- Pippi Langstrumpfs Vorbild aus Kanada
- Das quirlige Waisenmädchen mit den roten Haaren: Selbstbewusste Heldin mit Riesenfangemeinde
- Hier geht's um Ganze: Gerechtigkeit, Toleranz, Selbstbestimmung, Liebe
Lucy Maud Montgomery wurde 1874 geboren und war eine gefeierte kanadische Kinder- und Jugendbuchautorin. Zeit ihres Lebens veröffentlichte sie zahlreiche Bücher, darunter Romane, Gedichte und Essays. Besonders viel Erfolg hatte sie mit der Reihe rund um das Waisenkind Anne. Der erste Band wurde 1908 veröffentlicht und avancierte sofort zum Bestseller.
1 – Ein erzürnter Nachbar
An einem Spätnachmittag im August setzte sich ein großes, schlankes Mädchen, sechzehneinhalb, mit ernsten grauen Augen und – wie ihre Freunde sagten – goldbraunem Haar auf die breite, rote Steinstufe eines Farmhauses auf der Prinz-Edward-Insel in der festen Absicht, Verse von Vergil zu übersetzen.
Doch ein Augustnachmittag, an dem sich blauer Dunst auf die erntereifen Hänge legt, ein Lüftchen elfenhaft in den Pappeln säuselt und in einer Ecke des Kirschgartens eine wogende Pracht roter Mohnblumen leuchtend gegen das dunkle Geäst junger Tannen absticht, verführt doch eher zum Träumen als eine tote Sprache. Bald glitt der Vergil unbeachtet zu Boden, und Anne, das Kinn auf die Hände gestützt, den Blick auf die prächtige Masse fluffiger Wolken gerichtet, die direkt über dem Haus von Mr J. A. Harrison wie ein hoher weißer Berg emporragte, befand sich weit weg in einer herrlichen Welt, in der eine ganz bestimmte Lehrerin großartige Arbeit leistete, die Talente künftiger Staatenlenker förderte und Herzen und Hirne junger Menschen für hehre Ziele begeisterte.
Nun ja, die schnöde Faktenlage – mit der sich Anne, zugegeben, selten befasste, außer es ließ sich gar nicht vermeiden – sprach gegen allzu viele verheißungsvolle Anwärter für Berühmtheiten an der Schule von Avonlea; aber man wusste nie, was passieren mochte, wenn eine Lehrerin ihre ganze Strahlkraft entfaltete. Anne hatte rosarot durchwirkte Idealvorstellungen davon, was eine Lehrerin erreichen konnte, wenn sie es nur richtig anging; und sie steckte mitten in einer hinreißenden Szene vierzig Jahre in der Zukunft mit einer berühmten Persönlichkeit – der genaue Grund für ihre Berühmtheit blieb im Unklaren, doch Anne gefiel der Gedanke, dass es ein Universitätspräsident war oder ein kanadischer Premierminister –, die sich tief über ihre runzlige Hand beugte und ihr beteuerte, niemand anderes als sie habe damals seinen Ehrgeiz entfacht, und dass seine gesamte Lebensleistung auf dem Unterricht beruhe, den sie vor ach so langer Zeit an der Schule von Avonlea erteilt habe. Eine höchst unschöne Störung machte dieses schöne Traumbild zunichte.
Eine scheue kleine Jerseykuh kam des Weges getrabt, und fünf Sekunden darauf war auch Mr Harrison eingetroffen – wobei das Wort »eintreffen« zu neutral gewählt sein mag, um die Art zu beschreiben, wie er in den Garten platzte.
Statt das Tor zu öffnen, sprang er über den Zaun und baute sich wütend vor der verblüfften Anne auf, die sich erhoben hatte und ihn einigermaßen verwundert ansah. Mr Harrison war der neue Nachbar zur Rechten, sie hatte ihn schon ein, zwei Mal gesehen, aber noch nie getroffen.
Anfang April – Anne war da noch nicht vom Queen’s College nach Hause zurückgekehrt – hatte Mr Robert Bell, dessen Farm westlich an das Grundstück der Cuthberts grenzte, alles verkauft und war nach Charlottetown gezogen. Erworben hatte seinen Hof ein gewisser J. A. Harrison, von dem man nicht mehr wusste als diesen Namen und dass er aus New Brunswick stammte. Aber er lebte noch keinen Monat in Avonlea, da stand er bereits in dem Ruf, eine seltsame Person zu sein – ein »Spinner«, wie Mrs Rachel Lynde sagte. Mrs Rachel nahm nie ein Blatt vor den Mund, wie diejenigen unter euch, die bereits ihre Bekanntschaft gemacht haben, sicher noch wissen. Mr Harrison war eindeutig anders als die übrigen Leute – was, wie jedermann weiß, einen Spinner auszeichnet.
