Diana Blackwing (eBook)
374 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-2927-0 (ISBN)
I
Der Tag, der alles änderte
Mit einem genervten Seufzer schlug Diana auf ihren altmodischen Wecker, der sie jeden Tag pünktlich und laut aus ihrem Schlaf riss, damit sie nicht den Ablauf ihrer Routine verpasste.
Müde streckte sie sich und schaute auf die Uhr. »Ja, überdeutlich wie immer, mein treuer Wecker«, meinte sie leise, stellte ihren alten Wecker wieder auf den Nachttisch, sprang dann rasch unter die Dusche, zog sich schwarze Jeans, eine rote Bluse und rote Turnschuhe an und bereitete ihr Frühstück zu.
Wie immer war sie dabei alleine; sowohl ihr Vater als auch ihr kleiner Bruder Lucias standen immer erst etwas später auf; im Gegensatz zu ihr waren sie nicht so begeistert davon, das gemütliche Bett früher als nötig zu verlassen, nur um am Ende früher fertig zu sein.
Doch das war ihr nur recht. Sie bevorzugte die Ruhe am frühen Morgen und die dadurch resultierende Möglichkeit, entspannt und ohne große Fragerei in den Tag zu starten.
Nachdem sie auch den Rest ihrer Morgenroutine, bestehend aus Gesichtspflege, ihre lange, glatte schwarze Haarmähne zähmen und Schultasche ein letztes Mal überprüfen, in exakt derselben Reihenfolge und zu den exakt selben Zeiten wie immer erledigt hatte, saß sie noch eine Weile auf meinem Bett und starrte auf das Display ihres Smartphones.
Anders als die meisten Teenager in ihrem Alter beschäftigte sich die für ihr Alter recht große Teenagerin auch auf dem Handy kaum mit anderen Menschen; die Anzahl ihrer persönlichen Kontakte konnte man an zehn Fingern abzählen. Sie verbrachte ihre freie Zeit lieber damit, ihre Lieblingsbücher immer wieder zu lesen.
»Die Realität ist einfach nur viel zu langweilig, als dass ich es ohne Bücher lange aushalten würde«, sagte sie zu sich selbst, während sie sich für eines der Bücher in ihrem Speicher entschied und an der Stelle weiter zu lesen begann, an der sie gestern Abend aufgehört hatte.
»Ich kann schon verstehen, warum es Leute wie mich gibt, die sich wünschen, einmal der Held in solch einem Abenteuer zu sein«, überlegte sie weiter, während ihre Augen Wort für Wort lasen; es war die Geschichte einer Gruppe Jugendlicher in der Zeit des 17. Jahrhunderts, die eine alte Schatzkarte fanden und sich auf die Suche nach eben jenem Schatz machten.
»Auch wenn man damit nicht das Rad neu erfindet, sind solche Geschichten immer wieder schön«, meinte sie nachdenklich. »Nur leider unterschätzen die meisten Leute auch die Gefahren, die von einem solchen Abenteuer ausgehen; so spannend es auch klingt, es gibt genug Beispiele, die belegen, dass so etwas auch immer mit Schmerz, Verlust und Trauer verbunden ist; Freunde werden verletzt oder sterben; Siege werden nur unter großem Risiko und dem Einsatz des eigenen Lebens errungen und haben oft einen bitteren Beigeschmack …«
Sie unterbrach sich beim Lesen, legte sich auf ihr Bett und starrte an die Decke. Wie oft hatte sie sich seit frühester Kindheit schon in ihren Tagträumen ausgemalt, wie es wäre, wenn sie so eine Heldin sein könnte. Eine furchtlose Kämpferin, die sich der Gefahr entgegenwarf und das Leben der anderen ohne zu überlegen über ihr eigenes stellte.
Kurz schüttelte sie den Kopf. »Ich weiß sehr gut, dass so etwas niemals Realität werden wird; dazu müssten erst einmal die ganzen erfundenen Dinge aus Büchern echt sein, zum Beispiel Magie, andere übernatürliche Dinge oder Drachen …«
Und doch kam sie nicht umhin, sich immer wieder vor ihrem geistigen Auge vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn sie selbst das Schwert schwingen, gegen Schurken kämpfen oder an der Seite von übernatürlichen Wesen die Welt aus einem Blickwinkel betrachten könnte, der für normale Menschen vollkommen unmöglich zu sehen war.
Doch auch sie war nur ein Mensch wie jeder andere, in einer Welt, in der all die fantastischen Dinge, die sie liebte, nur in der Fantasie existierten.
Als sie dann aber aus dem Augenwinkel die Zeitangabe auf dem Wecker sah, schreckte sie kurz auf. Schon 7:15 Uhr; sie war fast zu spät dran! »Jetzt aber nichts wie los«, sagte sie, sprang von ihrem Bett auf, zog sich ihre schwarze Lederjacke an, schwang sich den Rucksack über die Schultern und ging ohne eine Verabschiedung an ihre Familie aus dem Haus; sie wusste nur zu gut, wie ungern ihre Verwandten vorzeitig geweckt wurden.
Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, setzte sie als Erstes ihre Sonnenbrille und ihre Kopfhörer auf; diese beiden Dinge waren ihre wichtigsten Hilfsmittel, wann immer sie in die Öffentlichkeit ging. Sie ertrug weder grelles Licht noch laute Geräusche, weshalb sie penibel auf ihre Sicherheitsmaßnahmen achtete, auch wenn sie deshalb von manch einem schon als Vampir bezeichnet worden war.
