Tanz zwischen Kunst und Therapie
Kappert, D (Verlag)
978-3-00-031150-5 (ISBN)
Praxisbuch für alle. für die Tanz nicht nur Bühnentanz ist; beschreibt die enge Verknüpfung von persönlicher Entwicklung und einem künstlerischen Training durch den Körper.19 komplexe Unterrichtsszenarien, in denen detailliert beschrieben wird, wie Stunden so aufgebaut werden, daß Körperarbeit, Tanztraining und Innere Bilder Themen inszenieren, in denen die Menschen sich erkennen und ausdrücken.
Detlef Kappert studierte Psychologie und Tanz in Deutschland, den USA und Haiti und promovierte über die Verbindung von Tanztraining, künstlerischem Ausdruck und persönlicher Entwicklung. Seit 1985 hat er einen Ansatz entwickelt, der Elemente aus professionellem Tanztraining und Empfindungsschulung in ein Konzept humanistischer Psychologie integriert. Er unterrichtete diesen Ansatz an Universitäten und Ausbildungsinstituten für verschiedene (tanz-)pädagogische, therapeutische und künstlerische Berufe in Deutschland, Frankreich, Ekuador, Spanien, Polen und in der Schweiz. Neben seiner Tätigkeit als Psychotherapeut leitet er das Institut für Tanz und Bewegungsdynamik in Essen. Weitere Infos: www.tanzimprovisation.de
Vorwort
A Leistung, Gesundheit und Tanz in der modernen Gesellschaft: Skizze eines Unterrichtsstils, der den alten Gegensatz zwischen Leistung/Konfrontation und psychologischem Verstehen überwindet
1 Geschichte
2 Der aktuelle Gegensatz zwischen Leistung und Gesundheit
3 Leistung, Konfrontation und Wachstum
4 Der Unterschied zwischen abstrakter Leistungsanforderung und sinnvoller Konfrontation
5 Sinnvolle Leistungsanforderung, massive Konfrontation und persönliches Wachstum im professionellen Tanztraining
6 Wie können 'normale' Menschen vom Tanztraining profitieren?
7 Körperarbeit und Tanztraining können einander korrigieren und helfen
B Über Bühnentanz und Alltagskunst
C Begründung einer beruflichen Weiterbildung:
Lehrer/-in für Tanzimprovisation, Tanztheater und Körpersymbolik
1 Situation
2 Angebot einer Fortbildung
3 Ziele
4 Zielgruppe
5 Unterrichtsmethode
6 Methodisch-didaktisches Konzept
7 Tanzunterrichtsstile für engagierte nichtprofessionelle Tänzerinnen und Tänzer
D Körpersymbolik, Tanz und Therapie
1 Tanztherapie im engeren und weiteren Sinne
2 Das Bedürfnis nach neuen Berufsbildern
3 Körpersymbolik und Tanzimprovisation als Modell für Alltagskunst
E Tanz zwischen Kunst und Therapie: eine psychosomatische Selbsthilfekunst für den Alltag
1 Postmoderne Gesellschaften und die Notwendigkeit der Selbsthilfe
1.1 Entfremdung, Diffusität, Isolation und Stress als ungekannte Belastung
1.2 Diffusität und Depression
1.3 Psychosomatische Selbsthilfekunst für den Alltag
2 Die sinnvolle Konfrontation (produktive Verunsicherung): Nutzung von Psychologie für einen optimierten Wachstumsprozess
2.1 Persönliche Entwicklung durch Konfrontation mit Kunst
2.2 Eine neue Möglichkeit, mit Widerständen positiv umzugehen: die produktive Verunsicherung
2.2.1 Die Verbindung eines ernsthaften Trainings mit der Akzeptanz im Sinne der humanistischen Psychologie als Grundlage der sinnvollen Konfrontation
2.2.2 Die Verbindung von Körpererfahrung (Empfindungsschulung) und Tanztraining als Grundlage ganzheitlichen Lernens
2.2.3 Methodische Besonderheiten der Arbeit zwischen Kunst und Therapie
2.3 Resümee und weitere Themenstellung
3 Dekonditionierung von Stress und Fehlsteuerung: die Umsetzung neurophysiologischer Forschung in der Initiierung und Steuerung des Selbstheilungsprozesses
