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Lior - Der Weg nach Hause -  Viktoria Nergiz

Lior - Der Weg nach Hause (eBook)

eBook Download: EPUB
2024 | 2. Auflage
184 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-2828-9 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
8,99 inkl. MwSt
(CHF 8,75)
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Die 14-jährige Lior steht vor der größten Herausforderung ihres Lebens. Nachdem ihre Mutter sie gegen ihren Willen in ein Kinderheim schickt, fühlt sie sich einsam und verlassen. Warum muss sie von ihrem Zuhause Abschied nehmen? Das Einzige, was Lior von ihrer Familie bleibt, ist das alte Notizbuch, gefüllt mit Erinnerungen aus längst vergangenen Zeiten. Entschlossen, eine Möglichkeit zu finden, um wieder nach Hause zurückzukehren, führt ihr Weg sie zum zauberhaften Laden Lumis Bücherwelt. Doch das ungewohnte Leben im Heim, die neuen Freundschaften und die unbekannten Gefühle für Christian stellen Lior vor eine herzzerreißende Entscheidung. Wird sie den Weg nach Hause finden? Ein bewegendes Abenteuer über Familie, Verlust und die unerwarteten Wege des Herzens.

Viktoria Nergiz wurde im Erzbistum Paderborn geboren und lebt dort mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit ihrer Familie, sei es in Fußballstadien, auf Städtereisen oder in gemütlichen Cafés. Manchmal sieht man sie gegenüber dem Paderborner Dom sitzen, wo sie mit einem Notizbuch in der Hand ihre Gedanken festhält. Ihre Leidenschaft fürs Schreiben wurde beflügelt, als sie bei Lesungen ihres Debütromans »Talvis Weihnachten - Keine Geschenke und doch so viele« erlebte, wie wichtig es ist, Kindern etwas Wertvolles mit auf den Weg zu geben. Diese Erkenntnis floss auch in ihr neues Buch »Lior - Der Weg nach Hause« ein, mit dem sie ihre kreative Reise fortsetzt.

Kapitel 1


EIN KALTER ABSCHIED


Ein strahlend blauer Himmel und buntes Laub an Bäumen, das im Sonnenlicht golden funkelte. Die Blätter hielten sich noch sicher an ihren Ästen fest und verzierten mit ihren Herbstfarben alles Triste um sie herum. Nur ein einziges Blatt sah Lior mit dem Wind umherwehen und ihr tanzend entgegenfliegen, bis es sich schließlich in ihren Haaren verfing. Vorsichtig wollte sie das gelb leuchtende Laub aus ihrem geflochtenen Zopf befreien, als ein Windstoß es bereits wieder auf die Reise schickte. Ein wahrlich schöner Tag für all diejenigen, die heute mit dem Glück gesegnet waren, sich darüber freuen zu können. Lior – gehörte nicht dazu. Eine dichte dunkle Wolke, die niemand außer ihr sehen konnte, überschattete diesen frühen Septembermorgen. Am helllichten Tag, und als wollte die Sonne heute noch einmal ihre wohltuende Wärme spenden, ehe sie sich bald schon zurückziehen würde, schien Lior inmitten von Dunkelheit zu stehen. Verzweifelt suchte sie nach einem Ausweg – nach etwas Licht. Doch auch wie die Blätter bald vom Baum fallen würden, blieb ihr nichts anderes übrig, als loszulassen. Aber nicht tanzend wie das Herbstblatt, sondern wehmütig wehten ihre Gedanken nun umher. Wo wird meine Reise hinführen?

Und während sie sich dies fragte, stellte sich eine junge Familie neben ihr an den Bahnsteig. Die Kinder freuten sich dem Anschein nach auf die bevorstehende Fahrt und zeigten aufgeregt auf den einfahrenden Zug. Liors Herz dagegen fühlte sich gebrochen an und schrie lautstark, wenn auch nur innerlich. Doch wenn weder ein noch so leiser Ton zu hören ist und nicht mal eine einzige Träne fließt, dann ist der Schmerz für den Leidenden umso unerträglicher. So erging es Lior. Sie wollte ja weinen, doch gab es keine Schulter, an die sie sich hätte lehnen können. Lior wollte auch schreien, aber wer würde ihr zuhören? Es fühlte sich an, als wären all ihre Tränen aufgebraucht, ihr Körper vor Kummer erstarrt und ihre Stimme verstummt. Das Herz in ihrer Brust schlug so schnell und laut, dass es selbst den Lärm der vielen Menschen und das Trillern der Pfeifen um sie herum übertönte. Aber niemand außer ihr hörte das Pochen in ihrer Brust. Lior glaubte, dass auch niemand ahnte, welch große Sorgen sie sich machte. Nicht mal die Person, die ihr gegenüberstand und sie nun in diesen Zug setzte.Ist es so einfach, mich wegzuschicken? Große Angst besetzte in diesem Moment Liors Körper so schwer wie Blei. Sie sah die Person vor sich an und begriff jetzt, wie furchtbar einsam sie doch war …

