Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de
Habits of my Heart - Selina Salerno

Habits of my Heart

(Autor)

Buch | Softcover
344 Seiten
2022 | 1. Erstauflage
Nova MD (Verlag)
978-3-96966-892-4 (ISBN)
CHF 25,90 inkl. MwSt
  • Titel ist leider vergriffen;
    keine Neuauflage
  • Artikel merken
Alexis Gilbert hat seit Kindheitstagen einen Traum: als Solotänzerin des Australian Ballet auf der Bühne des Opernhauses Sydney zu stehen. Neben knochenhartem Training und fehlendem Zuspruch hat sie auch mit den Tücken des Lebens und ganz persönlichen Ängsten zu kämpfen. Die Abwärtsspirale, in der sie sich seit Jahren befindet, stockt jedoch, als sie auf die Fotografin Reagan Pérez stößt, die ihr Leben auf den Kopf stellt und verloren geglaubte Gefühle in ihr weckt. Für Alexis beginnt ein Jahr, welches geprägt ist von wahrer Freundschaft und schmerzendem Verlust, tiefgreifender Liebe und loderndem Hass. Doch auch die Angst wird zu ihrem stetigen Begleiter und lässt sie nicht nur einmal daran zweifeln, ob sie jemals gut genug für das Leben, geschweige denn die Liebe sein wird. Sie bringt Veränderungen mit sich, die Alexis nicht nur einmal bis an ihre Grenzen treiben werden.

Selina Salerno wurde 1998 geboren und lebt in NRW. Im Alter von knapp 15 Jahren hat sie für sich die Welt des Schreibens entdeckt und kann es sich seitdem nicht mehr wegdenken. Schreiben bedeutet für sie, abschalten zu können, zu heilen und mit gewissen Dingen aus ihrem Leben abschließen zu können.Obwohl sie seit knapp acht Jahren schreibt, hat sie dennoch nebenbei die dreijährige schulische Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin abgeschlossen und beendete auch ihre zweite, darauf aufbauende Ausbildung, als Mediengestalterin mit dem Schwerpunkt Digital. Mittlerweile ist sie als Produktdesignerin tätig und nutzt nebenbei das Schreiben an weiteren Romanideen, um dem Alltag entfliehen zu können und zu entspannen.

Vertraue auf dein Können, wisperte meine innere Stimme, doch es war gar nicht so einfach, ihr zu glauben, wenn mein Vertrauen einem eingetretenen Spiegel gleichkam und man schon ein ganzes Leben lang nur eines zu hören bekommen hatte: Du bist nicht gut genug. »Grand Plié, meine Damen, gefolgt von einem Tendu nach vorne, zur Seite und nach hinten, einem Relevé und einer Wiederholung des Ganzen in die andere Richtung«, rief meine Tanzlehrerin Madame Rousseau streng in die Runde, riss mich somit aus meinen niederträchtigen Gedanken und ließ ihren wachsamen Blick über die Tänzerinnen gleiten. Sie kamen ihren Aufforderungen wie Aufziehpuppen nach, beugten ihre Knie tief, hielten sich mit einer Hand an der Ballettstange fest, während die andere Hand in einer geschmeidigen Bewegung einen unsichtbaren Halbkreis vom Bauch zur Seite zeichnete. Der Pianist, der in einer Ecke des Raumes hinter seinem gigantischen schwarzen Flügel saß, klimperte eine mir unbekannte klassische Melodie. Er untermalte dadurch die Tanzschritte, die in Form französischer Kommandos von Madame Rousseau wie aus einem Kanonenrohr gefeuert wurden und die einen scharfen Kontrast zur Gesamtsituation bildeten. Einerseits befanden wir uns mitten im Kurs des klassischen Balletts, welches das Sinnbild reiner Eleganz und einen fast schon märchenhaften Charme darstellte, andererseits lief Madame Rousseau wie ein Drill Sergeant bei der Army auf und ab, musterte uns mit Adleraugen und schien gedanklich wohl eher eine Armee von Robotern statt Tänzerinnen