Seldas Haus (eBook)
234 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-7493-5 (ISBN)
Larissa von Buchwaldt arbeitet als Autorin und Jin Shin Jyutsu Praktikerin für Kinder. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hamburg. Post von Pola ist der erste Band der Kinderbuch-Trilogie SELDAS HAUS und das Debüt der Autorin. Band 2: Geister in Plönau erscheint 09/25 ebenfalls bei BoD. Band 3 soll pünktlich zu Weihnachten im Oktober 2026 erscheinen.
1
DER GEIST
Selda begegnete Adam das erste Mal an einem Sonntagnachmittag im Oktober.
Während sie in ihrem Zimmer, hoch oben im Turm der alten Villa, an ihrem Schreibtisch zeichnete, fühlte sie sich plötzlich beobachtet. Jetzt bloß keine ruckartigen Bewegungen, dachte Selda, denn in den vergangenen Monaten hatte sie gelernt, ihren Ahnungen zu vertrauen.
Zu ihrer Überraschung stand neben ihrem Bett ein schlaksiger Junge, der sie aus dunklen Augen unsicher anblickte.
Ruhig, Selda, bleib jetzt ganz ruhig! Obwohl ihr Herz raste, widerstand sie dem Impuls, laut zu schreien.
Warum bewegt er sich nicht? Wie ist er hier hineingekommen?
Seldas Gedanken überschlugen sich. Seine blasse Gesichtsfarbe und sein langes braunes Haar, das er zu einem kleinen Zopf geflochten hatte, fielen ihr ins Auge. Er sieht anders aus als die Jungs in der Schule.
Um den Hals trug der Junge, das konnte Selda gut erkennen, eine silberne Kette. Sein helles Leinenhemd hing unordentlich aus seiner verschlissenen, aus grobem Stoff genähten Hose. Selda schätzte, dass er so alt war wie ihr Bruder Onno, also 13 Jahre.
„Wer bist du?“
Der Junge bewegte sich nicht.
„Darf ich näherkommen?“ Selda sprach leise, da sie spürte, dass er genauso überrascht war wie sie selbst.
Vielleicht versteht er mich gar nicht? Ihr fiel auf, dass der Junge keine Schuhe trug. Ob ich ihn deshalb nicht gehört habe?
„Wie bist du hier hereingekommen?“
Erneut bekam Selda keine Antwort. Höre ich sein Herz schlagen? Höre ich ihn atmen? Höre ich überhaupt irgendein Geräusch, das von ihm ausgeht?
„Ich heiße Selda und ich lebe hier seit ein paar Monaten. Wenn du Angst hast, kann ich dich beruhigen – ich bin nett.“
Der Junge lächelte und deutete eine kleine Verbeugung an. Selda kam das altmodisch vor. Sie unterdrückte ein Kichern und bevor sie es sich versah, verschwand er vollkommen geräuschlos mit einem einzigen Schritt in dem großen Bild, das Pola, Seldas verstorbene Großmutter und Vorbesitzerin der alten Villa, zu Lebzeiten an die riesige Wand des Ateliers gemalt hatte.
* * *
„Dort hat er gestanden und mich angesehen und dann ist er einfach in dem Bild verschwunden.“
Aufgeregt berichtete Selda ihren älteren Brüdern Hans und Onno, aber auch Coco, die nach sieben langen Wochen endlich wieder in Plönau zu Besuch war, was sie soeben erlebt hatte.
Der junge Rüde Kitzky, den die Geschwister in den Sommerferien von ihren Eltern Max und Ellie geschenkt bekommen hatten, lag mit ausgestreckten Pfoten exakt an der Stelle, an der der Junge soeben verschwunden war.
„Ich bin sicher, dass ich einen Geist gesehen habe! Ich kann es mir anders nicht erklären.“
Selda blickte ihren Brüdern fest ins Gesicht. Sie ahnte, dass diese Neuigkeit zumindest bei Hans auf Widerstand stoßen würde.
„So ein Quatsch, Selda! Glaubst du langsam selbst den Unsinn, den Vivi überall verbreitet?“ Hans wollte von Geistern und Spuk im Haus nichts wissen.
Dass Seldas Mitschülerinnen ein Gerücht nach dem anderen verbreiteten und deshalb die halbe Schule der Meinung war, die drei Maret-Geschwister würden in einem Geisterhaus wohnen, nervte ihn seit dem ersten Schultag.
„Ich habe mir das nicht eingebildet! Dieser Junge stand plötzlich in meinem Zimmer und ist dann in der Wand verschwunden! Versteht ihr, was das bedeutet?“
Selda zeigte auf Polas Wandgemälde.
„Ich konnte sehen, wie er hier auf der Lichtung am Waldrand entlanggelaufen und irgendwann im Unterholz der Bäume, gleich hinter der Bank, verschwunden ist! Es war wie im Sommer, das Wandbild hat sich verändert.“
Onno und Coco waren über die erstaunliche Geschichte, die Selda ihnen da auftischte, nicht sonderlich verwundert, denn seitdem sie im vergangenen Juli in das alte Haus in Plönau gezogen waren, hatte Selda ihre feinen Sinne weiterentwickelt.
„Ich weiß ja, dass du Dinge siehst, die wir nicht sehen können, Selda. Aber jetzt auch noch Geister? Da glaube ich nicht dran.“
„Ich will ja selbst nicht, dass der Junge ein Geist gewesen ist! Dann hätte diese blöde Vivi recht und es würde hier spuken! Und vielleicht stimmt dann auch“, fuhr sie verzweifelt fort, „dass unsere Großmutter keine unglückliche, stumme Frau gewesen ist, sondern einfach nur total durchgeknallt!“
Es war Selda ernst, denn die ersten sechs Wochen in der neuen Schule hatten ihr zugesetzt. Alles wollte sie sein, nur nicht die Enkelin einer Geisteroma.