3.1 Die freie Entscheidung und ihre unbewusste Steuerung
3.2 Können Tanztraining und Empfindungsschulung diese unbewussten Programme bewusst und beeinflussbar machen?
3.3 Ästhetische Bildung durch den Körper als Erfahrung der Natur im Menschen
4 Die Ordnung innerer Themen in Archetypen: Nutzung von Philosophie für die Selbststrukturierung
4.1 Innere Ordnung des Bewusstseins: Erforschung und Umsetzung
4.2 Innere Ordnung des Bewusstseins: Archetypen und Ubiquität
4.3 Gegensätzlichkeit als Anlagemuster der Psyche
4.4 Das Gestaltprinzip einer nonverbalen Selbststrukturierung
4.5 Konkrete Methodik KÖSYBE
4.6 Konkrete Methodik TIA
4.7 Entwicklung
5 Alltagskunst und ästhetisches Know-how in der Inszenierung realer Lebensthemen auf der kreativ-symbolischen Ebene
5.1 Postmoderner Lifestyle und Autismus
6 Schönheit und Wahrheit: das Unwillkürliche und die Anmut
6.1 Neurophysiologie und Ästhetik – verblüffende Verbindungen
6.2 Das Wesen der Anmut
7 Anwendbarkeit
F 19 praktische Beispiele mit ausführlichen Erläuterungen
Exkurs: TIA (Tanzimprovisation als Alltagskunst)
Praktische Hinweise
Vorwort Es gibt immer mehr Menschen, die tanzen, und ein immer größerer Teil von uns nutzt Therapien. Tanz war früher entweder Volkstanz und wurde innerhalb einer ethnischen Gruppe weitergegeben oder er wurde als Bühnentanztechnik erlernt. Psychotherapie wurde von einer relativ kleinen Gruppe mit eher speziellen Symptomen in Anspruch genommen. Heute werden sowohl nicht der traditionellen Folklore zugehörige Tanztechniken als auch unterschiedlichste Psychotherapien massenhaft genutzt. Das Ziel beim Tanzunterricht ist dabei nicht die Bühne, und die Symptome der Therapiesuchenden sind oft eher typisch für das moderne Leben allgemein, als dass sie Ausdruck besonderer Störungen wären. Im Unterschied zu früher sind heute sehr viele Menschen in Tanz und Therapie engagiert. Es geht ihnen überwiegend um Selbstverwirklichung, Freizeit, Spaß, Selbsterkenntnis, den Versuch, Körper und Seele zusammenzubringen. Techniken und Theorien sind aber nicht unbedingt auf dem Stand der Zeit. Eher dominieren intuitive Spontananpassungen. Nach wie vor sind die eigentlichen Tanztechniken trotz New Dance und Contact genuine Bühnentanztechniken für Profis, und das Therapiekonzept geht auch in den klientenzentrierten Ansätzen von einer abhängigen Klient-Therapeut-Beziehung aus. Dem Tanz fehlt oft die 'richtige' Kombination zwischen künstlerischen und Trainingsstandards einerseits und dem persönlichen Verstehen und Sichaneignen andererseits. Den meisten Therapien fehlt das Element der Freude, des Heilen und Intakten, der Stärkung der Selbstheilungs- und Selbstregulationskräfte. Ich möchte in diesem Buch Körpersymbolik und Tanzimprovisation vorstellen; das eine beinhaltet ein erweitertes Therapieverständnis mit Selbstheilung und Selbstregulation, das andere ein Alltagskunstkonzept mit Improvisationstraining und gezielten Aneignungsstrategien für Tanztechniken. Beide zusammen kombinieren Verstehen der Bewegung, individuellen Zugang über die Sinne zum eigenen Körper, Bewegungstraining und kreativen Ausdruck. Der erste theoretische Teil beinhaltet kürzere Kapitel (A bis D), in denen das Verhältnis zwischen Freiheit, Leistung, Kunst, Therapie und Gesundheit dargestellt wird. Dabei werden im ersten Kapitel (A) Methode und Unterrichtsstil von Tanzimprovisation und Körpersymbolik näher beschrieben. Im zweiten Kapitel (B) wird das Verhältnis von Bühnentanz und Alltagskunst diskutiert. Im dritten Kapitel (C) werden die Begründung einer Ausbildung für Tanztheater, Tanzimprovisation und Körpersymbolik und die Unterrichtsforschung auf diesem Gebiet vorgestellt. Das vierte Kapitel (D) erweitert den Begriff der Tanztherapie um neue Verfahren. Sie sind speziell für normal belastbare Menschen konzipiert und stellen Wachstum und Selbstheilung in den Mittelpunkt. Hierfür werden in genau abgestimmten Szenarios Training und Kunst in ein Konzept humanistischer Psychologie