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Der Mann, der den Regen fotografierte

Roman
Buch | Hardcover
392 Seiten
2017
Dielmann, Axel (Verlag)
978-3-86638-235-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Der Mann, der den Regen fotografierte - Peter H. Gogolin
CHF 31,90 inkl. MwSt
Hendrik Cramer ist Locationscout: Für eine Filmproduktion ist er nach Belém in Brasilien geflogen, ausgestattet mit Notebook und Kamera und dem ersten Skript eines Spielfilmes. Er hat den Auftrag, Drehorte für den Film auszuwählen, der während des berühmten Círio de Nossa Senhora de Nazaré gedreht werden soll, dem religiösen Umzug zu Ehren der Heiligen von Belém, an dem jährlich rund 2 Millionen Menschen teilnehmen.»Cramer hatte schon immer die Fähigkeit besessen, die Welt durch das Objektiv einer Kamera zu erleben und dabei nach ganz kurzer Zeit zu vergessen, dass er zwischen sich und der Welt eine Optik hatte. Er war vielleicht in vielerlei Hinsicht ein Kind, dem man an manchen Tagen noch die Schuhe zubinden musste, aber er war ein begnadeter Kameramann und Fotograf, dem sich die technische Apparatur wie eine natürliche Verlängerung des Auges und der Hände anpasste. Cramer spielte auf seiner Kamera wie ein Pianist von Weltklasse auf seinem Flügel. Und natürlich tat er deshalb viel mehr, als er eigentlich nötig gehabt hätte, um seinen Job zu erfüllen. Denn wie immer beim Drehen oder Fotografieren geriet er beinahe übergangslos in einen Flow, der ihn nicht wieder entließ, bevor er das Gefühl hatte, wirklich alles im Kasten zu haben.«Hendrik Cramer ist in Brasilien in eine ganz andere als die europäische Welt eingetaucht. Allenthalben begegnen einem Mythos und Mysteriöses, die Armut ist erschlagend, im Wortsinne auch die Gewalttätigkeit, die schiere Physis der Menschen hier. Er hat sich seinerseits einen Ortskundigen als Assistenten gemietet: Wim. Der Holländer ist nicht ganz durchschaubar, offenbar war er eine Art Söldner, hat sich hierher zurückgezogen. Aber er kennt die wilde, für europäische Gewohnheiten faszinierende wie schockierende Stadt mit ihren ungeheuerlichen sozialen Differenzen. - Wim warnt Hendrik Cramer nachdrücklich, nicht alleine in den »Dschungel« dieser Großstadt zu gehen, seine Kamera nicht offen zu zeigen, überhaupt Wertsachen im Hotel einzuschließen. Aber diese Warnungen schlägt Cramer in den Wind, er ist ganz in seinem Element:»Er schaute im Display der Nikon nach und sah, dass er 1309 Fotos gemacht hatte. Okay, das war gutes Material, das war sicher tolles Material, aber die andere Hälfte der Arbeit stand noch bevor, denn er musste alles auf dem Mac sichern und sichten. Er musste auswählen, verwerfen und am Ende daraus sowas wie einen möglichen Weg zusammenstellen.Der Regisseur und sein Team würden dann schon vor Beginn der Dreharbeiten alles beisammen haben und sich am jeweiligen Set orientieren können, ohne zuvor selbst dort gewesen zu sein. Das einzige Problem waren Shots, die aus erhöhter Position erfolgen mussten, etwa von Dächern oder Balkonen. Diesen Leitungsdschungel, der von den Häuserfronten zu den Kabelmasten auf der Straße und dann entlang der Straßen verlief und unweigerlich immer im Bild sein würde. Vielleicht, dachte er, sollte man das anfangs einführen, damit der Zuschauer es dann später im Film als wiedererkennbares Element im Stadtbild begreifen und einordnen würde. Hör auf, dachte er, du machst dir da Gedanken, die sich allenfalls der Regisseur und der Kameramann machen sollten. Du dokumentierst das nur.«Dann aber kommt alles anders. Hendrik Cramer wird, eher durch einen Zufall denn aus Berechnung, entführt. Und Peter H. Gogolin benutzt das farbenfrohe Belém und die unberechenbare Mentalität Brasiliens nicht einfach als exotische Kulisse, sondern er führt seine Leser tief hinein in die Extreme der völlig andersartigen Welt. Der Leser gerät in die Mixtur aus christlicher Religiosität und Abergläubigkeiten, aus Anspruch auf Hightech-Dinge und Faustrecht, aus Bandenkämpfen unter Bettlern und sich verschottender Bürgerlichkeit, aus überhitzter Sensibilität und Brutalität, in der ein Menschenleben nichts zählt. So auch das von Cramer, das in einem Netz aus seidenen Fäden hängt.»Seit sie auf der Straße lebt, ist sie ständig müde. Doch Estelle klagt nicht darüber, denn die Müdigkeit i

Peter H. Gogolin lebt als Schriftsteller in Wiesbaden, mit seinen bisherigen Roman- und Erzähl-Bänden war er im Verlag Kiepenheuer & Witsch sowie bei Kulturmaschinen vertreten. Er ist Mitglied des PEN-Club Deutschland und hat diverse Preise für sein literarisches Werk erhalten, so den Preis der Deutschen Akademie Rom, Villa Massimo. Mit dem Roman »Seelenlähmung« war er für den Aspekte-Literaturpreis vorgeschlagen. – Siehe auch www.peter-gogolin.de.

