Eine Insel im Meer (eBook)
304 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-78469-2 (ISBN)
Ein tief berührender Roman über Neuanfang, Schwesternliebe und die unerschütterliche Kraft der Hoffnung
Wien, 1939: Die zwölfjährige Steffi und ihre kleine Schwester Nelli werden von ihren Eltern aus dem bürgerlichen Alltag in Wien auf eine kleine schwedische Schäreninsel geschickt, um dem Terror der Nazis zu entfliehen. Für ein halbes Jahr, dann wollen sie sich alle in Amsterdam wiedersehen. Doch Schweden ist kalt und so anders als Wien. Während Nelli schnell Anschluss findet, fühlt Steffi sich allein. Sie hat Heimweh, sehnt sich nach dem alten Leben, die Sprache ist ihr fremd, ebenso wie die distanzierte Pflegemutter. Jeden Tag wartet sie auf Nachrichten von ihren Eltern - aber der Krieg wirft immer dunklere Schatten. Wird sie jemals nach Hause zurückkehren können? Oder ist diese Insel im Meer das Einzige, was ihnen bleibt?
Annika Thor, geboren 1950, wuchs als Kind jüdischer Eltern im schwedischen Göteborg auf. Sie verfasste zahlreiche Romane, Drehbücher und Theaterstücke für Kinder und Jugendliche. Sie zählt zu den wichtigsten und meistgelesenen schwedischen Kinderbuchautorinnen der Gegenwart.
3
Als Steffi an Deck kommt, schlägt ihr die Luft wie eine unsichtbare Wand entgegen. Es riecht nach Salz und Fisch und nach etwas Ekligem, Verrottetem. Das Würgen kommt wieder. Sie schluckt heftig und schaut sich um.
Der Dampfer hat an einem Anleger aus Holz festgemacht. Entlang des Bootssteges liegen weiß gestrichene Fischerboote mit schwellenden Rümpfen und niedrigen Masten. In den Takelagen heult der Wind. An kleineren Stegen liegen unterschiedlich große Schiffe vertäut. Ein Wellenbrecher, aus großen Steinblöcken errichtet, schützt den Hafen gegen die Brandung.
An Land stehen große Holzgerüste. Manche sind leer, an anderen hängen Fische zum Trocknen. Eins von ihnen ist mit etwas bedeckt, das aussieht wie Fledermäuse mit ausgebreiteten Flügeln.
Längs des Anlegers liegen rote und graue Bootsschuppen, die Giebel zum Wasser gerichtet. Hinter ihnen stehen niedrige Häuser in hellen Farben. Es sieht aus, als ob sie direkt auf den Felsen erbaut wären.
Sie müssen an Bord warten, während ein Junge Kisten und Säcke auf einer Karre mit Gummirädern an Land bringt. Ein Sack geht kaputt und Kartoffeln rollen auf den Anleger. Einige plumpsen ins Wasser. Nelli lacht, verstummt aber, als ein Mann mit hochrotem Gesicht den Jungen anbrüllt.
Schließlich sind sie an der Reihe. Steffi hält Nellis Hand ganz fest, als sie den Laufgang hinuntergehen.
Auf dem Anleger steht eine Frau und wartet. Sie trägt eine Strickjacke über ihrem geblümten Kleid und um den Kopf einen Schal mit Punkten. An den Schläfen gucken graue Löckchen hervor. Sie strahlt über das ganze Gesicht, als sie die Mädchen sieht.
»Eleonore … Stephanie«, sagt sie, obwohl sie die Namen seltsam ausspricht. Stefaanije, klingt das. Sie hockt sich hin, nimmt Nelli in die Arme und küsst sie auf die Wangen.
»Guten Tag«, sagt Steffi und streckt ihre Hand aus. »Ich bin Steffi.«
Die Frau nimmt Steffis Hand und sagt etwas in einer fremden Sprache.
»Was hat sie gesagt?«, fragt Nelli.
»Ich weiß nicht«, sagt Steffi. »Ich glaub, sie spricht schwedisch.«
»Kann sie kein Deutsch?«, fragt Nelli. »Versteht sie nicht, was wir sagen?« Ihre Stimme zittert.
