Die Zauberer von Lythe (eBook)
374 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7543-3621-2 (ISBN)
Annison Moore, geboren1982, liebt geheimnisvolle Geschichten und fühlte sich schon immer in der Welt der Bücher besonders zu Hause. In ihrer Freizeit streift sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern gern durch Felder, Wiesen und Wälder auf der Suche nach Fröschen, den Höhlen von Rumpelwichten und anderen verborgenen Geheimnissen. Sie arbeitet als Kunst- und Deutschlehrerin und ist parallel in der Kunstvermittlung an einem Museum tätig, wo sie junge Spürnasen dazu anregt, die Geschichten von Bildern und Objekten zu entdecken. "Die Zauberer von Lythe" ist Annison Moores erster Roman. Aktuell schreibt sie an einer Fortsetzung.
Blätterrascheln und Säbelrasseln
Gwendolines Stachel saß. Seit Jahren unternahm der Earl ausgedehnte Forschungsreisen, die ihn oft für Monate ins Ausland führten. Mrs. Bridgewater nannte ihn einen „Abenteurer“, einen Mann, der im falschen Zeitalter geboren worden war. Der ausgebildete Arzt liebte die Wildnis und sammelte in den entlegensten Regionen aller Herren Länder alles, was ihm an unbekannten Heilmitteln und Giften begegnete, anstatt seine Zeit auf dem Familiensitz zu verbringen.
Colin und Kathrine waren schon oft von ihrem Vater versetzt worden. Vor zwei Jahren hatten sie sogar ihr gesamtes Weihnachtsfest ohne ihn verbracht. So war es kein Wunder, dass Gwendolines Worte in den Köpfen der Geschwister immer noch ihr Unwesen trieben, als sie sich zum Abendessen in der Schlossküche einfanden.
Das hohe, längliche Küchengewölbe lag zu zwei Dritteln unter der Erde und weil durch die halbmondförmigen Fensterluken nicht genug Licht hereinkam, hatte man zwei funkelnde Kronleuchter an die Decke gehängt. Mit dieser Zutat erinnerte der Raum entfernt an eine Kirche. An Stelle eines Altars saß allerdings ein unförmiger Herd mit schwarzen Eisenklappen an der hinteren Wand.
Mrs. Bridgewater hielt es für unpassend, dass Colin und Kathrine ihre Mahlzeiten hier einnahmen, doch in diesem Punkt hatte sie sich nie durchsetzen können. Warum sollten die Zwillinge auch in einem riesigen leeren Speisesaal sitzen, wenn sie in der warmen Küche mit Koch Rodair und seiner Tochter Rachel schwatzen konnten?
Heute jedoch hatte Rodair alle Hände voll zu tun, die Geschwister zu beruhigen.
„Der Grund ist mir egal“, schimpfte Colin, während er vor einem Teller mit dampfender Kürbissuppe saß, „Vater hatte versprochen, heute bei uns zu sein!“
„Es ist schlimm, so enttäuscht zu werden!“, sagte Rodair und faltete seine Hände über dem mächtigen Bauch. Wie stets saß er bei den Geschwistern, wenn diese aßen. „Ich hatte auch ehrlich erwartet, er wäre schon hier! Es muss etwas ganz Unvorhergesehenes dazwischengekommen sein ...“
„Angeblich macht der Monsun Schwierigkeiten“, teilte Kathrine mit. Dies zumindest war die Aussage ihres Geburtstagsbriefes gewesen. „Vater ist wegen seiner Heilpflanzen irgendwo im indischen Hinterland unterwegs und da haben sich die Straßen offensichtlich in unpassierbare Schlammflüsse verwandelt.“
Colin unterbrach seine Schwester schroff.
„Aber der Brief hat es seltsamerweise hierher geschafft, ja? Ich glaube nichts mehr von seinen Entschuldigungen! Wenn Vater wirklich bei uns sein wollte, würde er das auch schaffen! Von mir aus braucht er gar nicht wiederzukommen!“
Rodairs Gesicht, das ohnehin schon glänzte wie ein rotbackiger Apfel, wurde noch eine Spur röter, als er merkte, wie Colin vor Enttäuschung zitterte und Kathrine ganz still auf ihrem Platz saß.
„Er macht es euch wirklich nicht leicht, was? - Ich kann euren Ärger verstehen! Aber an einem solltet ihr beiden niemals zweifeln, hört ihr? Ihr seid für euren Vater das Wichtigste auf der Welt und er wäre bestimmt sehr unglücklich, wenn er wüsste, was für krause Gedanken euch da in den Kopf kommen!“
Rodair Cantric war niemand, der leere Worte machte. Die Geschwister hatten den Mann mit den buttergelben Locken und dem rostfarbenen Bart sehr gern, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Er und seine Tochter Rachel lebten, solange die Zwillinge zurückdenken konnten, auf dem Schloss, und fühlten sich mittlerweile weit mehr wie Familie an als ihr eigener Vater. Wenn die Geschwister ein Problem hatten, das sie alleine nicht lösen konnten, dann wandten sie sich immer zuerst an Rodair.
Heute jedoch schaffte ihr Freund es nicht, sie aufzuheitern. Betrübt suchte er ein Silberputztuch heraus, als Kathrine erklärte, sie wolle etwas von dem Schmuck ihrer Mutter reinigen. Nachdem sie es eingesteckt hatte, legte er beiden seine Hände auf die Schultern.
„Wartet mit eurem Urteil, bis euer Vater wieder da ist! Er müsste seine Versprechen zwar wirklich ernster nehmen, aber ansonsten schätzt ihr ihn völlig falsch ein - glaubt mir!“
Kathrine nickte Rodair zu. Colin aber wartete bereits ungeduldig in der Tür - schließlich gab es noch etwas anderes, über das sie sich den Kopf zerbrechen mussten. Beide brannten darauf, die Sanduhr zu untersuchen ...
