Sophie und die magische Puppe (eBook)
208 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-4856-1 (ISBN)
Christian Vau schreibt Kinder- und Jugendbücher mit einem Hauch von Magie. Als Sammler historischer Charakterpuppen kennt er die Geschichten, die im alten Porzellan und feinen Stoffen stecken - Erinnerungen, die weitergetragen werden möchten. Aus dieser Leidenschaft entstand die Sophie-Reihe: moderne Abenteuer, behutsam recherchiert, poetisch erzählt und geeignet zum Selberlesen ab 9 Jahren ebenso wie zum Vorlesen. Der Auftakt Sophie und die magische Puppe lädt ein in eine Welt aus Freundschaft, Mut und geheimen Spuren - eine Geschichte, die Kinder wie Erwachsene gleichermaßen verzaubert.
1. Kapitel – Die Puppe Gretchen
Schon am Morgen wusste Sophie: Heute würde etwas anders sein.
Nicht nur, weil sie zehn wurde. Nicht nur, weil Geburtstag war.
Sondern weil beim Aufwachen ein fremder Duft im Zimmer lag – ein Hauch von Lavendel, den es zu Hause nie gab, und ein seltsam feines Kitzeln am rechten Ohr. Dazu mischte sich der schwache Geruch nach frisch geschliffenem Holz, als hätte jemand in der Nacht etwas gebaut. Als sie aus dem Fenster sah, schien der Himmel heller als sonst. Sogar Minna, ihre Katze, saß reglos am Fenstersims und blinzelte ins Licht, als warte sie auf einen geheimen Gast.
Sophie war aufgeregt, aber in ihrem Bauch flatterte auch ein leiser Zweifel, als hätte sich ein unsichtbares Versprechen über den Tag gelegt. Sie wusste nicht, warum.
Sie freute sich am meisten darauf, den Nachmittag bei Oma Mathilde zu verbringen. Denn wenn jemand wusste, wie man einen Geburtstag besonders machte, dann ihre schrullige, warmherzige Großmutter – in deren Haus Geschichten lebendig wurden. Sophies Freundin Mia und einige andere hatten ihr bereits per Textnachrichten gratuliert. Mit Mia hatte sie sogar etwas länger geschrieben, aber der Drang, Oma zu besuchen, war einfach zu groß.
Sie hatte sich hastig die Lieblingsjacke übergeworfen, ein paar Bissen vom Frühstückstoast genommen und sich währenddessen fast die Socken falsch herum angezogen.
„Haare!“, hatte Mama Julia noch gerufen – doch da war Sophie schon zur Tür raus und hüpfte ins Auto.
Die paar Straßen zu Mathilde fühlten sich länger an als sonst.
„Heute hat aber jemand viele Hummeln im Hintern!“, lachte Papa Tobias. Kaum war das Auto zum Stehen gekommen, da sprang Sophie mit unbändiger Energie und voller Vorfreude hinaus.
Sie landete mit einem Satz auf dem Kies, die Autotür fiel hinter ihr zu. Sie lief los, bremste, blieb stehen – als hätte der Garten sie gerufen.
Das alte Fachwerkhaus wirkte wie aus einem Märchenbuch – leicht schief, als hätte es sich mit den Jahren ein bisschen zu einer Seite geneigt, als müsste es zuhören. Der Apfelbaum im Vorgarten war alt, die Äste knorrig, seine Schatten tanzten auf den Efeuranken, die sich um die Balken zogen. Am Zaun hing ein Briefkasten in Form eines Pilzes, als ob ein Kind ihn dort vergessen hätte.
Es war eines dieser Häuser, die aus der Zeit gefallen zu sein schienen. Obwohl draußen das Jahr 2025 geschrieben wurde – mit Tablets, Sprachassistenten und blinkenden Kühlschränken – herrschte hier drinnen eine stille, andere Ordnung. Kein Fernseher im Wohnzimmer, kein Piepen aus der Küche. Nur Wärme.
