»… denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit«
Als Friedrich Schiller diesen prägnanten Satz 1795 in seinen »Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen« formulierte, meinte er ein Ideal des geistig-künstlerischen Ausdrucks ohne jegliche gesellschaftliche Zwänge, von dem seine Zeit leider weit entfernt sei. Nun hat sich seitdem die Kunst sehr verändert und entwickelt, gerade wenn man deren Eroberung des öffentlichen Raumes als Ort vielfältigen dynamischen Gestaltens, Experimentierens und temporären Intervenierens in den Blick nimmt. Hier entstehen heutigentags weniger angepasste, mit der öffentlichen Meinung konforme Denkmale für die Ewigkeit, sondern viel mehr freie künstlerische »Bespielungen« des öffentlichen Raumes, die gänzlich eigenständig, kritisch und stark realitätsbezogen sind sowie zur Interaktion animieren. Diese Entwicklung war nicht etwa leise schleichend, sondern ging – übrigens auch in Jena – einher mit teils heftigen öffentlichen Diskussionen. In der Lichtstadt erhielt die Kunst im öffentlichen Raum vor allem nach der politischen Wende von 1989 in Verbindung mit der intensiv einsetzenden Bautätigkeit und der Etablierung Jenas als Modellstadt für Stadtsanierung eine neue Wertigkeit. Ein zwischenzeitlicher Höhepunkt, auch hinsichtlich der in der Öffentlichkeit durchaus kontrovers geführten Debatten, wurde 1996 mit der durch Lothar Späth initiierten Platzierung von Frank Stellas Skulpturen der »Hudson River Valley Series« auf dem Ernst-Abbe- Platz erreicht. Hier, wie auch im Fall des interaktiven »Audiowalks Jena-Cospeda« der kanadischen Künstlerin Janet Cardiff, vermag Jena an seinen Ruf als Kunststadt am Anfang des letzten Jahrhunderts würdig anzuknüpfen. Der Jenaer Bestand an Kunst im öffentlichen Raum ist quantitativ betrachtet für eine Großstadt eher unterdurchschnittlich, jedoch sind Genre und Stile vielfältig und facettenreich. Zu den Kunstwerken gehören plastische Denkmale, Skulpturen, Installationen, baugebundene Kunst, Brunnenplastiken, Licht- und Audiokunst. Der Bogen spannt sich von traditionellen porträtfigürlichen Skulpturen mit Denkmalcharakter wie dem Hanfried aus dem 19. Jahrhundert über auftragskonforme zeitgemäße Lösungen wie die baugebundene Kunst in Neulobeda aus DDR-Zeiten bis hin zu immer wieder polarisierenden unkonventionellen Gegenwartskunstwerken wie den »drei Moiren« im Paradies oder den Metazeichen für Jena am Holzmarkt. Der überwiegende Teil dieser Objekte wird städtisch verwaltet. Ihre größte Dichte findet sich in den Stadtteilen Lobeda-Ost und Lobeda-West. Die Objekte dort stammen vornehmlich aus der Entstehungszeit der Plattenbausiedlung, den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, als im Rahmen der Errichtung der DDR-Neubausiedlung so genannte baugebundene Kunst systematisch beauftragt und aufgestellt wurde. Später wurden im Rahmen einer Ausschreibung zur Fassadengestaltung in Lobeda der Neonschriftzug »Ich sehe was, was du nicht siehst« von Stephan Jung als Blickfang am Giebel des Hochhauses Kastanienstraße 2 installiert (1998) und als EXPO-Projekt ein überdimensionierter Stuhl aus Glas und Edelstahl in Lobeda West (2000) aufgestellt. Der 1992 etablierte städtische Botho-Graef-Kunstpreis für zeitgenössische Kunst brachte zwischen 2000 und 2015 bisher vier Wettbewerbsentwürfe in den öffentlichen Raum: die schon genannte Lichtinstallation »Zwei Metazeichen für Jena« von Mischa Kuball auf dem Holzmarkt, die zweiteilige Arbeit »Intellektuelle Zweisamkeit« mit LED-Laufschrift und Messing-Bodenplaketten von Maria Vill und David Mannstein auf dem Markt und die begehbare Gartenbauskulptur »Folly« von Anika Gründer im Garten der Villa Rosenthal sowie den ebenfalls bereits erwähnten »Audiowalk Jena-Cospeda« von Janet Cardiff. Eingebettet in städtebauliche Sanierungsmaßnahmen wurden weitere Projekte auf der Basis von künstlerischen Wettbewerben – teilweise finanziert über Städtebaufördermittel – realisiert. Dazu zählen der bronzene Philisterbrunnen von Karl-Heinz Appelt am Johannistor, zwei bespielbare Messingbronzeplastiken, »Saalewelle« und »The Big Fish«, von Thomas Reichstein am Wenigenjenaer Ufer, die Brunnenplastik »Sibylle mit Schrödingers Katze« von Anne-Katrin Altwein an der Wasserachse in Winzerla, zwei Büsten im »Dialog« von Walter Sachs im neu gestalteten Grüngürtel in der Merseburger Straße, die Skulptur »Spross« aus Edelstahlröhren mit farbiger LED-Beleuchtung von Elisabeth Howey am Saalebogen in Göschwitz und ab dem Frühjahr 2017 der bronzene gespiegelte »Stier« als Wasserspiel von Hermann Grüneberg auf dem Johannisplatz. Bisher gab es keine vollständige Dokumentation zur Kunst im Stadtraum von Jena. Diese Lücke soll nun mit der vorliegenden Publikation geschlossen werden. Finanziell möglich wurde das Projekt durch die Bereitstellung von städtischen Mitteln zur Fortschreibung einer Kulturkonzeption für Jena. Der Schwerpunkt dieser bebilderten dokumentarischen Bestandsaufnahme liegt dabei auf der Präsentation der von der Stadt Jena verwalteten Kunstwerke. Darüber hinaus wurden aber auch fünf ausgewählte Objekte aufgenommen, die zwar nicht städtisch verwaltet sind, jedoch das Stadtbild Jenas maßgeblich prägen und damit für die Kunst im öffentlichen Raum in besonderer Weise repräsentativ sind: die Stella-Skulpturen, das Wandsgraffito »Der Weg der Post« von Kurt Hanf, die Installation »Ein heiteres Spiel der Kräfte – Fehlstart« von Martin Neubert, das Wandbild »Die Berechnung der Träume« von Frank Steenbeck und das Edelstahl-Signet »Not Werk. Schneller Rettung Flügelschlag.« von Horst Peter Meyer. Alle 77 Objekte sind nummeriert und in Farbfotos sowie in knappen textlichen Beschreibungen und mit Nennung von Name, Künstler, Entstehungszeit, Material, Sanierungsgeschichte und Standort sowie Entstehungshintergrund dargestellt. Auf Stadtplänen in Vorsatz und Nachsatz wurden zur besseren Orientierung Standorte und Verteilung der einzelnen Objekte im Stadtraum visualisiert. Sie ermöglichen kleinere und größere selbst zusammengestellte Rundgänge. Dort, wo der Standort eines Kunstwerks zu weit außerhalb des gewählten Stadtplanausschnittes liegt, verweisen Pfeilmarkierungen in die entsprechende Richtung. Im Anhang informieren kurze Einträge in alphabetischer Ordnung über das Leben und Wirken der einzelnen Künstler. Am Schluss dieser voran gestellten Bemerkungen sei ein kurzer Hinweis auf das fortschreitende Problem des Vandalismus erlaubt, das in besonderem Maße auch Kunstobjekte im öffentlichen Raum betrifft und hier immer wieder vor allem finanzielle Kapazitäten bindet, die an anderer Stelle wesentlich sinnvoller eingesetzt werden könnten. So steht am Ende dieser Einleitungsworte ein Wunsch: Möge die vorliegende Publikation neben der Vermittlung einer Bestandsüberschau der Kunst im Stadtraum von Jena auch ein tieferes Verständnis, eine größere Wertschätzung und mehr Toleranz für die unterschiedlichen Facetten künstlerischen Gestaltens in unserer Öffentlichkeit befördern. Möge sie in vielerlei Hinsicht zu einem Erkenntnisgewinn beitragen und zur kritischen Beschäftigung mit Stadtraum und Gesellschaft ganz im Schillerschen Sinne inspirieren und so auch der Kunst ihre Freiheit lassen. Evelyn Halm, Jena, im Frühjahr 2017
Als Friedrich Schiller diesen prägnanten Satz 1795 in seinen»Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen« formulierte,meinte er ein Ideal des geistig-künstlerischen Ausdrucksohne jegliche gesellschaftliche Zwänge, von dem seine Zeit leiderweit entfernt sei.Nun hat sich seitdem die Kunst sehr verändert und entwickelt,gerade wenn man deren Eroberung des öffentlichen Raumesals Ort vielfältigen dynamischen Gestaltens, Experimentierensund temporären Intervenierens in den Blick nimmt. Hierentstehen heutigentags weniger angepasste, mit der öffentlichenMeinung konforme Denkmale für die Ewigkeit, sondern vielmehr freie künstlerische »Bespielungen« des öffentlichen Raumes,die gänzlich