Dienstag 10. April Einst hatte sich an diesem Ufer der mythische rote Del­phin in einen Menschen verwandelt. Jetzt streiten sich Menschen und Geier um die Abfälle vor den Fischhallen. Über die Planken der portugiesischen Karavellen und Galeonen schritten nach Gold gierende Soldaten des Hauptmanns Francisco Caldeira de Castello Branco, die für ihren Capitán General die Hände der Tupinambá-Indiander abhackten, da sie sich mit Frankreichs schwächlichem König verbündet hatten. Zu Ehren Unserer Lieben Frau von Bethlehem, die auf den Wassern schwimmt, wurde am Ufer der Baía eine Festung erbaut. Psalmodierende Jesuiten, deren betende Hände niemanden schützen konnten, träumten von einer Kathedrale, die in den Himmel wächst. Jahr für Jahr legten in Portugal Schiffe ab, um die Verbrecher des Königreichs in die neue Welt zu verbannen. Ruinierte Adelige, die der König in Donatários verwandelt hatte, Glücksritter und Steuereintreiber kamen in diesem Hafen an, wo die Steuern für die Ladung der Schiffe nach dem Gewicht berechnet wurden. Doch nun, vierhundert Jahre danach, ist Belém vergessen. Von den kachelgeschmückten Häusern, in denen die Kautschukbarone eines untergegangenen 19. Jahrhunderts Champagner tranken und ihre in weiße Seide gehüllten Töchter verschacherten, stehen oft nur aussätzige Fassaden, aus deren leeren Fenstern verkrüppelte Bäume wachsen. Selbst das Teatro da Paz, älter als das in Manaus, hatte jahrelang außer den Ratten keine Besucher. Im Herzen der Stadt hat man ein rechteckiges Stück Urwald belassen und daraus ein Museum gemacht. Kranke, räudige Jaguare starren dort mit wundem Blick aus engen Käfigen ins grüne Gewirr der Sumauma Bäume, Palmen und Lianen. Ihre heimwehkranken Ohren lauschen auf den fernen Klang der Wälder jenseits des Flusses. Aber von dort dröhnt nur das gefräßige Rasen der Motorsägen herüber, während der Rio Guamá sein lehmbraunes Wasser gegen die Mauern der Kais schaufelt. Wim klopfte eine letzte Zigarette aus der zerknautschten Packung. Grün, rot und weiß gestrichen, glitt ein Amazonas-Schiff, vom Hafen kommend, die Baía nach Norden hinauf. Auf dem Oberdeck zeichnete sich eine menschliche Gestalt als Schattenriss vor dem sonnenüberfluteten Horizont ab und wurde dann im prallen Licht unsichtbar, als habe ein Gott oder ein anderer Taschenspieler sie verschwinden lassen. Er erwachte, als die Maschine mit dem Sinkflug begann. Dem weitgehend unverständlichen Portugiesisch des Piloten entnahm er, dass sie in zwanzig Minuten in Belém landen würden. Hendrik Cramer setzte sich auf, schloss den Sicherheitsgurt und schob die Sichtblende vor dem Seitenfenster nach oben. Sofort platzte ihm das strahlende Weiß der dicht gestaffelten Wolkentürme, durch die der Airbus sank, entgegen. Cramer erschrak, und für einen Augenblick fehlte ihm jegliche Orientierung. Was war das? Dann kehrte die Erinnerung Bild für Bild zurück. Der Kopf einer Frau. Er war ebenso weiß gewesen wie diese Wolken. Wer war sie? Cramer schloss die Augen. Ein Traum? Er war nicht sicher, denn es kam ihm wie eine gerade erst erlebte Szene vor. Der Kopf war ganz weiß, aber nicht wie diese Wolken, sondern eher wie Kalk oder eine dicke Schicht weißer Schminke, dachte er jetzt. Die Frau hatte vor ihm an einem Tisch gesessen, sich selbst konnte er nicht sehen, aber er griff, als sie sich heftig über etwas beklagte, um sie zu beruhigen, nach ihrem Arm. Er wollte ihr zu verstehen geben, dass