ausbilden zu wollen. »Miss Gilbert, Sie sind mit Ihrem Kopf überall, nur nicht hier in meinem Kurs«, beschwerte sie sich. »Ich erwarte etwas mehr Konzentration«, ergänzte sie scharf und ich blickte durch die große Spiegelfront in ihre Richtung, während ich mich bemühte, die Gedanken an eine balletttanzende Roboterarmee beiseitezuschieben. Ihre grünen Augen funkelten mich über den Rand ihrer filigranen goldenen Brille hinweg intensiv an und schienen mir stumm mitteilen zu wollen, dass sie nicht zufrieden mit dem war, was ich tat. Verbissen wandte ich den Blick wieder ab, starrte mein Abbild in der komplett verspiegelten Wand an und konnte keinen Unterschied zu den anderen Tänzerinnen erkennen. Meine Haltung war nahezu makellos, die Ausführung der Schritte taktgenau und sauber. Und wenn sie mich nicht so im Visier hätte, würde sie bemerken, dass einige der Tänzerinnen aus diesem Kurs den einfachen Weg wählten – statt Grand Pliés bloß einfache Pliés ausführten oder im Relevé auf die halbe statt auf die ganze Spitze gingen. Doch in dieser Gruppe aus perfekten Ballerinen, die aussahen wie einem Kinderbuch entsprungen und somit dem absoluten Klischee entsprachen, fiel ich auf wie ein Neonschild in der Dunkelheit, weshalb Madame Rousseau mich bereits seit Anbeginn dieses Kurses kritischer im Visier hatte als die restlichen Tänzerinnen. Mein rosa Haar war nicht piekfein in einen Dutt gebunden, sondern ruhte als unförmiges Vogelnest auf meinem Kopf. Unter dem langärmligen Body, den ich trug, zeichnete sich die schwarze Tinte der Tattoos ab, die meine Arme zierten, und auch unter der hellen Stumpfhose blitzte Körperkunst auf, die nicht einmal ansatzweise dem Klischee einer makellosen Ballerina entsprach. »Abschließend eine Arabesque Penché und eine Révérence«, teilte sie uns mit stark französischem Akzent mit und setzte ihren energischen Gang von links nach rechts fort, während wir den letzten Tanzschritt ausführten. Fast schien es mir, als wolle sie mich absichtlich testen, um mich im Anschluss kritisieren zu können. Ich spürte, wie mein Standbein zu zittern begann, als ich im Takt der Musik und den anderen Tänzerinnen den Oberkörper tiefer beugte, beide Arme nach oben und unten ausgestreckt, und das Spielbein mit den Zehenspitzen Richtung Decke immer höher führte. Dabei lag mein gesamtes Körpergewicht auf dem winzigen Punkt meiner Zehenspitzen und je länger wir die Position hielten, desto mehr Schmerzen flammten in meinem Standbein auf. »Miss Gilbert, wo zum Teufel ist Ihre Körperspannung? Sie knicken in der Hüfte ein.« Ich presste die Lippen aufeinander, hielt die Position für einen letzten Atemzug, ganz darauf bedacht, meine Hüften zu stabilisieren und den Schmerz auszublenden, und kam anschließend weniger galant zu den letzten Takten des Klaviers zurück auf beide Beine. »Révérance, Miss Gilbert«, erinnerte mich Madame Rousseau beinahe tadelnd, sodass mein Geduldsfaden, der über die letzten zwei Stunden hinweg immer fadenscheiniger geworden war, letztendlich komplett riss. »Verzeihung, Madame.