J. (eBook)
340 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-5808-4 (ISBN)
Rita Fischbach, geboren 1966 in der Eifel, studierte Japanologie und englische Sprachwissenschaft in Trier, Bonn und Tokio, wo sie auch eine Zeit lang gelebt hat. Beruflich ist sie viel um die Welt gereist und ist schon immer fasziniert von anderen Kulturen, Sprachen, aber vor allem den Menschen. Menschen sind für sie das Spannendste und Verrückteste überhaupt, abgesehen vom Leben selbst und der Sockenschublade ihres Sohnes. Sie lebt mit ihrer Familie in Köln.
2
Im zweiten Halbjahr der achten Klasse hatten wir dienstags in der letzten Stunde Schulschwimmen. Ich war ein guter Schwimmer. Das hatte Papa mir schon früh beigebracht. Wegen meiner speckigen Figur fühlte ich mich beim Schulschwimmen allerdings immer unwohl. Mir war bewusst, dass jeder sehen konnte, was sonst meine Klamotten verdeckten. Deniz und ich kamen in Badeshorts aus der Dusche und waren auf dem Weg Richtung Schwimmbecken, als ich Raffa und seine drei Marionetten, Vince, Nico und Musta, schon von weitem sah.
Raffa war neu bei uns an der Schule und ein Horrortyp. Innerhalb kürzester Zeit hatte er drei unterwürfige Anhänger gefunden, die ihm auf Schritt und Tritt folgten. Wahrscheinlich hofften sie durch den Kontakt zu Brutalo-Raffa, so nannten wir ihn oft, automatisch auf mehr Bewunderung und Respekt in der Schule. Raffa war eine Klasse über mir, obwohl er schon siebzehn war. Es ging das Gerücht um, dass er von seinen Eltern und Lehrern schon immer im Zickzackkurs durch die Schule geboxt werden musste. Wie man hörte, hatte er sich einige Extras in seiner bisherigen Schullaufbahn gegönnt, die angeblich aus ein paar Auszeiten und Ehrenrunden bestanden haben sollen. Er gehörte also nicht gerade zur intelligentesten Sorte, hatte eine große Klappe und war ein muskelbepackter Riesenklotz, der mit seinem Hang zu Gehässigkeit auch vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckte. Im Gegenteil, er wurde ziemlich schnell handgreiflich, wenn er sich provoziert fühlte oder eine von seinen Launen hatte. Seine drei Schattenfiguren beteten ihn an, klonten ihn, so gut sie konnten, und sonnten sich in seinem Glanz. Die drei taten einfach alles, um in Raffas Gunst zu stehen, was ziemlich erbärmlich rüberkam. Deshalb hatten Deniz und ich dem Trupp irgendwann den Namen »Die einhirnigen Vierlinge« gegeben.
Jedenfalls hatte Raffa es irgendwie auf mich abgesehen. Er ließ absolut keine Gelegenheit aus, mich zu schikanieren, egal wann und wo wir uns begegneten. Vielleicht lag es an meinem Übergewicht. Dicke wurden eben gerne als Zielscheibe für Gehässigkeit und Spott benutzt. Oder an der Tatsache, dass ich jünger und mindestens anderthalb Köpfe kleiner war als er, was zufällig in sein Beuteschema passte. Vielleicht hasste er auch einfach jeden, der klüger wirkte als er. Manchmal kam es mir so vor, als suchte er zwanghaft einen messbaren Beweis für sein unterbelichtetes Gehirn. Erst provozierte er mich, dann lieferten wir uns Wortschlachten, in denen jeder versuchte, dem anderen durch Schlagfertigkeit überlegen zu sein. Sobald die Beweislage dann klar war, wurde er brutal. So lief das immer. Körperlich hatte ich keine Schnitte gegen ihn, obwohl ich mir im Grunde nicht mal den kleinsten Rempler gefallen lassen wollte. Bisher war ich noch nicht wirklich dahintergekommen, was genau ihn an mir so wahnsinnig reizte. Vielleicht war es eine ungünstige Mischung aus vielem, weshalb er mich als das perfekte Opfer auserkoren hatte.