es nicht so schlimm sei, nicht wichtig, sie solle sich nicht aufregen. Aber sie wich sofort zurück, hatte den Arm von ihm weggerissen, als habe er sie unsittlich berührt. In diesem Moment erst blickte er sie an und erschrak. Er hatte einen völlig weißen Schädel angestarrt, einen haarlosen weißen Kopf, dessen Gesicht wie unter einer zentimeterdick aufgetragenen Schicht aus weißer Farbe verborgen war. Lediglich die Augenbrauen konnte er darin ansatzweise erkennen. Woher wollte er dann wissen, dass es eine Frau gewesen war? Er wusste es nicht. Aber er wusste, dass sie ihn von sich gestoßen hatte. In diesem Moment meldete sich wieder der Kapitän und informierte, dass in Belém momentan die Sonne schien und die Temperatur 33 Grad Celsius betrug. Der kalte Luftstrom der Klimaanlage ließ ihn zögern. Sollte er die Decke, die er sich um die Schultern geschlungen hatte, ablegen? Als er es tat, fröstelte ihn sofort. Hendrik Cramer begann, seine Unterlagen und das schlummernde MacBook, die er auf dem unbenutzten Sitz rechts neben sich abgestellt hatte, in der Tasche zu verstauen. Ich hätte nicht herkommen sollen, dachte er. Aber das war natürlich Unsinn. Er hatte es schließlich unbedingt gewollt, obwohl mindestens zwei Mitarbeiter seiner Agentur besser für diesen Auftrag geeignet gewesen wären. Hetmann, der oft in Südamerika unterwegs war. Und die kleine Cardoso, sie sprach fließend Portugiesisch. Er hingegen würde mit einem einheimischen Übersetzer, der hoffentlich am Flugplatz auf ihn wartete, zurechtkommen müssen. Als er wieder aus dem Fenster blickte, flogen sie nicht mehr sonderlich hoch. Er sah Unmengen von Grün unter sich. Das eintönige Dach des Urwalds, dachte er, doch schauderte ihn gleichzeitig bei der Vorstellung, unter diesem Dach verloren zu gehen. Nur hin und wieder wurde das Grün von schmalen, gewundenen Flussläufen durchbrochen. Und dann schob sich plötzlich von rechts ein hell- brauner Streifen Wasser ins Blickfeld, der stetig breiter wurde und gar nicht mehr abriss. Cramer griff nach seiner Kamera, fingerte den Deckel vom Objektiv und begann unkonzentriert zu fotografieren, ohne Hoffnung, dass durch das trübe, enge Fenster des Airbusses ein brauchbares Bild zustandekommen würde. Aber vielleicht war es wenigstens etwas für einen BLOG-Eintrag, den er am Abend noch vom Hotel aus online stellen wollte. Erster Blick auf den Amazonas konnte er das nennen. Eine Stewardess tippte ihm auf die Schulter und sagte etwas, während sie auf seine Kamera zeigte. Er nickte sofort und sah sie mit seinem strahlendsten Lächeln an. Erst als sie nicht weiterging und von vorn begann, begriff er, dass er die Kamera wegpackten sollte. Branca las er auf ihrem Namensschild. Sie stand einfach da und lächelte ausdauernd zurück, bis er die Kamera in der Tasche verschwinden ließ. Unter der weißen Uniformbluse der TAM Fluggesellschaft schimmerten die Träger des BHs auf ihrer braunen Haut. Mein Gott, dachte Cramer, was für eine schöne Frau. Einen Augenblick war er nicht sicher, ob er es nicht sogar laut gesagt hatte. Er schmiss die Kippe weg, die bis auf den Filter ­he­runtergebrannt war, und hustete in die hohle Hand. Die Vergänglichkeit, dachte er, die Vergänglichkeit steckt in allem. Wim van de Schelde hatte eingekauft und sich neu eingekleidet. Eine weiße Hose, dazu weiße Turnschuhe und ein passendes weißes Hemd. Er trägt das prunkvolle Weiß eines Filho de Santo, um sich heute Nacht von