« Ich verzog die Lippen zu einem dünnen Lächeln und führte einen geradezu lächerlichen, altertümlichen Hofknicks aus. Sofort schwoll das Getuschel meiner Kommilitoninnen an und ich löste meinen Knicks eleganter als meine Arabesque auf. Jetzt hatte sie wenigstens einen Grund, mich zu hassen. Madame Rousseau musterte mich mit solch einem empörten Blick, dass ich für einen kurzen Moment fast glaubte, sie würde mich in einem hohen Bogen aus dem Ballettsaal werfen. Doch sie schüttelte bloß missbilligend mit dem Kopf und ließ ihre Augen abschätzig von oben bis unten über meine Person gleiten. »Wirklich sehr amüsant. Vielleicht sollten Sie Ihre Albernheiten lieber im Schauspielkurs fortsetzen anstatt hier in meinem Unterricht. Womöglich sind Sie dort besser aufgehoben«, rügte sie mich und mein Hochgefühl verebbte innerhalb weniger Millisekunden. »Wie bitte?«, hakte ich vollkommen vor den Kopf gestoßen nach und spürte die stechenden Blicke der anderen Mädchen in meinem Rücken. Keine von ihnen schien auch nur ansatzweise auf den Gedanken zu kommen, den Saal zu verlassen. Ganz im Gegenteil. Sie blieben an Ort und Stelle stehen, lauschten gebannt dem Gespräch und suhlten sich zufrieden in dem Gefühl der wachsenden Unsicherheit, die ich ausstrahlte. »Sie haben mich schon verstanden, Miss Gilbert«, sprach sie gelassen, aber mit einer gewissen Härte in ihrer Stimme, weiter. »Ich bin mir nicht sicher, ob Sie das Zeug zur Tänzerin haben. Das Aussehen fehlt Ihnen bereits«, merkte sie an und um diese Aussage zu untermalen, ließ sie ihren Blick betont langsam von meinem unordentlichen, auseinanderfallenden Dutt zu den Tattoos gleiten. »Außerdem haben Sie eine unsaubere Ausführung«, stach sie weiter auf mein schrumpfendes Selbstbewusstsein ein. »Sie sind schwach. Und Schwäche kann ich in diesem Kurs nicht gebrauchen.« Jedes Wort fühlte sich wie ein Fausthieb in meine Magengrube an und ich wich zurück, in der Hoffnung, ihren vernichtenden Worten entkommen zu können. Ich öffnete den Mund. Wollte etwas zu meiner eigenen Verteidigung sagen. Etwas, das sie nicht in Rage versetzen würde. Doch ich ließ bloß ungefilterte Worte das Tageslicht erblicken. »Das ist nicht wahr, Madame, und das wissen Sie genauso gut wie ich«, begann ich und ignorierte das kleine Stimmchen in meinem Hinterkopf, welches mich anflehte, den Mund zu halten, wenn ich mich nicht noch mehr in die Schusslinie ihrer knallharten Kritik stellen wollte. »Ich habe genauso viel Talent wie jede andere Tänzerin in diesem Raum, sonst würde ich nicht hier stehen. Ich glaube –« »Wissen Sie, was ich glaube?«, unterbrach mich Madame Rousseau knapp. »Ich glaube, dass Sie eine verzerrte Wahrnehmung haben. Ihnen fehlt es an Leidenschaft, Miss Gilbert. Eine gute Tänzerin glänzt nicht nur mit einer fehlerlosen Technik. Sie muss Gefühl zeigen. Emotionen. Alles, was ich bei Ihnen sehe, ist Schwäche. Aus einem unerfindlichen Grund scheinen Sie nicht fähig zu sein, Emotionen in Ihren Tanz einfließen zu lassen, geschweige denn sie zu zeigen oder gar zu leben. Und wenn Sie das nicht schaffen, dann entspricht es sehr wohl der Wahrheit, dass Sie nicht das Zeug zur Tänzerin haben. Und jetzt gehen Sie«, feuerte Madame Rousseau hinterher und meine Beine kamen wie von allein in Bewegung. Ohne meinen Kommilitoninnen auch nur eines Blickes zu würdigen, lief ich zu meiner Tasche, hängte sie mir über die Schultern und drückte die schwere Flügeltür mit der Schulter auf. Jetzt fang bloß nicht an zu weinen, Gilbert. Du bist nicht schwach. Du. Bist. Nicht. Schwach, flüsterte die innere Stimme in mir, während ich mit gesenktem Kopf durch die Galerie der Tanzfakultät lief. Bevor ich in die brütende Mittagshitze trat, ließ ich mich auf einer freien Bank neben ein paar leeren Schließfächern nieder. Die Tasche rutschte von meiner Schulter, landete mit einem dumpfen Laut auf dem zerschlissenen