Von jemandem allein gelassen zu werden – der einem Menschen eigentlich die Welt bedeuten sollte –, ist eine bitterliche und schmerzliche Erkenntnis.

Enttäuscht wurde Lior jedoch nicht von jemandem, der für sie entbehrlich wäre. Und es war auch nicht der Tod, der diese Hiobsbotschaft – verlassen zu werden – an diesem traurigen Tag rechtfertigen würde. Nein, Liors Mutter lebte, selbst wenn jegliches Glück in ihr scheinbar gestorben war.

Und selbst wenn sich Mutter in gewissen Situationen bemüht hatte, ihre Mundwinkel zu einem Lächeln zu formen, blieben ihre Augen dennoch ganz leer. Lior vermutete, dass andere dies nicht auf Anhieb erkannten, doch für sie blieb die Trostlosigkeit in ihrem Blick nicht verborgen.

Lior sah Mutter an. Ihre blonden Haare waren so wie immer perfekt frisiert, ihre Kleidung elegant in Schwarz, und ihren Perlenschmuck um den Hals legte Mutter auch heute nicht ab. Sie war von recht großer Statur und stand stets mit geradem Rücken und zurückgezogenen Schultern vor ihr. Aber daran lag es ganz gewiss nicht, dass sie so unerreichbar wirkte. Im Vergleich zu ihr sah Lior ganz anders aus. Ihre dunklen Haare trug sie gerne offen oder zu zwei Zöpfen geflochten. Die blauen Augen von Papa, die tiefen Grübchen, wenn sie lachte, und die Sommersprossen im Gesicht zeigten keinerlei Ähnlichkeit mit ihrer Mutter. Aber für Lior gab es viel mehr als Äußerlichkeiten, die sie von ihr unterschieden.

»Steig erst aus, wenn der Lokführer die Fahrt als beendet ankündigt«, begann Mutter, die Lior in den letzten Jahren beinahe fremd geworden war, zu sprechen. »Sie erwartet dich am Bahnsteig der letzten Station. Ich werde ein Telegramm erhalten, sobald du dort angekommen bist.« Mit zitternder Hand reichte sie Lior ein großes Blatt Papier. Ohne sie dabei anzusehen, fuhr sie fort. »Denk daran, du musst den Zettel sichtbar hochhalten, wenn du aussteigst. Sonst wird sie nicht wissen, dass du es bist.«

Mutter schluckte, als hätte sie einen Kloß im Hals. Lior hörte nun auch das Zittern in Mutters Stimme und starrte anschließend auf das Papier mit ihrem Namen darauf. Sie fühlte sich unfähig, darauf zu reagieren. Langsam hob sie ihren Blick und sah Mutter auch diesmal nur schweigend an. Diese senkte ihren jedoch sogleich zu Boden und sprach weiter.

»Das ist das Beste für dich.« Zögerlich fügte sie noch hinzu: »Ich bin ganz sicher, dass es dort besser sein wird.«

Dass dieses Ereignis tatsächlich geschehen könnte, hatte Lior bereits befürchtet, als ihre Oma immer schwächer wurde und ihre verbleibenden Tage absehbar waren. Seit ihr Papa nicht mehr lebte, war es ja nur noch ihre Oma, die sich um Lior gekümmert hatte. Mutter dagegen sah sich dazu nicht mehr in der Lage und verbrachte die meiste Zeit nur noch in Kliniken, um sich von ihrem Zustand zu erholen. Selbst ihrer Arbeit im Krankenhaus ging sie mittlerweile seit einigen Jahren nicht mehr nach. Und obwohl es Lior bewusst gewesen war, dass Mutter sich vermutlich nie von Papas Tod erholen würde und ebenso wenig ihren Pflichten der Fürsorge nachgehen könnte, war die Entscheidung, das eigene Kind wegzugeben, das Schlimmste, was man Lior hätte antun können.

