Der geheime Garten (eBook)
343 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-76933-0 (ISBN)
Die neunjährige Mary wird nach dem Tod ihrer Eltern zu ihrem Onkel in dessen düsteres Gutshaus geschickt. Auf einem seiner Streifzüge entdeckt das unglückliche Mädchen den Zugang zu dem hinter hohen Mauern verborgenen Lieblingsgarten ihrer verstorbenen Tante und richtet sich dort ein. Denn im Haus gibt es niemanden, der sich um sie kümmern, der mit ihr spielen könnte. Oder doch? Nachts hört sie die Schreie eines kleinen Jungen, es ist ihr zehnjähriger Cousin Colin. Den kleinen Tyrannen hat man weggesperrt, er sitzt im Rollstuhl und scheint sehr krank zu sein.
Mary nimmt ihn mit in ihren Garten. Eine wunderbare Freundschaft beginnt.
Ein Kinderbuch-Klassiker in neuer Übersetzung. Ein spannender und anrührender Roman über die Wandlung zweier Kinder und über die wundersame Kraft der Natur.
<p>Frances Hodgson Burnett, geboren 1849 in Manchester, starb 1924 in Plandome Park/Long Island (USA).</p>
1. Kapitel ES IST NIEMAND MEHR DA
Als Mary Lennox nach Misselthwaite Manor geschickt wurde, um fortan bei ihrem Onkel zu leben, behaupteten dort alle, noch nie ein so verdrossenes, hässliches Kind gesehen zu haben. Und das stimmte auch. Mary hatte ein spitzes Gesichtchen, einen mageren Körper und trug stets eine griesgrämige Miene zur Schau. Ihr strähniges Haar war so gelblich wie ihr Teint, weil sie in Indien geboren und ständig auf die eine oder andere Weise krank gewesen war. Ihr Vater hatte ein Amt in der englischen Regierung bekleidet und immer viel zu tun gehabt und ebenfalls dauernd gekränkelt, und ihre Mutter war eine gefeierte Schönheit gewesen, die sich nur um ihr eigenes Vergnügen gekümmert und die Gesellschaft fröhlicher Leute gesucht hatte. Ein kleines Mädchen hatte sie eigentlich überhaupt nicht haben wollen, und als Mary zur Welt kam, vertraute sie sie der Obhut einer Ayah an, der man zu verstehen gab, dass sie sich bei der Mem Sahib besonders beliebt mache, wenn sie das Kind so viel wie möglich von ihr fernhalte. Und so kam Mary, ob als kränkliches, quengeliges, hässliches Baby oder später als kränkliches, quengeliges Kleinkind, ihrer Mutter nur höchst selten unter die Augen. Die dunklen Gesichter ihrer Ayah und der anderen indischen Dienstboten waren das einzig Vertraute, an das sie sich später erinnern konnte. Sie gehorchten ihr stets und ließen ihr in allem ihren Willen, weil die Mem Sahib ärgerlich wurde, wenn das Geschrei des Kindes sie störte. Und deshalb war Mary bereits mit sechs Jahren ein so tyrannisches und eigensüchtiges Biest, wie man es sich schlimmer nicht vorstellen konnte. Die junge englische Gouvernante, die ihr Lesen und Schreiben beibringen sollte, entwickelte eine derartige Abneigung gegen sie, dass sie nach drei Monaten ihre Stelle kündigte, und ihre Nachfolgerinnen gaben sogar nach noch kürzerer Zeit auf. Wenn sich also Mary nicht in den Kopf gesetzt hätte, wissen zu wollen, wie man Bücher liest, wäre sie Analphabetin geblieben.
An einem entsetzlich heißen Morgen erwachte die damals etwa Neunjährige mit sehr schlechter Laune und wurde noch missmutiger, als sie sah, dass die Dienerin, die an ihrem Bett stand, nicht ihre Ayah war.
»Was suchst du hier?«, sagte sie zu der fremden Frau. »Ich will dich hier nicht haben. Schick mir meine Ayah.«
Die Frau blickte verängstigt drein, stammelte aber nur, dass die Ayah nicht kommen könne, und als Mary fuchsteufelswild wurde und nach ihr schlug und trat, wirkte sie noch verängstigter und wiederholte, dass es der Ayah nicht möglich sei, zu Missie Sahib zu kommen.
