Kasperle auf Burg Himmelhoch (eBook)
194 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7541-8896-5 (ISBN)
Josephine Siebe war eine deutsche Redakteurin und Kinderbuchautorin. Sie verfasste zwischen 1900 und 1940 fast 70 Bücher für Kinder und heranwachsende Mädchen, daneben eine Vielzahl von Beiträgen in Jahres- und Sammelbänden
Josephine Siebe war eine deutsche Redakteurin und Kinderbuchautorin. Sie verfasste zwischen 1900 und 1940 fast 70 Bücher für Kinder und heranwachsende Mädchen, daneben eine Vielzahl von Beiträgen in Jahres- und Sammelbänden
Erstes Kapitel
Der Kasperlemann erzählt
»Bimmelimbim, hollahe, ich bin da!« so rief unverdrossen ein Mann, der vor einem kleinen, mit einem roten Vorhang verhüllten Kasperletheater stand. Das Budchen befand sich auf einem großen Platz, auf dem es noch viele andere Buden gab, denn in dem Städtchen Wutzelheim war Schützenfest; dazu waren Karussellmänner und Schaubudenleute von weither gekommen. Um das Kasperlebudchen herum drängten sich die Kinder. Es sollte, so wurde gesagt, ein besonders lustiges Kasperle sein, das da spielte, und das
Zusehen war billig. Für einen Pfennig konnte man lange stehen, und manchmal konnte man sogar ausreißen, ohne den Pfennig zu bezahlen. Aber das taten nur wenige, die meisten gaben gewichtig ihren Pfennig hin, man mußte doch Kasperle belohnen.
Immer wieder tönte das Bimmelimbim des Budenbesitzers, immer mehr Kinder liefen herzu. Endlich ging der rote Vorhang auf, und Kasperle steckte seine große, große Nase heraus und fragte: »Seid ihr alle da?«
»Ja!« scholl es im Chor.
»Hm!« Kasperle seufzte, schwang ein Beinchen über die Brüstung und fragte trübselig: »Ihr denkt nun wohl, ich werde kaspern?«
»Ja,« schrien die Kinder, und ein paar Ungeduldige drängten: »Fang doch an, sonst müssen wir zum Abendbrot nach Hause!« Es war aber erst drei Uhr nachmittags, und das Kasperle lachte etwas. »Abwarten und Tee trinken!« rief es. »Erst muß ich euch eine Geschichte erzählen. Wollt ihr sie wissen?«
»Ja, ja,« ertönte es von unten herauf.
»Na, dann paßt mal auf! Glaubt ihr, daß ich lebendig bin?«
Die Kinder lachten, ein paar kleine sagten schüchtern ja, die größeren aber riefen alle: »Nä, du bist von Holz« – »Von Blech,« rief sogar ein Mädel.
»So,« brummte Kasperle, »na, das glaube ich doch nicht!« Dabei schlug er mit seinen hölzernen Armen und Beinen an die Bretterwand des Budchens. Es krachte laut, und die Kinder schrien alle: »Das klingt wie Holz, du bist von Holz.«
»So, gut, also ich bin von Holz. Es gibt aber ein ganz putzlebendiges Kasperle, glaubt ihr das?«
»Nä,« brüllten wieder die Kinder, »so was gibt’s nicht.«
»Doch, so etwas gibt’s, und das Kasperle sieht aus wie ich, nur ist es viel, viel größer, so groß wie der da.« Und Kasperle streckte seinen Holzarm aus und zeigte auf Gottfried Schlippermilch, der etwa acht Jahre alt war.
»Nä,« schrie Gottfried entrüstet, »das ist nicht wahr! Ich bin nicht wie ’n Kasperle.«
»Doch, es ist wahr, und nun kommt meine Geschichte.«
»Nä, das ist nicht wahr!« Gottfried war sehr entrüstet, daß er Ähnlichkeit mit einem Kasperle haben sollte, und seine Kameraden mußten ihm erst ein Weilchen gut zureden, bis er schließlich sich beruhigte und still wurde.
