Feuerkopf (eBook)
232 Seiten
Ganymed Edition (Verlag)
978-3-946223-97-9 (ISBN)
Cornelia Poser ist gebürtige Hamburgerin, lebte nach dem Abitur vierzig Jahre in Berlin und zog 2015 nach Hannover-Linden. Seit vielen Jahren schreibt sie schon Prosa und Lyrik. 2019 erschien bei Ganymed ihr erster Jugend-Roman "Echsenkönig"
10
Als Leon sein Fahrrad durch das Gartentor schiebt, zittern seine Beine immer noch. Panja kommt ihm entgegengesprungen.
»Leon, spielst du mit mir?«, schreit sie und stellt sich mit ausgebreiteten Armen vor den Fahrradständer, so dass Leon nicht einparken kann. Das nervt ihn heute noch mehr als sonst.
»Los, geh aus dem Weg!«, blafft er seine Schwester an. »Ich will mein Fahrrad da abstellen.«
»Erst wenn du sagst, dass du mit mir spielst!«, ruft Panja und wirft die Arme in die Luft.
»Mensch Panja, geh aus dem Weg, ich hatte eine anstrengende Klavierstunde und hab keine Lust auf dein Rumgehopse. Verschwinde und mach Platz!«
Sie geht zur Seite, guckt aber beleidigt und kickt mit dem Fuß einen Stein in die Hecke.
»Du blöder Leon, echt voll blöd bist du! Nie spielst du mit mir! Dabei sind Ferien!« Sie streckt ihm die Zunge heraus, rennt weg und verschwindet im Haus.
Leon schließt das Rad an. Manchmal sind kleine Schwestern ja ganz niedlich, aber derzeit fühlt er sich von Panja fast immer nur genervt und gestört. Er hat keine Lust, etwas mit ihr zu machen, er will jetzt gerade mit niemandem etwas machen, sondern nur seine Ruhe haben. Durch seinen Kopf geistert immer noch das Bild von dem fallenden Mädchen in der Zirkusmanege. Er sieht sie unten in den Holzspänen liegen, mit gebrochenem Genick oder vielleicht sogar – tot? Ganz weiß ist ihr Gesicht und die Füße zeigen in eine vollkommen falsche Richtung. Solche Bilder sieht er vor sich.
›Es wäre furchtbar, wenn sie wahr würden‹, denkt Leon und merkt, dass er friert.
Er läuft durch den Flur, möglichst schnell an der Küchentür vorbei. Sein Zimmer liegt oben im ersten Stock. Aber zu spät, seine Mutter steht schon an der Treppe.
»Leon, was ist los? Was soll der Streit mit Panja? Und wie war die Klavierstunde? War Professor Schubart zufrieden?«
»Mama, das sind vier Fragen auf einmal, und vier zu viel!«
Leon verdreht die Augen und drängelt sich an seiner Mutter vorbei, springt die Stufen nach oben. Er kann und will jetzt keine Fragen beantworten.
»Lasst mich doch einfach in Ruhe!«, ruft er nach unten. Mit einem lauten Knall schlägt er seine Zimmertür zu. Die blaue Mappe rutscht auf den Boden. Leon wirft sich auf sein Bett, nimmt das Handy aus der Hosentasche.
Alex hat geschrieben: WAS IST? WANN KOMMST DU?
Leon kann jetzt nicht antworten und lässt das Handy auf den Teppich fallen. Er zieht die Zudecke über seinen Kopf und drückt sie gegen die Ohren. Endlich ist es still und dunkel. Er atmet ein und aus, ganz langsam, spürt die Luft, die aus den Nasenlöchern und aus seinem Mund kommt. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals. Nach kurzer Zeit wird es zu warm unter der Decke. Er friert nicht mehr und zieht sie weg.
Wieder taucht das Bild von dem Mädchen vor seinen Augen auf, wie es kopfüber in der Schaukel hängt und dann plötzlich fällt. Immer wieder schaukelt sie, fällt und fällt und liegt dann unten in der Manege, jetzt vollkommen blutig und mit verdrehten Gliedern. Leon haut mit der Hand gegen seinen Kopf. Aua, das tut weh, aber er denkt wenigstens für eine Sekunde ganz kurz an etwas anderes als an das abgestürzte Mädchen. Er reibt sich seinen Kopf.
Aber schon ist sie wieder da. Wie sie ihn angesehen hat. Was ist, wenn sie sich beim Sturz etwas Schlimmes getan hat? Dann ist es doch seine Schuld, oder?
›Klar ist das deine Schuld‹, sagt die innere Stimme.
Vielleicht war das Mädchen so irritiert, weil er heimlich durch den Zeltschlitz geguckt hat? Leon schließt die Augen und merkt etwas Nasses an seinen Schläfen. Auch noch heulen. Bloß das jetzt nicht. Er wischt die Tränen mit der Hand weg. Was soll das? Er fühlt Wut in sich. Und wo sind die Streichhölzer? Er möchte jetzt am liebsten etwas anzünden. Er fasst in die Hosentasche, aber da ist nichts. Klar, die Streichhölzer liegen noch hinter der Garage.
Schon wieder fällt das Mädchen vor seinen Augen.
»Ich muss noch einmal hin«, sagt er leise, »ich muss nochmal zum Zirkus. Ich muss wissen, was da passiert ist. Ich muss mich entschuldigen, bei irgendjemandem. Ich wollte das nicht!«
Von unten ruft seine Mutter: »Leon, kommst du zum Essen?«
Oh, Mann, es gibt gerade wichtigere Dinge als Mittagessen. Aber er hat Hunger. Noch einmal wischt er kurz mit dem Handrücken über seine Augen, es muss ja keiner sehen, dass er fast geheult hat. Dann geht er langsam die Treppe hinunter in die Küche. Panja und seine Mutter sitzen schon am Tisch. Aus dem Topf dampft und riecht es gut.