Parkettboden und fiel in sich zusammen. In etwa so wie meine Hoffnung, gut in diesem Kurs aufgenommen zu werden. Doch auch jetzt, fast drei Jahre später, behandelten sie mich wie eine Aussätzige, wie den schwarzen Schwan, der ich in den Augen meiner Kommilitoninnen bereits immer gewesen war. Mit fahrigen Handbewegungen schnürte ich die Bänder meiner Spitzenschuhe auf, zog sie aus und atmete auf, als der anhaltende Druck auf meine Knochen endlich ein Ende nahm. Schließlich holte ich meine abgetragenen Converse aus meiner Tasche, schlüpfte hinein und stand ächzend auf. Schon jetzt fühlten sich meine Muskeln wie durchgekochte Nudeln an und meine Füße schmerzten bei jedem noch so kleinen Schritt, den ich tat – Schmerz, ob er nun seelischer oder körperlicher Natur war, begleitete mich bereits seit Jahren und erinnerte mich daran, dass ich sehr wohl etwas fühlte. Als ich aus dem Gebäude trat, knallte die späte Nachmittagssonne erbarmungslos vom wolkenfreien Himmel und trieb mir in null Komma nichts den Schweiß auf die Stirn. Madame Rousseaus Worte verursachten in meinem Kopf ein einziges Chaos und plötzlich überkam mich eine so tiefgreifende Wut, dass ich am liebsten aufgeschrien hätte. Mit ihren Worten hatte sie all die bösen Geister meiner Vergangenheit heraufbeschworen, welche meine Gedanken in Ketten legten und mich zutiefst quälten. Du bist schwach, Alexis. Wenn du so weitermachst, kannst du die Karriere als Tänzerin vergessen. Wieso nimmst du nichts ernst? Wieso bist du nur so eine Enttäuschung? Dein Traum ist ein Hirngespinst. Du wirst es nicht weit bringen. Du bist keine Tänzerin. Die Stimme meiner Mum hallte wie ein niemals endendes Echo in meinem Kopf nach und hielt mir alles vor, was ich über die letzten Jahre versucht hatte zu vergessen. Doch nun war alles wieder da. Und zwar so klar und deutlich, dass ich das Gefühl hatte, sie würde direkt vor mir stehen. Vor meinem inneren Auge tauchte ihre elegante Erscheinung auf, welche mit erhobenem Zeigefinger und strengem Blick auf mich herabblickte, mein Selbstwertgefühl wie auch mein Selbstbewusstsein und meinen Mut in Grund und Boden trampelte. Auslöser dieses Vortrages war mein Verhalten gewesen. Ich war wieder mitten in der Nacht sturzbesoffen nach einer berauschenden Party mit meinem Exfreund Mason nach Hause gekommen, hatte meinen Magen lautstark im Eingangsbereich des Penthouse ausgeleert und gleichzeitig eine von Mums seltenen Vasen aus Japan zerschmettert, als ich mit schwankendem Schritt die Treppenstufen hatte erklimmen wollen. Der vernichtende Blick, den sie mir geschenkt hatte, verfolgte mich bis heute und ließ mich genauso klein und nutzlos wie an jenem Abend fühlen. »Nette Schauspieleinlage, Alexis. Vielleicht bekommst du die nächste Rolle des Hofnarren«, riss mich eine gehässige Stimme aus dem Gefängnis meiner Gedanken und als mich die passende Person zu dieser Stimme anrempelte, fand ich komplett ins Hier und Jetzt zurück. Das Bild meiner Mum verschwand. Die Nacht wurde zum Tag und ich befand mich nüchtern vor meiner Fakultät statt betrunken im Penthouse meiner Mutter. »Etwas Besseres fällt dir nicht ein? Wirklich witzig«, presste ich trocken hervor, funkelte meine Kommilitonin Sasha Fox an und hätte ihr am liebsten das selbstgefällige Grinsen aus dem sonnengebräunten Gesicht geschlagen. Doch ich riss mich zusammen, entspannte meine geballten Fäuste und hielt dem Blick ihrer strahlend blauen Augen trotzig stand. »Madame Rousseau hat recht«, setzte sie ungehalten fort. »Du passt einfach nicht zu uns«, sagte sie und stemmte eine Hand in die Hüfte, während ihr kritischer Blick über mein Erscheinungsbild wanderte. »Du entsprichst nicht mal ansatzweise dem Bild einer Tänzerin. Und du würdest jedem einen Gefallen tun, wenn du und dein … dein«, sie pausierte, musterte erst meine pink gefärbten Haare, dann die Tattoos und schließlich meine abgewetzten Converse,»… dein unpassendes Aussehen fortbleiben würdet.