Alle unsere Farben (eBook)
240 Seiten
Verlag Klaus Wagenbach
978-3-8031-4367-9 (ISBN)
Michel Pastoureau, geboren 1947 in Paris, ist Historiker und emeritierter Professor der École Pratique des Hautes Études Paris, wo er 35 Jahre lang den Lehrstuhl für abendländische Symbolik innehatte. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Kulturgeschichte von Farben, Tieren und Symbolen, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden.
Michel Pastoureau, geboren 1947 in Paris, ist Historiker und emeritierter Professor der École Pratique des Hautes Études Paris, wo er 35 Jahre lang den Lehrstuhl für abendländische Symbolik innehatte. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Kulturgeschichte von Farben, Tieren und Symbolen, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden.
Stoffe und Bekleidung
Im Anfang war das Gelb
Ist es meine älteste Erinnerung? Vielleicht nicht. Bestimmt aber die älteste in Farbe. Als mein Vater, Henri Pastoureau, sich endgültig mit André Breton überwarf, war ich gerade einmal fünf. Die beiden kannten sich seit 1932 und waren fast 20 Jahre lang trotz ihres unterschiedlichen Alters und Bekanntheitsgrades in einer intellektuellen Freundschaft verbunden gewesen, die zwar ihre Höhen und Tiefen hatte, aber beständig war. In den Nachkriegsjahren rief Breton mehrmals in der Woche an, und es war nicht ungewöhnlich, dass er zu uns nach Montmartre hinaufkam, um sich mit meinem Vater über irgendwelche surrealistischen Vorhaben und Veröffentlichungen zu unterhalten. Ab und zu besuchte er uns auch zum Abendessen und brachte mir Buntstifte und Papier mit, das alles andere als gewöhnlich war: nie einfach nur weiß, immer dick oder rau, unregelmäßig geformt, vielleicht handelte es sich um Reste aus einer Druckerei oder selbstausgeschnittenen Karton. Für mich als Kind war das unkonventionelle Papier allerdings ein wenig enttäuschend. Und das, obwohl Breton manchmal mit einer halben Kartoffel darauf »malte«: Mit etwas Tinte oder Wasserfarbe verwandelte er das Gemüse in eine Art Farbstempel zum Aufdrucken seltsamer Figuren. Er verlieh ihnen gerne fischähnliche Formen, und seine Farbwahl ging mit Vorliebe ins Grünliche. Einige seiner »Stempelbilder«, die mich in meiner surrealistischen Kindheit erfreuten, habe ich aufgehoben. Damals wusste ich noch nicht, dass Kartoffelstempel in aller Welt auch zur Fälschung amtlicher Dokumente und Ausweispapiere hergestellt wurden.
Für meine Mutter waren die Abendessen mit Breton immer eine gefürchtete kulinarische Prüfung. In Essensfragen zeigte er sich nämlich sehr eigensinnig und erließ regelrechte Lebensmittelverbote. Beispielsweise durfte niemand ihm Karotten, Sardinen oder Kalbsleber auftischen. Erbsen hingegen waren willkommen, fast schon verpflichtend. Ihm Bier zu servieren war »infam« (ganz meine Meinung).
