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Die Amazone (eBook)

Das Atelier, Meister und Schülerin, Ein Modell, Künstlers Erdenwallen, Diplomatische Intervention...
eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
312 Seiten
Musaicum Books (Verlag)
978-80-7583-845-2 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Amazone -  Franz Dingelstedt
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In Franz Dingelstedts Werk 'Die Amazone' taucht der Leser in eine faszinierende Welt von Abenteuern und Intrigen ein. Das Buch erzählt die Geschichte einer starken und unabhängigen Frau, die sich in einer von Männern dominierten Gesellschaft behaupten muss. Durch die kunstvolle Verwendung von Symbolismus und Metaphern schafft Dingelstedt eine allegorische Erzählung, die den Leser dazu einlädt, über Geschlechterrollen und die Bedeutung von Macht nachzudenken. Das Werk kann in den Kontext des 19. Jahrhunderts eingeordnet werden, in dem die Diskussion über die Stellung der Frau in der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung gewann.

2. Meister und Schülerin


Die Unglückliche, »die so glücklich war, deren Vaters-tadt Bremen ist,« - sie kam mit ihrer gefühlvollen Anrede zum dritten Male an den Unrechten. Derjenige, an welchen sie dieselbe gerichtet, bei näherer Besichtigung schon ein angehender Graukopf, erhob sich bei ihrem und der übrigen Fremden Eintritt von seinem Lehnstuhle, machte ein steifes, fast verdrießliches Kompliment und wies mit der Hand auf einen anderen Herrn, der in demselben Augenblicke hinter einem großen Vorhang in der Mitte des Turmgemachs hervorkam. Bestürzt wandte die so oft getäuschte Enthusiastin sich ab und ihr Auge zu Boden; hatte ihr abermaliger Mißgriff sie verwirrt, oder gar die Erscheinung Rolands? Des Roland, wie er wirklich war, nicht wie er sein sollte, wie sie sich ihn gedacht hatte? Das letztere könnte immerhin möglich sein, könnte vielleicht auch unseren geneigten Leserinnen begegnen, die durch ein ganzes Kapitel von einem Sonderling, einem Künstler ein langes und breites sich haben erzählen lassen müssen, um nun, am Eingange des zweiten Kapitels, auf einen höchst gewöhnlich aussehenden Menschen zu stoßen. Keine Spur von einem jugendlich holden Raffaelkopf, umflossen von weichen Locken; auch kein majestätisches Dürerantlitz im Rahmen eines männlichen Vollbartes, wie derjenige Raff-Raffaels. Kein türkischer Schlafrock und keine Malerbluse mit Schlapphut. Nein, ein Gesicht, eine Gestalt, ein Anzug wie sie tausend und aber tausend Sterbliche besitzen, die nicht unsterblich sind. Wir werden, um ferneren Verwechslungen und Enttäuschungen vorzubeugen, am besten tun, wenn wir die Personalbeschreibung aus dem jüngsten Reisepaß unseres Helden hier einrücken.

Alter: 35 Jahre. (Wir hören im Geist einen weiblichen Seufzer: Schon fünfunddreißig? -) Statur: Mittlere. Haare: Braun, kurz verschnitten. Stirn: Hoch. Augen: Grau. Nase: Gewöhnlich. Mund: Gewöhnlich. (- Wiederholte Seufzer. -) Bart: Rasiert. Kinn. Stark. Gesichtsfarbe: Gesund. Besondere Kennzeichen: Keine. Kleidung: Rock, Hose und Weste von gleichem Stoff und grauer Farbe; schwarzseidenes Halstuch; Halbstiefeln von Kalbleder. 

Kein Vorname, kein Schnörkel. Gerade so stand sie, und nicht ein phantastisches Monogramm, auf den Bildern des Meisters. Also auch in der Handschrift nichts Geniales, Ungewöhnliches, Außerordentliches. Armer Roland! Ärmere Leserin!