Während es draußen dunkler wurde und die Zwillinge dankbar waren, dass Dienstmädchen Minty die Kachelöfen in ihren Zimmern angeheizt hatte, saßen sie auf dem Teppich in Kathrines Zimmer und betrachteten ihr eigenartiges Fundstück.
Glänzend und geheimnisvoll lag es nach seiner Reinigung da in Colins Hand. Ein zierliches Objekt aus Glas und Metall, auf den ersten Blick nichts Besonderes - nur ein alter Zeitmesser.
„Ob es den ganzen Streit mit Gwendoline wohl wert ist?“, seufzte Kathrine und nahm ihrem Bruder das Gefäß ab. Sie hielt es sich direkt vor die Augen, denn das Licht von der Decke reichte kaum, um Details zu erkennen.
Das Glas der Sanduhr war in einen zierlichen Rahmen aus Silber gefasst, der mit fremdartigen Zeichen geschmückt war. Das Innere der Sanduhr, was immer es war, schillerte sowohl golden als auch grünlich, und war viel feiner als aller Sand, den die Zwillinge kannten. Auf der Oberseite, zwischen den Befestigungsringen für die Kette, waren zwei Gesichter in das Silber geprägt. Eigentlich wirkte die Abbildung wie ein einziger Kopf, dessen zwei Gesichter in entgegengesetzte Richtungen schauten – aber das lag vielleicht an dem geringen Platz für das Bild.
Die Unterseite der Uhr bestand aus sieben ineinander liegenden Ringen. Winzige römische Zahlen, aber auch andere, unbekannte Zeichen, waren in sie eingeritzt.
„Wahrscheinlich träume ich jetzt die ganze Nacht von Hieroglyphen und Maya-Kalendern!“, sagte Kathrine erschöpft, nachdem sie mit Hilfe einer Lupe eine Abschrift der Symbole erstellt hatte.
„Das wird uns in der Bibliothek eine große Hilfe sein!“ meinte Colin und betrachtete ihre Notizen anerkennend.
Zunächst aber mussten die Geschwister sich eingestehen, dass sie an diesem Abend nicht mehr viel erreichen konnten. Sie schafften es gerade noch, ein Versteck für ihren Schatz zu finden, bevor Mrs. Bridgewater sie beide ins Bett scheuchte. Colin stieg dafür sogar hinauf aufs Dach. Etwas unterhalb seines Fensters gab es eine Balustrade, die von einer Reihe vasenähnlicher Schmuckelemente bekrönt wurde. Das sie im Inneren hohl waren, lagerten hier schon mehrere „Schätze“, die sich eigentlich nicht im Besitz der Kinder befinden sollten. Colin legte die Uhr zu einer Spielzeugkanone, die ihm verboten worden war, seit deswegen einmal das Pferd seines Vaters durchgegangen war.
Am nächsten Morgen regnete es immer noch in Strömen. In den Gärten wurden Astern und Phlox, die gerade in voller Blüte standen, von den Wassermassen dahingemäht und man konnte sich nur in festem Regenzeug nach draußen wagen. Fast schien es, als hätte der Monsun jetzt auch England erreicht.
Kathrine, die durch die beschlagene Scheibe den bedauernswerten Briefträger Nigel beobachtete, der mit dicken Gummistiefeln bewaffnet über den Hof stapfte, zuckte zusammen, als unerwartet eine Hand vor ihr auf den Tisch schlug.
„Sie scheinen zu glauben, dass der Regen die Antwort jeden Moment ans Fenster schreiben wird, Miss Kathrine!“ Mr. Williams funkelte sie ungeduldig über den Rand seines Zwickers hinweg an.
Der Hauslehrer befand sich noch in seinen frühen Dreißigern, aber der langjährige Umgang mit Kindern, die sich mehr für Dinge wie Schlangenbeschwören und Geheimgänge suchen interessierten, anstatt für Algebra und die Kunst der Sonettdichtung, hatte bereits erste Anzeichen von Bitterkeit in sein Gesicht gegraben.
„E-entschuldigung, wie war nochmal Ihre Frage?“, Kathrines Kopf war rot angelaufen und es kostete sie erhebliche Mühe, zurück in die Realität des staubigen Unterrichtsraumes zu finden. Gerade hatte sie darüber gebrütet, was Sir Philip of Ulster wohl über die Uhr hätte erzählen können.
Es war ein dunkler, kalter Tag, der den heraufziehenden Herbst ahnen ließ. Beide Geschwister hatten am Morgen nach ihrem Geburtstag kaum aus den Federn gefunden und Mrs. Bridgewater, die an diesem Tag besonders drachenhaft wirkte, musste sie geradezu aus ihren Betten schütteln, damit sie es noch pünktlich ins Studierzimmer schafften.
Leider hatte Mr. Williams ausgerechnet heute sein Steckenpferd Astronomie auf den Plan gesetzt - eine Wissenschaft, zu der Kathrine schon an normalen Tagen keinen Zugang verspürte. Und heute hätte sie schwören können, dass Bleigewichte an ihren Augenlidern baumelten und jemand in ihrem Kopf einen unsichtbaren Lichtschalter ausgemacht hätte.
„Hoffentlich bekomme ich keine Grippe“, dachte sie matt.
Mr. Williams starrte seine Schülerin ungeduldig an und entblößte dabei zwei lächerlich vorspringende Schneidezähne.
„Was ist nur los mit Ihnen? Sie werden...
| Erscheint lt. Verlag | 10.6.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch |
| ISBN-10 | 3-7543-3621-5 / 3754336215 |
| ISBN-13 | 978-3-7543-3621-2 / 9783754336212 |
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