Mariana als erster Gringo ihres Tempels in den Candomblé einweihen zu lassen. Sie ist die Oberpriesterin, die Mãe de Santos. Seit er mit ihr zusammen lebt, hat sich für ihn alles zum Besseren gewendet. Die Leute auf der Straße, die früher ge­sehen haben, dass er verfaulte Mangos aus dem Rinnstein aß und sich allenfalls fragten, wann er verhungert sein würde, respektieren ihn jetzt. Viele sind sogar ängstlich darauf bedacht, mir nicht in die Quere zu kommen, dachte er. Er saß auf einer der grünlackierten Bänke an der Promenade, im Rücken die Eisen- und Glasfront der alten Bahnhofshallen, saß inmitten des blauen Lichts, schaute über das Wasser und hoffte, dass der Nachmittagsregen, der stets vom Fluss her über die Stadt zieht, nicht zu früh kommen wird. Er will den Fotografen aus Hamburg noch trockenen Fußes ins Hotel bringen. Zum ersten Mal seit Wochen war Wim zufrieden. Und wenn nicht zufrieden, denn das erscheint ihm etwas übertrieben, so doch erwartungsvoll. Zufrieden zu sein, das wäre für ihn ein Zustand, als sei er ans Ende seiner Flucht gelangt. Als müsse er keine Vorsicht mehr walten lassen, nicht mehr planen und aufmerksam sein. Schlafende Hunde, dachte Wim, sind zufrieden. Hunde mit vollem Bauch und ohne Gehirn. Wenn Wim so ein Hund wäre, dann wäre er längst tot. Also zufrieden nicht, aber entspannt, denn er wird Geld verdienen. Geld, dank der Götter. Oder dank Facebook? Aber das soll ihm gleichgültig sein, wenn es nur genug ist. Die Trommeln werden dröhnen, wenn er in Marianas Tempel tritt, er wird rauchen und den blanken Cachaça trinken, für Exú die Speisen opfern und tanzen, tanzen, in die Hände klatschen und tanzen, bis er in Trance fällt und seinen Orixá empfängt. Aber es wird eine festa seca sein, darauf hat er bestanden, eine Einweihung ohne Blut. Nach all der Zeit ist seine Angst, dass die Flashbacks zurückkommen, die ihn jahrelang verfolgt haben wie epileptische Anfälle, immer noch zu groß. Schlachte auf keinen Fall ein Tier über meinem Kopf, hat er zu Mariana gesagt. Wenn mir Blut in die Augen läuft, werde ich ein anderer. Ich töte euch dann alle. Und kein Mehl. Kein Blut, kein Mehl. Warum solltest du uns töten? fragt Mariana. Die Toten in mir, die mit mir gehen, erwachen dann zum Leben. Wim fürchtet sich vor dem Blut und dem Kalk in den Leichengruben. Die Toten sind in dir? Warum? Damit keiner zurückbleibt, sagt er. Sie wollen nicht allein sein. Wandern denn nicht in unserer Seele immer die Toten mit uns? Nur wenn wir verflucht sind, sagt die Mutter der Heiligen, sagt seine Mariana, die ihn des Nachts im Bett so verrückt macht, dass er alles vergisst. Bist du verflucht, Wim? Weiß er nicht. Vielleicht ist er es, aber in ihm leben so viele Geschichten, dass er nicht davon erzählen kann. Sein Körper ist mit Geschichten an­ge­füllt wie mit Fleisch und Knochen. Wir werden kein blu­tiges Fest feiern, keine festa sangrenta, sagt die Mãe de San­tos, kein Blut für dich, du weißer Sack voller Tod. Aber wir werden Xangô bitten, dass er die Toten aus deiner Seele ver­treibt. Er soll kommen und wie ein Platzregen sein, der deinen Toten die alten Tränen abwäscht und ins Meer spült. Kein Blut, gut. Wim weiß nicht, ob in der Nacht überhaupt ein Gott für ihn erscheinen wird. Ob nun Xangô oder ein anderer. Wer kann so etwas wissen? Vielleicht ist ja alles bloß Hokuspokus, aber wenn er genug vom Zuckerrohrschnaps trinkt, dann merkt vielleicht niemand etwas. Und