Die Wahrheit hinter den Lügen (eBook)
216 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7568-7283-1 (ISBN)
Gina Eisentraut wurde 1994 in Chemnitz geboren und ist dort aufgewachsen. Nach ihrem Realschulabschluss machte sie eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten und arbeitet nun bei der Stadtverwaltung Chemnitz. Gina sitzt wegen eines Gehirntumors im frühen Kindesalter im Rollstuhl. Für das Lesen und Schreiben von Geschichten interessiert sie sich bereits, seitdem sie einen Stift halten kann und hat schon kleinere Geschichten verfasst, die in Gemeinschaftsprojekten von der Schule oder dem Schreibkurs des Elternvereins für krebskranke Kinder e.V. veröffentlicht wurden. Diese Geschichte wird ihre erste eigene Veröffentlichung.
1. Überraschende Begegnung
Die Glocke der Kirchturmuhr schlug gerade um 3.
Es war siedend heiß, denn es war Anfang Juli.
Leute hasteten eilig an mir vorbei.
Kaum einer schenkte mir Beachtung und wenn doch, warfen sie mit mitleidigem Blick ein paar Cent in meinen Gitarrenkoffer.
Trotzdem war die Ausbeute wie immer nicht sehr groß, etwa 2,30 Euro waren bis jetzt zusammengekommen und das, obwohl ich bereits seit etwa 9 Uhr hier saß. Aber was erwartete ich auch? Die Leute hatten besseres zu tun, als sich um einen Straßenjungen zu kümmern.
„Geh in ein Heim, oder zur Obdachlosenhilfe“, hatte mir eine Frau vor kurzem ans Herz gelegt.
Ganz toll, was denkt die wo ich herkomme? Mein ganzes Leben hatte ich im Heim verbracht. Doch die vermittelten dir nur, dass du einer von vielen bist.
So etwas wie Mutterliebe kannte ich nur vom Erzählen. Ich hatte keine Ahnung, wer meine Mutter war. Ich wusste nur, dass sie mich offensichtlich nicht gewollt hat und das reichte mir schon.
Als ich noch ein Kind war, hatten sie öfters versucht, mich in Pflegefamilien unterzubringen, aber irgendwie funktionierte das nie lange in diesen Familien.
Das förderte nicht gerade das Selbstvertrauen...
Und da ich seitdem ich denken konnte, zu den absoluten Außenseitern gehörte, ergriff ich vor knapp vier Wochen die Flucht.
Der einzige Unterschied war, dass ich dort wenigstens regelmäßig etwas zu Essen bekam.
Jetzt bin ich froh, dass ich diese dämlichen Betreuer endlich los bin.
Ich seufzte. Die Mitarbeiter wollten mich kurz bevor ich abgehauen bin echt zu einem Psychologen schicken, damit ich besser mit den anderen klarkomme. Aber was soll das bringen, wenn es dort solche Idioten, wie Erkan und Matthias gibt, die alle nieder machen, die nicht das machen, was sie wollen?
Gedankenverloren spielte ich ein anderes Lied auf der Gitarre.
Sie war das einzige, was mir geblieben und auch wirklich wichtig war.
Eine nette Heimmitarbeiterin hatte sie mir zum 14. Geburtstag geschenkt, als sie merkte, dass ich mich sehr für Musik interessiere. Bei ihr habe ich auch das Gitarrespielen gelernt, aber sie hat nicht lange Zeit danach das Heim verlassen, wegen privaten Problemen...
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als sich plötzlich zwei Typen vor mir aufbauten und hämisch grinsten.
Vermutlich waren sie sogar jünger als ich, höchstens 14 oder 15.
„Na du Penner“, meinte der eine angriffslustig und sein Grinsen wurde noch breiter.
„Redet ihr zufällig mit mir?“, erwiderte ich unbeeindruckt.
Wenn ich etwas in den Jahren im Heim gelernt hatte, dann, dass man sich von solchen Typen nicht einschüchtern lassen durfte, sonst spornte sie das nur an, weiter zu machen.
„Mit wem denn sonst?“, antwortete der andere und spuckte obercool auf den Boden, nur wenige Zentimeter vom Gitarrenkoffer entfernt.
Ich konnte nicht anders, als angewidert das Gesicht zu verziehen. Das war voll widerlich, auch wenn ich diese Geste von Erkan und ein paar anderen Typen auch kannte.
„Und was wollt ihr?“, fragte ich schließlich und hoffte inständig diese Kids bald wieder loszuwerden.
Allerdings machten sie keine Anstalten, wieder zu verschwinden. Ganz im Gegenteil. Sie starrten nur amüsiert auf mich herab.
„Wir wollen ein bisschen Spaß haben“, antwortete der erste und zog eine Zigarette aus seiner Hosentasche.
Der andere gab ihm Feuer und fügte hinzu: „Wir sind nämlich der Meinung, es leben schon genug Penner in dieser Stadt.“
Sie kamen angriffslustig ein paar Schritte auf mich zu und der eine stieß dabei mit einem seiner hässlichen Stiefel gegen den Gitarrenkoffer.
Shit, offensichtlich hatten sie tatsächlich vor, mich fertig zu machen.
„Na, hat es dir jetzt die Sprache verschlagen?“, fragte der eine belustigt.
Im nächsten Moment zerrte mich der größere der beiden auf die Beine, während mir der kleinere die Gitarre aus der Hand riss.
Ich schluckte leer. Es war nicht mal so, dass ich wirklich Angst vor diesen Deppen hatte, sie sollten nur meine Gitarre in Ruhe lassen.
Offensichtlich verstanden die Gangster etwas von ihrem Handwerk, denn der Typ drückte mich mit solcher Kraft gegen die Hauswand, dass ich keine Chance hatte, mich aus seinem Griff zu befreien.
Mein Blick wanderte zu dem anderen hinüber, der sich gerade daran machte, das Geld aus dem Gitarrenkoffer zu sammeln. Die Gitarre hielt er grinsend in der anderen Hand.
„Nur knapp 3 Euro, du scheinst nicht gerade Umsatz gemacht zu haben“, kommentierte er, was er tat.
„Lass deine dreckigen Pfoten von meiner Gitarre“, hörte ich mich plötzlich schreien.
Verdammt, das war wohl nicht so klug, denn jetzt betrachtete der Kleine amüsiert die Gitarre. „Das alte Teil? Das ist eh reif für die Müllhalte. Da kann ich gern noch etwas nachhelfen.“
Verzweifelt sah ich, wie er Anlauf nahm, um sie auf dem Boden zu zerschmettern.
Doch in diesem Moment löste sich ein Schatten von der Hauswand und ein Typ mit Sonnenbrille und Kapuze trat ein paar Schritte auf uns zu.
„Hört sofort auf mit dem Scheiß“, rief er. „Ihr seid doch nicht mehr im Kindergarten!“
Überrascht fuhren die beiden Jungs herum.
„Was mischst du dich denn ein?“, wollte der größere wissen und ließ mich endlich los.
„Verpisst euch einfach“, forderte der Typ mit der Sonnenbrille die Kids ein weiteres Mal auf, „und zwar ein bisschen plötzlich!“
Offensichtlich schienen sie Respekt vor ihm zu haben, denn der zweite legte die Gitarre in den Koffer und die beiden schienen wirklich Anstalten machen zu verschwinden.
Der Kapuzentyp räusperte sich auffordernd. „Habt ihr nicht etwas vergessen?“
Mir wurde erst klar, was er meinte, als die Kids das Geld aus ihren Hosentaschen fischten und ebenfalls in den Koffer legten.
„Na bitte, geht doch“, meinte er zufrieden und scheuchte sie mit einer energischen Handbewegung endgültig davon.
Ich stand immer noch schwer atmend an die Hauswand gelehnt da und sah ihn ungläubig an.
Der Typ sah in seinen Klamotten eher aus wie ein Gangster, als ein Retter in der Not.
„Danke“, brachte ich schließlich nur knapp hervor.
„Schon gut“, entgegnete er, „normalerweise hätte ich mich nicht eingemischt. Die Penner die hier draußen herumlaufen sind mir scheißegal.“
„Und warum hast du mir dann geholfen?“, fragte ich verwirrt.
„Darum“, meinte der Typ und nahm die Kapuze und die Sonnenbrille ab.
Ich war so überrascht, dass ich ihn einen Moment lang nur stumm anstarren konnte.
Dieses Gesicht und auch die Haare kamen mir sehr bekannt vor und das, obwohl ich den Typen noch nie zuvor gesehen hatte.
„Siehst du?“, meinte er auffordernd. „Kannst du mir sagen, warum du genau so aussiehst, wie ich?“
Er hatte Recht, es war, als würde ich in einen Spiegel sehen. Abgesehen davon, dass seine Haare wesentlich kürzer waren als meine und er natürlich auch gepflegter aussah, war die verblüffende Ähnlichkeit nicht zu übersehen.
Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln.
„Ich weiß es auch nicht“, antwortete er und kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Sorry mir fällt gerade ein, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, ich bin Bill. Bill Schauter.“
Er reichte mir die Hand, aber ich zögerte.
„Was ist?“, fragte er vorsichtig.
Langsam verstand ich gar nichts mehr.
„Nichts... Es ist nur, ich heiße auch Schauter, Michael Schauter.“
Jetzt war es Bill, der mich ungläubig anstarrte. „Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Sag mir, dass du mich gerade verarschst.“
Wieder schüttelte ich nur den Kopf.
„Krass“, meinte er, „und dein Geburtstag? Wann hast du Geburtstag?“
„22. März“, antwortete ich zögernd.
„Ich fasse es einfach nicht, genau wie ich“, rief Bill aus, „und du bist auch 17, oder?“
„Ja“, antwortete ich knapp und konnte immer noch nicht so ganz begreifen, was hier gerade lief.
Plötzlich packte er mich an den Schultern und schüttelte mich.
„Sorry“, meinte er, als er mich losließ, „aber das kann kein Zufall sein.“
Ich spürte, wie meine Beine nachgaben und ich gegen die Hauswand sank. Irgendwie war das gerade etwas viel für mich.
Wenn wir uns nicht nur zum Verwechseln ähnlich sahen, sondern auch Nachname und Geburtsdatum übereinstimmte, dann konnte das nur eines bedeuten, oder?
„Wenn das alles kein Zufall ist, was ich stark vermute, dann sind wir wohl Zwillinge, oder so“, führte er meinen Gedanken zu Ende.
Ich schwieg. Was würde passieren, wenn das wirklich stimmte?
„Dabei hat meine Mutter immer wieder betont, dass ich Einzelkind bin“, meinte er mehr zu sich selbst, als zu mir.
„Deine Mutter“, wiederholte ich langsam. „Du hast wenigstens...
| Erscheint lt. Verlag | 11.9.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch ► Jugendbücher ab 12 Jahre |
| Schlagworte | Erste Liebe • Familie • Freundschaft • Teenager • Zwillinge |
| ISBN-10 | 3-7568-7283-1 / 3756872831 |
| ISBN-13 | 978-3-7568-7283-1 / 9783756872831 |
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