Als sie schließlich wie immer fünf Minuten zu früh an der Bushaltestelle stand und auf ihren Bus wartete, der sie zur Schule bringen würde, ließ sie ihren Blick schweifen und beobachtete die Leute, die um sie herum durchs Leben gingen.
Es waren wie immer alle möglichen Menschen: Männer und Frauen in Geschäftskleidung auf dem Weg ins Büro, Schülerinnen und Schüler, die in angeregte Gespräche vertieft waren, Eltern mit ihren Kleinkindern, die sich zur städtischen Vorschule begaben und noch viele andere.
In solchen Momenten war sie froh, sich mit der Musik ihrer Kopfhörer gegen die vielen nervigen Geräusche abschirmen zu können. Die Kulisse wäre früher oder später einfach zu viel für sie; mit ihrer geliebten Rockmusik hingegen konnte sie selbst im Angesicht schreiender Kinder die Ruhe bewahren.
Endlich kam ihr Bus; rasch stieg sie ein und suchte sich einen freien Platz, von wo aus sie sofort den Blick aus dem Fenster richtete und beobachtete, wie die Straßen, Häuser und Menschen an ihnen vorbeifuhren, als der Bus weiterfuhr. »Also, für den Physiktest habe ich gelernt, die Hausaufgaben in Englisch sind erledigt, ebenso wie der Aufsatz in Geschichte«, zählte Diana in Gedanken auf und drehte die Lautstärke ihrer Musik noch etwas höher, um dem steigenden Geräuschpegel im Bus entgegenzuwirken.
Sie war jetzt nur noch eine Station von ihrer Schule entfernt, und obwohl sie sich sicher war, dass sie alle Aufgaben für den heutigen Schultag erledigt hatte, beschlich sie ein Gefühl der Unsicherheit. Sie konnte nicht genau beschreiben, was es war, doch irgendeine innere Stimme sagte ihr, dass sie irgendetwas vergessen oder falsch gemacht hatte, ein Gefühl, das ihr fast schon ermüdend bekannt war.
Als der Bus schließlich an ihrer Haltestelle stoppte und sie ausstieg, wurde das Gefühl in ihr noch stärker, etwas vergessen zu haben, stärker als normalerweise. Dabei hatte sie extra mehrmals überprüft, dass sie auch ja an alles gedacht hatte, also konnte es einfach nicht daran liegen.
Noch immer tief in ihre Gedanken versunken, trat Diana nun durch das Tor der Highschool, die sie besuchte, wobei sie sorgfältig den anderen Schülerinnen und Schülern auswich, um jedweden körperlichen Kontakt zu vermeiden.
Doch auf einmal geschah etwas Seltsames: ihre Kopfhörer hörten plötzlich auf, den aktuellen Song zu spielen, obwohl dieser noch gar nicht vorbei war.
»Was soll das denn jetzt?«, fragte sie sich verwirrt. »Ich hab die doch gerade erst wieder aufgeladen.« Sie nahm ihre Kopfhörer für einen Moment ab und musste sich im Angesicht der vielen Geräusche, die bisher unterdrückt wurden und nun wieder mit voller Kraft auf sie niederprasselten, für einen Moment wieder sammeln.
Doch die Kopfhörer waren nach wie vor vollkommen funktionsfähig und der Akku bei nahezu hundert Prozent. Sie hatten sich auch nicht einfach ausgeschaltet.
»Diana ...«, erklang in diesem Moment eine seltsame Stimme, die sie wie von der Tarantel gestochen zusammenzucken ließ. Hektisch sah sie sich in alle Richtungen um; doch scheinbar hatte sie niemand angesprochen.
»Diana …«, hörte sie dann die Stimme erneut, diesmal etwas lauter. Erneut blickte sie in alle Richtungen, aber es war immer noch niemand da, der sie ansah oder auf sie zeigte.
»Bilde ich mir jetzt schon Sachen ein?«, fragte sie sich selbst verwirrt, während sie vorsichtig ein paar Schritte ging und sich die Kopfhörer um den Hals legte. Zur Sicherheit sah sie sich noch ein drittes und ein viertes Mal um, aber nichts.
Darum entschied sie sich dazu, sich schnell auf den Weg in ihr Klassenzimmer zu machen, obwohl sie wie immer etwa zwanzig Minuten zu früh dran war. Das hatte jedoch den angenehmen Vorteil, dass sie eine Weile Ruhe und Frieden in dem fast leeren Klassenraum genießen konnte, ehe ihre Mitschüler das Zimmer betreten und der Unterricht beginnen würde.
Also setzte Diana sich an ihren Platz in der hintersten Reihe, nahm die Materialien für den heutigen Geschichtsunterricht heraus und setzte noch einmal ihre Kopfhörer auf, die nun auch wieder Musik spielten, als wäre niemals etwas gewesen.
»Vielleicht sollte ich die Dinger mal überprüfen lassen; sie sind ja...
| Erscheint lt. Verlag | 9.10.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Diana Blackwing |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch |
| Schlagworte | action • Fantasy • lgbtqia+ • Mystisch • Übernatürlich |
| ISBN-10 | 3-6951-2927-1 / 3695129271 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-2927-0 / 9783695129270 |
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