Und mir bleibt der hässliche Hund (eBook)
192 Seiten
Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
978-3-522-61204-3 (ISBN)
Franziska Hörner wurde 1993 in Düsseldorf geboren. Nach ihrem Englisch- und Biologiestudium wurde sie Elefantenforscherin (ja, wirklich) und bereist dafür zahlreiche afrikanische Länder. Nebenbei schreibt sie Geschichten für Jugendliche und junge Erwachsene, was schon immer ihre Lieblingsbuchsparte war. Ihr Wunsch war es stets, ein Buch zu schreiben, das sie selbst gerne lesen würde. Sie lebt zusammen mit ihrem Hund in einer glücklichen Wohngemeinschaft.
4.
Nach dem Termin schob ich mein Rad wieder nach Hause. Bolt hechelte neben mir her. Eigentlich hatte ich mich schon an das Schieben gewöhnt. Aber auf dem Weg die Straßen entlang kam mir eine Idee, die mich zum ersten Mal seit Wochen so etwas wie Aufregung spüren ließ.
Als wir in unsere Straße einbogen, ging ich nicht sofort ins Haus, sondern schloss die Garage auf. Sie war bis oben hin vollgestopft mit Krempel. Alte Fahrräder, eine Tischtennisplatte, aufgestapeltes Holz, Werkzeug, Altglas. Die Kisten mit der Weihnachtsdeko. Das Auto hatte hier nie reingepasst. Aber das war jetzt sowieso nicht mehr da.
Ich quetschte mich an dem klapprigen Moped vorbei, an dem mein Vater manchmal rumgeschraubt hatte und schob dabei die flauen Gefühle im Bauch beiseite, die der Anblick der vertrauten Sachen auslöste. Bolt legte sich im Toreingang in den kühlen Schatten der Garage und beobachtete, wie ich mich durch die Sachen wühlte. Ganz hinten fand ich es. Dort an der Wand lehnte mein altes Longboard. Ich war ewig nicht mehr damit gefahren. Ich hatte es zum elften Geburtstag bekommen und ein paar Jahre war ich ständig mit dem Ding unterwegs gewesen und hatte mich mit meinen Freunden bei den Treppen am Schwimmbad getroffen, wo wir Stunts geübt hatten. Wir waren sogar gar nicht mal schlecht gewesen. Irgendwann landete es dann hier in der Garage. Auf jeden Fall lange genug, um ordentlich Spinnweben zu sammeln.
Ich zog es hinter den Kisten hervor. Die Rollen waren noch gut. Den letzten Satz hatte ich kaum runtergefahren. Auf der Rückseite waren noch meine alten Simpsons-Aufkleber. Mit einem leichten Lächeln betrachtete ich das staubige Board in meinen Händen.
Zusammen mit meinem Fund kämpfte ich mich aus den Tiefen der Garage zu Bolt, der sich mittlerweile auf die Seite gelegt hatte. Als ich das Board neben ihn auf den Boden stellte, zuckte er mit den Ohren. Ich setzte einen Fuß auf die dunkle, raue Fläche, kickte mich vom Boden ab und rollte aus der Garage in Richtung Straße. Fühlte sich vertraut an. Anscheinend verlernte man Longboardfahren nicht. Ich neigte mich zur Seite und bog in einer Kurve auf die Straße ab. Noch ein Kick, um Tempo aufzunehmen. Das Board klapperte unter mir und die Rollen machten das angenehme Surrgeräusch auf dem Asphalt. Das Gefühl, schneller zu werden, und den Wind in den Haaren zu haben, fühlte sich gut an.
In einer Anwandlung von Übermut steuerte ich auf den Bordstein zu und probierte einen Grind. Das Board flog mir unter den Füßen weg und ich stolperte hinterher. Ich musste grinsen. Schon zum zweiten Mal heute.
Mit dem Board unterm Arm ging ich zurück zu Bolt. »So, mein Dicker«, sagte ich. »Jetzt probieren wir mal was aus. Das dürfte dir gefallen.« Ich hob ihn hoch und setzte ihn vorne auf das Board. Er passte perfekt drauf. Hinter ihm war gerade noch genug Platz für meinen Fuß. Ich musste ihn leicht unter seinen Hintern schieben, um nicht zu weit hinten zu stehen, aber Bolt störte das nicht.