Zunächst einmal erledigte er seinen Haushalt selbst und hatte öffentlich geäußert, er könne keine blöden Weiber in seiner Hütte gebrauchen. Avonleas Frauen revanchierten sich mit Schauergeschichten über seine Qualitäten im Putzen und Kochen. Der kleine John Henry Carter aus White Sands arbeitete für ihn, von ihm nahmen die Geschichten ihren Ausgang. Bei Harrison gab es zum Beispiel keine festen Essenszeiten. Mr Harrison »machte sich was«, wenn er hungrig war, und wenn sich John Henry gerade in der Nähe befand, bekam er etwas davon ab, andernfalls musste er solange warten, bis Mr Harrison wieder einmal Kohldampf hatte. John Henry beteuerte, er wäre glatt verhungert, hätte er sich sonntags nicht zu Hause sattessen können, und dass seine Mutter ihm montagmorgens immer einen »Fresskorb« mit auf den Weg gab.
Was den Abwasch betraf, rührte Mr Harrison grundsätzlich keine Hand, bis es sonntags mal regnete. Dann machte er sich ans Werk, spülte das gesamte Geschirr in der Regentonne und ließ es zum Trocknen stehen.
Zudem war Mr Harrison »knickrig«. Als man ihn um einen Beitrag zum Gehalt von Pfarrer Allan bat, sagte er, er wolle erst abwarten und sehen, welchen baren Nutzen er aus dessen Predigten ziehe – er halte nichts davon, die Katze im Sack zu kaufen. Und als Mrs Lynde erschien, um ihn um eine Spende für die Mission zu bitten – und dabei nebenher einen Blick in sein Haus zu werfen –, sagte er ihr, unter den alten Tratschweibern von Avonlea wären mehr Gottlose als irgendwo sonst, und er würde mit Freuden für deren Missionierung spenden, sollte sie sich dessen annehmen. Mrs Rachel zog wieder ab und sagte, es sei ein Segen, dass die arme Mrs Bell fest in ihrem Grab liege, denn der Anblick ihres heruntergekommenen Hauses, auf das sie immer so viel Sorgfalt verwandt hatte, hätte ihr das Herz gebrochen.
»Den Boden ihrer Küche hat sie jeden zweiten Tag geschrubbt«, erzählte Mrs Lynde empört Marilla Cuthbert, »und du glaubst nicht, wie der jetzt aussieht! Ich musste die Röcke anheben, als ich drüber wegging.«
Schließlich hatte Mr Harrison auch noch einen Papagei namens Ginger. Niemand in Avonlea hatte je einen Papagei besessen; nur zu verständlich, dass man überhaupt nichts davon hielt. Und was war das für ein Papagei! Der böseste Vogel aller Zeiten, nach dem Urteil John Henry Carters. Er fluchte ganz furchtbar. Mrs Carter hätte ihren Sohn sofort heimgeholt, hätte sie ihn problemlos andernorts unterbringen können. Ginger hatte John Henry zudem ein Stück aus dem Nacken gebissen, als er sich einmal zu nahe am Käfig bückte. Wenn der arme John Henry sonntags nach Hause kam, zeigte Mrs Carter allen die Stelle.
All dies schoss Anne durch den Kopf, während Mr Harrison vor ihr stand, offenbar derart wütend, dass er kein Wort herausbrachte. Selbst in seiner aufgeräumtesten Stimmung konnte er nicht als freundlicher Mensch gelten; er war klein, dick und hatte eine Glatze; und jetzt, dachte Anne, mit diesem vor Zorn lila angelaufenen Mondgesicht und den fast aus dem Kopf springenden blauen Glupschaugen, war er wirklich der hässlichste Mensch, der ihr je untergekommen war.
Aber dann hatte sich Mr Harrison gefasst.