Zwar habe ich keine genaue Erinnerung an all die von Breton vor meinen Augen angefertigten Stempelbilder, meine Erinnerung an seine äußere Erscheinung hingegen ist ziemlich intakt. Er besaß drei Auffälligkeiten: Er war deutlich älter als mein Vater, hatte einen riesigen Kopf und trug eine gelbe Weste. Mehr noch als seine affektierte, für Kinderohren einschüchternde Stimme ängstigte mich sein Kopf: Der erschien mir im Vergleich zum restlichen Körper unverhältnismäßig groß und war von ungewöhnlich dichtem, langem Haar umgeben. Die Großmutter meines Schulkameraden Christian, die bei uns im Haus als Concierge arbeitete, nannte ihn wegen seiner Mähne den »Schamanen«. Tatsächlich schien es uns, als trüge er eine Maske. Erstaunlicherweise kommen Bretons Biografen selten auf seinen ungewöhnlichen Kopf zu sprechen, der mit seinen markanten Zügen und durch seine schiere Größe zweifelsohne Adel und Autorität vermittelte, die kleinen Kinder auf dem Montmartre jedoch in Angst und Schrecken versetzte. Vielleicht liegt darin auch der Ursprung von Bretons großem Interesse an Masken …
Noch deutlicher als sein häufig gemalter und fotografierter Kopf hat sich mir allerdings die Farbe seiner immertreuen Weste eingeprägt, ein mattes, warmes, fast liebliches Gelb, das ich auch heute noch ohne Schwierigkeiten auf einer Farbmusterpalette bestimmen könnte. Es ist unwahrscheinlich, dass Breton seine Weste zum Abendessen je vor meinen Augen ausgezogen hat, das tat er nur äußerst selten. Aber wie könnte eine Weste Anfang der 1950er-Jahre beschaffen gewesen sein, dass sie mich als kleinen Jungen so beeindruckte, aus welchem Material war sie – Leder, Fell, Wildleder? –, und wie genau war sie gefärbt? Hatte meine Erinnerung womöglich das Beige einer einfachen Woll- oder Filzweste in ein Honiggold verwandelt? Oder handelte es sich um das leuchtende Sattgelb eines exzentrischen Kleidungsstücks, wie Breton es bisweilen trug? – man denke nur an den »himmelblauen Frottee-Regenmantel«, in dem Claude Lévi-Strauss und andere ihn an Deck des Schiffs gesehen haben, das ihn nach Amerika brachte. Ich werde es wohl nie erfahren, da im Gegensatz zu meiner farbigen Erinnerung die von damals erhaltenen Fotografien alle schwarz-weiß sind. Welche Farbänderung hat das unter Umständen ganz gewöhnliche Kleidungsstück über die Zeit erfahren, und warum? Um die Erinnerung an einen ungewöhnlichen und in mancher Hinsicht furchteinflößenden Menschen lebendig zu halten? Oder um sie an jüngere Bilder anzugleichen, die dem Mythos von Breton eher entsprechen? Zwischen uns und unsere Erinnerungen schieben sich manchmal andere Gedächtnisbilder, eigene wie erzählte.
Im Grunde spielt es keine Rolle. André Breton wird in meiner Erinnerung immer mit einem bestimmten Gelbton verbunden bleiben, und mit ihm die gesamte surrealistische Bewegung. Für mich ist der Surrealismus auf ewig gelb, strahlend und geheimnisvoll gelb.
Die Wechselhaftigkeit der Streifen
Mit etwa 40 begann ich mich für die Geschichte und Symbolik von Streifen in den europäischen Gesellschaften zu interessieren. Ich behandelte das Thema in mehreren Seminaren an der École pratique des hautes études, die als Grundlage für ein Buch dienten, das 1991 im Verlag Le Seuil erschien und in etwa 30 Sprachen übersetzt wurde: Des Teufels Tuch: eine Kulturgeschichte der Streifen und der gestreiften Stoffe1. Ein solches Buch zu veröffentlichen war gar nicht so einfach: Die Verlagsleitung hielt das Thema für zu belanglos, vielleicht sogar für heikel, und es bedurfte großer Hartnäckigkeit seitens des Historikers Maurice Olender, dem Leiter der Reihe »La Librairie du XX siècle«, um die Publikation doch zu ermöglichen. Das Zögern des Verlags war an sich schon ein Geschichtszeugnis und eine Reaktion auf den Gegenstand des Buches. Ich wollte darin nämlich zeigen, dass Streifen in der westlichen Welt lange als negativ angesehen, gar als teuflisch gefürchtet wurden, und gestreifte Kleidung den Außenseitern und Geächteten vorbehalten war. Erst im 18. Jahrhundert kamen die »guten« Streifen in Umlauf, als Zeichen von Freiheit, Jugend und Kreativität. Die guten Streifen, die die »bösen« aber keineswegs verschwinden ließen, zierten im darauffolgenden Jahrhundert die Kleidung von Kindern, Dandys und Gauklern und eroberten anschließend Strände, Sportplätze und die gesamte Freizeitwelt.
