Abschied (eBook)
144 Seiten
Wallstein Verlag
978-3-8353-0689-9 (ISBN)
Sabine Peters, geboren 1961 in Neuwied, Studium der Literaturwissenschaft, Politologie und Philosophie in Hamburg; nach 1988 als freischaffende Autorin und Kritikerin im Rheiderland/Ostfriesland. 2005 erhielt sie den Evangelischen Buchpreis. Heute lebt Sabine Peters in Hamburg.
Sabine Peters, geboren 1961 in Neuwied, Studium der Literaturwissenschaft, Politologie und Philosophie in Hamburg; nach 1988 als freischaffende Autorin und Kritikerin im Rheiderland/Ostfriesland. 2005 erhielt sie den Evangelischen Buchpreis. Heute lebt Sabine Peters in Hamburg.
Abschied 4
Abschied (S. 5)
Und er heißt Doktor Phil und schreit Mama, Mama. Langer langer Flur, in der neuen Wohnung der Eltern, Marie und die Mutter stehen in dicken Mänteln im Eingang der Wohnung. Mama, Mamska.
Hohes Rufen von hinten, vom Ende des Flurs, die Tür am Ende des Flurs zum Bad ist weit offen. Die Mutter läuft dorthin. Im Laufen wirft sie ihren Mantel ab, den Marie auffängt. Marie schüttelt Schneeregentropfen von Mutters Mantel. Die Badezimmertür schließt sich hinter den Eltern.
Mutters Stimme, nicht schlimm, ist zu verstehen, diesmal nicht schlimm. Das Rauschen von Wasser. Es fließt aus einem der Hähne, fließt, fließt, du packst schon aus, hat die Mutter im Laufen der Tochter gesagt. Käse in den Kühlschrank.
Gemüse in den Korb auf dem Balkon. Den Stollen für Weihnachten? Wahrscheinlich auch auf den Balkon. Nicht vergessen, den eigenen Mantel auszuziehen, aufzuhängen. Marie zupft die beiden Mäntel auf ihren Bügeln zurecht. Sonst tut es die Mutter. Warten, Lauschen. Und jetzt ist es ja wieder gut und jetzt gehst du ins Wohnzimmer und erholst dich vom Schreck in der Morgenstunde und bald gibt es Mittagessen, Papilio. Der Vater wankt durch den Flur.
Er trägt ein blütenweißes Oberhemd, darüber eine weinrote Weste, Kaschmir, die Hosen haben Bügelfalten. Er trägt graue Socken, schwarze Schuhe. So ist mein Junge anständig. Properes Kerlchen. Die Mutter redete sonst manchmal so. Früher. Neuerdings, jetzt im Winter, spricht sie wenig.
Sie hat sich aufs Horchen verlegt. Mutters Ohren. Mutters Ohren sind Federn, sind Flügel, die Mutter ist ein Vogel, fliegt auf, fliegt hoch, um ihren Jungen zu finden, ihren Mann. Sie findet den Vater überall.
Es sind nicht mehr viele Punkte verblieben, zu denen die Mutter fliegt in diesem Winter, im Dezember 2001. Alle Punkte heißen Rheinstraße. In der Rheinstraße heißen die Punkte Wohnzimmer, Eßzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad.
Der Vater liegt im Wohnzimmer auf seinem Sofa. Seine Augen sind geschlossen. Die Mutter rührt in der Küche in einem Topf. Marie deckt den Tisch. Es hat sich ergeben, daß die Mutter bei Tisch das Wort übernimmt. Tischvorsitz.
Der Vater krümmt sich auf seinem Stuhl. Seine Nase hängt fast im Teller. Das Hemd ist blütenweiß. An seiner Nase hängt ein Tropfen. Es ist alles anders. Neben dir, das Taschentuch! Der Ausruf der Mutter fliegt über den Tisch. Der Vater fährt zusammen.
Er greift nach dem Tuch. Marie nimmt noch mal Salat. Salat ist naß, er rutscht leicht. Alle drei stochern im Essen. Die Mutter strengt sich an, sie sagt, in der Stadt vorhin.
Der verrückte Bäcker am Markt. Der hat gehört, sie wollen den Luisenplatz aufreißen. Die Busse sollen wieder am Luisenplatz die Haltestelle haben. Der Vater legt den Kopf in die rechte Schulter zurück und sieht zu ihr auf.
Er zwinkert ihr zu. Eher ist es ein Blinzeln. Als hätte er Mühe, alles richtig zu sehen. Ja, sagt die Mutter, die Stadtverwaltung, sie lächelt den Vater an und schüttelt den Kopf.
Bekloppte Fußgängerzone. Auch Marie macht mit. In ihrer Schulzeit sind die Busse alle abgefahren ab Luisenplatz, anfangs, und irgendwann, vielleicht zu Abiturzeiten, ist es geändert worden.
Verrückter Städtebau. Eben, sagt die Mutter, hüh, hott. Fußgängerzone, Busse, mal so, mal so. Die wissen auch nicht, was sie wollen. Mit dem Luisenplatz. Sie beugt sich über den Tisch, nimmt Vaters Gabel.
Der Vater macht den Mund auf. Zwei Gabeln Bohnen, das schaffst du. Die Mutter fragt die Tochter, ob sie auf dem Markt am Obststand vorhin die dicke Alte an Krücken gesehn hat. Frau Müller. Deren Tochter ging mit Maries Schwester zur Schule. Wie hieß die Müllertochter. Marie und die Mutter besinnen sich.
Kein Name will kommen. Egal. Marie zerdrückt die letzte Kartoffel in Soße. Soße ist naß. Die Müllertochter jedenfalls. Die bei dem Vater das Abitur gemacht hat, die Mutter lächelt den Vater an, die Müllertochter sitzt inzwischen in der FDP, schreibt Reden. Oder war es die CDU? Pressereferentin in Berlin. Noch eine Gabel, bittet die Mutter den Vater, dann kannst du dich hinlegen.
| Erscheint lt. Verlag | 16.8.2013 |
|---|---|
| Verlagsort | Göttingen |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Abschied • Alter • Eltern • Erzählung • Erzählung; Eltern; Familie; Generationen; Verlust; Krankheit; Schmerz; Tod; Sterben; Abschied; Alter • Familie • Generationen • Krankheit • Schmerz • Sterben • Tod • Verlust |
| ISBN-10 | 3-8353-0689-8 / 3835306898 |
| ISBN-13 | 978-3-8353-0689-9 / 9783835306899 |
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