integriert. Im zweiten Teil (E), der erstmals in dieser Neuauflage publiziert wird, stelle ich ausführlich die Möglichkeiten dar, die sich aus der Sichtweise einer Verschränkung von psychosomatischen und ästhetischen Kategorien für das persönliche Wachstum und die Selbstheilung ergeben. Dann folgen im Praxisteil (F) 19 Stundenkonzepte, die hauptsächlich Körpersymbolik, aber auch Tanzimprovisation in ihrem praktischen Übungsaufbau und in der psychologischen Bedeutung unter dem Aspekt eines erweiterten Therapiebegriffs der Selbstregulation vorstellen. Technik, Improvisation, Sinnesschulung und persönliche Bedeutung von Bewegung sind dabei als integrierte Einheiten konzipiert. Die 19 Einheiten beziehen sich auf Archetypen, die dem Erleben und Ausdruck zugrunde liegen und sich auch im Atem, in Innen- und Außenräumen, der Haltung und anderen körperlich-seelischen Verhältnissen wiederfinden. Dabei ist dieses Konzept zugleich strukturiert und offen. Der Ausgangspunkt Bewegungsarchetypus ermöglicht eine organische Entwicklung in der Verbindung von Sinnesschulung und Techniken mit der persönlichen Bedeutung, in der leicht individuelle Schwerpunkte gesetzt werden können. Die Übungen jeder Einheit können unterschiedlich gewichtet werden, und es ist möglich, zusätzliche Techniken einzufügen, um stärker in Richtung Technik, Therapie oder Performance zu gehen. So war nicht nur der professionelle Hintergrund der Teilnehmer/-innen in den Ausbildungsgruppen – deren 'Körpersymbolik'-Teil hier dargestellt ist – zwischen Krankengymnastik, Tanztherapie, Kindergarten, Bühnentanz und fachfremden Berufen gespannt. Genauso bunt, unterschiedlich, aber in sich stimmig waren die Schlussfolgerungen für die eigene Praxis, die die Teilnehmer/-innen entwickelten. Daher ist dieses Buch vor allem für Menschen geeignet, die Tanz nicht auf Hochleistungssport, Bühne oder Therapie beschränkt sehen wollen, sondern für die 'Tanzimprovisation' und 'Körpersymbolik' selbstverständlicher Ausdruck und natürliche Grundlage des Lebens mit allen seinen Nuancen und Schattierungen sind. Was in traditionellen Gesellschaften als festgelegte Folklore allen Menschen zugänglich war, kann in unserer modernen Gesellschaft nur improvisiert und damit so individuell wie die unterschiedlichen Lebensentwürfe der Menschen sein. In diesem individualisierten Kontext gibt es aber eine neue Gemeinsamkeit zwischen allen Menschen, in der persönlichen Gestaltung die allgemeinen Lebensgrundlagen – archetypische Muster – zu erkennen, die über weltanschauliche, ethnische oder soziale Grenzen hinweg auf einer tieferen Ebene das eigentlich Menschliche ausmachen. Insofern stellt dieser Ansatz mehr als ein neues Konzept dar. Es hat eine Bedeutung für nicht bewertende Ansätze, die mit körperlich-künstlerisch-persönlicher Arbeit sowohl die individuelle Entwicklung beflügeln als auch Gemeinsamkeiten in der Unterschiedlichkeit sehen und fühlen lassen. Es ist mir wichtig, zu betonen, dass alle diese Arbeit, das Schreiben der Bücher und die inzwischen 30 ein- bis zweijährigen Ausbildungsgruppen, ohne jede öffentliche finanzielle Unterstützung, aber auch ohne dass besondere Werbung nötig gewesen wäre, durchgeführt werden konnten. Ich möchte allen Teilnehmer(inne)n für ihr Engagement, ihre Power und ihre Begeisterung danken. Danken möchte ich auch Professor Krüger vom IFS Göttingen, ohne dessen Unterstützung die in diesem Buch dargestellten Unterrichtsforschungen nicht möglich gewesen wären, und meiner Cousine Irmela und ihrer Familie, in deren Chalet ich die Ruhe für die Ausarbeitung dieses Buches finden konnte. Dieses Buch neu herauszugeben wäre nicht möglich gewesen ohne die idealistische Großzügigkeit dreier Menschen, denen ich hier besonders danken möchte: meiner Partnerin Margit Scherer für die umfassende konzeptionelle Unterstützung, Birgit Kober für das verständnisvolle und hilfreiche Lektorat sowie Vera Hölter für ihre Kreativität beim Design des Umschlags. Vielen Dank!
