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Tiergeschichten - Fettah Timar

Tiergeschichten (eBook)

Kurdische Fabeln

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 2. Auflage
188 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-3873-4 (ISBN)
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6,99 inkl. MwSt
(CHF 6,80)
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Eine Sammlung kurdischer Fabeln und Märchen, zusammengestellt von Fettah Timar.

DER LÖWE UND DER FUCHS


Wie viele von euch wissen, war vor langer Zeit ein Löwe der König unseres Waldes. Alle Tiere standen unter seiner Herrschaft. Irgendwann aber hatte er seine besten Jahre hinter sich, und man merkte es ihm auch an.

Der Löwe wurde alt. Einerseits konnte er nicht mehr alle Tiere im Wald ständig im Blick haben und unter Kontrolle halten, und andererseits magerte er zusehends Tag für Tag weiter ab und wurde dabei immer träger und kraftloser.

Manche Tiere im Wald begannen bereits, sich über ihn lustig zu machen, was für den Löwen nur schwer zu ertragen war.

Diese Kränkungen waren es wohl auch, die das Fass zum Überlaufen brachten. Das war endgültig zu viel für ihn. Er dachte noch einige Zeit darüber nach, aber eines Tages war er zu allem entschlossen. Der einst so mächtige Löwe verließ als traurige Gestalt den Wald.

Er ging sogar, ohne sich von „seinen“ Tieren zu verabschieden und hielt sich von nun an bewusst von ihnen fern. Er hatte mit dem Wald und seiner Rolle als König der Tiere abgeschlossen. An einer abgelegenen Stelle im Schatten eines Felsens ließ er sich nieder und verfiel in tiefes Grübeln.

Nach einiger Zeit lief ein Fuchs in seiner Nähe auf und ab. Er wunderte sich über den traurigen Anblick, blieb stehen und beobachtete die missliche Lage des Löwen mit neugierigem Interesse, aber eher gemischten Gefühlen. Eigentlich hatte er immer Angst vor ihm gehabt, aber nun wollte er doch zu gern wissen, was mit dem Löwen los war. Was musste passiert sein, dass so ein mächtiger Herrscher sich zurückzog und ein solches Bild des Jammers abgab?

Der Fuchs näherte sich also vorsichtig dem Löwen und fragte ihn: „Mein Herr, was ist geschehen? Warum hast du deinen geliebten Wald verlassen? Komm schon, erzähl’ es mir ruhig. Vielleicht kann ich dir ja sogar – helfen?“

Der traurige Löwe war natürlich sehr verunsichert. Er sah zuerst den Fuchs an, dann schaute er sich vorsichtig um. Nein, zum Glück war niemand da, der das nun folgende, sehr ungewöhnliche Geschehen beobachtete.

Der Löwe nahm noch einmal seinen ganzen Mut zusammen. Und kaum hatte er begonnen, seine Geschichte zu erzählen, da brach seine ganze Verzweiflung aus ihm heraus.

Nachdem er ausführlich vor dem Fuchs sein Herz ausgeschüttet hatte, kam er zu einem bitteren Ergebnis: „Ach Fuchs, nun weiß ich, wie es sich anfühlt, alt zu sein. Von der Rolle des Herrschers über alle Tiere des Waldes muss ich mich wohl verabschieden – so schwer es auch fällt. Aber vor einem so armseligen Löwen, der nur noch aus Haut und Knochen besteht, hat niemand mehr Respekt. Und das ist nicht einmal das Schlimmste. Stell dir vor, ich habe sogar den Spaß an der Jagd verloren. Ich, der früher gar nicht genug davon bekommen konnte, mit den gewandtesten Gazellen und den schnellsten Hirschen Schritt zu halten. Ich traue mich kaum, es auszusprechen: Ich kann mich nicht einmal mehr selbst ernähren. Und das ist doch für einen Löwen, wie für jedes andere wilde Tier, so etwas wie ein Todesurteil.“

Der Fuchs hörte dem Löwen zuerst aufmerksam, schließlich aber auch immer mitfühlender zu. Und ein richtiger Fuchs kann wohl nicht anders: Schon bald kam ihm eine Idee, und diese Idee machte ihn immer mutiger.

So hörte er sich plötzlich zu seinem früheren Herrn und Gebieter sagen: „Kein Problem, Bruder Löwe. Wenn wir zwei zusammenhalten und Hand in Hand gehen, dann werden wir schon satt. Es wird uns an nichts fehlen. Ich kann bestimmt genügend Gänse, Enten und Hühner für uns Zwei jagen. Wir können sie zusammen essen und führen so auch weiterhin kein schlechtes Leben.“

Der Löwe hatte dem Fuchs am Ende immer genauer zugehört. Lange zögerte er noch. Aber schließlich war es wohl vor allem sein Hunger, der ihn vorsichtig zustimmen ließ: „Na gut, wenn du meinst. Wenigstens können wir einmal einen Versuch wagen. Wir werden ja sehen, wie es am Ende ausgeht.“

Der Fuchs war sehr stolz über seinen Erfolg. Mehr noch: innerlich tanzte er geradezu vor Freude und Begeisterung. Den mächtigen Herrscher des Waldes zum Freund zu haben, davon hätte er sein ganzes Leben lang nicht zu träumen gewagt. Und so beeilte er sich, den Plan in die Tat umzusetzen.

