Social Media: (eBook)
180 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-9101-5 (ISBN)
Vanessa Divkovic lebt in Frankfurt und arbeitet an einer Haupt- und Realschule als Englisch-, Religions- und Physiklehrerin. Die tägliche Zusammenarbeit mit ihren Schüler*innen gibt ihr einen Einblick in den exzessiven Medienkonsum der Jugendlichen und dessen Auswirkungen, die sie an ein dunkles Kapitel ihrer Vergangenheit erinnert. Zunächst begann sie, eigenes Unterrichtsmaterial zum Thema Soziale Medien zu erstellen und verkaufen, später widmete sie sich ihrem langersehnten Schreibprojekt "Social Media: Mein kleiner Freund und großer Feind". Der Handlungsstrang thematisiert mögliche Auswirkungen eines Beziehungsendes auf den Medienkonsum und die mentale Verfassung eines homosexuellen Cis-Mädchens. Anhand eines humoristischen und dennoch tragischen Handlungsverlaufs wird eine Identifizierung, Reflexion und ein Anreiz zum bewussten Konsum Sozialer Medien ermöglicht, was zeitgleich eine Herzensangelegenheit von Vanessa darstellt. Zu ihren literarischen Vorbildern gehören Valentina Vapaux und Sonora Reyes.
5 Sie und ich
Noch am selben Abend blinkte mein Handy auf mit der Nachricht:
Hey, Mia hier. Danke für vorhin. Hättest du nächste Woche Zeit und Lust dich mit mir zu treffen?
Ich fiel fast vom Bett, als ich die Nachricht sah. Ich muss ehrlich gestehen, ich dachte sie fragte nur aus Höflichkeit nach meiner Nummer. Tausend Mal ja! In jeder Sprache. Am liebsten hätte ich sofort losgetippt, aber das konnte ich nicht machen, sonst hätte es so gewirkt, als ob ich nur den ganzen Abend darauf gewartet hätte (was ich insgeheim natürlich getan habe). Ich würde sagen, ich wartete so…30 Minuten? 40? So etwas um den Dreh wird es gewesen sein, während ich merkte, dass meine Hände vor Aufregung eiskalt wurden und mein Herz schneller schlug.
Es war 19:53 Uhr und die 40 Minuten waren endlich vergangen. Ich tippte, was das Zeug hielt:
Hi <3! Ja, omg, lass uns treffen J!!
und drückte auf send- nein, so konnte ich das nicht absenden. Ich löschte alles. Ganz ruhig, Alessa, einatmen und Ruhe bewahren, sagte ich zu mir selbst. Ich musterte ihre Nachricht genau. Sie hatte keine Smilies verwendet, in ihrer Nachricht wirkte sie sehr lässig, cool und unberührt. Dieselbe energy wollte ich zurückgeben.
Yo, hey. Alles easy. Klar, lass uns gerne treffen!
tippte ich und schickte ab. In derselben Sekunde bereute ich es. „Yo, hey. Alles easy“?! Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Ich beschloss die Nachricht zurückzuziehen, als sich die zwei grauen Häkchen blau färbten. Mist, Mia hatte die Nachricht schon gelesen. Sie würde sicherlich gleich antworten, dachte ich mir, und dann- oh. Sie war wieder offline. Ohne jegliche Reaktion. Na super, ich hatte es also wirklich geschafft, sie innerhalb von zwei Sekunden mit neun Wörtern zu vergraulen. Also liebe Leute, das war die Geschichte von Mia und mir, die niemals begann.
Als ob… sie ging erst jetzt richtig los. Mia antwortete, wir hatten uns in der kommenden Woche das erste Mal getroffen und verbrachten dann fast die ganzen kommenden Monate unzertrennlich miteinander.