Ich selbst machte schon früh unangenehme Bekanntschaft mit den »bösen« Streifen: als Fünfjähriger im Jardin du Luxembourg, den ich jeden Donnerstagnachmittag in Begleitung meiner Großmutter besuchte. Ich war schüchtern, misstrauisch und litt an Agoraphobie, weshalb ich es kaum wagte, mich weiter als 20 Meter von ihr zu entfernen, zumal sie sich mit Vorliebe in einen der Stühle am großen Wasserbecken setzte, das mir besonders gefährlich erschien. Ich fürchtete mich vor allem und jedem, vor dem Bootsverleiher, vor den keifenden Stuhlverleiherinnen (damals lieh man sich die ockergelben Stühle gegen Gebühr), vor den lauten republikanischen Gardisten, die wirklich jeden Donnerstag um 18 Uhr im Musikpavillon die Marseillaise spielten, und ganz besonders vor den Parkwächtern, deren dunkelgrüne Uniform mich als Kind an übelwollende Polizisten erinnerte.
Eines Donnerstags im April oder Mai kam einer von ihnen auf mich zu und warf mir vor, ich hätte hinter dem Becken eine verbotene Rasenfläche betreten, die über 50 Meter von uns entfernt lag. Das war natürlich ein Irrtum: Niemals hätte ich mich getraut, mich so weit weg zu bewegen oder einen verbotenen Bereich zu betreten. Ich war viel zu ängstlich und hielt mich viel zu genau an Vorschriften. Er musste mich mit einem anderen Jungen verwechselt haben, der ebenfalls ein weißes Baumwolloberteil mit marineblauen Streifen trug. Wir waren um die 50 Kinder im Park, die ein solches Kleidungsstück trugen, einen Abklatsch des Matrosenanzugs für kleine Jungen aus der Zeit um 1900. Es war nicht leicht, uns aus der Ferne zu unterscheiden. Doch der Parkwächter blieb stur, behauptete, er habe sehr gute Augen, wiederholte seine Anschuldigungen und sagte schließlich, als meine Großmutter mich verteidigte, den grausigen Satz: »Dann stecke ich dich und deine Oma eben ins Gefängnis.« Ich brach in Tränen aus und klammerte mich schreiend an den Rock meiner Großmutter, vollkommen verschreckt angesichts dieses hochrot angelaufenen Mannes mit seinem gallischen Schnurrbart und dem viel zu großen Käppi. Wir rannten fast davon, während er mit seiner Pfeife herumfuchtelte und rief: »Ins Gefängnis, ins Gefängnis!« Meine Großmutter war zu wohlerzogen, um ihn zu beschimpfen, das übernahmen andere Leute, daran erinnere ich mich noch.
Während dieses kurzen Dramas offenbarten die Streifen sich in ihrer ganzen Ambivalenz und Widersprüchlichkeit, erfüllten gleich mehrere althergebrachte Funktionen, über die ich viel später als Historiker forschen sollte: Streifen sind jung, verspielt, fröhlich und gut zu erkennen, aber sie können auch trügerisch und gefährlich sein, uns erniedrigen und unserer Freiheit berauben. Damals hatten die bösen Streifen über die guten gesiegt, und mein blau-weißes Pseudomatrosenhemd hatte mir kein Glück gebracht. Ich wollte es nicht mehr tragen, auch kein anderes in der Art. Was zumindest einen positiven Effekt hatte, denn später, kurz vor der Pubertät, nahm ich ziemlich zu, und die Querstreifen eines Matrosenhemds hätten meine jugendliche Molligkeit nur noch betont.
Den Jardin du Luxembourg mieden wir ein paar Monate lang und gingen stattdessen in den...
| Erscheint lt. Verlag | 23.3.2023 |
|---|---|
| Übersetzer | Andreas Jandl |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kunst / Musik / Theater ► Design / Innenarchitektur / Mode |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Anekdoten • Autobiografie • Autobiografisch • Bluejeans • Bunt • chromatisch • Erinnerung • Erzählendes Sachbuch • Essay • Farbe • Farben • Farbenlehre • Farbfilm • Farbgebung • Geschmack • Kunst • Lieblingsfarbe • Märchen • Monochrom • Naturwissenschaft • Proust • Schwarzweißfilm • Sehen • Sinne • Trikot |
| ISBN-10 | 3-8031-4367-5 / 3803143675 |
| ISBN-13 | 978-3-8031-4367-9 / 9783803143679 |
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