Praktisch entsteht im Tanzunterricht oft ein Gegensatz zwischen dem Bedürfnis nach Freiheit und freier Improvisation einerseits, Techniktraining und der implizierten Leistungsanforderung andererseits. Ich will mich zuerst mit Techniktraining beschäftigen: Nicht nur stellt es den überwältigenden Anteil aller Laientanzkurse dar, sondern ist Hauptinhalt der professionellen Ausbildungen. Hier existiert ein verblüffender scheinbarer Gegensatz zwischen Leistungsanforderung und Freiheit, Disziplin und persönlichem Wachstum. Die Leistungsanforderung ist tatsächlich so extrem wie im Leistungssport, dem oben paradigmatischer Charakter für unsere Gesellschaft zugesprochen wurde. Die Kombination von massiver persönlicher und körperlicher Konfrontation mit der Weigerung, darüber zu reden, gibt dem Training eine schicksalhafte Qualität. Die Ausbildungen sind autoritär strukturiert, die Inhalte können nicht diskutiert werden. 'Das Interessante hierbei ist' – so Kleinman – 'dass die meisten Tänzer und Choreographen Erfahrungen nicht totreden oder über sie theoretisieren. Von allen Bewegungstrainings ist Tanz dasjenige, welches am meisten fordert. Verlangt wird die beinahe vollständige Unterwerfung unter eine eiserne Disziplin. Und Tanzlehrer sind gemeinhin nicht gerade dafür berühmt, dass der Geist der Demokratie ihre Studios erfüllt.'[4] Für viele Tanzausbildungen gilt, was Schmidt für japanische Kampfsportausbildungen schreibt: 'Blut, Schweiß und Tränen machen ein. Training aus, an dem die Schüler entweder wachsen oder zerbrechen.'[5] In dieser Beschreibung wird die Qualität 'freiwilliger Schicksalhaftigkeit' besonders deutlich. Es gibt somit eine Verabsolutierung von Leistung, wie man sie sonst nur in bestimmten Teilen der Wirtschaft und im Leistungssport findet. Trotzdem kann ich bezüglich der persönlichkeitsbildenden Wirkung Kleinman zustimmen: 'Trotz dieses pädagogisch vollständig ›falschen‹ Unterrichtes ist das Resultat absolut erstaunlich: Aus all diesen Erfahrungen tritt nicht ein Sklave, sondern ein wirklich freier Mensch hervor.'[6] (Zitate wurden vom Autor aus dem Englischen übertragen). Freilich muss man ergänzen, dass dieses 'Wachstum durch massive Konfrontation' bei professionellen Tänzer(inne)n und in jahrelangem Training nach entsprechender Vorauswahl stattfindet. Nur ganz bestimmte Personen, die 'es wissen wollen', wählen einen solchen 'Hardcore'-Weg. Dann bleiben noch einmal viele auf der Strecke, die den Druck nicht aushalten, sich verletzen oder aus anderen Gründen aufgeben. Für den Rest, der die ganze Ausbildung durchhält, kann ich allerdings bestätigen, dass die Kombination körperlich-persönlicher Konfrontation mit ästhetischer Bildung durch Schönheit und Kunst zu Wachstum und Reifung der Persönlichkeit führt. In halbstrukturierten Tiefeninterviews, die ich mit Absolventen von Modern-Dance-, Atem-, Eutonie-, Alexandertechnik- und ähnlichen Körperbildungsschulen in Europa und den USA durchführte, ließ sich eine überdurchschnittliche Frustrationstoleranz, Zufriedenheit sowie psychische Entwicklung zu mehr Ganzheitlichkeit und 'vom Ich zum Selbst' konstatieren.[7] Bei Interviews mit Leistungssportlern gab es einen ähnlichen Effekt von Zufriedenheit und Frustrationstoleranz, es fehlte aber die ganzheitliche persönliche Entwicklung, und nach der Perspektive beim Älterwerden habe ich erst gar nicht gefragt.