Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de
Von der Vita zur Künstlerbiographie - Karin Hellwig

Von der Vita zur Künstlerbiographie

(Autor)

Buch | Hardcover
206 Seiten
2005
De Gruyter (Verlag)
978-3-05-004173-5 (ISBN)
CHF 87,90 inkl. MwSt
Künstlerbiographien sind seit jeher eine beliebte Darstellungsform der Kunstgeschichte. Eine Untersuchung der Genese dieser Textgattung fehlte jedoch bislang. Nahezu zweihundert Jahre waren die in der Tradition Vasaris entstandenen Viten vorherrschend. Nach 1700 wandten sich von dieser Frühform der Biographie allerdings auch jene Autoren ab, denen es weiterhin ein Anliegen blieb, "Geschichte der Künstler" zu vermitteln, jedoch erprobten sie innerhalb der Künstlergeschichte neue methodische Ansätze. In diesem Buch wird erstmals die historische Entwicklung dargestellt, in deren Verlauf sich die topos- und anekdotenreiche Vita zur wissenschaftlichen Künstlerbiographie wandelte. In diesem Prozess kristallisierten sich die entscheidenden strukturellen Merkmale heraus, die noch heute für das Genre charakteristisch sind. So lässt sich für die Künstlerbiographien im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein ähnlicher Verwissenschaftlichungsprozess feststellen wie für die anderen historiographischen Gattungen dieser Jahrzehnte. Das zeigt die Analyse einer Reihe bedeutender Biographien vor allem zu Künstlern der Renaissance wie Dürer, Cranach und Raffael, die in dieser Zeit im deutschsprachigen Raum entstanden. Dabei wird vornehmlich die Umgewichtung im Verhältnis von Lebensbeschreibung und Werkanalyse systematisch nachgezeichnet. Besondere Bedeutung kommt in der Untersuchung dem Mythos der Kongruenz von Künstlerleben, Charakter und Œuvre zu. Während der zentrale Topos vom "tugendhaften" und "erfinderischen" Künstler in der Vita noch zu einer Unterscheidung zwischen empirischer Person und Künstlerexistenz zwang, gelang es im Rahmen des biographischen Konzeptes der "Künstlerbiographie" zunehmend, die beiden Aspekte unter dem Begriff des "Genies" zu vereinen. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Rekonstruktion der Rezeptionsgeschichte der Künstlerbiographien. Die zahlreichen theoretisch-methodologischen Reflexionen in den Jahrzehnten zwischen 1820 bis 1840 zeugen von dem Versuch der frühen Kunsthistoriker, die Biographie zu einer führenden Methode der Kunstgeschichte zu etablieren. Es werden auch die Dispute untersucht, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und den ersten Jahrzehnten nach 1900 für die Kanonisierung der Kunstgeschichte als Wissenschaft grundlegende Bedeutung hatten und bei denen der biographische Ansatz eine wichtige Rolle spielte. Nicht zuletzt die vernichtende Kritik Heinrich Wölfflins, des Verfechters einer "Kunstgeschichte ohne Namen", der die Biographie der Unwissenschaftlichkeit bezichtigte, hat entscheidend dazu beigetragen, diese, wenngleich nicht aus dem Schrifttum, so doch aus der Wissenschaftsgeschichte zu verdrängen. Erst der fundamentale Paradigmenwechsel von der Künstlergeschichte hin zur überpersönlichen Stilgeschichte, der sich ab der Mitte des 18. Jahrhunderts vollzog, konnte jahrhundertelang den Blick auf die Tatsache verstellen, dass der biographische Aspekt der Kunstgeschichte damit keineswegs obsolet geworden ist.

Karin Hellwig, Kunsthistorikerin, Dr. phil., Studium der Kunstgeschichte, Romanistik und Bibliothekswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Freien Universität Berlin. Tätig als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: europäische Malerei und Kunsttheorie des 17. Jahrhunderts, Künstlerbiographik, Wissenschaftsgeschichte des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