An jenem Morgen lag etwas Geheimnisvolles in der Luft. Nichts ging seinen geregelten Gang, und etliche der einheimischen Dienstboten schienen zu fehlen, während diejenigen, die Mary sah, mit aschgrauen und entsetzten Gesichtern umherschlichen oder -rannten. Aber niemand gab ihr eine Auskunft, und ihre Ayah kam nicht. Stunde um Stunde verstrich, und sie blieb sich völlig selbst überlassen. Schließlich ging sie hinaus in den Garten und begann unter einem Baum in der Nähe der Veranda zu spielen. Sie tat so, als legte sie ein Blumenbeet an, indem sie große rote Hibiskusblüten in kleine Erdhaufen steckte. Dabei wurde sie immer zorniger und murmelte vor sich hin, was sie zu Saidie sagen und welche Schimpfwörter sie ihr an den Kopf werfen würde, wenn sie zurückkehrte.
»Schwein! Schwein! Tochter von Schweinen!«, sagte sie, denn Inder als Schweine zu bezeichnen ist die schlimmste Beleidigung überhaupt.
Während sie mit den Zähnen knirschte und die Schimpfwörter unentwegt vor sich hin murmelte, hörte sie, wie ihre Mutter mit jemandem auf die Veranda heraustrat. Sie war in Begleitung eines blonden jungen Mannes, und die beiden unterhielten sich mit merkwürdig klingender, sehr leiser Stimme. Mary kannte den blonden jungen Mann, der wie ein Jüngling aussah. Sie hatte erfahren, dass er ein noch junger Offizier und soeben aus England gekommen war. Mary starrte ihn an, aber vor allem starrte sie ihre Mutter an. Das tat sie immer, wenn sie eine Gelegenheit hatte, sie zu sehen, weil die Mem Sahib – Mary nannte sie selten anders – eine so hochgewachsene, schlanke hübsche Person war und so herrliche Kleider trug. Ihre Locken schimmerten wie Seide, und sie hatte große lachende Augen und ein zartes Näschen, das sie stets verächtlich zu rümpfen schien. Alle ihre Kleider waren aus hauchdünnen, fließenden Stoffen genäht und – in Marys Worten – »voller Spitze«. An jenem Morgen war der Spitzenbesatz noch auffälliger, aber aus ihren Augen sprühte kein Lachen mehr. Voller Angst und geradezu flehentlich blickten sie dem blonden jungenhaften Offizier ins Gesicht.
»Ist es wirklich so schlimm?«, hörte Mary sie sagen.
»Es ist entsetzlich«, antwortete der junge Mann mit zitternder Stimme. »Ganz schrecklich, Mrs. Lennox. Sie hätten schon vor zwei Wochen in die Berge fahren sollen.«
Mem Sahib rang die Hände.
»O ja, ich weiß!«, rief sie. »Ich bin nur wegen dieser albernen Abendgesellschaft hiergeblieben. Wie töricht von mir!«
Just in diesem Augenblick ertönte ein so lautes Wehklagen aus den Hütten der Dienstboten, dass sie den Arm des jungen Mannes umklammerte und Mary ein Schauer überlief. Das Wehklagen wurde immer heftiger.
»Was ist das? Was ist das?«, stieß Mrs. Lennox hervor.
»Irgendjemand ist gestorben«, antwortete der jungenhafte Offizier. »Sie haben mir nicht gesagt, dass sie unter Ihren Dienstboten ausgebrochen ist.«
»Das wusste ich doch nicht!«, jammerte Mem Sahib. »Kommen Sie mit! Kommen Sie mit!«, und sie drehte sich um und eilte ins Haus.
Danach ereigneten sich schreckliche Dinge, und Mary konnte sich nun die geheimnis-, ja unheilvolle Stimmung jenes Morgens erklären. Die Cholera in ihrer schlimmsten Form war ausgebrochen, und die Menschen starben wie die Fliegen. In der Nacht hatte es die Ayah erwischt, und ihr soeben eingetretener Tod war der Grund für das Wehklagen der Dienstboten. Noch ehe der nächste Tag anbrach, waren drei weitere Bedienstete tot und andere vor Entsetzen davongelaufen. Ringsumher herrschte Panik, und in allen Behausungen lagen Sterbende.