Wieder trat ich mich vom Boden ab. Diesmal viel vorsichtiger. Erst war Bolt irritiert und wollte vom Board springen. Aber ich hielt ihn mit meinem freien Bein davon ab und er setzte sich hin. Langsam rollten wir über den Weg. Es war etwas holprig, durch das zusätzliche Gewicht war die Balance anders und ich konnte nicht so gut lenken. Doch nach ein paar Runden hatte ich den Dreh raus.
Wir fuhren immer wieder die Straße rauf und runter. Bolt hatte sich schnell daran gewöhnt, auf dem rollenden Board zu sitzen, genau, wie ich es mir vorgestellt hatte. So musste er nicht laufen. Und ich musste mein Fahrrad nicht mehr schieben.
Zufrieden mit meiner Idee rollten wir den ganzen Nachmittag unsere Straße auf und ab, immer auf dem Bürgersteig. Es machte richtig Spaß und ich kam sogar ins Schwitzen. Es fühlte sich beinah merkwürdig an, aber ich konnte nicht genau benennen, was es war.
Als meine Tante mit dem Auto nach Hause kam und vorm Haus parkte, skateten wir noch über den Gehweg. Sie kam uns entgegen und schaute ungläubig auf Bolt, der nun wie ein König vorne auf dem Board thronte und sich von mir fahren ließ.
»Mega die gute Idee!« Sie strahlte mich an.
Ich nickte und grinste wieder leicht.
»Geht’s dir gut?«, fragte sie mich.
»Ja«, antwortete ich und merkte, dass es fast stimmte. Da wurde mir bewusst, was das merkwürdige Gefühl von vorhin war. Es hatte sich für einen Moment angefühlt, als wäre ich wieder ich selbst.
Der erste Moment, in dem ich es gespürt hatte, so richtig tief in meinem Inneren gespürt hatte, dass mit mir nun etwas anders war, war etwa zwei Wochen nach dem Unfall gewesen. Es war um die Mittagszeit gewesen und ich hatte bereits diverse Löcher erst in meine Zimmerdecke und dann in den Wohnzimmerteppich gestarrt. Irgendwann war mir Bolts Gebettel aufgefallen und es muss schon viel bedeuten, dass er es geschafft hatte sich in mein Bewusstsein zu drängen, denn das war zu dem Zeitpunkt ein wirklich weit entfernter Ort.
Er musste aufs Klo. Zumindest ging ich davon aus. Ich sprach nicht viel Hund. Unbeholfen stand ich von der Couch auf, bei der ich mich nicht daran erinnern konnte, wie ich überhaupt auf sie gekommen war und streckte meine steifen Glieder. Seit Tagen trug ich dasselbe Shirt mit demselben Kapuzenpulli und musste vollkommen zerknittert aussehen. Ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal geduscht hatte. Und hatte ich mir eigentlich die Zähne geputzt? Nicht heute, sondern generell? Wann war ich das letzte Mal im Bad gewesen?
Keiner der Gedanken blieb lang genug. Kein Gedanke schaffte es überhaupt bis nach ganz vorne in meinem Kopf. Ganz vorne in meinem Kopf war ein Vakuum aus Schock.
Im Flur nahm ich Bolts Leine und machte sie unbeholfen an seinem Halsband fest. Es fühlt sich falsch an, soweit sich überhaupt irgendetwas in diesem Moment anfühlen konnte. Ich dachte noch daran, meinen Schlüssel mitzunehmen, dann verließ ich das Haus. Als ich auf den Bürgersteig trat, dachte ich abwesend, dass es deutlich wärmer war, als ich erwartet hatte. Wärmer als das letzte Mal, als ich draußen war. Wann war ich das letzte Mal draußen gewesen?
