080940 |
| ISBN-13 | 978-3-641-08094-5 / 9783641080945 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich