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Wiener Zaubertradition. Theatrale Aspekte der Zauberkunst im 19. Jahrhundert - Christian Gruber

Wiener Zaubertradition. Theatrale Aspekte der Zauberkunst im 19. Jahrhundert

Buch | Softcover
92 Seiten
2016
Diplomica Verlag
978-3-95934-951-2 (ISBN)
CHF 55,90 inkl. MwSt
In der Szene der Zauberklubs und -vereine gilt: Die Zauberkunst existiert mindestens seit der Zeit, da es des Schreibens fähige Menschen gibt. Dafür spricht ein Dokument, der 'Westcar Papyrus', das von einem Zauberkünstler namens Dedi berichtet, der im 3. Jahrtausend v.Chr. das berüchtigte Köpfen und die Wiederherstellung einer Gans vollzog.
Das vorliegende Buch setzt sich mit theaterwissenschaftlichen Aspekten der Zauberkunst auseinander, richtet das Hauptaugenmerk dabei auf das vorletzte Jahrhundert und auf Wien. Erst mit dem 19. Jahrhundert ist die Zauberkunst nämlich als moderne und eigenständige Unterhaltungsform, wie wir sie heute kennen und verstehen, entstanden. Wien ist als lukrativer und nahrhafter Boden für diese sich entwickelnde Kunst mit insbesondere drei Magiern bekannt - Leopold Ludwig Döbler, Johann Nepomuk Hofzinser und Anton Kratky-Baschik.
Das Buch beschäftigt sich zum einen mit der Frage, warum sich die Zauberkunst zu jener Zeit gerade in Wien zu einer viel gerühmten und geschätzten Vergnügungsform entwickelte und in wie weit diese Form der Unterhaltung Ähnlichkeiten mit anderen Vergnügungen des 19.Jahrhunderts in Wien aufweist. Ein weiteres Ziel des Buches ist es, die Frage zu beantworten, was unter Zauberkunst in Bezug auf Theater eigentlich zu verstehen ist, welche theatralen Aspekte diese artistische Kunstsparte also bietet.

Der austro-amerikanische Autor Christian Gruber lebt seit 1971 in Wien. Er selbst tritt bereits seit den 80er Jahren als Zauberkünstler bei privaten Gigs auf. Seine langjährige Mitgliedschaft beim MKW (Magischen Klub Wien) sowie sein Studium der Anglistik und Amerikanistik mit dem Diplom-Hauptfach Theater-, Film- und Medienwissenschaft veranlassten den Autor eine Arbeit über die Zauberkunst zu verfassen. Nach sieben Jahren als Angestellter im Hundertwassermuseum folgten über acht Jahre als Editor und Assistent der TU Wien. Auch dort hat er als Zauberkünstler an zumindest einem Symposium Spuren hinterlassen. Als freier Autor und EFL Trainer und Coach arbeitet Christian Gruber heute in diversen Projekten und In-Company-Trainingssettings.

Textprobe:
Kapitel II.6: REVOLUTIONÄR DER BÜHNENZAUBERKUNST:
Der Zauberkünstler Döbler, der es immer verstand, aus seiner Kunst Profit zu machen, sich geschickt mit dem Wiener Charme in die Herzen seines Publikums zu zaubern, der auch ein großzügiges Verhalten mit Benefizveranstaltungen an den Tag legte; z.B. schon 1831 bei der Choleraepidemie als er in Berlin gastierte und 'festsaß'; hat sich als Star in der internationalen Zauberszene des 19.Jahrhunderts gleich einem Feuerwerkskörper hinaufgeschossen und als Fixstern etabliert. Mit seinen bahnbrechenden Erfindungen und Darstellungs-methoden als Zauberer der natürlichen Magie, als Professor der Physik oder Mechanik, der unterhaltsame Vorträge mit Zaubervorführungen gekonnt kombinierte, ist er Revolutionär der modernen Bühnenzauberkunst geworden. Er gilt auch als Pionier des Kinos, als erster Kinounternehmer der Geschichte mit seiner Produktion im Josefstädter Theater am 16. Jänner 1847.
Es ist ein Phänomen des 19.Jahrhunderts, dass sich "der Beruf eines "Physikus"" kaum "von dem eines "Eskamoteurs"" unterscheidet.
[...] die kunst der gelehrten ärzte und naturkundigen wurde gleichfalls als zauberkunst angesehen, setzte sich aber als natürliche zauberkunst allmählich durch. in den händen von zauberkünstlern wie Faust bildete sie sich jedoch zum blendwerk, dem aber oft physikalische kenntnisse zu grunde lagen, um, und fristet noch heute [Mitte des 19.Jhd.] als gaukelei, taschenspieler auf schauplätzen ihr dasein. Die curiöse sucht des 17. und 18. jahrh. benannt manche technische erfindung der physikalischen und chemischen wissenschaften (vgl. zauberlaterne) als zauberkunst, und einige auffällige geräthschaften tragen noch heute das kennwort zauber-.
Die verwandtschaftliche Nähe der Zauberkunst mit den Naturwissenschaften wird mit dem Bildungsdrang des aufstrebenden Bürgertums manifest. Das Bürgertum glaubte nun nicht mehr an die übernatürliche Magie, sondern vielmehr an die Unterhaltungsform eines Prestidigitateurs. Der Tausend-künstler versteht es, sich geschickt zu verkaufen, zu präsentieren und darzustellen mit dem Nimbus der Wissenschaftlichkeit und Aufklärung von Naturphänomenen im Sinne der Produktion des Effekts der Verwunderung, Bewunderung und Anerkennung der dargebrachten Unterhaltungskunststücke des domestizierten, 'natürlichen', weißen oder aufgeklärten, Magiers. Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß sich viele Zauberkünstler im Zuge des allgemeinen Fortschrittes und der Aufklärung im 19.Jahrhundert als Professoren der Physik, Mechanik etc. betitelten, auch wenn sie es nicht waren.
Die Aufklärung und der Bildungsdrang sind ein möglicher Grund, warum Döbler so ungeheuer beliebt war. Wie originell und unnachahmlich Döbler sowie seine Kunst waren, zeigt das Unterfangen, ihn zu kopieren oder seinem Erfolg gleichzutun. Das Konkurrenzunternehmen zu Pokornys Josefstädter Theater war Carls Theater an der Wien. Direktor Carl war schon früher als Figur Staberl erfolgreich und konnte dem berühmten Zauberkünstler Bosco aus Turin, der in Wien gastierte, bald Paroli bieten, indem er ihn parodierte und das erfolgreich. Bosco sah sich und sein Geschäft geschädigt und wollte Direktor Carl mit Hilfe der Zensur solch eine konkurrierende Unternehmung verbieten lassen. Die Zensurbehörden aber zeigten sich nicht sehr gewillt, dies zu tun:
13. November 1828. Taschenspieler Bosco beschwert sich über Direktor Carl wegen Aufführungen des Stücks "Staberl als Physiker". Carl habe ihn in Sprache, Kleidung, Gang und Bewegung genau kopiert und seine Experimente lächerlich gemacht. Carl, hierüber vernommen, erklärt (15.November), dass er diesen Gelegenheitsschwank in vier Stunden geschrieben und keineswegs beabsichtigt habe, Bosco lächerlich zu machen; er habe in der Maske des Staberl jene Beweglichkeit entwickelt, die diesem Charakter in allen Stücken eigen sei und bleiben müsse, daher Bosco nicht kopiert. In dem Gelegenheits

Erscheinungsdatum
Sprache deutsch
Maße 155 x 220 mm
Gewicht 162 g
Themenwelt Kunst / Musik / Theater Theater / Ballett
Schlagworte Artistik • Döbler, Leopold Ludwig • Hofzinser, Johann Nepomuk • Kratky-Baschik, Anton • Magie • Unterhaltungskunst • Wiener Schule der Magie
ISBN-10 3-95934-951-3 / 3959349513
ISBN-13 978-3-95934-951-2 / 9783959349512
Zustand Neuware
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