1;INHALT;6
2;VORWORT;10
3;I EINLEITUNG;15
4;II DIE ANFÄNGE DER KÜNSTLERBIOGRAPHIE IM 18. JAHRHUNDERT;24
4.1;Die ersten Künstlerbiographien;24
4.2;Historisierung;34
4.3;Verwissenschaftlichung;38
4.4;Das Künstlerbild: Erfinder und Erneuerer;55
4.5;Erste künstlerbiographische Reflexionen;58
5;III DIE KÜNSTLERBIOGRAPHIE ALS DARSTELLUNGSFORM DER KUNSTGESCHICHTE 1800 BIS 1840;61
5.1;Die Stellung der Künstlerbiographien innerhalb der Schriften zur Kunst;61
5.2;Die Künstlerbiographien 1800 bis 1840;65
6;IV DIE DISKUSSION UM BIOGRAPHISCHE KONZEPTE 1800 BIS 1840;94
6.1;Gattungstheoretische Reflexionen zur Künstlerbiographie nach 800;94
6.2;Der biographische Diskurs bei den Historikern um 1800;97
6.3;Programmatische Positionen zur Künstlerbiographie im Umkreis des Schornschen Kunstblattes 1820 bis 1840;103
7;V KONSOLIDIERUNG UND DIVERSIFIZIERUNG DER KÜNSTLERBIOGRAPHIE 1800 BIS 1840;116
7.1;Zur Praxis biographischen Schreibens;117
7.2;Das Problem der Leben-Werk -Biographie;126
7.3;Der Einsatz des künstlerischen Charakters ;134
7.4;Das Künstlerbild: Erfinder und Genie;142
7.5;Künstlerbiographie und Kunstgeschichte;148
7.6;Die Kritik an den Künstlerbiographien: Förster und Passavants Rafael ;153
8;VI DIE KÜNSTLERBIOGRAPHIE ALS LITERARISCHE GROSSFORM 1860 BIS 1900 BIS ZU IHRER ABLEHNUNG DURCH DIE WIENER SCHULE UND WÖLFFLIN;160
8.1;Neue Darstellungsformen, andere Methoden der Rückgang der Künstlerbiographien 1840 bis 1860;160
8.2;Die Künstlerbiographien 1860 bis 1890;164
8.3;Gattungstheoretische Überlegungen zur Künstlerbiographie 1860 bis 1900;167
8.4;Die Rolle der Künstlerbiographie im Methodenstreit 1900 bis 1925: Kunstwissenschaft oder Kunstgeschichte;173
9;VII ZUSAMMENFASSUNG;181
10;QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS;192
10.1;Quellen;192
10.2;Ausgewählte Literatu;196
10.3;r;196
11;ABBILDUNGSNACHWEIS;202
12;PERSONENREGISTER;204

"Die Frage nach der Leistungsfähigkeit biographischer Abrisse wird bis heute gestellt [...]. Karin Hellwig schließt die Kunstwissenschaft an diese Diskussion endlich an und bietet mit der Bestandsaufnahme der eher trockenen Materie eine Geschichte der Künstlerbiographie ohne die süffigen Ausmalungen der Vitenschreiberei." Andreas Strobl in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2005, S. 37. "Das benutzerfreundlich strukturierte Buch erschließt eine Fülle von Texten, systematisiert diese nach Entwicklungsschritten und hebt die Meriten unbekannterer Autoren hervor. [...] Die publizistischen Rahmenbedingungen der frühen Kunsthistoriker werden sichtbar wie auch der Zusammenhang von kennerschaftlicher Forschung und biografischer Darstellungsform. Wer sich in Zukunft mit der Kunstliteratur zwischen 1726 und 1840 beschäftigt, wird auf ein insgesamt verlässliches Kompendium zurückgreifen können, das durch Klarheit im Aufbau besticht." Johannes Rößler in: sehepunkte 6/2006, Nr. 9

