Die Katze hinter dem Wolkenglas (eBook)
118 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-2100-2 (ISBN)
Susanne Stübe, 1961 geboren, lebt in Boppard am Rhein. Über ihre Fortbildung zur Erzählerin an der Akademie Remscheid und Kurse im kreativen Schreiben kam sie zum Geschichten vorlesen und erzählen, erfinden und schreiben. Ihre langjährige, berufliche Tätigkeit als Fachkrankenschwester und Gestaltberaterin in der Psychosomatischen Medizin lehren sie, dass Menschen - Erwachsene sowie Kinder - Probleme und Krisen mit Mut, Humor, Phantasie und Geduld bewältigen können. Diese Erfahrungen sind ein Leitmotiv ihrer Geschichten.
Die Katze hinter dem Wolkenglas
Ivo und Stella
eine Freundschaft mit Hindernissen
Stella fährt jeden Tag mit dem Fahrrad denselben Weg zur Schule. Durch die Siedlung, dann runter zum Fluss, die kleine Straße entlang. Jeden Morgen sieht sie die Weiden an den Ufern, das kleine Schloss oben auf dem Berg und den Fluss in einem anderen Licht. Die langsam dahinfahrenden Schiffe sind manchmal noch verborgen in dichten Nebelschleiern. Im Sommer spitzen die ersten Sonnenstrahlen über den Bergkamm. Und in ganz besonderen Wetterphasen, da schweben noch die letzten Flussgeister über dem Wasser. Tausende kleine Nebelfelder, die sich aus dem Wasser erheben. Das erinnert Stella an manches geliebte Märchen, in denen von Nixen und Meerjungfrauen erzählt wird.
Wenn Stella die Flussstraße verlässt, muss sie in einen anderen Stadtteil fahren, bevor sie ihre Schule erreicht. Beim Fahren schaut sie mal links, mal rechts zu den Häusern, Balkonen und Vorgärten und wundert sich, was sie da alles entdeckt. Auch schon frühmorgens.
Den alten Mann zum Beispiel, der immer mit kariertem Hemd, in kurzen Hosen und mit Kniestrümpfen bekleidet bei jedem Wetter, stets zur gleichen Zeit, zum Supermarkt geht. An der Leine zieht ihn ein Yorkshire-Terrier mit zwei kleinen Zöpfen und rosa Haarbändern hinter sich her. Im Supermarkt kauft er genau ein Brötchen. Die Tüte ist klein und bescheiden. Dann die Zwillinge, zwei Jungs, zehn oder elf Jahre alt, schätzt Stella. Die laufen brav an Mamas Hand links und rechts, jeder hat einen Schulranzen auf, und so werden sie zur Schule gebracht. Ob sie das freiwillig mit sich machen lassen?, fragt sich Stella zu diesem Begleitdienst.
Oder der immer vornehm gekleidete Arzt, der jeden Morgen in seinen superteuren SUV steigt, um ins Krankenhaus zu fahren, drei Straßen weiter. Dem würde nie im Traum einfallen, ihren Gruß zu erwidern, obwohl sie ihn schon ein ganzes Schuljahr lang freundlich grüßt, da sie seine Tochter kennt und bei ihnen mehrmals zu Besuch gewesen war.
Ach ja, dann ist da noch die Bildzeitung in einem großen Aufsteller vor der Bäckerei. Die gibt Stella jeden Tag den Skandal in Rot und Weiß vor, über den sie sich aufregen soll. Heute ist wieder der unfähige Kanzler dran, der es nicht schafft, die kleinen Leute mitzunehmen. Stella überlegt, wer denn alles mit klein gemeint sein könnte, und wohin er die kleinen Leute mitnehmen soll. Gehört sie auch zu den kleinen Leuten?
Aber lange denkt sie nicht darüber nach, denn ihr Blick wird auf ein großes Fenster gelenkt. Auf der anderen Straßenseite, durch einen kleinen Vorgarten von der Straße getrennt, sitzt in einem großen Panoramafenster eines netten, kleinen Hauses, eine grau getigerte Katze innen auf dem Sims. Das wäre ja nicht besonders erwähnenswert, aber was die macht, interessiert Stella dann doch. Deswegen bleibt sie mit dem Rad auf der rechten Fahrbahnseite stehen und sieht ihr zu.
