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Auf Reisen: Afrikanisches Kino - Marie H Gutberlet

Auf Reisen: Afrikanisches Kino

Buch | Softcover
200 Seiten
2002
Stroemfeld (Verlag)
978-3-86109-167-7 (ISBN)
CHF 39,20 inkl. MwSt
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Einmal zum Filmfestival nach Ouagadougou.
Warum afrikanisches Kino ähnlich, aber doch anders ist.

Die Frankfurter Filmwissenschaftlerin Marie-Hélène Gutberlet nimmt uns mit auf eine Reise in die Welt ge- und erfundener Bilder und Töne des afrikanischen Kinos, das – bezüglich Kinoerfahrung und Filmschaffen – dem Kino in anderen Teilen der Welt so ähnlich und doch so anders ist. Schlagen Sie dieses Buch auf einer beliebigen Seite auf. Sie werden unweigerlich in den Text gezogen – eine seltene Leistung, zumal für eine wissenschaftliche Publikation. Mit der Reiseführerin Gutberlet möchte man sich einlassen auf die Welt afrikanischen Filmschaffens – und sei es nur im Rahmen eines der hiesigen Filmfestivals. Oder besser noch, augenblicklich die Reise nach Ouagadougou antreten, um dort mit dem afrikanischen Publikum auch Filme aus Bollywood, Hongkong oder Hollywood zu schauen, dabei vom Kinosessel aufzuspringen und aus der Hüfte schießen zu lernen. Die Autorin bietet ihren Lesern eine Leseerfahrung vergleichbar der Kinoerfahrung im frühen Kino das unterschiedliche Genres und Gattungen in einer Vorstellung verband und dabei ganz auf die Partizipation des Zuschauers setzte. Theoretische und selbstreflexive, ideengeschichtliche und Film beschreibende Passagen werden ineinander verwoben, ohne dabei zur Nummernrevue zu verkommen, Durch diese intermediale Angleichung gelingt es der Autorin, die Inkummensurabilität (Vergleichbarkeit) zwischen bewegten Bildern und statischen Begriffen (Hans Ulrich Gumbrecht) zu Überwinden, das Kino als Wissenschaft vorn Bewegten mit der Wissenschaft, die mit statischen Begriffen operiert, zu versöhnen.
Aus gutem Grunde wird hier ein sehr weit gefasster Begriff des 'afrikanischen Kinos' verwendet, der keine klare Grenze zwischen Vor- und eigentlicher Geschichte des afrikanischen Kinos, zwischen kolonialer und postkolonialer Ära zieht Denn das bisher etablierte Konzept afrikanischen Kinos, das lediglich auf der Herkunft der Regisseure gründet, muss fragwürdig erscheinen angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der Filme mit außer-afrikanischen Mitteln realisiert wird- von westlichen Filmteams his hin zu Kameraleuten Lind Cuttern -, um dann vor allem auf westlichen Filmfestivals und kaum in den Kinos Afrikas zu laufen.
Die Geschichte des afrikanischen Kinos, also des Kinos in und aus Afrika, beginnt mit den kinematographischen Operateuren, die im Auftrag der Gebrüder Lumiere im ausgehenden 19. Jahrhundert in ferne Länder zogen, um dort sowohl Filme vorzuführen als auch neues Material zu drehen. Die ersten Vorführungen auf schwarz-afrikanischem Boden fanden 1900 in Senegal statt, und dürften dort, ebenso wie zur gleichen Zeit in Europa, als Attraktionen wahrgenommen worden sein. Das populäre Interesse am Film wird schon bald von der wissenschaftlichen Verwertung, etwa im ethnographischen Film, und der propagandistischen Nutzung eingeholt. Afrikaner wurden nicht nur zu Objekten der ethnographischen Kamera, sondern gleichfalls zum Publikum kolonialer Produktionen, die einem zivilisatorischen Impetus folgten. Malariabekämpfung, Körperhygiene und verbesserte Agrartechniken sollten auf diese Weise vermittelt werden. Indes zeigte sich während der Kinovorführungen wiederholt, dass sich die afrikanischen Zuschauer vielmehr der Schaulust und der lautstarken Partizipation am Geschehen hingaben als dem Anliegen der koIonialen Didaktik zu einsprechen. Leinwandübersetzer, die live nicht lediglich die Dialoge der Filme in lokale Sprachen übertrugen, sondern Szenen auf komische Weise kommentierten und ihren Schabernack mit den filmischen Figuren trieben, hatten Anteil an der Etablierung einer partizipatorischen Kinokultur, die sich bis heute in den Kinos und Videohallen Afrikas gehalten hat.
Auch das Filmschaffen afrikanischer Autoren, das im engeren Sinne als afrikanisches Kino gilt, beginnt nicht in Afrika, sondern in Paris, wo in den 1950er Jahren der erste Film eines afrikanischen Regisseurs gedreht wird. Erst ab den 1960er Jahren entstehen Filme afrikanischer Autoren auch in Afrika. Dem Zeitgeist entsprechend, soll nun die Dekolonisierung der Leinwände beginnen. Dies ist die Zeit der Manifeste und Gründungen panafrikanischer Cineastenverbände, in die auch die Wurzeln der Biennale von Ouagadougou zurückreichen. Seit diesen hoffnungsvollen Tagen hat das afrikanische Kino viele Rückschläge hinnehmen müssen. Trotzdem erscheinen jährlich zirka zwei Dutzend neue Produktionen.
Auf der Suche nach der Differenz des afrikanischen Kinos führt die Autorin verschiedene kultur- und filmwissenschaftliche Diskurse der vergangenen Dekaden vor Augen - Third Cinema, Black Cinema, Weltkino -, in die das afrikanische Kino, auch durch Kritiker und Filmschaffende selbst, zwar eingebunden war, aufgrund seiner Andersartigkeit aber dennoch stets ein wenig außen vor blieb. Diese Andersartigkeit verortet Marie-Hélène Gutberlet schließlich in der besonderen Beziehung dieses Kinos zur Oralität afrikanischer Kulturen und damit zur Sphäre des Akustischen. In einer Zeit, in der die Rede vom pictorial turn allgegenwärtig ist, setzt sie sich mit diesen Überlegungen – analog zu ihrem Gegenstand – vom Zeitgeist ab. Das Buch empfiehlt sich für akademische Leser aus Kultur- und Filmwissenschaft sowie für Cineasten und Afrika-Interessierte.

Der Autor Dr. Matthias Krings ist Juniorprofessor am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Universität Mainz. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Medienethnologie, afrikanische Videoproduktion und populäre Kultur.

Forschung Frankfurt 2 – 3/2006
Reihe/Serie Nexus ; 67
Sprache deutsch
Maße 145 x 225 mm
Gewicht 353 g
Einbandart Paperback
Themenwelt Kunst / Musik / Theater Film / TV
Kunst / Musik / Theater Theater / Ballett
Schlagworte Afrika • Filmwissenschaft • HC/Kunst/Theater, Ballett • Kulturtheorie
ISBN-10 3-86109-167-4 / 3861091674
ISBN-13 978-3-86109-167-7 / 9783861091677
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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