Blöderweise hatten wir mit Raffa und einer unserer Parallelklassen zur gleichen Zeit Schwimmunterricht. Während wir in seine Richtung gingen, war ich innerlich bereits auf der Hut, zog unbewusst die Schultern zurück und den Bauch, so gut es ging, ein.
»He, Fleischboje, gibt’s die Schwimmbutze auch in deiner Größe?«, rief Raffa mir zu. Wie auf Kommando lachten die anderen drei gehässig.
»Ignorieren und weitergehen!«, zischte Deniz.
»Na, Moby Dick, ist heute wieder Whale Watching für uns alle angesagt? Piss-Wal Live Action Show!«, provozierte er mich weiter.
Ich ließ seine blöden Sprüche gelangweilt an mir abprallen. Mit dem Spitznamen Moby Dick oder Moby hatte er mich schon beim letzten Schwimmen betitelt, was mir nicht besonders viel ausmachte. Moby war ein ziemlich cooler amerikanischer Elektro-Musiker, dessen Ur-Ur-Großonkel, Herman Melville, den Wal-Roman »Moby Dick« geschrieben hatte. All das schien Raffa nicht zu wissen, weshalb ich mich ihm trotz seiner Beleidigungen überlegen fühlte. Wie geplant wollten wir lässig an ihnen vorbeigehen, als sie sich uns in den Weg stellten.
»Hey, Moby, hast du gesehen? Der Rhein hat fett Hochwasser. Wahrscheinlich hast du deinen dicken Zeh am Rheinauhafen kurz ins Wasser getunkt und jetzt säuft ganz Köln wegen dir ab!« Er lachte begeistert über seinen blöden Witz.
»Falsch, Raffa, das kommt von der Gletscherschmelze in Belgien«, schleuderte Deniz ihm entgegen, womit er seinen gutgemeinten Ratschlag von zuvor kurzerhand über den Haufen warf.
»Ja, Deniz, ein Witz für richtig Doofe«, lästerte Raffa.
»Wird sich zeigen.« Deniz wollte mir zu Hilfe kommen, was mutig von ihm war, denn Raffa fackelte nicht lange, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Aber wie sich herausstellte, musste ich mir wegen Deniz gewagtem Spruch überhaupt keine Sorgen machen.
»Pass auf, Spatzenhirn, Belgien hat keine Gletscher und der Rhein fließt durch Holland«, tönte Raffa großkotzig. Stimmt, aber er kommt nicht von da. Außerdem ist Holland nur ein kleiner Teil der Niederlande, antwortete ich ihm besserwisserisch in Gedanken und musste grinsen. »Moby, grins nicht so dämlich, sonst fängst du dir’n paar, klar?«, ging er mich an.
»Los, alle der 8b zur Sammelstelle an der Schwimmbadtreppe kommen!«, rief unser Sportlehrer.
Erleichtert ließen wir sie stehen, hörten Raffa jedoch im Weggehen noch irgendwas vor sich hin brabbeln. Wir sahen ihn an den Beckenrand gehen, wo er unter dem Gejohle seiner drei Bewunderer übertrieben angeberische Muskelposen vollführte. Er war eine peinliche Lachnummer, aber ernsthaft brutal, wenn er schlecht gelaunt war oder glaubte, sich und seinen Marionetten etwas beweisen zu müssen.
Wir gingen an einer Gruppe Mädchen aus der Parallelklasse vorbei. Sie sahen in unsere Richtung und kicherten. Reflexartig starrte ich auf meine Füße, weil ich mich wegen meiner Speckrollen über der Badehose und meinem Watschelgang schämte. Deniz war das Gekicher der Mädchen natürlich nicht entgangen.