„Was, wenn Pola in den dreißig Jahren, die sie hier allein gelebt hat, mit niemandem gesprochen hat, weil sie in ihrem Haus stets in bester Gesellschaft gewesen ist? Was, wenn das Haus voller Gespenster ist und wir es einfach noch nicht bemerkt haben?“
Coco verstand ihre Freundin. „Selda, hör mir jetzt bitte mal zu! Ich glaube auch nicht an diese Geistergeschichte. Ich glaube überhaupt nicht an Geister. Vielleicht hast du eben auf dem Wandbild – wie schon im Sommer – nur gesehen, was jetzt gerade auf der Lichtung im Wald passiert und er ist nicht hier, sondern dort! Vielleicht ist er ein ganz normaler Junge, der sich im Wald herumtreibt?“
„Genau! Das ist es, Coco! Er hat sich verlaufen.“ Onno sah erleichtert aus. Sie wollen alle nicht, dass der Junge ein Geist ist. Ich will es nicht und sie wollen es auch nicht. Niemand will, dass es hier spukt.
„Da ist es wieder! Das Bild verändert sich.“
Es ist wie im Sommer! Ich sehe alles wie in einem Film vor mir, dachte Selda und ging ganz nah an das Bild heran.
Hans, Onno und Coco wussten nur zu gut, dass Selda jetzt nicht aufgeschreckt werden durfte. Leise flüsterte sie:
„Im Unterholz bewegt sich etwas und ich höre ihn.“
„Hilf mir! Ich habe nicht viel Zeit!“, rief eine Stimme aus der Ferne. Ist das der Junge? Ruft er mich wirklich?
Selda legte ihr Ohr auf das Wandbild. Vor ihrem inneren Auge zog Nebel auf. Sie befand sich jetzt im Wald und sah, wie er einen kleinen Pfad entlanglief. Selda konnte ihn nicht rufen, denn was sie sah, war nur in ihrem Kopf, ausgelöst durch die Stimme, die sie gehört hatte. Der Junge lief schnell. Er war an Rosamundes Lichtung angekommen und dort, im Schein des hellen Mondes, sah Selda zwei Gestalten, die ihm Zeichen gaben. Der geheimnisvolle Junge drehte sich nach Selda um, lächelte sie freundlich an und sagte erneut: „Ich brauche deine Hilfe. Ich habe keine Zeit mehr.“
Geht es wieder los? Ist das Wandbild wieder ein Wegweiser für etwas, das nur ich wahrnehme?
„Habt ihr auch etwas gehört?“ Selda sah in die gespannten Gesichter der anderen.
„Nein! Was sollten wir gehört haben?“, fragte Onno.
„Ich war eben auf der Lichtung! Ich habe es nicht nur gesehen, ich habe es gefühlt und gehört. Es war so, als ob ich wirklich dort gewesen wäre!“ Selda berichtete kurz, was sie gesehen hatte, so wie wenn man einen Traum erzählt.
„Warte! Du hast vorhin einen Geist in deinem Zimmer gesehen und jetzt bist du plötzlich nicht mehr nur Beobachterin, sondern auch selbst im Bild gewesen?“
„Ja, so ist es gewesen.“ Selda war dankbar, dass Coco die Geschehnisse noch einmal zusammenfasste.
„Was haben die anderen Gestalten auf der Lichtung zu bedeuten? Konntest du ihre Gesichter erkennen?“ Onno sah seine jüngere Schwester gespannt an.
„Nein. Ich habe nur ihre Umrisse gesehen. Sie standen gemeinsam auf der Lichtung im Mondlicht und winkten den Jungen zu sich.“
„Was würde es für uns bedeuten, wenn du wirklich einen Geist gesehen hast? Und was bedeutet es für Rosamunde, wenn sich Geister auf ihrer Lichtung herumtreiben?“ Hans ergänzte genervt: „Habe ich irgendwie keinen Bock drauf.“
„Was soll das denn jetzt heißen, Hans?“ Seldas Stimmung veränderte sich schlagartig.
„Es soll heißen, dass ich keine Lust habe, dass es hier spukt. Ich will ein normales Leben in diesem Haus, in diesem Kaff und in dieser neuen Schule.“
„Warum flippst du denn jetzt so aus?“
„Ach, ist doch egal. Die Schule nervt. Keiner will wirklich etwas mit uns zu tun haben. Am liebsten würde ich mit Coco zurück in die Stadt und in meine alte Klasse gehen. Das Landleben kotzt mich allmählich richtig an. Sorry, nicht mein Tag.“
„Trotzdem kein Grund, dich hier so aufzuspielen. Dann glaub’s halt nicht.“ Selda hatte wenig Verständnis für den Wutausbruch ihres Bruders und setzte sich beleidigt auf ihr Bett.
„Ich verstehe dich, Hans! Was bei euch in der Schule los ist, ist echt übel. Ich will auch nicht, dass Selda einen Geist gesehen hat. Es wäre seltsam. Und vielleicht auch gruselig“, schaltete Coco sich ein.
Gerade als Selda sagen wollte, dass die anderen in der Schule ihr vollkommen egal waren und dass es doch jetzt darum ging, mehr über Pola, den Geist und das Haus herauszufinden,...
| Erscheint lt. Verlag | 13.11.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch |
| ISBN-10 | 3-6951-7493-5 / 3695174935 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-7493-5 / 9783695174935 |
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