Geschichten, die im Staub der Bücherregale schlummerten. Und der Geruch von Hagebuttentee, der wie ein roter Faden durch die Räume wanderte. Der Duft von frisch gebackenem Brot wanderte wie eine unsichtbare Hand durch das Haus und legte sich in jede Falte.
Das Dach war mit moosbedeckten Schindeln gedeckt, und die Fensterläden schimmerten in einem ganz eigenen Grün – irgendwo zwischen Salbei und Flaschenglas. Vor dem Haus plätscherte ein winziger Brunnen, in dem eine blecherne Gießkanne stand, das Wasser funkelte, als würde es ein altes Geheimnis bewahren.
„Langsam, Sophie!“, rief Mama Julia lachend. „Nicht, dass du noch über deine eigenen Füße fällst!“
Sophie drehte sich um, grinste – und rannte weiter. Der Kies spritzte, ihre Sommerjacke flog halb offen.
Die alte Klingel läutete normalerweise wie ein schrilles Glöckchen. Doch Oma Mathilde öffnete bereits, noch bevor Sophie klopfen oder läuten konnte.
Sie trug wie immer einen ihrer ausgefallenen Hüte – diesmal einen blauen mit aufgenähtem Samtvogel, dessen Flügel im Licht ein wenig funkelten, als könnte er jederzeit davonfliegen. Die riesige, runde Brille glitt ihr fast von der Nase, als sie sich bückte, um Sophie fest zu umarmen.
„Herzlichen Glückwunsch, mein Schatz! Zehn Jahre! Jetzt bist du fast so alt wie ich – in Gedanken jedenfalls.“
Sophie lachte. „Du bist die Beste, Oma.“
„Das weiß ich“, sagte Oma Mathilde und zwinkerte.
Mathildes Haus war kein gewöhnliches Haus. Es atmete Geschichten. Hinter jeder Tür roch es anders – nach altem Holz, getrockneten Blumen, einer Prise Zimt. Im Flur hing eine Uhr, die immer ein bisschen zu spät ging, und auf den Dielen knarrten bestimmte Stellen so regelmäßig, dass Sophie fast das Gefühl hatte, das Haus würde mit ihr sprechen.
Überall standen kleine Tische mit Spitzendeckchen, Vasen mit getrocknetem Flieder, Regale voller Bücher und Porzellanfiguren, deren Blicke einen still begleiteten, wenn man durch das Zimmer ging.
Und doch war alles warm, heimelig, vertraut – wie ein Ort, den man nie ganz verlässt, selbst wenn man geht.
In der Küche duftete es nach Pflaumenkuchen und Zimt. Es gab Kakao mit Sahne, eine Kerze auf dem Kuchen – und Geschichten aus Omas Kindheit, bei denen Papa jedes Mal die Augen verdrehte, aber heimlich grinste.
„Frau Schneider hat heute schon durchs Küchenfenster gewunken“, sagte Mathilde beiläufig. „Ich glaube, sie will wissen, ob ich ihre Backform noch habe.“
Julia seufzte. „Natürlich will sie das.“
„Weißt du noch, als meine Tochter Julia, also deine Mutter dachte, man könne Regenwürmer erziehen?“, fragte Oma Mathilde Sophie mit gespielter Ernsthaftigkeit.
„Mama!“, rief Julia empört, doch sie musste lachen.
Beim Kuchenessen schlich eine kleine Spinne am Fenster entlang, und Mathilde sagte bedeutungsvoll: „Die bringt Glück!“ Sophie beobachtete sie und fragte sich, ob wohl jedes alte Haus solche Geheimnisbewohner hatte.
Später, als der Kuchen fast aufgegessen war und die erste Müdigkeit sich auf Sophies Schultern legte wie eine warme Decke, wurde es ruhiger. Sophie saß noch am Küchentisch und strich gedankenverloren mit dem Finger den letzten Krümel vom Teller.