Ganz wie er es als Fuchs gelernt hatte, suchte er zielstrebig die Nähe der Menschen mit ihren Häusern und Ställen, wo er am schnellsten mit fetter Beute rechnen konnte. Und tatsächlich: egal, ob Gänse, Enten oder Hühner – er schnappte sich alles, was ihm nicht schnell genug entkommen konnte. Und der Löwe staunte nicht schlecht, was ein schlauer Fuchs alles zu jagen verstand. Nach dem großen Hunger gab es nun so manchen Festschmaus. Auch, wenn dabei ab und zu einmal nur eine Maus auf den Speiseplan geraten konnte!

Mit der Zeit wuchs die Freundschaft der Beiden. Vor allem, weil der Löwe ja nun recht zufrieden war. Nach ein paar Monaten aber kamen dem Fuchs doch langsam Zweifel. Irgendetwas stimmte nicht mit dieser sehr speziellen Freundschaft. Der eine mühte sich ab mit der anstrengenden und oft auch gefährlichen Jagd, und der andere fiel dann mit seinen großen Pranken und seinem noch größeren Appetit so genüsslich über die erbeuteten Leckerbissen her, dass der Jäger am Ende oft genug hungrig schlafen ging.

Der alte Löwe aber lebte immer weiter auf. Seine Konstitution und seine Stimmung wurden jeden Tag besser. Kurz gesagt, unser Löwe war in Hochform, fast wie zu den Glanzzeiten seiner Herrschaft. Er wirkte nicht nur satt, gepflegt und zufrieden, sondern, zur großen Beunruhigung des Fuchses, zunehmend geradezu „majestätisch“!

Dies begann schließlich, dem Fuchs Angst zu machen. Wie aber sollte er sich gegen den übermächtigen Freund zur Wehr setzen? Der Fuchs überlegte lange hin und her. Und auch dieses Mal kam ihm – wie so oft – eine wirklich sehr ausgefuchste Idee. Schnell war ein neuer, passender Plan geschmiedet.

So ging er zum Löwen, fasste sich ein Herz und fragte ihn: „Bruder Löwe, wenn ich mir dich so ansehe, geht mir immer wieder eine Frage durch den Kopf. Ich will sie dir heute einfach einmal stellen: Wurdest du eigentlich jemals in deinem Leben von irgendeinem anderen Tier besiegt? Oder hast du zumindest schon mal darüber nachgedacht, wie jemand, der es darauf anlegen würde, das auch heute schaffen könnte?“

Der Löwe überging gelassen die erste Frage – beantwortete die zweite aber überraschend praktisch und konkret: „Warum nicht? Wenn jemand meine Füße oder Beine fesselt, kann er mich besiegen.“

Gesagt, getan. Der Fuchs nutzte sofort die Gelegenheit. Schon während er sich entfernte, rief er zum Löwen zurück: „Warte hier! Das muss ich sofort ausprobieren. Ich hole einen Strick. Mal sehen, ob du dich befreien kannst.“

Der Fuchs war schnell zurück. Er schnürte die starken Vorder- und Hinterbeine des Löwen fest zusammen und trat einige Schritte zurück. Nun sah er die Stunde seiner Befreiung gekommen. Er würde den hilflosen Löwen einfach zurücklassen – und wäre bald wieder jeden Abend satt.

Er stieg ganz leise auf einen nahen Felsen. Dann rief er dem Löwen plötzlich laut und aufgeregt zu: „Achtung, Löwe! Ein Tiger, er kommt direkt auf dich zu! Schnell weg, ein Tiger!“

Aber der Löwe reagierte ganz nach Löwenart: Er spannte einmal all seine beeindruckenden Muskeln an – und die Stricke zerrissen sofort in Stücke. Dieser Tiger sollte nur kommen! Da staunte der schlaue Fuchs nicht schlecht. Aber er reagierte trotzdem wie immer sehr geistesgegenwärtig. Mit lachendem Gesicht ging er mutig auf den Löwen zu und provozierte ihn, scheinbar im Spaß: „Bruder Löwe! Das sieht ja fast so aus, als ob du mir nicht getraut hättest und mir deshalb aus Angst nicht die eigentliche Wahrheit verraten wolltest. Schau mal hier, die einfachen Stricke liegen hier in Fetzen. Aber nun komm’ schon, Hand aufs Löwenherz: Wie könnte man sogar dich wirklich überwältigen?“

Wieder überlegte der Löwe eine Weile. Er hatte aber inzwischen selbst Gefallen an diesem kleinen Kräftemessen gefunden. Und als ängstlich wollte er schon gar nicht dastehen! Bereitwillig sagte er dem Fuchs nun die Wahrheit, und ging dabei sogar ins Detail: „Wer einen Löwen wie mich bändigen will, der muss schon mit Lederriemen arbeiten. Du weißt schon, aus diesem besonders weichen und doch festen Leder. Am besten schneidest du daraus mehrere schmale Riemen, die du dann zusammenflechten kannst. So werden die Fesseln selbst für mich als Löwen zu stark sein.“

Der schlaue Fuchs ging sofort los und besorgte ein großes Stück vom besten Leder, das fest und doch weich war. Zuerst schnitt er die Riemen zurecht, dann verknüpfte er sie miteinander, wie der Löwe es beschrieben hatte.

Obwohl dies alles direkt vor den Augen des Löwen geschah, begab sich dieser auch diesmal ohne jedes Zögern in die Hände des Fuchses. Dieser zog die...

Erscheint lt. Verlag 30.6.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Kinder- / Jugendbuch Erstlesealter / Vorschulalter
Schlagworte Fabeln • Kurdisch • Kurdische Märchen • Kurdistan • Tiergeschichten
ISBN-10 3-8192-3873-5 / 3819238735
ISBN-13 978-3-8192-3873-4 / 9783819238734
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