»Ich komme dich besuchen, sobald ich hier alles geklärt habe«, versicherte Mutter, und kaum hatte sie diese letzten Worte ausgesprochen, ertönten erneut die Trillerpfeifen. »Türen schließen!«, rief ein Mann ganz laut, als sie sich auch schon von Lior abgewendet hatte und hastig aus dem Zug gestiegen war. Keine Umarmung, kein Kuss, keine einzige Berührung. Als würde Mutter sicherlich gleich wieder einsteigen, um Lior zu sagen, dass alles wieder gut wird und dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte, schaute Lior ihr hoffnungsvoll nach. Doch weder öffneten sich wieder die Türen, noch hörte sie ein tröstendes Wort. Das Einzige, was blieb, war nur ein kalter Abschied.

Eigentlich nichts Ungewöhnliches für Lior, die diese Kälte schon kannte. Selbst dann schon, als ihr Papa noch lebte, war Mutter häufig weit entfernt davon gewesen, Emotionen zu offenbaren. So fragte sich Lior oft, ob es vielleicht daran lag, dass Mutter täglich so viel Leid im Krankenhaus gesehen und miterlebt hatte. Konnte Mutter deswegen nicht für mich da sein? Mit diesen Gedanken, einem kleinen Koffer und dem eingerollten Papier in der Hand fuhr der Zug jetzt los. Während draußen viele Menschen ihren Liebsten, Freunden und Bekannten zuwinkten, war niemand mehr da, der Lior eine gute Reise wünschte. Mutter war fort.

»Sie hat nicht mal versucht, mich bei ihr zu behalten«, sprach Lior leise zu sich selbst, als sie ihr trauriges Spiegelbild in der Fensterscheibe erkannte. Lior zitterte. An diesem milden Herbsttag konnte es gewiss keine Kälte sein, die sie frieren ließ, sondern die unbeschreiblich große Enttäuschung, die sie wohl nie mehr würde vergessen können. Lior erinnerte sich an Papas Worte:

Das, was im Leben bleibt, sind Erinnerungen, die wir hinterlassen.

Draußen rasten die Bäume und Häuser an ihr vorbei, als würde Lior ihr eigenes Leben vorbeiziehen sehen. Lior spürte, wie eine warme Träne über ihre Wange herunterlief, und versuchte sogleich, weitere zu verdrängen. Mit aller Mühe rief sie sich die schönen Erinnerungen an ihren Papa und an ihre Oma hervor, die Lior in dieser Situation aber nur für einen unscheinbaren Moment etwas Trost schenken konnten. Ihre Oma war gerade erst wenige Monate im Himmel, und Liors Leben fuhr bereits mit diesem Zug in eine ungewisse Richtung, die ihr höllische Angst machte. Sie betrachtete gedankenverloren ihr trauriges Gesicht in der Glasscheibe, bis ihre schweren und müden Augen zufielen.

»Bitte aussteigen! Die Zugfahrt endet hier!« Als die laute Stimme durch die Gänge hallte, zuckte Lior vor Schreck zusammen. Vor Müdigkeit benommen, blieb sie sitzen und sah besorgt aus dem Fenster. Draußen waren viele Reisende unterwegs, die eilig hin- und herliefen. Viele von ihnen wurden empfangen und umarmt. Einige bekamen sogar Blumen. Liors Blick fiel auf ein Geschäft, welches jetzt schon weihnachtlich dekoriert war. Lumis Bücherwelt stand in großen Buchstaben auf einem grün-rot verzierten Metallschild. Sie war irritiert, schließlich waren es noch ganze drei Monate bis zum Fest. Weiter auf ihrem Platz sitzend, beobachtete sie das Geschehen um...

Erscheint lt. Verlag 4.9.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Kinder- / Jugendbuch Jugendbücher ab 12 Jahre
Schlagworte Erste Liebe • Freundschaft • Heimkinder • Jugendroman • Trauerbewältigung
ISBN-10 3-7597-2828-6 / 3759728286
ISBN-13 978-3-7597-2828-9 / 9783759728289
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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