« Mein unpassendes Aussehen? Ich konnte ihr zeigen, wie unpassend eine gebrochene Nase in dem übergroßen Spiegel des Ballettsaals aussehen würde. Immer schön ruhig bleiben, Gilbert, warnte mich meine innere Stimme und ich zwang mich zu einem zuckersüßen Lächeln, während ich eine Zigarette aus meiner Tasche kramte, sie mit einer Hand vor dem stetigen Wind abschirmte und anzündete. »Weißt du, Sasha«, begann ich, zog tief an der Zigarette und registrierte mit Zufriedenheit ihre gerümpfte Nase, als der Wind den Rauch in ihre Richtung trug. »Deine Meinung interessiert mich nicht. Genauso wenig interessiert mich, was Madame Rousseau über mich zu sagen hat. Eure Worte haben nicht die Macht, mich davonzuscheuchen. Ich werde weitermachen.« »Na schön«, lenkte sie ein, verzog die Lippen zu einem spöttischen Grinsen und musterte mich mit einem bemitleidenden Schimmern in den Augen. »Dann mach halt weiter und verbildliche den Elefanten im Porzellanladen. Ich bin gespannt, wann du einsiehst, dass du es einfach nicht weit bringen wirst«, spottete sie und rammte mir somit ein verbales Messer in die Brust. Eine weitere Aussage, die all meine niederträchtigen Gedanken an meine Mum zurück in meinen Verstand beförderte, mich peinigte und mir in Erinnerung rief, dass ich nahe am Abgrund wanderte. Mit jeder weiteren düsteren Erinnerung lösten sich die Steine unter meinen Füßen und ließen den Abgrund näher rücken. Bevor ich etwas erwidern konnte, warf sie sich das goldglänzende Haar über die Schulter, schenkte mir einen letzten entwürdigenden Blick und zog mit ihrem Gefolge ab, welches das ganze Gespräch im Hintergrund grinsend verfolgt hatte. »Hoffentlich brichst du dir bei deiner nächsten Pirouette das Genick, Miststück«, zischte ich leise, schlug die entgegengesetzte Richtung ein und überquerte den Campus der Macquarie University. Der gepflasterte Weg, über den ich spazierte, zog sich durch einen perfekten grünen Rasen und meine Beine trugen mich zielstrebig zu dem einzigen Laden, der mir meine Wut und meinen Frust nehmen konnte. Pino’s Pizzeria war mitunter der Hotspot auf dem Campus und obwohl die vernünftige Stimme in mir kreischend protestierte und mir meinen Ernährungsplan vor Augen hielt, konnte ich nicht anders, als die verglaste Tür aufzuziehen und den unwiderstehlichen Duft nach frisch gebackener Pizza einzusaugen. In der Pizzeria war nicht viel los. Abgesehen von einem Dreiergrüppchen, welches in der hinteren Ecke des Ladens einen Tisch in Beschlag genommen hatte, war das kleine, überhitzte Restaurant leer, weshalb ich gleich an den Tresen treten und bestellen konnte. »Was darf’s sein?