Kasperle beugte sich weit vor und begann: »Ja, denkt euch, es gibt ein lebendiges, flinkes, lustiges Kasperle, und das wohnt seit vielen Jahren in einem Waldhaus. Das Häuschen gehört einem Kasperleschnitzer, der auch mich geschnitzt hat, und darum sehe ich so aus wie das putzlebendige Kasperle.«
»I nä!« schrien ein paar Buben erstaunt, und Kasperle nahm flink eine alte Kartoffel und warf sie dem dicken Hansjörg an die Nase. Klatsch! Das knallte nur so.
»Stille sein!« schrie Kasperle. »Was ich erzähle, ist wahr!«
Hansjörg rieb sich erschrocken seine Nase, und er klappte vor lauter Angst seinen Mund nun gar nicht mehr zu, doch auch die andern schwiegen ein wenig erschrocken, und Kasperle fuhr fort zu erzählen: »Das lebendige Kasperle hat einmal ewig lange geschlafen, vielleicht achtzig Jahre und noch länger. Da hat es in einem alten Schrank gesteckt, und niemand wußte es. Meister Friedolin, der Kasperleschnitzer, aber hat eines Tages in dem Schrank herumgekramt und dabei das schlafende Kasperle entdeckt. Wie das ans Licht gekommen ist, ist’s aufgewacht.«
»Was hat’s denn da gemacht?« Ein Stimmlein klang hell aus dem Kindergewühl heraus, und diesmal warf Kasperle keine Kartoffel, es drohte nur mit seiner steifen Holzhand, gab aber doch Antwort. »Dummheiten hat’s gemacht, nichts wie Dummheiten. Das Waldhaus hat es bald auf den Kopf gestellt, und dann ist es ausgerissen.«
Viele Ahs und Ohs ertönten. Die Kinder sahen sich um, ob gar das Kasperle hierher ausgerissen wäre, ein paar Buben aber schrien laut: »Das ist fein!« – »Potz Wetter! Was sagt ihr da?« schrie Kasperle empört. »Fein, fein! Na, ich danke. Frech war es, so frech wie eure Nasen. Und wie hat sich das Kasperle aufgeführt, o jegerle! Erst ist’s in ein Dorf gelaufen, – Protzendorf heißt es – nachdem es ein paar Büblein Hosen und Jacke weggenommen, hat sich dort als Gänsejunge verdingt und dabei die armen Gänse halb tot gehütet; dann hat es den braven Schäfer Damian und seinen Bruder Florian schlimm geärgert, und nachher ist’s wieder ausgerissen.«
»Fein!« schrien wieder ein paar Buben. Diesmal warf Kasperle wütend ein paar trockene Kienäpfel von oben herab. Klatsch, klatsch! Einen bekam Drehers Frieder an die Nase, der andere hopste auf drei Köpfen herum, immer von einem zum andern.
»Das ist frech!« schrien sie wieder.
»Ih, frech war Kasperles Ausreißen!« zeterte oben das Kasperle. »Und frech war es, was er dann tat. Dem Grafen von Singerlingen ist er hinten auf den Wagen aufgesprungen; so ist er mit in ein Schloß gefahren, dort ist er in die Schlagsahne gefallen und hat sich in des Herzogs, unseres Herzogs, Bett gelegt.«
»Fein!« schrien wieder ein paar Buben, aber da drohte Kasperle: »Ihr werdet eingesperrt.«
Da verstummten die Schreier flink, und Kasperle erzählte weiter: »Unser guter Herzog August Erasmus war damals bei dem Grafen von Markfeld zu Gaste, eine Hochzeit wurde im Schloß gefeiert, und da hat das Kasperle herumgespukt. Die kleine Gräfin Rosemarie – sie ist jetzt eine schöne junge Dame und wird nächstens einen Grafen heiraten – hat den kleinen Unnützling aus Mitleid erst in ihr Puppenbett gesteckt, dann ihm geholfen, daß er ausreißen konnte.«
»Fein, fein!« brüllten wieder die Kinder. Da wurde Kasperle wütend, er schrie: »Potztausend! Das hättet ihr wohl auch getan?«
»Ja, ja!« jauchzten die Kinder. »Er soll nur kommen, wir helfen ihm schon!«
Einige Augenblicke war Kasperle muckstill; der Kasperlemann, der hinter dem roten Vorhang stand, fuhr sich mit seinem schwefelgelben Schnupftuch über das Gesicht. Er ärgerte sich. »So ist nun das Kindervolk! Da reise ich von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, bin auf Schützenfesten, überall und immer, wenn ich erzähle: ‚Kasperle ist ausgerissen‘, schreien die dummen Kinder: ‚Fein, fein!‘ – Haue müßten sie alle haben!«
»Kasperle soll weiterreden,« verlangten die Kinder vor dem Budchen.