wenn die Einweihung vorbei ist, wird sich keiner mehr darum kümmern. Wim glaubte, dass er die Orixás und ihre Priesterin betrügen kann. Er fasste in die rechte Hosentasche und spürte den kleinen Xangô zwischen den Fingern, den er immer bei sich trägt, Gott des Donners und des Blitzes, der ihn schon seit seiner Zeit in Nigeria begleitet. Eine männliche Holzfigur, kaum sechs Zentimeter groß, grob geschnitzt und in ein gewebtes rotweißes Tuch gewickelt, eine Doppelaxt auf dem Kopf und eine in der linken Hand, ein Schwert in der Rechten. Diese Figur war es, die Mariana davon überzeugt hat, dass Xangô sein Orixá sein muss. Und dass er die alte Sprache versteht, dass er in der Sprache der Yoruba mit E kú àárò und E kú alé grüßen, guten Morgen sagen kann und guten Abend. Der hölzerne Xangô ist sein Talisman, er hat ihn von einem alten Priester bekommen, dem er in Port Harcourt geholfen hat. Und weil er abergläubisch genug war, ihn zu behalten, hat Mariana die Figur beim Ausleeren seiner Taschen gefunden. Er erinnerte sich, was der Alte in Port Harcourt zum Abschied wie eine Warnung ausgesprochen hatte, als Wim end­lich das Schiff nach Peru erwischte. Das Leben ist dir nur geliehen, hatte er gesagt, und du musst es eines Tages zu­rück­geben, wenn der Schöpfer dich zur Abreise ruft. Dann sollen deine Knochen, Haut und Salz, deinen heimatlichen Boden düngen. Dagegen hat Wim nie etwas einzuwenden gehabt. Aber dass er jemals wieder den heimatlichen holländischen Boden von Beveland wird betreten können, das bezweifelte er stark. Er stand auf und ging zu den Hallen hinüber, deren breite Glasfronten jetzt im Mittagslicht wie Platten aus glühender Bronze glänzten. Vor den Estação das Docas stand Emílio mit dem Taxi, der ihn zum Flughafen fahren soll. Natürlich wird der Deutsche das Taxi bezahlen. Durch ihn hofft Wim so viel Geld zu verdienen, dass er für den Rest des Jahres seiner Sorgen ledig ist. Und das ist weit besser, als mit den eigenen Knochen den Boden zu düngen.

Dienstag10. AprilEinst hatte sich an diesem Ufer der mythische rote Delphin in einen Menschen verwandelt. Jetzt streiten sich Menschen und Geier um die Abfälle vor den Fischhallen. Über die Planken der portugiesischen Karavellen und Galeonen schritten nach Gold gierende Soldaten des Hauptmanns Francisco Caldeira de Castello Branco, die für ihren Capitán General die Hände der Tupinambá-Indiander abhackten, da sie sich mit Frankreichs schwächlichem König verbündet hatten. Zu Ehren Unserer Lieben Frau von Bethlehem, die auf den Wassern schwimmt, wurde am Ufer der Baía eine Festung erbaut. Psalmodierende Jesuiten, deren betende Hände niemanden schützen konnten, träumten von einer Kathedrale, die in den Himmel wächst. Jahr für Jahr legten in Portugal Schiffe ab, um die Verbrecher des Königreichs in die neue Welt zu verbannen. Ruinierte Adelige, die der König in Donatários verwandelt hatte, Glücksritter und Steuereintreiber kamen in diesem Hafen an, wo die Steuern für die Ladung der Schiffe nach dem Gewicht berechnet wurden. Doch nun, vierhundert Jahre danach, ist Belém vergessen. Von den kachelgeschmückten Häusern, in denen die Kautschukbarone eines untergegangenen 19. Jahrhunderts Champagner tranken und ihre in weiße Seide gehüllten Töchter verschacherten, stehen oft nur aussätzige Fassaden, aus deren leeren Fenstern verkrüppelte Bäume wachsen. Selbst das Teatro da Paz, älter als das in Manaus, hatte jahrelang