Kampf um den Regenwald (eBook)
160 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-3745-1 (ISBN)
Damaris Kofmehl ist gebürtige Schweizerin und schreibt Romane, Fantasy und Thriller, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Die Serie "Abenteuer in Südamerika" schrieb sie als junge Erwachsene, als sie selbst eineinhalb Jahre im Dschungel von Costa Rica lebte und anschliessend alleine quer durch Südamerika reiste.
Eine tolle Überraschung
Ein eisiger Wind pfiff Steffi um die Ohren, als sie in Zürich Stadelhofen auf ihren Zug wartete. Sie schlug den Kragen ihrer Winterjacke hoch und blies sich in die durchfrorenen Hände.
Steffi schielte zum Maronistand hinüber und überlegte sich, ob sie sich zur Feier des Tages auch ein Tütchen kaufen solle. Immerhin war heute der letzte Schultag vor den zweiwöchigen Sportferien gewesen. Aber dann kam ihre Bahn, und sie ließ es bleiben.
Wohlige Wärme strömte Steffi entgegen, als sie in den Zug einstieg. Sie setzte sich ans Fenster, blickte gelangweilt in die Dunkelheit hinaus und fühlte sich auf einmal sehr müde. Eine anstrengende Woche lag hinter ihr. Jeder Fachlehrer hatte vor den Ferien noch eine Prüfung in den sowieso schon dichten Stoffplan gequetscht. Die letzte war erst vor ein paar Stunden gewesen, und Steffì hatte kein besonders gutes Gefühl, wenn sie daran zurückdachte. Biologie war nie ihre Stärke gewesen, und von Ökologie verstand sie etwa so viel wie eine Kuh vom Eierlegen. Ihr Lehrer sagte immer, sie müsse lernen, in Zusammenhängen zu denken. Denn alles, jeder Gegenstand, jede Pflanze, jedes Tier erzähle eine Geschichte, bestehend aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es sei geradezu unerläßlich, darüber nachzudenken, in welcher Beziehung ein Lebewesen zu seiner Umwelt stehe, denn nur so könne der Mensch den Schaden ermessen, den er der Natur tagtäglich zufügt.
Steffi mußte beinahe schmunzeln, als sie an Herrn Fleischers wilde Handbewegungen dachte, während er an ihr Gewissen appellierte und sie von der Notwendigkeit eines umweltbewußten Denkens überzeugen wollte. Klar, Umweltschutz war eine wichtige Sache, aber sie fand seinen Eifer reichlich übertrieben. Sie seufzte und zwang sich, an etwas Erfreulicheres zu denken, aber im Moment fiel ihr nichts ein.
Plötzlich tauchte ein grinsendes Gesicht vor ihr auf, und zwei schmale Augen zwinkerten ihr hinter einer feinen Brille munter zu.
„Ist hier noch frei?”
„David!” rief Steffi überrascht. David, ein schlanker, sechzehn-jähriger Japaner mit keckem Blick und raspel-kurzem schwarzen Haar, das abgesehen von der Farbe aussah wie ein frisch gemähter Rasen, ließ sich schwungvoll neben Steffi auf den Sitz fallen.
„Und?” fragte er amüsiert. „Hab’ ich dich erschreckt?”
„Um ehrlich zu sein”, murmelte Steffi etwas verlegen, „dich hätte ich hier nicht erwartet. Ich dachte, dies wäre dein freier Nachmittag.”
„Ist es auch”, bestätigte David und klopfte auf einen schwarzen Koffer, der die Form einer Violine hatte, ,aber ich mußte um zwei Uhr eine Musikstunde nachholen.”
Steffi lächelte ahnungsvoll. „Und dann hast du wahrscheinlich noch eine Stunde weitergeübt.”
„Da muß ich dich leider enttäuschen”, sagte der Japaner und schob sich die Brille auf der Nase zurecht. „Es waren zwei Stunden, um genau zu sein, zweieinhalb.”
„Zweieinhalb Stunden hast du Geige gespielt?”
„Dreieinhalb Stunden, wenn man den Unterricht dazurechnet.”
Steffi schüttelte verständnislos den Kopf. „Du bist definitiv verrückt”, meinte sie. „Kein vernünftiger Mensch spielt freiwillig dreieinhalb Stunden Geige.”
„Ich hab’ nie behauptet, daß ich vernünftig wäre”, schmunzelte David und legte seinen Arm um Steffis Schulter. „Deshalb habe ich mich wohl auch in dich verliebt.”
Steffi wußte nicht, ob sie ihn für diese Anspielung kneifen sollte oder nicht, aber als sie der Junge näher zu sich zog, vergab sie ihm die Bemerkung und schmiegte sich an ihn.
Obwohl sie den Japaner bereits über ein halbes Jahr als festen Freund hatte, pochte ihr Herz immer noch wie wild, wenn er auftauchte.
Sie kannten sich eigentlich seit ihrer Kindheit. Beide wohnten in Zumikon, und beide gingen in Zürich zur Schule, im selben Schulhaus, wenn auch nicht in die gleiche Klasse. Steffi war zwei Jahre jünger als David und hatte erst vor eineinhalb Jahren mit dem Gymnasium begonnen. Es wurde schon lange gemunkelt, daß zwischen den beiden wohl etwas wäre, denn David und Steffi hatten etwas gemeinsam: Sie sahen beide anders aus als die anderen Jugendlichen an ihrer Schule.
