Reitclub Cavallio: Verlassen (eBook)
384 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-6933-5 (ISBN)
Marina Blue ist 2000 in Westfalen geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie mit Lesen, Schreiben und Reiten. Ihre Leidenschaft gilt auch nach über 20 Jahren immer noch den Pferden und dem gepflegten Umgang mit ihnen. Ihr erstes Schülerpraktikum machte sie daher mit 16 auch auf einem Haflingergestüt. Mit 17 fing sie an, als Trainerin im Kinderbereich ihre damalige Reitlehrerin zu unterstützen. Aus dieser sehr lehrreichen Zeit konnte sie viel für ihre eigene Reiterei, den Blick auf den Reitsport und ihr Schreiben mitnehmen. Ihre Zeit im Sattel endete je, als sie mit 19 nach Schweden zog und dort keinen Zugang mehr zu Pferden hatte. Ihre Universitätszeit verbracht sie daher im Ruderboot. Die Liebe zum Reitsport blieb erhalten. 2021 schrieb sie ihren Bachelor über den Export von Sportpferden. Diese Recherche hat ihre Sicht auf den Sport und die Zucht noch einmal grundlegend verändert. "Mit Chefinnen küsst man nicht" erschien 2023 ihr Debüt, in dem sie vieles anspricht, was sie als problematisch im Pferdesport betrachtet. Heute lebt sie wieder in Westfalen, gemeinsam mit ihren Hunden Tilda und Tova. Sie hat inzwischen einen Master in Strategic Entrepreneurship und gibt ihr Wissen, als Autorin auf YouTube in kleinen Videos weiter.
Kapitel 1
Mit wässrigen Augen starrte ich auf das immer dunkler werdende Bild auf meinem Laptopbildschirm. So gemütlich dieses Schwedenhaus auch aussah, so sehr machte es den Umstand auch greifbarer, dass meine beste Freundin nicht mehr zehn Minuten von mir entfernt lebte. Das Bild darunter, auf dem sie in einem leichten Sommerkleid mit niedlichem Blümchenprint einen Schlüssel stolz und mit einem breiten Grinsen in die Kamera hielt, machte es nicht leichter. Ich musste schlucken, aber der Knoten in meinem Hals ging nicht weg. Im Gegenteil. Er schien nur noch größer werden zu wollen.
Was sollte ich nur ohne Liz machen? Warum hatte Ole auch dieses verdammte Angebot in Schweden annehmen müssen und warum war sie mitgegangen? Das war doch nicht fair! Auch Ole vermisste ich. Er hatte immer so viel Ruhe in unsere Gespräche gebracht, besonders nachdem Lukas, sofort nach dem Abi abgehauen war. Ohne ein verdammtes Wort! Allein bei dem Gedanken daran brodelte in mir wieder die Wut hoch. Das würde ich ihm nie vergessen!
Der Bildschirm wurde schwarz, mir blickte nur noch mein verzweifeltes Spiegelbild entgegen. Ich ließ den Kuli in meiner Hand sinken und senkte meinen Blick wieder auf das Lehrbuch vor mir. Anatomie des Pferdes. Ich war gerade dabei gewesen, die Abbildung eines Auges und seiner einzelnen Bestandteile in meine Notizen zu übertragen, und dann war diese Mail gekommen und hatte mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Jetzt hatte ich auch keinen Nerv mehr dazu, für meine Zulassung zu lernen. Die Konzentration war schon vor der Mail nicht wirklich da gewesen.
Durch das fehlende Licht vom Laptop war es eh zu düster zum Zeichnen und Schreiben. Seufzend lehnte ich mich auf meinem Schreibtischstuhl zurück. So konnte ich die vorlesungsfreie Zeit eindeutig nicht genießen.
Mit wem sollte ich denn jetzt ausreiten gehen? Wer sollte mich jetzt in Steffis Stunden ermutigen, den höheren Sprung zu nehmen? Wer sollte sich jetzt auf Turnieren mit mir eine Waffel teilen und über einen Kaffee über die Konkurrenz lästern?