außer den Ratten keine Besucher. Im Herzen der Stadt hat man ein rechteckiges Stück Urwald belassen und daraus ein Museum gemacht. Kranke, räudige Jaguare starren dort mit wundem Blick aus engen Käfigen ins grüne Gewirr der Sumauma Bäume, Palmen und Lianen. Ihre heimwehkranken Ohren lauschen auf den fernen Klang der Wälder jenseits des Flusses. Aber von dort dröhnt nur das gefräßige Rasen der Motorsägen herüber, während der Rio Guamá sein lehmbraunes Wasser gegen die Mauern der Kais schaufelt.Wim klopfte eine letzte Zigarette aus der zerknautschten Packung. Grün, rot und weiß gestrichen, glitt ein Amazonas-Schiff, vom Hafen kommend, die Baía nach Norden hinauf. Auf dem Oberdeck zeichnete sich eine menschliche Gestalt als Schattenriss vor dem sonnenüberfluteten Horizont ab und wurde dann im prallen Licht unsichtbar, als habe ein Gott oder ein anderer Taschenspieler sie verschwinden lassen.Er erwachte, als die Maschine mit dem Sinkflug begann. Dem weitgehend unverständlichen Portugiesisch des Piloten entnahm er, dass sie in zwanzig Minuten in Belém landen würden. Hendrik Cramer setzte sich auf, schloss den Sicherheitsgurt und schob die Sichtblende vor dem Seitenfenster nach oben. Sofort platzte ihm das strahlende Weiß der dicht gestaffelten Wolkentürme, durch die der Airbus sank, entgegen. Cramer erschrak, und für einen Augenblick fehlte ihm jegliche Orientierung. Was war das? Dann kehrte die Erinnerung Bild für Bild zurück. Der Kopf einer Frau. Er war ebenso weiß gewesen wie diese Wolken. Wer war sie? Cramer schloss die Augen. Ein Traum? Er war nicht sicher, denn es kam ihm wie eine gerade erst erlebte Szene vor. Der Kopf war ganz weiß, aber nicht wie diese Wolken, sondern eher wie Kalk oder eine dicke Schicht weißer Schminke, dachte er jetzt. Die Frau hatte vor ihm an einem Tisch gesessen, sich selbst konnte er nicht sehen, aber er griff, als sie sich heftig über etwas beklagte, um sie zu beruhigen, nach ihrem Arm. Er wollte ihr zu verstehen geben, dass es nicht so schlimm sei, nicht wichtig, sie solle sich nicht aufregen. Aber sie wich sofort zurück, hatte den Arm von ihm weggerissen, als habe er sie unsittlich berührt. In diesem Moment erst blickte er sie an und erschrak. Er hatte einen völlig weißen Schädel angestarrt, einen haarlosen weißen Kopf, dessen Gesicht wie unter einer zentimeterdick aufgetragenen Schicht aus weißer Farbe verborgen war. Lediglich die Augenbrauen konnte er darin ansatzweise erkennen.Woher wollte er dann wissen, dass es eine Frau gewesen war? Er wusste es nicht. Aber er wusste, dass sie ihn

Erscheinungsdatum
Verlagsort Frankfurt am Main / Niederrad
Sprache deutsch
Maße 135 x 200 mm
Gewicht 420 g
Einbandart gebunden
Themenwelt Literatur
Kunst / Musik / Theater Fotokunst
Schlagworte Arts • Bandenkrieg • Belém • Bettler • Brasilien • Candomblé • Círio de Nazaré • Círio de Nossa Senhora de Nazaré • Drehort • Entführung • Filmproduktion • Fotograf • Fotografie • Foveon • Global Vision • Jugendbande • Locationscout • Lösegeld • Makrofotografie • Objektiv • Profi-Fotografie • Reise • Reisefotografie • sd Quattro • Sigma • Sigma Objektive • Sigma Rödermark • Sponsoring • Sports • Standardobjektiv • Streetfotografie • Telezoom • Universalzoom • Voodoo • weitwinkel
ISBN-10 3-86638-235-9 / 3866382359
ISBN-13 978-3-86638-235-0 / 9783866382350
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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