[8] Dieser Unterschied liegt darin begründet, dass die Konfrontation beim Leistungssport nur auf Leistung und Konkurrenz zielt, während Kunst alle archetypischen Aspekte des menschlichen Wesens in sich trägt. Tanz ist somit von großer potenzieller Bedeutung für die Allgemeinheit, in der normalen professionellen Form allerdings dort nicht anwendbar: Für ein normal belastbares Publikum ist der Weg professionellen Trainings genauso wenig möglich wie die Besteigung eines Achttausenders. Wenn also diese Kombination von massiver Konfrontation durch körperliches Training und Form in Verbindung mit Kunst und persönlicher Gestaltung für die psychische Entwicklung fruchtbar werden soll, müsste eine Methode angewandt werden, die für alle Menschen, die nicht 'leben, um zu tanzen', sondern 'tanzen, um zu leben', also normale Leute, benutzbar ist. 6 Wie können 'normale' Menschen vom Tanztraining profitieren? Meine Methode zielt nun darauf, diese massiv konfrontativen Aspekte so in ein Konzept humanistischer Psychologie einzubinden, dass sie in ihrem Ausmaß kontrollierbar und für ein breiteres Publikum nutzbar werden. Neben der psychologischen Einbettung ist eine spezielle Methodik, Tanztraining mit Empfindungsschulung zu kombinieren, wichtig. Zuerst aber zur psychologischen Einbindung. Für eine Konfrontation im Sinne einer echten Herausforderung durch Energie und Schönheit ist es wichtig, dass der Lehrer die Absolutheit von Form, Kraft und Rhythmus – die Gestalten des Tanzes – verkörpert. Damit nichtprofessionelle Studenten daraus lernen und davon profitieren können, muss der Lehrer außerdem wirklich von innen her an der notwendigerweise eher unbeholfenen Darbietung seiner Schüler und ihrem Weg, ihrer persönlichen – nicht nur tänzerischen – Entwicklung, interessiert sein. Das muss nicht Fürsorge im engeren Sinne von Therapie heißen, sondern einfach Neugier, Humor, Ernstnehmen, menschliches Interesse. Für die Konfrontation mit Schönheit, Wucht und Energie ist es wichtig, 'richtige' komplexe Tanzformen einzuüben. Die Schüler müssen dann aber selbst wählen können, wie exakt sie eine Übung machen wollen, wie massiv sie sich persönlich konfrontieren wollen usw. Die Schüler engagieren sich also, ohne dass der Lehrer 'pushen' müsste, erstaunlich stark und ernsthaft im physischen Training, wagen etwas bei den Performances und lassen sich persönlich tief betreffen. Das bedeutet eine gefühlsmäßige Neuorientierung, kognitive Umstrukturierung und Verhaltenserweiterung, bei der das Tempo der Auflösung alter Muster und Gewohnheiten nur dadurch möglich ist, dass Improvisation und Tanztraining so etwas wie ein allgemeines Gestaltbildungstraining darstellen, die Empfindungsschulung dagegen auf archetypische Formen gründet und dass alles zusammen mit einem entscheidenden Mehr an Energie durch das Training die persönliche Veränderung erleichtert. Für die positive Auswirkung von körperlichem Training und dem Überfluss an Form und Schönheit ist also die Kombination von Konfrontation (die die alten Klischees löst) mit der Akzeptanz des unterschiedlichen Grades an Engagement (der einzelnen Schüler/-innen) entscheidend. Nur so kann sich die Intuition für den Zeitpunkt und die Öffnung der Wahrnehmung für Neues – das durch das Training machtvoll drängt – entfalten und so die persönliche Entwicklung individuell regulieren. Tanztraining und Empfindungsschulung können somit in ihren konfrontativen Aspekten so unterrichtet werden, dass sie eine sinnvolle Herausforderung und eine Anregung zum Wachstum darstellen. Es gibt aber noch ein anderes Problem, das in den Eigenarten des Erlernens von Tanz und Empfindungsschulung begründet ist.