«, fragte Pino, ein runder Mann mit kurzen dunklen Haaren und einem Schnauzbart wie Super Mario. An seiner rot karierten Schürze klebten Mehlreste und das Lächeln auf seinen Lippen nahm mir einen Teil meiner Wut. »Eine große Salamipizza mit extra viel Käse«, bestellte ich und spürte bereits, wie mein Magen rebellierte, als ich bloß daran dachte, wie köstlich die Pizzen hier waren. »Salami mit extra viel Käse, kommt sofort«, wiederholte er meine Bestellung und verschwand pfeifend in der Küche. Ich lehnte mich gegen den Tresen, blickte gedankenverloren aus der großen Fensterfront nach draußen auf den Campus und scherte mich herzlich wenig darum, dass mir Madame Rousseaus Stimme durch den Kopf schwirrte, die mir mitteilte, wie wichtig eine gesunde und ausgewogene Ernährung als Tänzerin war. »Wow, ein Tanzmäuschen in Pino’s Pizzeria. Was für ein seltener Anblick«, erklang eine spöttische Stimme zu meiner Rechten und augenblicklich schoss meine Wut wieder in die Höhe. Ich riss den Blick von der abstrakten Glasfassade der Uni los und zählte innerlich bis zehn, um mein aufgewühltes Gemüt zu beruhigen. »Möchtest du mich jetzt verpetzen?«, fuhr ich das Mädchen neben mir an, drehte den Kopf in ihre Richtung und erstickte weitere abwertende Kommentare im Keim. Ihre rot geschminkten Lippen umspielte ein amüsiertes Grinsen und die dunklen Augen, eingerahmt von langen Wimpern und einem perfekt gezogenen Lidstrich, funkelten mich herausfordernd an. »Geht leider nicht«, seufzte sie und setzte eine perfekt inszenierte traurige Miene auf, die aufgrund des amüsierten Funkelns in ihren Augen ihre Glaubwürdigkeit verlor. »Ich habe Hausverbot in deiner Tanzmäuschenfakultät«, fügte sie hinzu, stützte den Kopf auf einer Hand ab und musterte mich eingehend. »Soll das ein Scherz sein?«, hakte ich misstrauisch nach und ließ meinen Blick langsam über ihr Erscheinungsbild wandern. Im Vergleich zu ihren Piercings, den unzähligen Tattoos und der locker-lässigen Kleidung fühlte ich mich in meinem rosa Kleidchen und den weißen dünnen Strumpfhosen selbst wie einem Kinderbuch entsprungen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Sehe ich aus, als würde ich scherzen?«, stellte sie die Gegenfrage und ließ ihren Blick mindestens genauso ungeniert wie ich zuvor über meine Erscheinung wandern. »Ich meine es ernst«, fuhr sie locker fort, als würden wir uns bereits seit Ewigkeiten kennen. »Als ich nach neuen Fotomotiven gesucht habe, kam so eine irre Lady auf mich zugerannt und meinte, ich würde mit meinem ›wilden Aussehen‹ die Harmonie und den ›Zauber des Balletts‹ zerstören.« Sie untermalte die Aussagen mit Gänsefüßchen in der Luft und lachte auf. »Echt, ich habe noch nie so einen abgebrühten Mist gehört. Na ja, jedenfalls hat sie mich kurzerhand rausgeschmissen und mir gesagt, ich solle keinen Fuß mehr in dieses Gebäude setzen.« Meine Wut verebbte ein wenig und ich schaffte es sogar, ein leichtes Grinsen auf meine Lippen zu zaubern. Wenn man Madame Rousseau nicht kannte, traf die Charakterbeschreibung ›irre Lady‹ ziemlich genau auf sie zu. »Ich bin übrigens Reagan«, stellte sie sich gleich darauf vor und hielt mir ihre Hand hin. »Alexis«, verriet ich knapp, erwiderte ihren Händedruck kurz, nur um sie gleich darauf wieder loszulassen. Einen Augenblick später kam Pino mit meiner Pizza aus der Küche spaziert. Er balancierte sie geschickt auf einem Holztablett, ließ sie anschließend in einem Pizzakarton verschwinden und schob ihn vor mich auf den Tresen. Ich bezahlte, bedankte mich bei Pino und nahm den warmen Karton an mich. Anschließend drehte ich mich unschlüssig zu Reagan um. »War nett, dich kennengelernt zu haben«, sagte ich und war bereits im Begriff, mich auf dem Absatz Richtung Tür zu drehen. »Setz dich doch zu uns«, schlug Reagan plötzlich vor, als ich drauf und dran