»Mach dir nichts draus, Johnny. Nur die inneren Werte zählen.«
Nett gemeint von ihm, aber es konnte nichts an der Tatsache ändern, dass ich mir in dem Moment kolossal plump und plattfüßig vorkam. Mein Aussehen war mir peinlich. Gefühlt hing mir jede verdammte Speckmaus, die ich in meinem Leben gegessen hatte, aus Rache über der Badehose. All die Komplexe, die in dem Moment an meinem mickrigen Selbstwertgefühl nagten, waren wie Bisse dieser verflixten Speckmäuse. Waren es all die Süßigkeiten wert gewesen, dass ich so aussah? Wie hatte ich zulassen können, dass ich zu so einem abtörnenden Pummel mutiert war? Ich kam mir vor, wie mein eigener schlimmster hater.
Ein Mädchen aus der Gruppe hieß Elli. Sie war so ziemlich das hübscheste und beliebteste Mädchen aus unserem Jahrgang. Es gab kaum einen Jungen, der sie nicht toll fand, mich eingeschlossen. Sie wirkte auf mich irgendwie anders als die übrigen Mädchen. Weniger schrill und überspannt. Mir gefiel ihre Art und ich fühlte mich von ihr seltsam angezogen. Wenn auch nur im Stillen und aus der Ferne. Das hätte ich niemals zugegeben. Da Elli auch in dieser Gruppe kichernder Mädchen stand, fühlte ich mich um eine weitere Stufe miserabler und wünschte mir nichts mehr, als schlank und durchtrainiert auszusehen. Ich kam mir entblößt vor. Wie ein zur Schau gestelltes, überdimensioniert fettes Hausschwein, an dessen Hintern ein Schild klebte: »Zeig deinen Schwabbel!« Jeder, der das arme Schwein sah, machte sich über sein Aussehen lustig. Am liebsten wäre ich sofort vom seitlichen Beckenrand ins Wasser gesprungen und abgetaucht, um den Blicken der Mädchen zu entgehen. Im Wasser fühlte ich mich sicher. Es waren jedoch noch mindestens zehn Meter Leidensweg bis zur Sammelstelle an der Schwimmbadtreppe.
»Vier Bahnen Brust, vier Bahnen Kraul, vier Bahnen Rücken zum Einschwimmen«, rief unser Sportlehrer. »Die Schnelleren von euch nehmen die Bahn ganz rechts, die Langsameren die Bahn links daneben!« Er pfiff durch seine Trillerpfeife, woraufhin wir wie die Frösche ins Wasser sprangen.
Während ich in gleichmäßigen Bewegungen durchs Wasser zog, verglich ich mich mit einem Pinguin: Im Wasser flink, an Land schwerfällig und unbeholfen. Nach den vier Bahnen Brust, wechselte ich in den Kraulstil und genoss die langgestreckte, fließende Lage. Es tat gut, so kraftvoll durchs Wasser zu pflügen und es wie einen Pfeil zu durchtrennen. Ich fühlte mich leicht, fast schwerelos. In die Rückenlage wechselnd sah ich, dass Raffas Klasse ebenfalls im Wasser war. Schnell wischte ich mir über die Schwimmbrille und hielt Ausschau nach ihm. Ich sah ihn einen seltsamen Kraulstil vollführen, der an einen Ertrinkenden erinnerte. Mit den Armen prügelte er wild aufs Wasser ein, während er seinen Kopf wie ein Irrer hin und her schleuderte. Es sah zum Brüllen aus. Trotz seiner Wasserpeitscherei kam er kaum von der Stelle. Es schien, als brauchte er für eine Bahn die Kraft, die ich nicht mal für vier benötigte. Bei dem Schwimmstil wäre mir nach einer Bahn auf jeden Fall...
| Erscheint lt. Verlag | 16.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch |
| Schlagworte | Coming-of-Age ohne Elternteil • Jugendroman 14 Jahre Junge • Mobbing und Selbstwert • Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher • Selbstfindung Jugendbuch |
| ISBN-10 | 3-8192-5808-6 / 3819258086 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-5808-4 / 9783819258084 |
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