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Galilei der Künstler

Der Mond. Die Sonne. Die Hand.

(Autor)

Buch | Hardcover
X, 517 Seiten
2009 | 2., korr. Aufl.
De Gruyter (Verlag)
978-3-05-004617-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Galilei der Künstler - Horst Bredekamp
CHF 104,90 inkl. MwSt
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In seiner kleinen, aber einflussreichen Schrift Galileo as a Critic of the Arts von 1954 hat Erwin Panofsky die künstlerischen Vorlieben Galileis mit dessen Vorstellung von Raum, Licht und Kosmos verbunden. Horst Bredekamp, Kunsthistoriker der Humboldt-Universität und Permanent Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin, knüpft an diese Studie an, um Galilei jedoch nicht allein als Kunstkritiker, sondern als einen ausgebildeten Künstler zu rekonstruieren, der die Kunst des Zeichnens als ein Instrument seiner Forschungen zu nutzen verstand. Viele Gelegenheitsskizzen, vor allem aber Galileis durch das Teleskop gewonnenen Mond- und Sonnenzeichnungen offenbaren, daß der Stil der Darstellungen über den Sinn des Dargestellten entschied.Erstmals werden in diesem Buch Galileis direkt überlieferte oder nur mittelbar gesicherte Zeichnungen des Mondes zusammengestellt und in eine neu rekonstruierte Abfolge gebracht. Ein spektakuläres Novum bietet zudem die Veröffentlichung der neuentdeckten Vorzeichnungen für die Monde des Sidereus Nuncius von 1610. Schließlich wird erstmals die von 1611 bis 1613 sich hinziehende Auseinandersetzung um das angemessene Verständnis der Sonnenflecken in Form von weit über zweihundert Zeichnungen und Stichen in chronologischer Abfolge dokumentiert. Damit ist der transalpine Zweikampf zwischen dem deutschen Jesuiten Christoph Scheiner und Galilei, der durch seinen Malerfreund Lodovico Cigoli unterstützt wurde, Tag für Tag wie in einem Film erkennbar.Mit diesem Buch beendet Bredekamp nach seinen Versuchen zum Leviathan von Thomas Hobbes (1999) und zum Fenster der Monade von Gottfried Wilhelm Leibniz (2003) seine Trias zum Bildverständnis tragender Gestalten der frühen Neuzeit. Ein beispielloses, so materialgesättigtes wie theoretisch geschärftes Werk zur Kunst-, Wissenschafts- und Philosophiegeschichte ist damit abgeschlossen.

Horst Bredekamp, Jahrgang 1947, ist Professor für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg, seit 1993 an der Berliner Humboldt-Universität und seit 2003 Permanent Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Er war Fellow des Institute of Advanced Study in Princeton, des Wissenschaftskollegs in Berlin, des Getty Center in Los Angeles und des Collegiums Budapest. Er wurde 2000 mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet.

1;Inhaltsverzeichnis;6
2;Vorwort zur zweiten Auflage;10
3;I. Einleitung: Galileis Hand;14
4;II. Galilei als "Neuer Michelangelo";24
5;III. Künstlerische Evidenz als Kulturkritik;36
6;IV. Der Mond um 1600;94
7;V. Die Monde des Sidereus Nuncius ;112
8;VI. Die Florentiner Zeichnungen;142
9;VII. Die Zeichnungen des Sidereus Nuncius ML;160
10;VIII. Die Herstellung des Sidereus Nuncius;188
11;IX. Stilformen der Sonnenflecken;228
12;X. Reflexion und Förderung der Malerei;294
13;XI. Kunst als wahre Philosophie;330
14;XII. Schluss: Der Stil der Erkenntnis;348
15;Anhang;354

I Einleitung: Galileis Hand (S. 3)

1. Die Stadtskizze

Band 50 der in der Biblioteca Nazionale Centrale in Florenz bewahrten Galileiana enthält Berechnungen zu den umlaufbahnen der Jupitermonde, die galilei zwischen 1610 und 1613 angestellt hat. Die Kalkulationen sind mit einer kraftvollen, braunen Tinte eingetragen, die immer wieder durch die Seite schlägt und an Stellen besonders starker Einwirkung das Papier perforiert (Abb. 2). Knapp unterhalb der Mitte ist ein Klebestreifen angeheftet worden, um das von der rückseite her durchschlagende gebilde zu fixieren.