war, mich aus dem Staub zu machen. Widerwillig blieb ich stehen. Sie deutete mit einem Kopfnicken zu dem besetzten Tisch, den ich bereits beim Eintreten wahrgenommen hatte, und baute Augenkontakt zu den zwei Kerlen auf, die mich stechend musterten. »Danke für den Vorschlag, aber ich gehe besser und –« »Jetzt hab dich nicht so«, unterbrach sie mich lächelnd. Als sie einen Schritt auf mich zukam und die Hand ausstreckte, um sie auf meinen Arm zu legen, wich ich instinktiv zurück und ignorierte die irritierten kleinen Fältchen, die sich zwischen ihren Augenbrauen bildeten. »Kian und Brody sind okay«, versuchte sie mich zu beruhigen, doch das Gegenteil geschah. Kian?, schoss es mir schlagartig durch den Kopf und die Erinnerungen, die ich mit diesem Namen in Verbindung brachte, prasselten wie Kanonenkugeln auf mich ein. Mein Blick flog blitzartig zurück zur Sitznische. Das Gefühl, als würde Eiswasser durch meine Adern fließen, verpasste mir eine unangenehme Gänsehaut, als ich in die dunklen, seelenlosen Augen von Kian starrte. Er hatte sich nicht verändert. Seine Präsenz wirkte noch genauso bedrohlich wie vor drei Jahren, als ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Plötzlich glaubte ich keine Luft mehr zu bekommen. Unsichtbare Hände schlossen sich um meine Kehle, erschwerten mir das Atmen, und die Angst, die meinen Körper wie ein Tsunami flutete, ließ mich gleich noch mehr Schritte zurückweichen. »Tut mir leid«, presste ich hervor und registrierte Reagans mahnenden Blick in Kians Richtung. »Ich muss nach Hause. Mein … mein Freund wartet und ich … muss jetzt wirklich gehen«, stammelte ich und schluckte den bitteren Beigeschmack, den diese Lüge hinterließ, tapfer runter. Bevor Reagan auch nur Luft holen konnte, um etwas zu erwidern, machte ich auf dem Absatz kehrt, verließ fast fluchtartig die Pizzeria und steuerte den Parkplatz an. Mal wieder hatte mich mein fehlendes Vertrauen zu anderen Menschen in die Knie zwingen können und die gnadenlose Angst, die die Erinnerungen an meine Vergangenheit untermalte, schloss sich wie eine eiskalte Klaue um mein wild pochendes Herz.

Vertraue auf dein Können, wisperte meine innere Stimme, doch es war gar nicht so einfach, ihr zu glauben, wenn mein Vertrauen einem eingetretenen Spiegel gleichkam und man schon ein ganzes Leben lang nur eines zu hören bekommen hatte: Du bist nicht gut genug. »Grand Plié, meine Damen, gefolgt von einem Tendu nach vorne, zur Seite und nach hinten, einem Relevé und einer Wiederholung des Ganzen in die andere Richtung«, rief meine Tanzlehrerin Madame Rousseau streng in die Runde, riss mich somit aus meinen niederträchtigen Gedanken und ließ ihren wachsamen Blick über die Tänzerinnen gleiten. Sie kamen ihren Aufforderungen wie Aufziehpuppen nach, beugten ihre Knie tief, hielten sich mit einer Hand an der Ballettstange fest, während die andere Hand in einer geschmeidigen Bewegung einen unsichtbaren Halbkreis vom Bauch zur Seite zeichnete. Der Pianist, der in einer Ecke des Raumes hinter seinem gigantischen schwarzen Flügel saß, klimperte eine mir unbekannte klassische Melodie. Er untermalte dadurch die Tanzschritte, die in Form französischer Kommandos von Madame Rousseau wie aus einem Kanonenrohr gefeuert wurden und die einen scharfen Kontrast zur Gesamtsituation bildeten. Einerseits befanden wir uns mitten im Kurs des klassischen Balletts, welches das Sinnbild reiner Eleganz und einen fast schon märchenhaften Charme