Steffi schüttelt den Kopf. »Wir müssen Schwedisch lernen.«
»Steffi?«, sagt die Frau. »Stefaanije – Steffi?«
»Ja«, sagt Steffi. »Stephanie – Steffi. Nelli«, sagt sie und zeigt auf ihre kleine Schwester. »Eleonore – Nelli.«
Die Frau nickt und lächelt.
»Alma«, sagt sie. »Alma Lindberg. Tante Alma. Kommt.«
An einem der Bootsschuppen lehnt ein Fahrrad. Tante Alma klemmt Nellis Koffer auf dem Gepäckträger fest. Sie nimmt Nellis Hand und schiebt das Fahrrad den schmalen Weg zwischen den Häusern entlang. Steffi folgt ihnen mit ihrem Koffer.
Die Häuser liegen dicht nebeneinander. Sie kriechen auf der Erde entlang und klammern sich an den Abhängen fest. Sie haben kleine Gärten mit gebeugten Büschen und krummen Obstbäumen. In der Nähe vom Hafen sind die Häuser klein und niedrig. Weiter entfernt werden sie größer.
Tante Alma geht schnell mit langen energischen Schritten. Nelli muss fast laufen, um mit ihr Schritt zu halten. Steffi bleibt mehr und mehr zurück. Ihr Hals ist trocken und sie hat einen sauren Geschmack im Mund. Obwohl sie schon mehrere Hundert Kilometer von zu Hause entfernt ist, hat sie ein Gefühl, als ob sie jeder Schritt weiter und weiter wegführt von den Häusern, Straßen und den Menschen zu Hause.
Der Koffer ist schwer wie ein Stein. Schließlich stellt sie ihn ab und zieht ihn hinter sich her, dann wieder schiebt sie ihn mit dem Fuß vor sich her.
Das kratzende Geräusch auf dem Kies bringt Tante Alma dazu, sich umzudrehen. Sie hebt den Koffer auf den Gepäckträger und zeigt Steffi, wie sie nebenhergehen und ihn in der Balance halten soll. Das ist schwer, aber besser als ihn zu tragen.
»Steffi«, piepst Nelli, »wo ist der Sandstrand? Und wo sind die Musikpavillons?«
Steffi tut so, als hätte sie nichts gehört.
»Stell dir vor, wenn es nun mal kein Hotel gibt! Und keine Palmen und keinen Hund und kein Klavier!« Nellis Stimme ist hoch und klagend.
»Sei still«, faucht Steffi sie an. »Wir sind noch nicht da.«
Genau in dem Augenblick bleiben sie vor einem gelben Haus mit Glasveranda stehen. In den Beeten zu beiden Seiten der Vortreppe prangen Blumen in Rot, Gelb und Blau. Zwei kleine blonde Kinder kommen aus dem Haus gestürzt und werfen sich in Almas Arme.
»Sie haben Kinder«, sagt Nelli zufrieden. »Und die sind kleiner als ich.«
Sie lassen das Gepäck im Vorraum stehen und gehen in die Küche. Am Küchentisch sitzt eine Frau mit magerem, strengem Gesicht. Ihr graues Haar ist zu einem strammen Knoten im Nacken hochgesteckt. Die blassen Augen mustern Steffi und Nelli von Kopf bis Fuß.
»Diese armen Kleinen«, sagt sie zu Tante Alma. »Mager und jämmerlich. Hoffentlich können wir sie ein bisschen aufpäppeln.«
»Tante Märta«, sagt Tante Alma mit einer Handbewegung zu der Frau. Steffi gibt ihr die Hand und macht einen Knicks. Tante Märtas Hand ist kalt und hart.
Tante Alma stellt einen großen Teller mit Wecken auf den Küchentisch. Sie gießt Saft in vier Gläser und kocht für sich und Tante Märta Kaffee.
»Bulle«, sagt Tante Alma und zeigt auf die Wecken, als sie sich an den Tisch gesetzt haben. Dann zeigt sie nacheinander auf die Gläser, den Tisch, die Stühle, die Tassen und nennt die schwedischen Wörter: »Glas. Bord. Stol. Kopp.«
Steffi und Nelli versuchen die fremden Wörter nachzusprechen. Manche klingen ähnlich wie Deutsch, andere sind ganz fremd.
»Stol. Stuhl«, sagt Steffi.