David war Japaner und Steffi Indianerin. Sie war im costaricanischen Urwald zur Welt gekommen, im Stamm der Guaymi. Aufgewachsen war sie allerdings nicht in Costa Rica, sondern in der Schweiz bei einer Familie, die sie als Baby adoptiert hatte. Viele Jahre hatte Steffi nicht gewußt, wie ihre richtige Heimat Costa Rica aussah, bis sie im vergangenen Sommer die einmalige Gelegenheit bekommen hatte, dieses wunderschöne Land kennenzulernen. Und sie lernte nicht nur das Land kennen, sondern auch Indianer, Indianer vom Stamme der Guaymi - ihr eigenes Volk und ein Teil ihrer Identität.
David meinte, sie wäre seither noch hübscher geworden, denn innere Schönheit strahle unweigerlich nach außen.
Steffi fand nicht, daß sie sich äußerlich verändert hatte. Und dennoch spürte sie, daß etwas in ihr vorgegangen war, etwas, das man schwer mit Worten beschreiben kann. Es war, als hätte sie einen Teil von sich zurückgewonnen, von dem sie nicht gewußt hatte, daß er überhaupt einmal in ihr gewesen war. Sie war nicht mehr Steffi, die adoptierte Indianerin mit dem Schweizer Paß. Sie war eine Guaymie. Und sie war stolz darauf. Sie trug den Stolz einer Indianerin in ihrem Herzen, und das hatte sie verändert.
Seit jener aufregenden Ferien in Zentralamerika hatte sich aus der kumpelhaften Freundschaft zwischen David und Steffi eine engere Beziehung entwickelt.
Er war in vielem anders als sie. Während sie gerne Sport trieb, übte er lieber Geige. Sein Vater spielte im Zürcher Tonhalleorchester mit und hoffte, der talentierte Sohn würde später ebenfalls den Beruf des Musikers ergreifen.
Doch David wollte lieber Künstler werden, denn seine eigentliche Leidenschaft galt der Malerei. Von seinen Bildern war Steffi absolut hingerissen. Sie behauptete, Van Gogh oder Picasso würden vor Neid erblassen, wenn sie Davids Zeichnungen sehen könnten. Und überhaupt fand sie, er sei der intelligenteste und begabteste Junge, den sie je kennengelernt habe.
„Was machst du in den Ferien?” fragte David plötzlich. „Gehst du Skifahren?”
„Nichts würde ich lieber tun”, antwortete Steffi mit einem leisen Seufzer.
„Aber?”
Steffi zog den Mund schief und sah David mit ihren großen schwarzen Augen mitleiderregend an. „Er ist klein, dunkelhäutig, und man hat nichts als Ärger mit ihm. Brauchst du noch mehr Angaben?”
„Nick?”
„So ist es”, bestätigte Steffi. „Seine Mutter mußte vorgestern ganz unerwartet ins Krankenhaus, und meine Mutter hat natürlich nichts Besseres gewußt, als ihr anzubieten, Nick könne solange bei uns wohnen. Typisch Mama. Und mich fragt wieder mal keiner. Ich wette, wenn ich nach Hause komme, steht mein Zimmer unter Wasser, und mein Bett hat sich in ein Piratenschiff verwandelt.”
David konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er wußte nur zu gut, daß Nick, der kleine schwarze Junge, der mit seiner Mutter und den fünf Geschwistern im selben Block wohnte wie Steffi, nichts als Flausen im Kopf hatte. Mit seinen großen Kulleraugen konnte er so treuherzig dreinschauen, daß Frau Kamm immer weich wurde, wenn er vor der Tür stand. Steffi hatte ihrer Mutter schon oft gesagt, sie solle sich nicht von Nick um den Finger wickeln lassen und ihn derart verwöhnen, aber die Mutter fand, es sei ihre Pflicht, diesem hilflosen, liebenswerten Jungen etwas Wärme zu geben, wo ihn doch die älteren Geschwister so schlecht behandelten, wie er selbst sagte. So kam es, daß Nick häufiger bei Kamms war als bei sich zu Hause, und nicht selten mußte Steffi einen Teil ihrer Freizeit aufopfern, um den Dreikäsehoch zu beschäftigen oder wenigstens davon abzuhalten, ihr Zimmer in Beschlag zu nehmen. Denn meistens endete dies in einer mittleren Katastrophe, und Steffi hatte es langsam satt, Kindermädchen zu spielen, nur weil ihre Mutter einen Narren an diesem kleinen Ungeheuer gefressen hatte.
„Ein oder zwei Tage würde ich ihn ja ertragen, aber zwei Wochen! Das überleb’ ich nicht”, seufzte Steffi.
„Ach komm. So schlimm wird es wohl nicht sein. Du bist ja nicht die einzige, die sich um den Knirps kümmern muß.” Steffi schnaubte und löste sich aus Davids Umarmung.
„Und wer, bitte schön, hilft mir?” fragte sie empört. „Nicks Geschwister fahren noch heute abend zu irgend einem Onkel nach Chur. Mein Bruderherz geht selbstverständlich in die Skiferien, mein Vater arbeitet, und meine Mutter besucht eine alte Schulfreundin in Florenz und kommt erst in einer Woche zurück. Toll, nicht?”
David runzelte die Stirn. „Das versteh’ ich nicht ganz. Deine Mutter weiß doch, daß du nicht gerne auf Nick aufpaßt. ”
„Schon”, sagte Steffi, „der...
| Erscheint lt. Verlag | 22.1.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch |
| ISBN-10 | 3-7583-3745-3 / 3758337453 |
| ISBN-13 | 978-3-7583-3745-1 / 9783758337451 |
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