»Ich nehme das nicht mehr hin«, stammelte er, »keinen Tag länger, hören Sie, Miss? Donnerschreck, das war jetzt das dritte Mal, Miss … das dritte Mal! Meine Geduld ist aufgebraucht, Miss. Beim letzten Mal habe ich Ihre Tante gewarnt, dass sie das unterbinden muss … aber was ist … sie hat’s schon wieder … warum nur tut sie das, das möchte ich mal wissen. Aus diesem Grund bin ich hier, Miss.«
»Was ist denn bitte das Problem?«, fragte Anne in höchst würdevollem Ton. Sie hatte das in letzter Zeit gründlich geübt, damit es richtig saß, wenn ihr Schuldienst begann; aber auf den wütenden J. A. Harrison verfehlte es jede Wirkung.
»Problem, ja? Donnerschreck, und ob das ein Problem ist. Das Problem, Miss, besteht darin, dass ich diese Kuh Ihrer Tante schon wieder in meinem Hafer vorgefunden habe, keine halbe Stunde her. Zum dritten Mal, wohlgemerkt. So wie letzten Dienstag und wie gestern. Ich war schon mal hier und hab’ Ihrer Tante gesagt, dass sie das unterbinden muss. Aber es ist wieder passiert. Wo ist denn Ihre Tante, Miss? Ich will sie nur kurz sehen und ihr die Meinung geigen – die Meinung von J. A. Harrison, Miss.«
»Wenn Sie Miss Marilla Cuthbert meinen, sie ist nicht meine Tante, und sie ist nach East Grafton gefahren, um eine entfernte Verwandte zu besuchen, die sehr krank ist«, sagte Anne, mit jedem Wort würdevoller. »Es tut mir sehr leid, dass meine Kuh an Ihren Hafer gegangen ist – die Kuh gehört mir, nicht Miss Cuthbert. Matthew hat sie Mr Bell abgekauft und mir geschenkt, vor drei Jahren, da war sie noch ein Kälbchen.«
»›Es tut mir leid‹, Miss? ›Es tut mir leid‹ nützt hier gar nichts. Gehen Sie lieber mal hin und schauen Sie sich an, was für eine Verwüstung dieses Tier in meinem Haferfeld angerichtet hat – das ist von der Mitte bis ganz nach außen niedergetrampelt, Miss.«
»Es tut mir sehr leid«, wiederholte Anne mit Nachdruck, »aber vielleicht hätte Dolly es gar nicht betreten, wenn Sie sich besser um Ihre Zäune kümmern würden. An der Stelle, wo Ihr Haferfeld an unsere Weide grenzt, ist das Ihr Zaun, und mir ist neulich erst aufgefallen, dass der nicht gut in Schuss ist.«
»Mein Zaun ist in Ordnung«, raunzte Mr Harrison, jetzt noch wütender angesichts dieser Kriegserklärung. »Eine Teufelskuh wie diese hält nicht mal ein Gefängnisgitter ab. Und eins sag ich Ihnen, Sie rothaarige Range, wenn das Ihre Kuh ist, wie Sie sagen, dann täten Sie gut daran, sie von den Feldern anderer Leute fernzuhalten, statt hier rumzusitzen und Groschenromane zu lesen« – wobei er abschätzig auf den dunkelgelben Band Vergil zu Annes Füßen blickte.
In diesem Moment waren nicht nur Annes Haare rot – seit jeher ihre empfindliche Stelle.
»Lieber rote Haare als gar keine bis auf so ein paar rund um die Ohren«, konterte...
| Erscheint lt. Verlag | 20.4.2023 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Anaconda Kinderbuchklassiker | Anaconda Kinderbuchklassiker |
| Übersetzer | Jan Strümpel |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Anne of Avonlea |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch ► Kinderbücher bis 11 Jahre |
| Schlagworte | 2023 • ab 12 • ab 8 • Amybeth McNulty • Anne auf Green Gables • Anne mit den roten Haaren • Anne Netflix Serie • Anne of Green Gables Fortsetzung • Anne Shirley • Anne with an E • Booktok • Chronicles of Avonlea • Coming of Age • eBooks • englische Kinderbuchklassiker • Jugendbuch-Klassiker • Ka'kwet • Kanadische Literatur • kanadische Schriftsteller • Literatur für Mädchen ab 12 • Marilla und Matthew Cuthbert • Moira Walley-Beckett • Neuerscheinung • Prince Edward Island • Selbstbewusstsein • Serien • Verlust • Vorbild Pippi Langstrumpf • Waise • Waisenkind • Waisenmädchen • Wie alles begann – Anne, das Mädchen von Green Gables |
| ISBN-10 | 3-641-29163-1 / 3641291631 |
| ISBN-13 | 978-3-641-29163-1 / 9783641291631 |
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