»Es gibt Nudeln mit Tomatensoße!«, strahlt Panja.
Ihr Gesicht ist rotverschmiert.
»Das sehe ich!« Leon reicht seiner Mutter den Teller.
»Was ist los, Leon?«, fragt sie jetzt schon wieder.
»Nichts.« Leon und starrt in die dampfenden Nudeln. Er fühlt sich auf einmal so schlapp. Was soll er denn sagen? Er kann doch nicht erzählen, was er gesehen hat, dass es seine Schuld ist, dass ein Mädchen von einer sehr hohen Schaukel gestürzt ist.
»War die Klavierstunde nicht gut?«
Oje, seine Mutter nervt genauso so wie Panja.
»Mama, frag nicht!«
Mehr sagt er nicht. Er starrt in seinen Teller und merkt, dass er eigentlich doch gar keinen Hunger hat. Der ist plötzlich weg. Er stochert in den Nudeln herum und seine Mutter guckt ihn fragend an.
Am Tischrand liegt die Zeitung von heute, aufgeschlagen. Plötzlich liest er: ›Zirkus Farfalla wieder in der Stadt!‹
Was steht da? Seine Schlappheit ist mit einem Schlag wie weggeblasen. Die Zeitungsseite ist halb mit einem anderen Blatt verdeckt und nicht der ganze Artikel zu lesen.
Zirkus Farfalla war doch der Name, der über dem Zirkuszelt leuchtete? Er schiebt das obere Blatt beiseite. Unter der Überschrift sind zwei Fotos abgedruckt, eins von dem gelbblauroten Zelt und auf dem anderen ist eine kindliche Artistin abgebildet. Sie trägt ein gelbes Kostüm und zwei puschelige Fühler auf dem Kopf, die aussehen, als seien sie aus Gold. Hinter dem Rücken schauen gelbe Flügel heraus.
Leon starrt in das Gesicht.
Das ist doch das Mädchen. Auf dem Bild lächelt es in die Kamera. Lächelt es Leon an? Leon stöhnt.
»Schmeckt es dir nicht?«, fragt seine Mutter, aber Leon antwortet nicht.
»Hallo«, jetzt wedelt seine Mutter mit der Nudelkelle, »junger Mann, ich rede mit dir!«
Kann man ihn denn nicht einfach in Ruhe lassen? Er wirft den Kopf zurück, dann guckt er wieder auf das Foto.
»Doch, schmeckt«, murmelt er, legt die Gabel beiseite und zieht die Zeitung ganz zu sich heran.
»Leon, wir essen! Die Zeitung kannst du danach lesen!«
Schon nimmt sie ihm das Blatt weg und legt es wieder an den Tischrand. Jetzt guckt auch Panja zur Zeitung und entdeckt die Fotos.
»Ist das ein Zirkus?«, ruft sie. »Kommt der zu uns? Da will ich hin! Bitte, Mama, bitte, wollen wir da hingehen? Ach, ja, bitte!«
Sie schiebt ihren Teller von sich und schaut gespannt zur Mutter. Dann steht sie auf und läuft um den Tisch.
»Guck mal, Mama, das Mädchen auf der Schaukel sieht aus wie ein Schmetterling, der gleich losfliegt!« Sie lacht. »Weißt du, so wie die, die im Garten manchmal über den lila Büschen flattern.«
Sie tippt mit dem Finger auf dem Bild herum. Nun schaut auch Leons Mutter auf das Foto und lacht.
›Typisch‹, denkt Leon, ›wenn Panja beim Essen liest, sagt sie nichts, aber bei mir meckert sie.‹
»Du hast Recht, Panja, sie sieht aus wie ein Schmetterling, fast wie ein Zitronenfalter. Ein menschlicher Zitronenfalter!«
Leon wird plötzlich flau im Magen. Sie wissen nicht, was er gesehen hat. Er hält mit der Hand seinen Bauch. Bestimmt muss er sich gleich übergeben.
»Wann sind denn die Vorstellungen?« Jetzt hat seine Mutter die Zeitung zu sich gezogen und liest. »Hier steht, Samstag und Sonntag um 16 Uhr und um 20 Uhr, also heute und morgen. Was meint ihr, wollen wir da morgen Nachmittag zusammen hingehen?«
Panja rennt zur Mutter und umarmt sie.
»Ja, ja, toll! Das will ich. Das machen wir!«
»Und du Leon, hast du Lust?«
»Na ja …«, sagt er zögernd und versucht zu gucken, als sei es ihm egal. In seinem Inneren aber brodelt es.
Das ist die Lösung. Wenn er in eine Vorstellung geht, kann er sehen, ob das Mädchen noch dabei ist, ob die Vorstellung überhaupt stattfindet. Und wenn ja, dann könnte er sich vielleicht auch für sein verbotenes Gucken entschuldigen.
»Wer weiß, ob die Vorstellung überhaupt stattfindet«, rutscht es ihm heraus. Jetzt ist ihm richtig schlecht.
»Wieso, es steht doch in der Zeitung!«, ruft Panja.
Auch seine Mutter sieht ihn kopfschüttelnd an.
»Natürlich findet die statt. Warum denn nicht? Keine Lust? Dann gehen Panja und ich allein. Du musst...
| Erscheint lt. Verlag | 9.7.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch ► Jugendbücher ab 12 Jahre |
| Schlagworte | Behinderung • Coming-of-age • Erste Liebe • Musiker • Zirkus |
| ISBN-10 | 3-946223-97-4 / 3946223974 |
| ISBN-13 | 978-3-946223-97-9 / 9783946223979 |
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