Trösten wir uns indessen. Bei genauerer Prüfung stellt sich die Stirn, welche der obrigkeitliche Steckbrief lakonisch als »hoch« bezeichnet, auf das Schönste gewölbt, von den kurzen aber dichten Haaren regelmäßig eingefaßt, und von herrlicher Weiße dar; ein edler Geist, reine Gedanken leuchten von ihrer Höhe herab. Das Auge, grau allerdings, aber tief und klar, liegt unter starken, prächtig geschwungenen Brauen wie ein Gebirgssee unter Wald und Fels. Die Nase - die gewöhnliche, weder griechische noch römische, aber auch nicht kamtschadalische oder feuerländische, ist fein geschnitten; ihre Spitze verrät den scharfen Denker, die Beweglichkeit der Flügel verheißt Temperament und Rasse. Um den gewöhnlichen Mund, diesen ausdruckvollsten Teil des Gesichts, welchen bei den meisten Männern der starre, struppige Bart so ungeschickt - oder auch so geschickt - versteckt, schwebt ein Lächeln, dem man ansieht, daß dies offene, ernste, feste Antlitz in guten Stunden bis zur kindlichsten Heiterkeit sich aufklären kann. Auch kleine, zarte Fältlein des Humors und der Ironie spielen da Schlangen unter Rosen, welche sagen: hüte dich; wir stechen, - aber nur, wenn wir müssen, wenn man uns reizt. Das hervortretende Kinn kündigt Willenskraft und Entschlossenheit an, beinahe Eigensinn. Fügen wir endlich hinzu, daß die Gestalt, obwohl nur von mittlerem Wuchs, sich elastisch trägt und harmonisch bewegt, so hoffen wir, den dunklen Umriß aus dem Reisepaß unseres Helden genugsam koloriert zu haben, um der geneigten Leserin ihr verloren geglaubtes Ideal in einzelnen Zügen zurückzustellen.

Mit klangvoller Stimme, aus welcher natürlicher Wohllaut nebst einem angeborenen Ton des Befehlens spricht, begrüßte Roland seinen Besuch, dankte für den Brief des Jugendfreundes aus Bremen der Überbringerin, und bedauerte, daß sein Atelier nicht mehr zu bieten gehabt habe. Alles in wenig Worten, die eine artige Verbeugung schloß. Die enthusiastische Hanseatin hatte sich inzwischen gesammelt und s-tammelte mit einem durchbohrenden Blick auf den neidischen Vorhang, die Fragen ob die berühmte Amazone nicht zu sehen sei? »Amazone?« war die Gegenfrage des Meisters. Worauf der Herr Onkel oder Vetter aus Bremen eine Nummer der Morgenzeitung hervorbrachte, in welcher gedruckt und zu lesen stand, daß man in dem Atelier des gefeierten Roland eine neue Schöpfung, alle früheren übertreffend, bewundern möge, die Amazone, das Porträt einer hervorragenden Größe aus der Kunstwelt. Roland lächelte, während die kleinen Schlangen um die Mundwinkel lustig zu spielen anfingen. Er beklagte, daß die verw-, die verbindlichen Tageblätter wieder einmal eine Neuigkeit brächten, die dem Betreffenden selbst neu sei. - »Vielleicht ein ganz kurzer, ein halber Blick?« - »Unmöglich; das Bild ist kaum angefangen. Außerdem wird Ihnen Herr Raffael gesagt haben (der Ton des Befehlens erhob sich schon deutlicher), daß ich beschäftigt bin; eine Lektion.« Herr Raff, genannt Raffael, verstand den Wink. Er trat vor, nahm das rote Fes mit ausgesuchter und dabei plastischer Höflichkeit ab und sagte: »Wenn es nunmehr den Herrschaften gefällig wäre?« Die Karawane setzte sich nach einigen mißvergnügt abgekürzten Verbeugungen von beiden Seiten langsam in Bewegung. Vater Winter führte den Rückzug an; Roland geleitete bis an die kleine Treppe, Raffael, mit welchem die Fremden verschämte Händedrücke wechselten, bis an die Haustüre. Dort begegnen sich Winter und Raffael noch einmal in kurzer, aber inhaltvoller Zeichensprache. »Kaum nett,« murmelt Raffael, nachdem er den Inhalt seiner Rechten unzufrieden geprüft. Vater Winter zuckt die Achseln: »Die Amazone ist schuld. Ein Prischen zum Abschied?« Raffael schüttelt das Haupt, der Vollbart schlägt unmutige Wellen. Er verschwindet hinter der mit sanfter Energie zugeworfenen Haustür. Vater Winter treibt seine Herde schweigsam über den grasbewachsenen Hof, wobei die Franzosen den Pfau, die Engländer den Hund, die Deutschen das Federvieh wiederholt bewundern. Beide Geschlechter und alle Nationen stimmen darin überein, daß Herr Roland wenig einnehmend und zuvorkommend sei. Bremen seufzt. Das Album, welches in der entschieden straßenräuberischen Absicht eines Anfalles auf Roland mitgenommen worden war, muß der Herr Onkel ohne Autograph des Meisters zurückschleppen.