Ich schlug den Weg Richtung Park ein. Nicht weit von unserem Haus entfernt gab es eine kleine Grünanlage, in der ich als Kind mit den anderen Kindern aus der Nachbarschaft im Sommer gespielt hatte und in der viele Leute mit ihren Hunden spazieren gingen. Soweit ich wusste, war Isa da auch mit Bolt regelmäßig gewesen. Warum war ich eigentlich nie mitgegangen? Aber warum hätte ich sollen? Im Ranking der Dinge, die ich in meinem Leben zuletzt gerne gemacht hatte, war Zeit mit meiner kleinen Schwester zu verbringen nicht mal aufgelistet gewesen.
Wir kamen an den Parkeingang und Bolt fing sofort an, an seiner Leine zu ziehen. Nicht etwa, weil er weglaufen wollte. Er blieb nur einfach stehen, um ausführlich an einem Grasstreifen zu schnüffeln. Mit unglücklichem Gesichtsausdruck beobachtete ich ihn dabei und fragte mich, was er da machte. Ich wollte ihn an seiner Leine weiterziehen, wusste aber nicht recht, wie das ging, und außerdem schien ihm das rein gar nichts auszumachen. Er ignorierte mich einfach rundheraus. Mir wurde bewusst, wie schlecht ich diesen kleinen, hässlichen Hund kannte. War das sein normales Verhalten oder tat er grade etwas, was er sonst nicht tat? Musste man auf irgendwas achten, wenn man mit Hunden spazieren ging und durfte man sie eigentlich ableinen?
Ich wusste nichts von all dem. Also stand ich weiter einfach nutzlos da und wartete, während er in aller Seelenruhe an seiner Grasstelle schnupperte.
Schließlich machte er ein paar Tippelschritte zur Seite, hob sein Hinterbein an. Und pinkelte an die inspizierte Stelle. Im Ernst. Er hatte grade geraume Zeit darauf verwendet, einen Ort auszukundschaften und zu beschnüffeln, nur um ihn dann anzupinkeln. Wäre ich nicht so vollkommen neben der Spur gewesen, hätte ich es lustig gefunden.
Wir gingen ein Stück weiter, doch schon nach wenigen Metern zog Bolt abermals an der Leine. Das gleiche Prozedere. Er wollte an einer anderen Stelle, die absolut genauso aussah wie die von vorhin, schnuppern. Okay. Ich blieb stehen. Wartete.
Während Bolt seine Nase ins Gras steckte, blickte ich mich im Park um. Mir wurde abermals bewusst, dass ich zu warm angezogen war. Die Sonne schien durch die Bäume und es lagen sogar vereinzelt Leute auf Decken rum, die bloß in Shorts und T-Shirt gekleidet waren. War es schon Sommer? Es war doch erst April, oder? Oder?
Und plötzlich wurde mir sehr kalt. So kalt, dass ich in meinem dreckigen Kapuzenpulli anfing zu zittern. Dabei schien mir sogar die Sonne auf Gesicht und Rücken und unter der Kälte spürte ich, dass mir eigentlich zu warm war.
Fahrig schaute ich zu Bolt, der nach wie vor mit seiner Grasstelle beschäftigt war. Mit einer Hand fuhr ich mir in den Nacken und rieb über meine kribbelnde Haut. Auf einmal war ich mir der anderen Leute im Park übermäßig bewusst. Genauso wie meiner ungewaschenen Klamotten und Haare. Ich fühlte mich klebrig und der kalte Schweiß, der sich grade wie ein Film über meine Haut zog, half nicht dabei.
Ich wünschte, ich hätte noch die andere Hand frei, denn nun wollte ich mir auch übers Gesicht reiben und meine Augen abschirmen. Doch ich hielt...
| Erscheint lt. Verlag | 25.8.2025 |
|---|---|
| Mitarbeit |
Designer: Formlabor |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch ► Jugendbücher ab 12 Jahre |
| Schlagworte | Angst • Coming-of-age • Depression • Erste Liebe • Erwachsen werden • Familienhund • Flucht • Freundschaft • Humor • Hund • Jugendbuch • Liebe • lustig • Psychotherapie • Romantik • Skateboard • Sommer • Sterben • tödlicher Autounfall • Trauer • Waise • Wut |
| ISBN-10 | 3-522-61204-3 / 3522612043 |
| ISBN-13 | 978-3-522-61204-3 / 9783522612043 |
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