Papa Tobias räumte gerade ein paar Kuchenteller zusammen und zwinkerte Sophie zu. „Na, Geburtstagskind – alles so, wie du’s dir gewünscht hast?“
Sophie grinste. „Noch besser.“
Er balancierte die Teller zur Spüle. Für einen Moment klang das Klappern der Tassen wie ein heimlicher Takt – vertraut und beruhigend, so wie immer, wenn alle zusammen waren.
Oma Mathilde räusperte sich. Ihre Stimme war plötzlich ruhiger, als hätte sich der Raum verändert.
„Komm mit, mein Schatz“, sagte sie und stand auf.
Sophie folgte ihr, die Treppe hinauf, Stufe für Stufe – das Holz warm unter den Füßen, als hätte es sich all die Jahre ihre Schritte gemerkt. Omas Schlafzimmer war ein Ort voller Geheimnisse – mit schweren Vorhängen, einem Himmelbett, einer antiken Kommode und einem Schrank mit geschwungenen Messinggriffen.
Ein zarter Hauch von Rosenseife und getrockneten Blumen lag in der Luft, als würde das Zimmer selbst den Atem anhalten.
Aus einer tiefen Schublade der Kommode unter dem Fenster holte Oma eine große, mit Seidenpapier ausgelegte Schachtel hervor. Sorgsam stellte sie sie auf das Bett.
„Diese Puppe“, sagte sie voller Bedacht, „hat über hundert Jahre auf dem Buckel. Und jetzt gehört sie dir.“
Das Seidenpapier knisterte – zart wie ein Versprechen.
Sophie hob vorsichtig den Deckel an.
Darunter lag die Puppe – wunderschön und vollkommen still. Ihr Porzellangesicht war fein bemalt, mit hellblauen Augen aus Glas und leicht geröteten Wangen. Die feinen, blonden Locken lagen ordentlich am Kopf, eingerahmt von einem alten, cremefarbenen Spitzenhäubchen, das ein wenig nach vergangener Zeit duftete.
Ganz schwach roch es nach Lavendel und Sonne, wie Sommer in einer Schublade.
Sophie hielt den Atem an. Die Luft war voller Licht und Erwartung.
„Sie sieht mir ein bisschen ähnlich…“, sagte sie fasziniert und nachdenklich zugleich.
Oma Mathilde lächelte. „Vielleicht habt ihr ja mehr gemeinsam, als du denkst. Sie hat zum Beispiel auch blonde Locken – fast so wie du.“
Die Puppe trug ein weißes Baumwollkleid mit zarter Stickerei und winzige lederne Schnürschuhe. Unter dem Kleid blitzte ein hauchdünnes Unterhemd hervor, das an den Rändern von feiner Spitze gesäumt war. In ihren Händen hielt sie ein kleines, verblichenes Täschchen – als hätte sie darin ein Geheimnis versteckt.
„Sie heißt Gretchen“, sagte Oma Mathilde. „Und sie war immer etwas Besonderes.“
Sophie nahm die Puppe vorsichtig auf den Schoß. Sie war schwerer, als Sophie erwartet hatte. Ihr Gewicht fühlte sich an wie etwas, das bleiben wollte.
Dann geschah etwas Seltsames. Für einen winzigen Moment hatte sie das Gefühl, ein Flimmern lief über Gretchens Lider, kaum mehr als ein Hauch. War da wirklich Bewegung, oder hatte sie es sich nur gewünscht?
Sie blinzelte – und sah nur eine reglose Puppe.
Oma Mathilde...
| Erscheint lt. Verlag | 8.10.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch ► Kinderbücher bis 11 Jahre |
| Schlagworte | Abenteuer Freundschaft Geheimnis • Kinderbuch ab 9 Jahren • Magische Puppe • märchenhafte Geschichte • Vorlesebuch für Kinder |
| ISBN-10 | 3-6951-4856-X / 369514856X |
| ISBN-13 | 978-3-6951-4856-1 / 9783695148561 |
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