Der Sommer stand gerade vor der Tür und wir etablierten unseren Alltag zusammen. Auch wenn wir nicht dieselbe Schule besuchten, hatten wir es geschafft, unsere Pflichten aufeinander abzustimmen. Wir lernten am Strand gemeinsam Vokabeln, sie half mir im Haushalt, brachte mich zum Training und holte mich wieder ab. Wir besuchten das Kino und wurden aufgrund unseres lauten Lachens wieder rausgeschmissen. Wir kochten sehr viel und scheiterten regelmäßig an den Sushirolls. Gemeinsam machten wir nach der Schule die Hausaufgaben und wunderbare Bilder zusammen. Manche vor meiner weißen Instagram-Wand im Zimmer, andere im Park oder auch am Strand. Ich zeigte ihr Kiel und wir besuchten das Wasseraquarium. Ich muss zugeben: Es war der schönste Sommer meines Lebens. Nicht nur wegen Mia als Person.
Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich nicht fremd. Ich hatte jahrelang das Gefühl das schwarze Schaf zu sein, ob in der Familie, der Gesellschaft oder in der Schule. Ich fühlte mich immer anders. Die Alessa, die unfähig war richtige Freundschaften zu führen, geschweige denn Beziehungen. Die, die sich mit anderen Menschen immer unwohl fühlte und im Endeffekt dachte, dass alle sie hassen würden. Die, die zu viel fühlte und mit ihren Emotionen nicht klarkam und somit einfach die Alessa, die nicht ganz wusste, was sie wert war und wo sie hingehörte. Das war ich. Bin ich. Mit Mia war ich all das aber nicht. Ab einem gewissen Punkt hatte ich im Leben aufgehört, daran zu glauben, dass mich je eine Person verstehen würde oder mir gar ähnlich sein würde. Auf einmal war sie da und alles wurde anders. So hell. Ich konnte mich verändern, so wie ich wollte und lernte mich zu lieben, da ich ihr so ähnlich wurde und ich sie, wie man unschwer erkennen kann, schon fast vergötterte.
Ich war der festen Überzeugung, dass unsere Verbindung, die erste Begegnung am Kiosk, kein Zufall war. Ich wollte daran glauben, dass es Schicksal war und wir das Leben von nun an gemeinsam verbringen würden und nicht nur den einen Sommer.
Nun ja, so ganz bestätigte sich meine Angst erstmal nicht, denn wir verbrachten auch den Herbst und den Winter zusammen. Wir sammelten Muscheln am Strand und klebten sie auf Kürbisse, schnitzen diese besonders hässlich und sagten liebevoll zueinander „Das bist du!“.
Gott, was habe ich mit ihr gelacht.
Wir bastelten uns sogar gegenseitig Adventskalender, sodass wir gleich beim Aufwachen ein kleines Geschenk voneinander hatten. Jeden Dezembermorgen riss ich meine Augen auf und griff zum nächsten Päckchen auf der Fensterbank. Der zweite Griff war dann zum Handy, um ihr mitzuteilen, wie wahnsinnig toll das Geschenk war, unabhängig davon, was es war. Mit Mia war einfach jeder Tag besonders. Der besonderste Tag war jedoch der 17. Juli.
Die Eishalle hatte im Juli für Besucher schon längst zu. Dadurch, dass die Eiskunstläufer, also ich, und die Eishockey-Spieler ihren Trainingseinheiten nachkommen mussten, wurde die Halle nach wie vor für uns gekühlt und nach Bedarf geöffnet. Da Mias Lieblingsjahreszeit der Winter war, war das für mich die perfekte Gelegenheit ihr bei einer Außentemperatur von über 30 Grad, dennoch ihr Winterwunderland bieten zu können. Ich wollte Mia auch unbedingt meine neue Kür live zeigen, sodass ich meine Trainerin Doria anbettelte, ausnahmsweise den Schlüssel zur Halle zu erhalten. Sie zögerte etwas und vertraute mir diesen nach langem Hadern für genau 90 Minuten an.
Ich durfte keine Zeit verlieren, somit hatte ich mein Handy sofort mit der Musikbox verbunden und meine Schlittschuhe angezogen, während Mia die Halle mit großen Augen bestaunte. Auf das Warm Up verzichtete ich ausnahmsweise, mein Adrenalin durch die Aufregung würde mich schon während der Kür auffangen. Aus der Musikbox dröhnte nun unser Lieblingslied In the Wind von Lord Huron, während ich ihr meine neuen Sprung-Elemente auf dem Eis zeigte. Selbstverständlich war ich bemüht wie noch nie, was mir ebenfalls gut geling.