Fuck! Ich fing jeden Moment an zu heulen. Also doch weiter lernen! Mit den Fingern tastete ich nach dem Schalter meiner Schreibtischlampe. Eigenartig, so spät war es doch noch gar nicht. Wir hatten höchstens vier. Ich wagte es allerdings auch nicht, aus dem Fenster zu gucken in der Angst, dass ich jetzt auch noch Haddy sah. Das würde mir wohl den Rest geben. Ebenso wie dem Spediteur in wenigen Tagen zu helfen, auf Oles und Liz Bitten die Pferde zu verladen. Dann wären auch sie auf der Reise nach Visby oder viel mehr einem kleinen Hof, den Oles Eltern eigentlich für ihre Rente gekauft haben, kurz vor dem Stadtrand der kleinen Stadt auf Gotland.
Liz hatte mir beteuert, dass sie in vier Jahren wieder zurück wären, aber ein Teil von mir bezweifelte es. Besonders nach dem Foto von Liz mit dem Schlüssel in der Hand.
Der Schalter meiner Lampe klickte. Nichts passierte. Die Glühbirne flackerte nicht einmal. War ich jetzt bescheuert? Ich legte ihn noch einmal um, aber wieder nichts. Schnell rutschte ich mit dem Stuhl zurück und suchte im Kabelwirrwarr unter dem Schreibtisch nach dem zugehörigen Kabel. Ernüchtert musste ich feststellen, dass die Lampe eingesteckt war. Dann war wohl die Glühbirne durchgebrannt.
Seufzend zog ich den Stecker und rutschte schließlich wieder vor zur Schreibtischplatte. Vorsichtig drehte ich die Lampe heraus, dabei wischte ich fast mit dem Ellenbogen meinen Laptop gefolgt von drei Fachbüchern vom Tisch. In letzter Sekunde hielt ich noch inne und zog die Lampe lieber näher zu mir. Alles war besser, als dass mein Laptop, der gerade mal zwei Monate alt war, genau jetzt die Biege machte.
Mit der milchig weißen Glühbirne in der Hand hastete ich die knarzende Flurtreppe herunter. Über dem Knauf am Ende hing schon wieder irgendeine Laufjacke von Papa. Er hatte bestimmt vergessen, sie heute Morgen wegzuhängen und würde heute Abend von Mama einen drüber bekommen, die beim Verlag in Hamburg in mehreren Meetings saß, um ihr Artkonzept für den vierten Teil von »Maja und die Zaubergerte« vorzustellen. Dass eigentlich auf jeder Seite eine Zeichnung von einem Donatello im Ponyformat zu sehen war, macht es fast schon wieder witzig.
Ohne zu klopfen, rauschte ich in Papas Büro, in dem er schon wieder über dem Computer saß und mit steiler Denkerfalte seine Lebensentscheidungen zu hinterfragen schien. »Papa, wo haben wir die Glühbirnen?«
Er seufzte auf. »Da, wo sie schon immer waren. Kellertreppe runter und direkt links. Die wirst du wohl selber reinschrauben können, oder muss ich dafür nach oben kommen?«
»Danke.« Den letzten Teil seines Kommentars ignorierte ich einfach.
Ich wollte die Tür schon schließen, da fügte er an. »Wenn du allein lebst, kann ich dir auch nicht immer sagen, was du brauchst.«
Schnell schloss ich die Tür hinter mir. Diese Sprüche durfte ich mir anhören, seit ich im ersten Studienjahr nur drei Monate im Wohnheim in Kiel ausgehalten hatte. Mein Vater fand es völlig übertrieben von meiner Seite, dass ich schon nach drei Monaten wieder nachhause gewollt hatte. Mama hingegen war froh gewesen. So hatte Viva nicht in einen noch teureren Stall ziehen müssen und sie konnte sich immer melden, sollte was mit den Pferden sein.
Lustlos lief ich zur Kellertür. Ich hatte wenig Lust, in staubigen Regalen, in der modrigen, etwas feuchten Kellerluft nach der richtigen Glühbirne zu suchen. Da flog Papas Bürotür wieder auf.
»Marie? Hast du Hannah nicht versprochen, heute selber reinzustellen? Es sieht gerade wirklich sehr nach Regen aus. Vielleicht solltest du rüber.« Er seufzte und lehnte sich an den Türrahmen. »Dann kümmere ich mich um die Lampe. Geht ja nicht, dass du nicht lernen kannst.«
Endlich sah ich mal aus dem Fenster. Dunkle Wolken türmten sich vom Meer her auf. Jeden Moment konnte es losgehen und das sah auch eher nach Sturm aus als nach reinem Regen.