darstellte, andererseits lief Madame Rousseau wie ein Drill Sergeant bei der Army auf und ab, musterte uns mit Adleraugen und schien gedanklich wohl eher eine Armee von Robotern statt Tänzerinnen ausbilden zu wollen. »Miss Gilbert, Sie sind mit Ihrem Kopf überall, nur nicht hier in meinem Kurs«, beschwerte sie sich. »Ich erwarte etwas mehr Konzentration«, ergänzte sie scharf und ich blickte durch die große Spiegelfront in ihre Richtung, während ich mich bemühte, die Gedanken an eine balletttanzende Roboterarmee beiseitezuschieben. Ihre grünen Augen funkelten mich über den Rand ihrer filigranen goldenen Brille hinweg intensiv an und schienen mir stumm mitteilen zu wollen, dass sie nicht zufrieden mit dem war, was ich tat. Verbissen wandte ich den Blick wieder ab, starrte mein Abbild in der komplett verspiegelten Wand an und konnte keinen Unterschied zu den anderen Tänzerinnen erkennen. Meine Haltung war nahezu makellos, die Ausführung der Schritte taktgenau und sauber. Und wenn sie mich nicht so im Visier hätte, würde sie bemerken, dass einige der Tänzerinnen aus diesem Kurs den einfachen Weg wählten - statt Grand Pliés bloß einfache Pliés ausführten oder im Relevé auf die halbe statt auf die ganze Spitze gingen. Doch in dieser Gruppe aus perfekten Ballerinen, die aussahen wie einem Kinderbuch entsprungen und somit dem absoluten Klischee entsprachen, fiel ich auf wie ein Neonschild in der Dunkelheit, weshalb Madame Rousseau mich bereits seit Anbeginn dieses Kurses kritischer im Visier hatte als die restlichen Tänzerinnen. Mein rosa Haar war nicht piekfein in einen Dutt gebunden, sondern ruhte als unförmiges Vogelnest auf meinem Kopf. Unter dem langärmligen Body, den ich trug, zeichnete sich die schwarze Tinte der Tattoos ab, die meine Arme zierten, und auch unter der hellen Stumpfhose blitzte Körperkunst auf, die nicht einmal ansatzweise dem Klischee einer makellosen Ballerina entsprach.»Abschließend eine Arabesque Penché und eine Révérence«, teilte sie uns mit stark französischem Akzent mit und setzte ihren energischen Gang von links nach rechts fort, während wir den letzten Tanzschritt ausführten. Fast schien es mir, als wolle sie mich absichtlich testen, um mich im Anschluss kritisieren zu können. Ich spürte, wie mein Standbein zu zittern begann, als ich im Takt der Musik und den anderen Tänzerinnen den Oberkörper tiefer beugte, beide Arme nach oben und unten ausgestreckt, und das Spielbein mit den Zehenspitzen Richtung Decke immer höher führte. Dabei lag mein gesamtes Körpergewicht auf dem winzigen Punkt meiner Zehenspitzen und je länger wir die Position hielten, desto mehr Schmerzen flammten in meinem Standbein

Erscheinungsdatum
Verlagsort Deutschland
Sprache deutsch
Maße 148 x 210 mm
Themenwelt Literatur
Kunst / Musik / Theater Theater / Ballett
Schlagworte Ängste • Ballett • College • Drama • Drogen • Emotional • Hoffnung • Kunst • künstlerisch • LBGTQ+ • Liebe • Mobbing • New Adult • Selbstfindung • Sydney • Tanz • Tod • Überwindung • Veränderung • Verlust
ISBN-10 3-96966-892-1 / 3969668921
ISBN-13 978-3-96966-892-4 / 9783969668924
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
Mehr entdecken
aus dem Bereich
ein Handbuch für die Aus- und Weiterbildung

von Stephan Richter

Buch | Softcover (2024)
Henschel Verlag in E. A. Seemann Henschel GmbH & Co. KG
CHF 38,90
Perspektiven der Szenografie und performance design studies

von Birgit Wiens

Buch (2025)
Theater der Zeit (Verlag)
CHF 41,90