V KONSOLIDIERUNG UND DIVERSIFIZIERUNG DER KÜNSTLERBIOGRAPHIE 1800 BIS 1840 (S. 115-116)
Im Zuge der sich allmählich als Wissenschaft herausbildenden Kunstgeschichte haben wir es in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auch bei den Biographen meist mit Fachleuten zu tun, die wissenschaftliche Beiträge für ein Fachpublikum verfaßten. Das Erscheinen zahlreicher Künstlerbiographien und ihre starke Rezeption löste einen Prozeß aus, in dessen Verlauf sich die Gattung als wichtige Darstellungsform für die junge Wissenschaft verfestigte. Die hohen Anforderungen der frühen Kunsthistoriker an eine Biographie kristallisierten sich deutlich heraus und wurden in Rezensionen und Vorworten formuliert. Man erwartete moderne Methodik, Vertrautheit des Autors mit dem neuesten Forschungsstand, eigene Forschung und neue Ergebnisse, Werkkenntnis aus eigener Anschauung, gründliche Quellenkenntnis sowie einen Dokumentenanhang, eine übersichtliche Gliederung, ein vollständiges Werkverzeichnis und eine moderne Sprache. Die meisten Biographen verfaßten ihre Beiträge im Bewußtsein, nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch neue Leistungen zu erbringen. Sie setzten sich mit den Schriften der Vorgänger auseinander, grenzten sich von diesen ab und reflektierten ihre Ziele. Einige Autoren waren sich bereits damals jener Schwierigkeiten bewußt, welche die Kritiker der Künstlerbiographie auch heute monieren, und strebten Lösungen an.
Zum einen standen sie vor dem Problem, die unterschiedlichen Kategorien Lebensgeschichte und Werkanalyse in eine ursächliche Beziehung zu setzen. Zum anderen hatten die Biographen den Anspruch, mit ihrem Beitrag nicht nur ein Einzelschicksal zu schildern, sondern darüber hinaus Geschichte der Kunst zu liefern.
Zur Praxis biographischen Schreibens
Historisch-kritisches Arbeiten
Den Künstlerbiographen der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts war das historisch-kritische Verfahren ein Anliegen.391 Sie machten in den Vorworten ihre Ziele deutlich, legten ihre Vorgehensweise offen und wiesen auf Desiderata und das Neue ihrer Forschungen hin. Mit ihren Biographien beabsichtigten sie neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu liefern, eine "Wahrheit" der Darstellung, möglichst auch "Vollständigkeit" zu erreichen. Aus diesem Grund setzten sie sich mit den Schriften zu ihrem Thema kritisch auseinander und versuchten sie an Qualität zu übertreffen. Dabei grenzten sie sich nicht nur von ihren Vorgängern ab, sondern auch von den legendenhaften, verklärenden, fragmentarisch angelegten Künstlerbildern in den Schriften der Romantiker. Damit propagierten die Autoren ein neues, an den Naturwissenschaften angelehntes Exaktheitsideal. Weise bemerkte in der Vorrede seines "Dürer", daß es zwar nicht an "Biographen und Schilderern" des Malers fehle, die bisherigen Nachrichten seien jedoch "mangelhaft", weil sie zu wenig bemüht gewesen seien, "Irrthümer zu entfernen".392 Auch Heller, der die Schriften von Reimer und Köhler über Cranach kannte, sah diese Beiträge als ergänzungsbedürftig an, da vor ihm "niemand so vollständig unseres Künstlers Kupferstiche und Holzschnitte beschrieben hat". Waagen betrachtete Jan van Eyck als zu den "wichtigsten Erscheinungen im Gebiete der mittelalterlichen Kunst" gehörend, die von der Forschung noch nicht gebührend gewürdigt worden seien.394 Für seine Studie brachte er günstige Voraussetzungen mit.

Erscheint lt. Verlag 21.9.2005
Zusatzinfo 21 b/w ill.
Verlagsort Berlin/Boston
Sprache deutsch
Maße 170 x 240 mm
Gewicht 592 g
Themenwelt Kunst / Musik / Theater Kunstgeschichte / Kunststile
Geisteswissenschaften Philosophie
Geisteswissenschaften Sprach- / Literaturwissenschaft
Schlagworte 19. Jahrhundert • Analyse • artists • Artists, Biography, History and criticism • Biografie • Biographie • Biography • Biography as a literary form • Entwicklung • Flexion • Fundament • Gattungen • Gattungen, Methoden • Germany • Geschichte • Geschichte 1700-1900 • Gewicht • Historische Entwicklung • History and Criticism • IV/6 • Kanal • Kongruenz • Konstruktion • Konzept • Kulturwissenschaften • Kunstgeschichte • Kunsthistoriker • Künstler • Künstlerbiografie • leibniz • Literaturwissenschaft • Methoden • Mythos • Netherlands • Paradigmen • Raum • Reflexion • Reibung • Rekonstruktion • Renaissance • Scheidung • Schriften • Struktur • Tradition • Versuch • Wissenschaft • Wissenschaftlichkeit • Wissenschaftsgeschichte • Zeit
ISBN-10 3-05-004173-0 / 3050041730
ISBN-13 978-3-05-004173-5 / 9783050041735
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
Mehr entdecken
aus dem Bereich
kleine Kulturgeschichte einer brillanten Allianz

von Andrea Gnam

Buch | Softcover (2025)
Iudicium (Verlag)
CHF 33,90