Nach dem umblättern überrascht eine Anlage, die mit derselben Feder und derselben tinte wie die Zahlen und Diagramme gezeichnet wurde (Abb.3). sie zeigt eine von hohen Mauern umgebene stadt, die mit einer höher gelegenen Burg durch einen laufgang verbunden ist.

Derartige Anlagen gehören zum standard mittelgroßer italienischer Bergstädte, wie sie etwa soriano in der nähe Viterbos aufweist. Bei näherer Betrachtung wird jedoch augenfällig, daß die Darstellung der stadt kaum als Vedute gemeint gewesen sein kann (Abb. 4).

In ihrem Inneren zeigen sich gebilde, die weniger an Häuser als vielmehr an flache, gegeneinander geschobene riesenscheiben erinnern. Da weder Dächer noch Fenster oder tore zu erkennen sind, bestehen sämtliche elemente dieser Anlage aus flachen, vom sonnenlicht hell beschienenen oder verschatteten Flächen.

Zeitgenössische Anregungen, wie sie etwa luca cambiasos stereometrische gebilde repräsentieren, die noch jedes Auge der Moderne verblüfft haben, werden auf galilei ebenso gewirkt haben wie entwürfe der Militärarchitektur. Wäre die Herkunft dieser Anlage nicht bekannt, könnte an frühe kubistische Architekturentwürfe gedacht werden.

Die Federzeichnung hat zunächst nichts mit den sie umgebenden Zahlen, rubriken und Diagrammen zur Berechnung der Jupitertrabanten zu tun, aber sie gehört doch in jenen Zusammenhang, in dem Galilei um 1610 im rahmen der Beobachtung der Mondoberfläche und der in der Sonne auftretenden Flecken unentwegt über die effekte von licht und schatten und deren Wirkungen auf die Plastizität von Körpern nachdachte.
So hat er auf einem weiteren Blatt der Jupiter-Kalkulationen mit derselben Feder einen gedehnten Krater des Mondes in drei Zeichnungen auf das Papier gebracht, die ebenfalls dem Problem gewidmet sind, wie sich aus licht und schatten die Höhenverhältnisse ergeben (Abb.5).

Das obere gebilde zeigt den ovalen Krater aus einer schräg ansetzenden Vogelsicht, während das mittlere allein den rechten rand in großaufnahme wiedergibt. Darunter folgt schließlich der Blick auf den gesamten Krater aus einer flacheren Perspektive, die dessen längliche Form stärker zu einem Kreis zusammenfügt.

Darin, daß er seine tiefe durch den Kontrast von Hell und Dunkel konzentriert zu erkennen gibt, kommt er dem Prinzip der stadtanlage besonders nahe. Während der Berechnungen der Jupitermonde sind galileis gedanken auf die raumbildenden effekte von licht und schatten gesprungen.

Seine stufenförmige Stadtanlage zeigt, wie durch deren Wechselspiel eine plastische Tiefe zu illusionieren war. Gegenüber den Rundungen des Kraters, für den Galilei Parallel-, Diagonal- und Kreuzlinien verwendete, hat er zur charakterisierung dieser rechtwinkeligen Anlage Vertikal- oder Horizontalparallelen genutzt, die lediglich an der rechten Mauer der oberen Burg abknicken, um strebepfeiler anzudeuten.

In der Sicherheit, in der diese aus licht und schatten gebildete stadtanlage stereometrisch konstruiert ist, begegnet dem Betrachter derselbe Galilei, der in diesem Moment die Kosmologie revolutionierte. Derartige effekte bildeten den Auslöser für den folgenden Versuch.

Zusatzinfo 20 schw.-w. u. 704 farb. Abb.
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Maße 170 x 240 mm
Gewicht 1440 g
Einbandart gebunden
Themenwelt Kunst / Musik / Theater Kunstgeschichte / Kunststile
Schlagworte Galilei, Galileo • Himmelskörper • Kunstgeschichte • Künstler • Zeichnung
ISBN-10 3-05-004617-1 / 3050046171
ISBN-13 978-3-05-004617-4 / 9783050046174
Zustand Neuware
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