Da ließ der Kasperlemann das hölzerne Kasperle wieder zappeln. Er steckte aber selbst seinen Kopf heraus und erzählte weiter: »Trotzdem die Landjäger aufpaßten, gelang es dem schlimmen lebendigen Kasperle doch, zu entkommen. Hoch hinauf in die Berge in das Dorf Waldrast hat er sich geflüchtet, und der Schullehrer dort hat sich seiner gar liebreich angenommen. Aber als Dank hat Kasperle nichts wie Dummheiten gemacht.«
»Was hat er denn getan?« Hansjörg drängte sich ganz vor, und klatsch! schlug ihm Kasperle mit dem Bein an die Nase.
»Au!« Hansjörg brüllte, die andern schrien: »Sei doch still! Wir wollen hören, wie’s weiter geht. Was hat Kasperle gemacht?«
»Nichts als Unsinn, und vor allem hat er die Base Mummeline im Schulmeisterhaus schlimm geärgert. Die hat aber herausgekriegt, daß es mit dem Kasperle nicht richtig war, und da sind Landjäger nach Waldrast gekommen, die haben Kasperle fangen wollen, denn der Herr Herzog August Erasmus hatte eine hohe Belohnung dem versprochen, der Kasperle fangen würde.«
»O jemine! Die haben ihn wohl gefangen?«
»I bewahre! Stille doch, Kinder! Ausgerissen ist – –«
»Hurra, hurra!«
Der Kasperlemann ärgerte sich mehr und mehr, die Kinder jauchzten immer lauter, und von den andern Buden schauten die Leute neugierig herüber. »Beim Kasperle geht’s mal wieder lustig zu,« sagten sie.
»Stille, Kinder! Sonst erzähle ich nicht weiter,« schrie der Kasperlemann.
»Ach ja doch, bitte, bitte, wohin ist Kasperle gelaufen?«
»Erst auf den Kirchturm; da hat er die Glocken geläutet, so daß sie alle im Dorf gedacht haben, es brenne, und in der Verwirrung und in der Dunkelheit ist – ritsch ratsch! – das Kasperle ausgerissen.«
»Hurra, Kasperle soll leben!«
»Tut er ja auch,« brummte der Kasperlemann. »Und gut hat er dann eine Weile gelebt; in des Herzogs Jagdschloß hat er beinahe die Räucherkammer leergegessen mit seinem Freund, dem Geißbuben Michele. Das Michele hat dem Kasperle in das Schloß hinein geholfen, und als da der Herzog August Erasmus unversehens gekommen ist, hat sich Kasperle in eine verborgene Kammer geflüchtet, und alle im Schloß haben gedacht, es spuke ein Gespenst darin.«
»Uje, das ist aber fein! Ich will auch mal Gespenst sein,« schrie Hansjörg.
»Ich auch, ich auch! Gespenst sein, ist fein,« echote es. »Morgen spielen wir Gespenster!«
»Wie hat er es denn als Gespenst gemacht?«
Das schwätzte laut vor dem Budchen durcheinander, und der Kasperlemann brummte: »So dumm bin ich nicht, euch das zu verraten. Wer spukt, kriegt was auf den Hosenboden, und nun still! Wer redet, bekommt einen Nasenstüber.«
Da waren die Kinder wieder muckstill, und der Kasperlemann erzählte weiter: »Na, kurz und gut, sie...
| Erscheint lt. Verlag | 20.3.2022 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch ► Vorlesebücher / Märchen |
| Schlagworte | ebook-für-kinder • eBook-Reader • ebooks-für-kids • Gute-Nacht-Geschichte • Kasperle-deutsch • Kasperle-Theater • Klassiker-der-Weltliteratur • mehrbuch • Vorlesebuch • Vorlese-Geschichte |
| ISBN-10 | 3-7541-8896-8 / 3754188968 |
| ISBN-13 | 978-3-7541-8896-5 / 9783754188965 |
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