VorwortEs gibt immer mehr Menschen, die tanzen, und ein immer größerer Teil von uns nutzt Therapien.Tanz war früher entweder Volkstanz und wurde innerhalb einer ethnischen Gruppe weitergegeben oder er wurde als Bühnentanztechnik erlernt. Psychotherapie wurde von einer relativ kleinen Gruppe mit eher speziellen Symptomen in Anspruch genommen.Heute werden sowohl nicht der traditionellen Folklore zugehörige Tanztechniken als auch unterschiedlichste Psychotherapien massenhaft genutzt. Das Ziel beim Tanzunterricht ist dabei nicht die Bühne, und die Symptome der Therapiesuchenden sind oft eher typisch für das moderne Leben allgemein, als dass sie Ausdruck besonderer Störungen wären.Im Unterschied zu früher sind heute sehr viele Menschen in Tanz und Therapie engagiert. Es geht ihnen überwiegend um Selbstverwirklichung, Freizeit, Spaß, Selbsterkenntnis, den Versuch, Körper und Seele zusammenzubringen.Techniken und Theorien sind aber nicht unbedingt auf dem Stand der Zeit. Eher dominieren intuitive Spontananpassungen. Nach wie vor sind die eigentlichen Tanztechniken trotz New Dance und Contact genuine Bühnentanztechniken für Profis, und das Therapiekonzept geht auch in den klientenzentrierten Ansätzen von einer abhängigen Klient-Therapeut-Beziehung aus.Dem Tanz fehlt oft die 'richtige' Kombination zwischen künstlerischen und Trainingsstandards einerseits und dem persönlichen Verstehen und Sichaneignen andererseits. Den meisten Therapien fehlt das Element der Freude, des Heilen und Intakten, der Stärkung der Selbstheilungs- und Selbstregulationskräfte.Ich möchte in diesem Buch Körpersymbolik und Tanzimprovisation vorstellen; das eine beinhaltet ein erweitertes Therapieverständnis mit Selbstheilung und Selbstregulation, das andere ein Alltagskunstkonzept mit Improvisationstraining und gezielten Aneignungsstrategien für Tanztechniken. Beide zusammen kombinieren Verstehen der Bewegung, individuellen Zugang über die Sinne zum eigenen Körper, Bewegungstraining und kreativen Ausdruck.Der erste theoretische Teil beinhaltet kürzere Kapitel (A bis D), in denen das Verhältnis zwischen Freiheit, Leistung, Kunst, Therapie und Gesundheit dargestellt wird.Dabei werden im ersten Kapitel (A) Methode und Unterrichtsstil von Tanzimprovisation und Körpersymbolik näher beschrieben.Im zweiten Kapitel (B) wird das Verhältnis von Bühnentanz und Alltagskunst diskutiert.Im dritten Kapitel (C) werden die Begründung einer Ausbildung für Tanztheater, Tanzimprovisation und Körpersymbolik und die Unterrichtsforschung auf diesem Gebiet vorgestellt.Das vierte Kapitel (D) erweitert den Begriff der Tanztherapie um neue Verfahren. Sie sind speziell für normal belastbare Menschen konzipiert und stellen Wachstum und Selbstheilung in den Mittelpunkt. Hierfür werden in genau abgestimmten Szenarios Training und Kunst in ein Konzept humanistischer Psychologie integriert.Im zweiten Teil (E), der erstmals in dieser Neuauflage publiziert wird, stelle ich ausführlich die Möglichkeiten dar, die sich aus der Sichtweise einer Verschränkung von psychosomatischen und ästhetischen Kategorien für das persönliche Wachstum und die Selbstheilung ergeben. Dann folgen im Praxisteil (F) 19 Stundenkonzepte, die hauptsächlich Körpersymbolik, aber auch Tanzimprovisation in ihrem praktischen Übungsaufbau und in der psychologischen Bedeutung unter dem Aspekt eines erweiterten Therapiebegriffs der Selbstregulation vorstellen. Technik, Improvisation, Sinnesschulung und persönliche Bedeutung von Bewegung sind dabei als integrierte Einheiten konzipiert. Die 19 Einheiten beziehen sich auf Archetypen, die dem Erleben und Ausdruck zugrunde liegen und sich auch im Atem, in Innen- und Außenräumen, der Haltung und anderen körperlich-seelischen Verhältnissen wiederfinden. Dabei ist dieses Konzept zugleich strukturiert und offen. Der Ausgangspunkt Bewegungsarchetypus ermöglicht eine organische Entwicklung in der Verbindung von Sinnesschulung und Techniken mit der persönlichen Bedeutung, i
| Erscheint lt. Verlag | 28.6.2010 |
|---|---|
| Mitarbeit |
Cover Design: Vera Hölter Anpassung von: Birgit Kober Sonstige Mitarbeit: Margit Scherer |
| Sprache | deutsch |
| Maße | 1400 x 2100 mm |
| Gewicht | 300 g |
| Einbandart | gebunden |
| Themenwelt | Kunst / Musik / Theater ► Theater / Ballett |
| Schlagworte | Ausdruckstanz • Persönlichkeitsentwicklung • Psychologie • Selbstverwirklichung • Tanz • Tanzpädagogik • Tanztherapie |
| ISBN-10 | 3-00-031150-5 / 3000311505 |
| ISBN-13 | 978-3-00-031150-5 / 9783000311505 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
aus dem Bereich