Heitere Grammatik (eBook)
298 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-7978-9 (ISBN)
Hans Fink (geboren 1942 in Temeschburg/Timisoara, Rumänien) ist ein rumäniendeutscher Journalist und Publizist. Er studierte Germanistik und Rumänistik und arbeitete viele Jahre als Journalist in Bukarest. Seine Themenfelder waren Unterricht und Erziehung.
I. LAUTE UND BUCHSTABEN
1. Selbstlaute und Mitlaute. Das Alphabet
Unsere Vorstellung beginnt mit einem Rätsel aus der Folkloresammlung „Des Knaben Wunderhorn“ (1806-1808) von Achim von Arnim und Clemens Brentano. Es ist im Anhang zum dritten Band veröffentlicht worden, der Kinderliteratur enthält.
DIE ABC-SCHÜTZEN
Rate, was ich habe vernommen:
Es sind achtzehn fremde Gesellen ins Land gekommen,
zu malen schön und säuberlich;
doch keiner einem andern glich.
All᾽ ohne Fehler und Gebrechen,
nur konnte keiner ein Wort sprechen.
Und damit man sie sollte verstehn,
hatten sie fünf Dolmetscher mit sich gehen.
Das waren hochgelehrte Leut᾽:
Der erst᾽ erstaunt, reißt᾽s Maul auf weit,
der zweite wie ein Kindlein schreit,
der dritte wie ein Mäuselein pfiff,
der vierte wie ein Fuhrmann rief,
der fünfte gar wie ein Uhu tut.
Das waren ihre Künste gut;
Damit erhoben sie ein Geschrei,
füllt noch die Welt, ist nicht vorbei.
(Die Buchstaben.)
An dieses Rätsel knüpft ein satirisches Gedicht Goethes an. (Der Titel ist ein französisches Wort und bedeutet „Sitzung“.)
SÉANCE
Hier ist’s, wo unter eignem Namen
die Buchstaben sonst zusammenkamen.
Mit Scharlachkleidern angetan
saßen die Selbstlauter obenan:
A, E, I, O und U dabei,
machten gar ein seltsam Geschrei.
Die Mitlauter kamen mit steifen Schritten,
mussten erst um Erlaubnis bitten.
Präsident A war ihnen geneigt;
da wurd’ ihnen denn der Platz gezeigt;
andere aber, die mussten stehn,
als Pe-Ha und Te-Ha und solches Getön.
Da gab’s ein Gerede, man weiß nicht wie:
Das nennt man eine Akademie.
Andere Verfasser haben die Buchstaben mit Soldaten verglichen, wieder andere haben sie zu Herren der Welt erklärt.
GENÜGSAME SOLDATEN
Es sind fünfundzwanzig Soldaten, die marschieren stets in Reihen, kochen sich nichts und braten sich nichts, essen nicht und trinken nicht, schlafen nicht und wachen nicht.
(Die Buchstaben.)
DIE HERREN DER WELT
Fünfundzwanzig Herren regieren die Welt.
Sie essen kein Brot, sie brauchen kein Geld,
sie trinken weder Bier noch Wein.
Was mögen das für Herren sein?
(Die Buchstaben.)
Mit dem Scharfen S (ß) umfasst das deutsche Alphabet in der heute verbindlichen Schrift 27 Buchstaben. Beim Aufsagen des Alphabets bleibt das Scharfe S ungenannt. Die Anzahl der dargestellten Laute ist mehr als doppelt so groß, manche Wissenschaftler sagen 57, andere 62. Früher ist man mit noch weniger Buchstaben ausgekommen: Das klassische lateinische Alphabet umfasst nur 23. Deshalb spricht das alte Rätsel von nur 18 Buchstaben für Mitlaute. Wir haben neben dem I noch das J und neben dem V noch U und W.
Wäre unser Alphabet eine rezente Erfindung, würden die Kultusminister sie als unausgegoren ablehnen. Jeder vernünftige Mensch würde sie ablehnen. Trotz der Jahrhunderte langen Bemühungen um die Anpassung des lateinischen Alphabets an das Lautsystem der deutschen Sprache sieht das Ergebnis nach Murks aus.
Für vier Mitlaute fehlen eigene Zeichen, sodass man sich mit Buchstabenkombinationen behelfen muss; das gilt für den Ich-Laut, geschrieben CH, für den Ach-Laut, geschrieben CH, für einen der drei Nasenlaute, geschrieben NG, und für den Zischlaut, geschrieben SCH. Seitdem Wörter französischer Herkunft wie Genie und Regie zum geläufigen Wortschatz gehören, fehlt auch ein Buchstabe für das stimmhafte SCH. Der Buchstabe S muss für drei Laute herhalten: einerseits für das stimmlose S, andererseits für das stimmhafte S, ferner, in den Kombinationen SP und ST, für den Zischlaut SCH. Beim stimmlosen S wird es zuweilen vom Scharfen S (ß) vertreten. Im Gegensatz dazu wird der Laut F dreifach wiedergegeben, nämlich durch die Buchstaben F und V sowie durch die Kombination PH. Die Buchstaben C, Q, X und Z stehen für Lautkombinationen, und an dem Q klebt, man weiß nicht warum, immer noch ein U. Das Y schließlich kommt bei der jetzt gültigen Rechtschreibung mit ganz wenigen Ausnahmen nur in Fremdwörtern vor; diese Ausnahmen sind Bayer, Bayern und bayrisch. Gelesen wird das Y, kurios, mal wie der Selbstlaut I, mal wie der Umlaut Ü, mal wie der Zwielaut EI, mal wie der Mitlaut J.
Ob ein Selbstlaut kurz oder lang zu sprechen ist, sieht man dem Buchstaben nicht an. Deshalb wird die Kürze – freilich nur manchmal – durch die Verdoppelung des folgenden Mitlauts angedeutet und die Länge – ebenfalls nur manchmal – durch ein Dehnungszeichen.
Die Übernahme von Wörtern aus anderen Sprachen mit identischer Schreibweise hat die Lesekunst kompliziert. Manche Buchstaben werden anders als üblich ausgesprochen, z.B. in den Wörtern Boom, Charme, Clown, Farce, Gentleman, Girl, Insider, Lady, rangieren, Ration, Service, trainieren.
Die Schwierigkeiten mit der deutschen Rechtschreibung wurzeln in der Beschaffenheit des Alphabets. Unser Abc kann einer fonetischen Lautschrift nicht das Wasser reichen. Es ist erstaunlich, wie gut wir mit diesem unvollkommenen Werkzeug zurechtkommen. Wir schreiben EI und lesen AE.
Betrachten wir jetzt noch einmal den Buchstaben V. Im lateinischen Alphabet vertrat er zwei Laute, nämlich U und W, aber durch die Einführung neuer Buchstaben wurde seine Stellung geschwächt. Im deutschen Alphabet tritt er als Harlekin auf. Das V muss entweder als F oder als W gelesen werden. Im Wort vier als F, im Wort Klavier als W. Im Wort Vater wie im Wort Faser, im Wort Vase wie im Wort Wasser. Es gibt eine Ortschaft bei Frankfurt, die Filbel heißt, geschrieben Vilbel, und einen Ortsteil von Stuttgart, der Fa-ing-en heißt, geschrieben Vaihingen.
Den Schulanfängern, die einen begrenzten Wortschatz haben, dient ein alter Zweizeiler als Eselsbrücke für die V-Schreibung, er steht in der Fibel:
Vater, Vetter, Vogel, Vieh,
Veilchen, Volk vergess’ ich nie!
Durch eine Regel der Silbentrennung wird der Nasenlaut NG praktisch aus dem Bewusstsein verdrängt: Der Regel zufolge gehört das N zur ersten, das G aber zur folgenden Silbe, als ob es sich um zwei verschiedene Laute handelte, man vergleiche: die schlan-ken Beine, die langen Stiefel. Zum Unterschied davon trennen wir rie-chen, nicht riec-hen, la-chen, nicht lac-hen, wa-schen, nicht was-chen. Freilich kann die stiefmütterliche Behandlung nichts an der Aussprache ändern, weil NG in alten und häufig gebrauchten Wörtern vorkommt: Ding, Finger, Lunge, Ring, Stange, Zunge; eng, jung, lang; bringen, fangen, gelingen, hängen, singen.
Ernst Buschor hat ein Rätsel verfasst, welches nur lösen kann, wer an die Mehrdeutigkeit des Buchstabens S denkt: als Zeichen für den stimmlosen Laut SCH in der Kombination ST (wie in Sturm) und als Zeichen für den stimmhaften Laut S (wie in Samen).
UNHEIMLICH
In jedem Sturm,
bei Wetter und Wind,
hockt’s vor dem Turm
und stillt das Kind.
In der Erde der Samen
sagt dazu Amen.
(Der Buchstabe S.
Man sagt „Sch!“, wenn die Kinder still sein sollen.)
Die Urform unseres Alphabets stammt vom antiken Volk der Phönizier. Vor mehr als 3.000 Jahren hat es sich im Nahen Osten als eines von mehreren konkurrierenden Zeichensystemen entwickelt. Jenes System bestand nur aus Zeichen für die Mitlaute – die Selbstlaute wurden nicht festgehalten. Wer des Lesens kundig war, sprach sie mit. Historisch betrachtet entsprechen die Schriftzeichen der Phönizier unseren Großbuchstaben.
Abgesehen davon, dass sich die Form der Buchstaben änderte, hat die Schrift nach und nach fünf wesentliche Neuerungen erfahren:
1.) Die Griechen führten Zeichen für Selbstlaute ein.
2.) Die Griechen gaben die Linksläufigkeit der Wörter auf. Nach einer Zwischenstufe, dem so genannten „ochsenwendigen“ oder „furchenwendigen“ Schreiben, bei dem man abwechselnd je eine Zeile von rechts nach links und von links nach rechts schrieb, setzte sich die Rechtsläufigkeit durch. So war es auch bei den Römern; die ältesten lateinischen Inschriften sind linksläufig oder „ochsenwendig“.
3.) Im 9. Jahrhundert n.Chr. entstanden Buchstabenformen, die man heute als kleine Buchstaben (oder Minuskeln) bezeichnet.
4.) Bei der Karolingischen Minuskel wurden erstmals konsequent Abstände zwischen den Wörtern eingehalten. Diese Minuskel wurde geschaffen, als Karl der Große von den Gelehrten ein in allen seinen Ländern geltendes Alphabet mit einheitlichen Schriftzeichen forderte.
5.) Ab dem 17. Jahrhundert verallgemeinerte sich der Gebrauch von...
| Erscheint lt. Verlag | 17.11.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch ► Jugendbücher ab 12 Jahre |
| Schlagworte | Grammatik • Rätsel • Sprache • Sprachspiele • Witze |
| ISBN-10 | 3-7583-7978-4 / 3758379784 |
| ISBN-13 | 978-3-7583-7978-9 / 9783758379789 |
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