Die Katze scheint irgendetwas zu verfolgen, denn immer wieder springt sie auf, steht manchmal sogar auf ihren Hinterbeinen und tappt mit ihren Vorderpfoten abwechselnd an die Scheibe, als würde sie – ja genau – als würde sie etwas fangen wollen. Stella geht über die Straße näher heran, bleibt am Zaun des Hauses stehen und betrachtet die Katze. Die lässt sich nicht ablenken. Nur ganz kurz streift Stella ihr Blick, ohne weiter auf sie zu achten. Sie jagt etwas – Stella geht wieder zwei Schritte zurück, und dann sieht sie es. Die Tigerkatze fängt ziehende Wolken, die sie hinter der Fensterscheibe beobachtet. Und nun erst schaut Stella selbst zum Himmel hoch, und tatsächlich bewegen sich unendlich viele kleine Wolkenformationen mit dem Wind – von Westen nach Osten. Wie lebendige Karawanen und ab und zu einzelne, kleine Wolkentiere. Das ist ja cool, denkt Stella. Eine Katze, die Wolken fängt!
Eigentlich könnte sie der Wolken fangenden Katze noch ewig zusehen, aber – oh je – ein Blick auf die Uhr zeigt fünf Minuten vor acht. Jetzt aber schnell in die Pedale treten, sonst kommt sie schon am ersten Schultag zu spät.
Stella hat mit dem neuen Schuljahr in die siebte Klasse der Karl-Weiner-Schule gewechselt. Es wird spannend werden, denn mit den zwei Freundinnen, die ebenfalls in ihre neue Klasse kommen, haben sich ja noch viele andere, zum Teil unbekannte, Schülerinnen für diese Schule entschieden.
Eilig hastet Stella die Treppen hinauf, sucht ihren Klassenraum und hetzt in letzter Sekunde zur Tür hinein, bevor die von der Klassenleitung geschlossen wird. Mit einem suchenden Blick taxiert Stella die Sitzordnung – und geht zu dem Schultisch, der noch frei ist. Naja, Linda hat sich mit Ulla zusammengesetzt. Selber schuld, denkt Stella, wenn ich wieder mal auf den letzten Drücker komme. Der Stuhl neben ihr bleibt leer.
Dann beginnen die üblichen, nervigen Kennenlernspiele. Stella verdreht die Augen und macht Linda ein Zeichen für ein Treffen in der Pause. Linda nickt.
Eine Ivo Winter müsste neben ihr sitzen, so jedenfalls sieht es die Namensliste von Frau Hartwig vor. Während sie der Lehrerin zuhört, wirkt der erste Eindruck nicht alarmierend. Noch scheint die Klassenleitung okay zu sein. Aber der erste Tag sagt eigentlich gar nichts, weiß Stella aus Erfahrung.
„Kennst du diese Ivo?“, fragt Stella in der Pause Linda, die gerade irgendetwas in ihr Handy tippt.
„Nö, keine Ahnung, wer das ist. Angeblich ist sie aus Berlin hierhergezogen. Sagt zumindest meine Mama.“ „Hm, vielleicht kommt sie ja gar nicht.“
Stella ist nicht begeistert von der Vorstellung, womöglich das erste Schulhalbjahr allein am Tisch zu sitzen. Andererseits wäre das besser, als den Platz mit jemandem teilen zu müssen, der doof ist.
Die ersten Schultage ziehen dahin, mal mehr, mal weniger interessant – und für so wenig Ertrag, denkt Stella, fährt sie jeden Tag, die lange Strecke. Aber immerhin führt sie an dem kleinen Haus vorbei, in dessen großem Fenster oft die Tigerkatze sitzt. Manchmal sind die Jalousien halb heruntergelassen, und manchmal ist ein bunter Vorhang zur Mitte gezogen. Tatsächlich findet Stella schon bald, dass dieses ominöse Panoramafenster einer Bühne gleicht, mal mit, mal ohne Katze.