Ich rief sie auf das Eis, sie solle sich nicht so anstellen und ich müsse ihr was zeigen. Mia war sehr unerfahren und watschelte rum wie ein Pinguin, das fand ich sehr putzig und auch lustig. Ich nahm sie an die Hand und zog sie zu mir, leider etwas zu arg. Oder soll ich sagen zum Glück?
Wir verloren das Gleichgewicht und stürzten aufs Eis. Wir sahen uns an, als wir gerade nebeneinander lagen, und brachen in Gelächter aus. Mia zuckte ihr Handy und sagte: „Oh Ally, das müssen wir posten! Mitten im Sommer in der Eishalle“, denn auf Instagram hielten wir fast alle unsere Erinnerungen fest. Sie hielt ihr Handy nach oben, um uns liegend auf dem Eis zu fotografieren, als ihr Handy plötzlich aus der Hand rutschte und auf unsere Gesichter fiel. Ich glaube wir alle wissen, wie schmerzhaft das sein konnte, oder? Passierte mir schon tausend Mal im Bett! Trotzdem stockte uns der Atem – erst vor Schock und dann vor Lachen.
Da lagen wir also: In der beleuchteten Eishalle, donnerstagabends, nebeneinander auf dem Eis, schnellatmend. Dadurch, dass es so kalt war, konnten wir unseren Atem sehen und beobachteten die kleinen Atemwölkchen aus unseren Mündern.
„Ally?“, sagte sie nach einer Weile, während ich meinen Kopf zu ihr neigte, sodass wir uns direkt in die Augen schauten. Und lasst mich sagen – ich war abgelenkt. Sehr abgelenkt von ihrem Blick. Am liebsten hätte ich irgendwas darauf geantwortet, aber mir war, als würde mir jemand die Kehle zuschnüren.
Option zwei war dann schnell den Blickkontakt abzubrechen, was ich normalerweise sofort, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, getan hätte.
Denn ich muss mal hier ehrlich gestehen – ich hasste Blickkontakt! Ich meine, worin schauten wir? In irgendein Körperteil oder in die Seele? Ich verstand es nicht und es verunsicherte mich jedes Mal aufs Neue. Ich würde sogar sagen, es machte mir Angst.
Mit Mia war es jedoch…es war okay. Also im Endeffekt mehr als okay, denn was meine Augen bemustern durften, war einfach nicht von dieser Welt. Trotzdem wäre es mir lieber gewesen, wenn das Ganze in kompletter Dunkelheit stattgefunden hätte, wenn das Sinn machte.
Zurück zum Kern der Story! Wir lagen auf dem Eis und schauten uns an. Es hätten Sekunden sein können, zeitgleich aber auch Minuten oder Stunden. Ich hatte absolut kein Zeitgefühl mehr.
Was denkt sie gerade?, ging mir durch den Kopf, als ich ihre sanften Fingerspitzen kurz an meiner Wange spürte, als ob sie sicherstellen würden, dass ich wirklich da und keine Illusion war. Ich ließ es zu. Alle Berührungen, auf die ich seit Wochen gewartet hatte, lies ich wohlwollend zu. Es fühlte sich so an, als sei der Höhepunkt meiner Gefühle erreicht. Mein ganzer Körper war elektrisiert. Ich war komplett fertig mit den Nerven! Also im positiven Sinne, versteht sich.
Ihre Hand bewegte sich zu meiner und unsere Finger hakten sanft ineinander ein. Auch wenn wir objektiv betrachtet nur Händchen gehalten haben wie Fünftklässler, dachte ich, dass das der intimste Moment war, den ich bisher mit jemanden geteilt...
| Erscheint lt. Verlag | 9.12.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch ► Jugendbücher ab 12 Jahre |
| Schlagworte | Jugend • LGBTQ • Liebeskummer • mentale Gesundheit • Social Media |
| ISBN-10 | 3-7693-9101-2 / 3769391012 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-9101-5 / 9783769391015 |
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