eigenständig, kritisch und stark realitätsbezogensind sowie zur Interaktion animieren. Diese Entwicklungwar nicht etwa leise schleichend, sondern ging - übrigens auchin Jena - einher mit teils heftigen öffentlichen Diskussionen.In der Lichtstadt erhielt die Kunst im öffentlichen Raumvor allem nach der politischen Wende von 1989 in Verbindungmit der intensiv einsetzenden Bautätigkeit und der EtablierungJenas als Modellstadt für Stadtsanierung eine neue Wertigkeit.Ein zwischenzeitlicher Höhepunkt, auch hinsichtlich der in derÖffentlichkeit durchaus kontrovers geführten Debatten, wurde1996 mit der durch Lothar Späth initiierten Platzierung vonFrank Stellas Skulpturen der »Hudson River Valley Series« aufdem Ernst-Abbe-Platz erreicht. Hier, wie auch im Fall des interaktiven »Audiowalks Jena-Cospeda« der kanadischenKünstlerin Janet Cardiff, vermag Jena an seinen Ruf als Kunststadtam Anfang des letzten Jahrhunderts würdig anzuknüpfen.Der Jenaer Bestand an Kunst im öffentlichen Raum istquantitativ betrachtet für eine Großstadt eher unterdurchschnittlich,jedoch sind Genre und Stile vielfältig und facettenreich. Zuden Kunstwerken gehören plastische Denkmale, Skulpturen, Installationen,baugebundene Kunst, Brunnenplastiken, Licht- undAudiokunst. Der Bogen spannt sich von traditionellen porträtfigürlichenSkulpturen mit Denkmalcharakter wie dem Hanfriedaus dem 19. Jahrhundert über auftragskonforme zeitgemäßeLösungen wie die baugebundene Kunst in NeulobedaausDDR-Zeiten bis hin zu immer wieder polarisierenden unkonventionellenGegenwartskunstwerken wie den »drei Moiren«im Paradies oder den Metazeichen für Jena am Holzmarkt.Der überwiegendeTeil dieser Objekte wird städtisch verwaltet.Ihre größte Dichte findet sich in den Stadtteilen Lobeda-Ostund Lobeda-West. Die Objekte dort stammen vornehmlich ausder Entstehungszeit der Plattenbausiedlung, den 70er und 80erJahren des 20. Jahrhunderts, als im Rahmen der Errichtung derDDR-Neubausiedlung so genannte baugebundene Kunst systematischbeauftragt und aufgestellt wurde.Später wurden im Rahmen einer Ausschreibung zur Fassadengestaltungin Lobeda der Neonschriftzug »Ich sehe was,was du nicht siehst« von Stephan Jung als Blickfang am Giebeldes Hochhauses Kastanienstraße 2 installiert (1998) und alsEXPO-Projekt ein überdimensionierter Stuhl aus Glas undEdelstahl in Lobeda West (2000) aufgestellt.Der 1992 etablierte städtische Botho-Graef-Kunstpreis fürzeitgenössische Kunst brachte zwischen 2000 und 2015 bishervier Wettbewerbsentwürfe in den öffentlichen Raum: die schongenannte Lichtinstallation »Zwei Metazeichen für Jena« vonMischa Kuball auf dem Holzmarkt, die zweiteilige Arbeit »IntellektuelleZweisamkeit« mit LED-Laufschrift und Messing-Bodenplakettenvon Maria Vill und David Mannstein auf demMarkt und die begehbare Gartenbauskulptur »Folly« von AnikaGründer im Garten der Villa Rosenthal sowie den ebenfallsbereits erwähnten »Audiowalk Jena-Cospeda« von Janet Cardiff.Eingebettet in städtebauliche Sanierungsmaßnahmen wurdenweitere Projekte auf der Basis von künstlerischen Wettbewerben- teilweise finanziert über Städtebaufördermittel -realisiert. Dazu zählen der bronzene Philisterbrunnen vonKarl-Heinz Appelt am Johannistor, zwei bespielbare Messingbronzeplastiken
| Erscheinungsdatum | 13.03.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | Jena & Quedlinburg |
| Sprache | deutsch |
| Maße | 217 x 217 mm |
| Einbandart | gebunden |
| Themenwelt | Kunst / Musik / Theater ► Malerei / Plastik |
| Schlagworte | baugebundene Kunst • Bildhauerei und Plastik • Brunnenplastik • Electronic Art, Holografie, Videokunst • Installationen • Installationskunst • Jena • Jena, Kunst • Kunst im öffentlichen Raum / Urban Art • Kunst im Stadtraum • Kunst: Keramik, Töpferei, Glas • Licht- und Audiokunst • Thüringen |
| ISBN-10 | 3-942115-43-3 / 3942115433 |
| ISBN-13 | 978-3-942115-43-8 / 9783942115438 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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