»Schtol«, sagt Tante Alma und lacht.
»Schtol, schtol«, wiederholen die Kleinen begeistert. Dann zeigen sie auf sich selbst und rufen: »Elsa! John! Elsa! John!«
Sie schaffen es, zehn schwedische Wörter zu lernen, ehe Tante Märta aufsteht. Sie geht hinaus in den Vorraum, kommt zurück mit Steffis Mantel und reicht ihn ihr.
»Steffi?«, fragt Nelli ängstlich. »Was soll das? Was will sie?«
»Ich weiß nicht«, antwortet Steffi. Langsam knöpft sie den Mantel zu. Tante Alma und die Kinder folgen ihnen hinaus.
»Gehst du weg, Steffi?«, flüstert Nelli. »Bleibst du nicht hier?«
Tante Märta geht zur Tür. Steffi setzt sich den Ranzen auf.
»Geh nicht!«, protestiert Nelli mit schriller Stimme. »Ich will, dass du hierbleibst.«
»Mach jetzt keine Schwierigkeiten«, sagt Steffi. »Wir müssen tun, was sie sagen.«
»Mama hat gesagt, wir dürfen zusammenwohnen. Sie hat gesagt, sie haben es versprochen.«
»Ich weiß. Vielleicht ist es nur für eine Nacht. Hab keine Angst.«
Nelli hält Steffis Hand ganz fest.
»Kommst du morgen hierher?«, fragt sie mit kleiner Stimme.
»Bestimmt«, verspricht Steffi, ohne zu wissen, ob sie ihr Versprechen halten kann. Sie folgt Tante Märta hinaus.
Unten an der Treppe dreht sie sich um. Nelli und Tante Alma stehen in der Tür. Tante Alma hat einen Arm beschützend um Nellis Schultern gelegt.
Tante Märta schiebt ihr Fahrrad durch die Gartenpforte. Draußen auf der Straße klopft sie auf den Gepäckträger. Steffi setzt sich darauf, den Koffer vor sich. Tante Märta steigt auf und strampelt los.
Steffi kann nicht Rad fahren. Sie ist noch nicht einmal auf einem Fahrrad mitgefahren. Auf den Straßen in Wien, zwischen all den Autos und Straßenbahnen, hätte Mama sie niemals auf einem Fahrrad herumfahren lassen. Jetzt klammert sie sich mit der einen Hand am Rad fest und hält mit der anderen den Koffer. Jedes Mal, wenn sie über eine Unebenheit auf der Straße fahren, hat sie Angst, sie könnten umkippen.
Allmählich wird die Bebauung dünner. Sie fahren durch einen niedrigen Buschwald und wieder heraus. Der Weg schlängelt sich zwischen kahlen, grauen Felsen dahin. In den Spalten blüht ein bisschen Heide.
Tante Märta kämpft sich einen langen Hügel hinauf und bleibt auf der Kuppe stehen. Vor ihnen breitet sich das Meer aus, unendlich und blaugrau. Dunkle Wolken liegen wie eine Decke über der Wasseroberfläche. Braungraue Felsen und Inseln ragen heraus. ...
| Erscheint lt. Verlag | 17.9.2025 |
|---|---|
| Illustrationen | Sabine Wilharm |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | En ö i havet |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch ► Jugendbücher ab 12 Jahre |
| Schlagworte | ab 12 Jahre • aktuelles Buch • August-Preis 1997 • Bücher Neuerscheinung • buch-geschenk • Deutscher Jugendliteraturpreis 1999 • En ö i havet deutsch • Exil • Ferienreise • Geschenke für Jungs • Geschenke für Kinder • Geschenke für Mädchen • Heimweh • Hoffnung • Holocaust • illustriert • Jugendbuchklassiker • Kinderbuch • Kindertransport • mit Illustrationen • Neuanfang • Neuerscheinung 2025 • neues Buch • Nordeuropa Skandinavien • Pflegeeltern • Rettung vor dem Nationalsozialismus • Schweden • Schwesternliebe • Verlust • Wien • Zwei jüdische Mädchen |
| ISBN-10 | 3-458-78469-1 / 3458784691 |
| ISBN-13 | 978-3-458-78469-2 / 9783458784692 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich