Esra (eBook)
344 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7568-0453-5 (ISBN)
Kläre Kling, geboren in Bengasi Libyen, arbeitete lange Zeit als Modegrafikerin und Illustratorin. Sie lebt und arbeitet in der Lüneburger Heide, wo sie sich mit großem Engagement der kreativen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen widmet.
ENGLAND
Der Bahnhof wirkte leer – ja doch – es liefen ein paar Leute herum. Aber niemand schien sie zu bemerken. Irgend jemanden musste man doch fragen können – irgend jemanden, aber wen? Immer wenn Esra sich nach einer geeigneten Person umsah, war da plötzlich niemand mehr. Da! Da vorne waren Glastüren – bestimmt kam man von dort nach draußen ins Freie. Aber als sie dort ankam, stellte sie fest, dass die Türen verschlossen waren. Sie drehte sich um und sah einen Gang auf der linken Seite, Stufen führten hinunter. Vielleicht ein Tunnel, dachte sie. Kaum wollte sie die erste Stufe nehmen, als sie neben sich einen Mann in Uniform gewahrte, der sie barsch anblaffte. „Verzeihung, ich habe Sie nicht verstanden.“ Hektisch blickte sie um sich. Der Mann sprach wütend auf sie ein. „Ich verstehe Sie nicht, bitte...“ rief sie verzweifelt. Konnte denn niemand helfen? Da! Ein paar Jugendliche kamen näher. Plötzlich zeigte einer der Jungs mit dem Finger auf sie und rief laut: „Go away, go home!“ Die Horde stürmte auf sie los. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, gleich, gleich würden sie alle auf sie zu stoßen, wohin, wohin, Hilfe, das gibt’s doch gar nicht, das konnte doch gar nicht sein, Hilfe, – sie schrie, schrie, schrie und etwas zerrte schon an ihrem Arm, oh bitte, bitte...
„Esra?“ Diese Stimme. „Esra, wach auf. Esra!“
Kleine, energische Hände rüttelten an ihrer Schulter.
„Komm schon, wir sind sonst zu spät!“
„Nur ganz kurz, warte, ich bin noch so müde...!“ Gähnend wälzte Esra die Decke beiseite.
„Du machst hier einen Alarm, echt.“
„Ach komm, heute ist doch Filmtag! Steh auf! Sonst gibt es kein Frühstück mehr für mich und du bist doch eigentlich mit dem Eindecken dran, oder?“
Esra stöhnte. Oh nein, auch das noch. Küchendienst! Wie konnte sie das nur vergessen? Entschlossen schlug sie die noch warme Bettdecke endgültig beiseite und stürmte barfuß ins Bad. Jetzt schnell, schnell.
Esra spülte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht, bürstete eilig durch die etwas krausen, störrischen Haare und stürzte wieder zum Schrank im Zimmer zurück. Sie fröstelte etwas. Das Zimmer war noch kalt - es wurde erst mittags angeheizt. Wo war denn nur die Strumpfhose? Ach da.
„Emily? Könntest du...?“
„Hau schon ab, ich mache das hier. Übrigens fehlt ein Knopf an deiner Jacke!“
„Oh nein, das darf doch alles nicht – verdammt noch mal – das schaffe ich nie!“
„Gib her. Hier, nimm meine, ich mache das eben.“ Esra schaute Emily aufatmend an.
„Tausend Dank, du bist die Beste! Meine STB1 echt, meine Rettung.“
„Ja ja ja. Mach schon, dann bekomme ich wenigstens noch Frühstück. Los“, herrschte Emily die Freundin an. Aber Esra war schon wie ein Wirbelwind durch die Tür. Ach Esra. Emily seufzte. Irgendwas war ja immer. Aber das machte nichts. Mit ihr war alles viel lustiger und bunter. Emily konnte es nicht so recht erklären.
Eine Freundin wie Esra zu haben bedeutete Trubel – aber auch Spannung, Abenteuer und dann...eine Zimmergenossin wie sie war einfach einmalig.
Aber nun war keine Zeit mehr zum Nachdenken. Wo war der Ersatzknopf? Geschickt fädelte sie den blauen Faden ein. Die paar Stiche gingen ihr schnell von der Hand. Esra hätte vermutlich eine Viertelstunde gebraucht. Emily lächelte vor sich hin. Kritisch sah sie sich ihr Werk noch einmal an bevor sie den Faden abschnitt und die Nadel wieder zurück in ihr Nähbuch steckte. So. Reißverschluss zu. Nähbuch in die Schublade. Schnell noch die Betten machen. Höchste Zeit. Ein letzter Blick zurück ins Zimmer.
Hielt es dem Blick von Annie stand? Ihren scharfen Augen blieb selten etwas verborgen. Annie war eine der „alten“ Schülerinnen und hatte die Zimmeraufsicht für den Westflügel übernommen. Sie musste an die zuständige Mentorin einen wöchentlichen Bericht abgeben. Fiel dieser positiv aus, war alles in Ordnung. Falls nicht, konnte man mit Einschränkungen rechnen. Außerdem wurde man dann in den nächsten Wochen strenger überwacht. Das wollte Emily auf keinen Fall riskieren. Bis jetzt war eigentlich immer alles okay gewesen. Das lag aber mit Sicherheit nicht an Esra. Emily schmunzelte in sich hinein. Wie oft hatte sie der Freundin ein wenig unter die Arme greifen müssen! Esra war wirklich nicht die ordentlichste Person die sie kannte! Emily sah noch einmal zu dem Bett am Fenster. Wer würde dort schlafen wenn Esra fort war? Emily mochte gar nicht daran denken. Würde sie womöglich alleine bleiben?
Na ja, Esra kam ja hoffentlich wieder oder? Aber es würde still werden ohne sie, da war sich Emily ziemlich sicher. Egal jetzt. Schnell runter zum Frühstück!
Das New Nightingales war ein ehrwürdiges Haus. Wenn man auch eher hätte Schloss dazu sagen können, denn so sah das Internat von außen aus.
Wie ein wahr gewordener Traum stand es da in seinen altenglischen Parkanlagen. Getrimmte Buchsbäume standen in ordentlichen Gruppierungen oder auch als kurze Hecken. Eingebettet zwischen uralten Kastanien, die im Sommer angenehm das Licht brachen, stand das Hauptgebäude mit seinen Türmchen und Erkern und dem imposanten Portal.
Die Mädchen waren in den oberen Dachkammern untergebracht. Sie teilten sich meistens zu zweit ein Zimmer. Dass Esra und Emily sich als Freundinnen ein Zimmer teilten, war ein glücklicher Umstand, den beide sehr zu schätzen wussten. Denn Freunde brauchte man hier wie anderswo dringend.
Esra konnte ein Lied davon singen. Als sie mit knapp acht Jahren hier ankam, war es sehr schwer für sie gewesen. Sie war damals eher still, die Schule schien ihr zu sagen: „Wag es bloß nicht“, (– was auch immer –) und sie hatte ewig Angst gehabt, etwas Falsches zu sagen. Überhaupt etwas zu sagen war schwer gewesen.
Sie fühlte sich fehl am Platz. Und dann: die Mädchen hier! Die anderen schienen ihr schon so reif zu sein, so, als ob sie alles wussten. Alles musste sie nachfragen. Sicher, sie bekam eine sogenannte Mentorin an die Hand, die ihr alles zeigte. Aber sie schien ihr damals so gut wie erwachsen mit ihren zu der Zeit vermutlich gerade mal vierzehn Jahren. Nun war sie schon fast fünf Jahre hier.
Mittlerweile wusste sie, wie man schnippische Bemerkungen abprallen lässt, wie man scharf zurückschießt, wenn man sich getroffen fühlt. Aber das hatte Esra mittlerweile auch gar nicht mehr nötig.
Sie schaute das betreffende Mädchen einfach nur an. Ruhig. Sie stellte sich dann manchmal vor, die Andere wäre ein ekliges Insekt. Etwas, was man taxiert, bevor man es fängt.
Das genügte in den meisten Fällen.
Ja, sie hatte gelernt. Und schließlich hatte sie Emily gefunden. Von da an war alles leichter.
Sie waren gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Die beiden waren so unterschiedlich, wie man nur sein konnte und sich doch im Herzen so ähnlich!
Emily war zierlich und blond mit haselnussbraunen Augen, die eigentlich zu groß für das kleine Gesicht schienen. Neben ihr sah eigentlich jedes Mädchen riesig aus. Emily blieb cool, auch wenn es einmal hektisch wurde. Nichts und niemand konnte sie so schnell aus der Ruhe bringen.
Esra war mittelgroß, hatte aschblondes, störrisches Haar und grüne Augen, die ihr durch eine leichte Schrägstellung ein etwas exotisches Aussehen verliehen. Ihre Haut hatte einen eigentümlichen Olivton. Esra wirkte immer, als ob sie gerade einen Dauerlauf hinter sich hatte. Sie hatte etwas Ungezügeltes und Wildes an sich. Und da konnte sie machen was sie wollte, es gelang ihr einfach nicht, so adrett und clean auszusehen wie die anderen Mädchen. Aber es kümmerte sie auch nicht weiter. Nicht mehr.
Esra sah sich in dem großen Esssaal um. Gleich würden hier 46 Mädchen zwischen sieben und vierzehn Jahren eintrudeln, um ein erstes Frühstück einzunehmen. Schon merkwürdig, wie sehr man sich an Umgebungen, Menschen, Sprachen gewöhnen konnte. Bald würde sie sich wieder an ein neues Umfeld anpassen müssen. Ihre Tante hatte geschrieben, dass es ja eine „alte“ neue Heimat sein würde.
Aber sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern. Mit der Sprache würde es schon wieder gehen, hatte die Tante gesagt. Ha! Sie sei ja schließlich zweisprachig aufgewachsen. Pfff... Da war sie vielleicht vier Jahre alt gewesen. Sie konnte sich ja kaum an ihren Vater erinnern. Und ihre Mutter?
Esra kannte sie nur von einer alten Fotografie.
Außerdem war das Bild im Halbprofil aufgenommen. Sie hatte kein richtiges Bild von ihrer Mutter. Sie erinnerte sich dunkel an ein erschrockenes Gesicht, ein Flüstern, Menschen kamen und nahmen sie mit. Sie hatte Angst gehabt. Und es ging alles so schnell.
Dabei hatten sie gerade so schön gespielt, sie und – Julia? Hieß das Mädchen so? Esra war sich nicht mehr sicher. Erst war sie zur Nachbarin gekommen, einer älteren Frau mit einer Katze, mit der man nicht spielen durfte, weil...
| Erscheint lt. Verlag | 12.9.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch |
| ISBN-10 | 3-7568-0453-4 / 3756804534 |
| ISBN-13 | 978-3-7568-0453-5 / 9783756804535 |
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