»Scheiße!« Fluchend drückte ich ihm die Birne in die Hand und sprang in meine Stiefeletten, die noch von heute Morgen an der Tür standen. In der Eile hätte ich fast meine Schlüssel vergessen. Gerade noch, bevor die Tür hinter mir ins Schloss fiel, angelte ich sie aus der Schale bei der Tür.
Viva und Doni bekam ich noch vor dem Wolkenbruch in den Stall. Beide hatten auf einer Weide sehr nah am Stall gestanden. Sie waren allerdings nicht die Einzigen, die ich momentan bewegte.
Im Laufschritt hastete ich über den schmalen Grasweg zwischen Weidezäunen zur vorletzten Weide. Ein feiner schwarzer Pferdekopf schaute schon über das Gatter und brummelte erwartungsvoll. Hinter ihm tauchte ein Brauner mit breiter Blässe und großen dunklen Augen auf. Er trat ebenfalls ungeduldig von einem Bein aufs andere.
Mit wild kopfendem Herzen und schon einer grauen Vorahnung, was mich erwarten würde, knotete ich die Führstricke vom Gatter los und legte schließlich den Riegel um.
Pantas drückte sich sofort dagegen, dass es weiter aufschwang, als es sollte.
»Lass das!« Ich klinkte den Strick gerade so in sein Halfter. Fehlte nur Blaze, der noch nervöser war als sonst. Verdammt. Mein Blick glitt wieder gen Himmel. Gefühlt war es noch dunkler geworden. »Mach kein Drama, Blaze! Bitte!«
Natürlich zuckte er zurück, als ich auch ihn ans Halfter nehmen wollte. Pantas drängte derweil schon aus dem Gatter. Ich ruckte einmal sachte am Strick, dann hörte zumindest der Rappe auf, mit was auch immer er da schon wieder versuchte. Blaze bekam ich dann auch endlich mal an sein schwarzes Weidehalfter. »Na dann mal los Jungs!« Ich versuchte mich an einem Lächeln und einem motivierten Tonfall, aber mein Bauchgefühl sagte mir, dass das ein nerviges Unterfangen werden würde mit den beiden unversehrt zum Stall zu kommen.
Blaze trabte schon wieder beinahe auf der Stelle, Pantas warf seinen Kopf hoch und versuchte zu ziehen, als wir den Weg herunterliefen. Bei der Elektrizität in der Luft kein Wunder. Ich konnte sie auf meiner Haut fühlen. Wie musste es da erst bei ihnen sein?
Wir betraten den gepflasterten Weg zu den Stallungen, da brachen die Wolken auf. Mit einem schnellen Blick auf die beiden Pferde entschied ich loszulaufen. Ich hoffte nur, ich würde das nicht bereuen!
Der Regen durchweichte in wenigen Augenblicken meinen beigen Lieblingspulli, der mir etwas zu groß war, aber ich mich bisher nicht von ihm trennen wollte. Die Pflastersteine glänzten vor Feuchtigkeit. Vor dem Halleneingang hatte sich eine Pfütze gebildet. Reitschüler liefen neben ihren Eltern zum Parkplatz. Sogar die junge braun gefleckte Hündin Krümel, die Hannahs Vater letzten Sommer aus dem Tierheim geholt hatte, galoppierte in einen der Ställe. Wahrscheinlich würde Hannah sie wieder in einer der Boxen finden und sich riesig aufregen.
Pantas schnaubte aufgeregt. Die beschlagenen Hufe hallten unheilvoll von den Gebäuden wieder. Wenigstens leuchteten die Laternen uns den Weg zum Stalltor.
Durch die Regenwand sah man...
| Erscheint lt. Verlag | 26.11.2024 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Reitclub Cavallio |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch ► Jugendbücher ab 12 Jahre |
| Schlagworte | Liebe • Pferde • Pferderoman • Reitclub • Wiedersehen |
| ISBN-10 | 3-7693-6933-5 / 3769369335 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-6933-5 / 9783769369335 |
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