Der Stuhl neben Stella bleibt weiterhin leer. Sie hat sich daran gewöhnt, die gesamte Tischplatte für ihre Ausbreitung zu nutzen. Meistens sieht es darauf aus, wie auf ihrem Schreibtisch zuhause. Ein grellbuntes Durcheinander von Stiften, Heften und Büchern. Dazwischen Kaugummipackungen, ein Comicheft, ihre Brotdose und eine Wasserflasche. Und ein paar Karotten, an denen sie heimlich knabbert, wenn es ihr langweilig ist.
Eines Tages, nach der Schule, fährt Stella gerade am Panoramafenster vorbei, da fällt ihr auf, dass es dort heute ganz anders aussieht. Auf der gesamten Fenstersimslänge sitzen Teddybären aller Art und Größe.
Dazwischen sind sternige Lichterketten gespannt. Eine über die Teddyköpfe hinweg, und eine windet sich um die Figuren wie eine dünne, beleuchtete Riesenschlange. Um manche Teddyhälse ist sie so geschlungen, dass es aussieht, als würde sie die Teddys erwürgen. Von oben herab hängen grüne und gelbe Seidentücher.
Stella bremst also scharf ab und schaut sich die Fensterdekoration von Nahem an.
„Was ist das denn für ein irres Stillleben?“, grummelt sie vor sich hin, während sie jeden Teddy eingehend betrachtet. Die Gesichter zeigen eine Bandbreite von fröhlich bis total traurig. Ungefähr drei Meter ist der Fenstersims lang. Also Teddys ohne Ende und keine Lücke dazwischen. Dicht gedrängt sitzen sie da, als würden sie sich gegenseitig wärmen. Stella braucht nicht viel Phantasie, um alle lebendig werden zu lassen. Die Seidentücher sind der Bühnenvorhang, die Lichter die Scheinwerfer, und die Teddys sind die Schauspieler. Was für ein Stück spielen die? Weshalb sind sie so angeordnet? Stella geht noch einmal ganz nah an die Fensterscheibe ran und versucht im Dunkel des Raums etwas zu erkennen. Angestrengt schaut sie hinein – aber sie kann sonst nichts sehen. Sie reißt sich von dem seltsamen Bühnenbild los und fährt nach Hause.
In den nächsten Tagen scheint sich im Fenster etwas ganz Neues zu entwickeln. Die Teddyparade war wohl nur der Anfang gewesen. Es ist jetzt so – morgens fährt Stella am völlig dunklen, fast schwarzen Fenster vorbei. Ab und zu sitzt die Katze im Fenster und meditiert vor sich hin, oder sie jagt erneut ihren Wolkentieren nach.
Mittags gibt es täglich skurrile Dinge zu entdecken.
Am Dienstag sind über das gesamte Fenster hinweg kreuz und quer bunte Schnüre gespannt. In manchen Schnurkreuzen klemmen entweder Blumen oder einzelne Figuren, als hätten sie sich in dem Schnurdurcheinander verfangen. Der Mittwoch ist mit phantastischen Farben gestaltet. Unzählige Stoffe sind auf dem Sims drapiert und hängen zudem auch von der Decke herab. Das wirkt wie ein orientalischer Bazar im Marokko-Reisebuch meiner Mutter, erinnert sich Stella.
Der Donnerstag bringt einen botanischen Garten. Pflanzen aller Art in Gläsern, Töpfen und Vasen stehen nebeneinander. Und Hängepflanzen begrünen von oben...
| Erscheint lt. Verlag | 9.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch ► Kinderbücher bis 11 Jahre |
| Schlagworte | Asperger • Beziehung • Heilung • Schulverweigerung • schwierige Kindheit |
| ISBN-10 | 3-8192-2100-X / 381922100X |
| ISBN-13 | 978-3-8192-2100-2 / 9783819221002 |
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