Mittlerweile war der letztere in seinen Turm zurückgekehrt und hatte dessen Tür hinter sich verschlossen. Ein dunkler Lockenkopf lauschte aus dem Vorhange, eine Silberstimme fragte: »Sind sie fort?« Roland antwortete: »Auf und davon«; der andere Herr setzte ärgerlich hinzu: »Endlich.« Hierauf schlüpfte das junge Mädchen, nicht doch, eine Sylphide, herein und hing sich dem verdrießlichen Herrn in den Arm, indem sie schmeichelnd bat: »Nun noch ein halbes Stündchen, cher papa, und Sie sind erlöst.«

Sylphide, - verdrießlicher Herr, - wer sind sie? Erlaube der geduldige Leser, daß wir ihm, ehe unsere Erzählung fortschreitet, beide pflichtgemäß vorstellen. Wir wählen dazu die bequeme Form, mit welcher der Theaterzettel seine Personen hohem Adel und verehrungswürdigem Publikum zuführt: er nennt die Namen und überläßt dem Zuschauer, sich in die neuen Erscheinungen und Charaktere, die mit jeder Szene auftreten, wohl oder übel hineinzufinden. So sagen auch wir: Herr Krafft, Großhändler und Bankier. Armgard, dessen Tochter. Doch wollen wir nicht unterlassen, zu besserer Deutlichkeit einige Nachrichten über die letzten Ankömmlinge unserer Geschichte ihrer näheren Bekanntschaft vorauszuschicken. In guter Gesellschaft weiß man doch gern, mit wem man es zu tun hat, bevor man sich auf vertraulichen Verkehr einläßt.

Hans Heinrich Krafft ist der alleinige Gründer, Eigentümer und Führer eines berühmten Handels- und Bankhauses, welches Kommanditen oder doch Korrespondenten auf allen Geldmärkten und Stapelplätzen der fünf Weltteile besitzt. Er gilt für den reichsten Mann der Residenz, in deren Tor er vor einigen vierzig Jahren einzog mit einem Felleisen auf dem Rücken und einem, in das Futter der Westentasche eingenähten Doppel-Louisdor. Jetzt führt eine Straße der Stadt seinen Namen, das größte Dampfschiff des Hauptstromes seine Büste. Das Land dankt seiner unermüdlichen Tätigkeit, seinem Geist und (wie er selbst bescheidentlich hinzuzufügen pflegt) seinem Glück in den großen Geschäften zahlreiche Fabriken, gemeinnützige Anstalten und zwei Eisenbahnen. Er hat eine Not- und Hilfsbank für Arbeiter, eine Bodenkreditanstalt für den kleinen Bauern geschaffen, deren Dividende im letzten Jahre achtzehn Prozent betrug. Zwei Republiken in Südamerika bestehen nur durch die Anleihen, welche er zu unglaublich günstigen Bedingungen realisierte: ob günstig für sie oder für ihn, wissen wir nicht, hoffen aber: für beide. Solchen Verdiensten fehlte die gerechte Anerkennung nicht. Der Magistrat der Residenz wollte ihn, vor Jahr und Tag schon, zum Ehrenbürger machen; er antwortete der Deputation: »Lassen Sie mich bleiben, was ich bin - Ihr Mitbürger.« Unlängst wurde ihm ein Sitz in der ersten Kammer angeboten; er lehnte ab, weil er von hoher Politik nichts verstünde. »Ich will,« sagte er, »keine jüdische Großmacht an der europäischen Börse und auch keine Spezialität im Welthandel sein, sondern ein deutscher, ein christlicher Bürger, schlicht und einfach, wie mein...

Erscheint lt. Verlag 4.7.2017
Verlagsort Prague
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Kunst / Musik / Theater Theater / Ballett
Schlagworte 19. Jahrhundert • Antike • Dichter und Journalist • Egyd Gstättner • Franz Kafka • Funktionalität Layout • Galauniformen • Gerhard Henschel • James Joyce • kosmopolitischer Nachtwächter • Marcel Proust • Minister des Hauses • Mythologie • Oscar Wilde • Theaterleiter • Theodor Fontane • Tom Jones • traumsequenz • Weserlied • Wiener Burgtheater
ISBN-10 80-7583-845-9 / 8075838459
ISBN-13 978-80-7583-845-2 / 9788075838452
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