Während des Durcheinanders und der Verwirrung des zweiten Tages versteckte sich Mary im Kinderzimmer und wurde von allen vergessen. Niemand dachte an sie, niemand verlangte nach ihr, und es geschahen seltsame Dinge, von denen sie nichts mitbekam. Mary verbrachte die Stunden mit Weinen oder Schlafen. Sie wusste lediglich, dass viele Leute krank waren, und sie hörte allerlei geheimnisvolle und beängstigende Laute. Einmal schlich sie sich ins Esszimmer, das ihr wie ausgestorben vorkam, obwohl eine halb beendete Mahlzeit auf dem Tisch stand und Stühle und Teller so aussahen, als wären sie hastig zurückgestoßen worden, weil sich die Tafelnden aus irgendeinem Grund plötzlich erhoben hatten. Das Kind aß etwas Obst und einige Kekse, und da es Durst hatte, trank es ein Glas Wein, das noch fast voll war. Der Wein schmeckte süß, und Mary wusste nicht, wie stark er war. Schnell wurde sie davon sehr schläfrig, ging zurück in ihr Kinderzimmer und schloss sich wieder ein, verängstigt von dem Geheul aus den Hütten und vom Geräusch eiliger Schritte. Der Wein machte sie so müde, dass sie kaum mehr die Augen offen halten konnte, und so legte sie sich auf ihr Bett und nahm lange Zeit nichts mehr wahr.
Vieles ereignete sich während der Stunden, in denen sie so tief und fest schlief, dass sie weder vom Wehklagen noch von den Geräuschen im Haus gestört wurde, die durch das Hin- und Hertragen von allen möglichen Dingen verursacht wurden.
Als sie erwachte, starrte sie eine Weile auf die Wand. Im Haus herrschte Totenstille. Noch nie hatte sie es so still erlebt. Sie vernahm weder Stimmen noch Schritte und fragte sich, ob nun alle wieder von der Cholera genesen und das Durcheinander und der Trubel vorüber seien. Außerdem fragte sie sich, wer wohl nun, da ihre Ayah tot war, für sie sorgte. Gewiss würde es eine neue Ayah geben, von der sie ein paar neue Geschichten erzählt bekäme. Die alten hatten sie ziemlich gelangweilt. Den Tod ihrer Kinderfrau beweinte sie nicht. Denn sie war kein anhängliches Kind und noch nie jemandem besonders zugetan gewesen. Der Lärm und das Umhereilen und das Wehklagen über die Cholera hatten ihr Angst eingejagt. Und sie war wütend gewesen, weil sich offenbar niemand daran erinnerte, dass sie noch lebte. Alle waren so von Panik erfasst, dass ein kleines Mädchen, an dem niemandem etwas lag, leicht in Vergessenheit geriet. Wenn Leute die Cholera hatten, schienen sie nur an sich zu denken. Aber wenn alle wieder gesund waren, würde sich bestimmt jemand ihrer erinnern und nach ihr suchen.
Doch es kam niemand, und als sie so dalag und wartete, schien es im Haus immer ruhiger zu werden. Da hörte sie etwas auf der Fußmatte rascheln, und als sie nach unten blickte, sah sie eine kleine Schlange dahingleiten und sie mit ihren wie Edelsteine blitzenden Augen anfunkeln. Sie hatte keine Angst, weil es ein harmloses kleines Ding war, das ihr nichts zuleide tun würde, und die Schlange schien es eilig zu haben, aus dem Zimmer zu kommen. Und während sie es noch beobachtete, schlüpfte das Tierchen auch schon unter der Tür hindurch.
»Wie seltsam still es ist«, sagte sie. »Außer mir und der Schlange scheint niemand mehr hier zu sein.«
Im nächsten Moment hörte sie Schritte im Lager und dann auf der Veranda. Es waren die Schritte von Männern, und diese Männer traten ins Haus und unterhielten sich mit leiser Stimme. Niemand ging ihnen entgegen oder sprach mit ihnen, und so öffneten sie anscheinend alle Türen und...
| Erscheint lt. Verlag | 20.1.2021 |
|---|---|
| Übersetzer | Angelika Beck |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch ► Kinderbücher bis 11 Jahre |
| Schlagworte | 19. Jahrhundert • 20. Jahrhundert • Ab 8 Jahre • Adaption • buch-geschenk • Buch zum Film • Colin Firth • Der kleine Lord • Erstlesebücher • Familie • Film • Frances Burnett • Freundschaft • Garten • Geheimnis • Geschenkbuch • Geschenke für Jungs • Geschenke für Kinder • Geschenke für Mädchen • Heidi • insel taschenbuch 4769 • IT 4769 • IT4769 • Johanna Spyri • Kinder • Kinderbuch • Kinofilm • Klassiker • Kraft der Natur • Krankheit • Literaturverfilmung • Netflix • Paradiesgarten • Roman • Verfilmung • Wiederentdeckung |
| ISBN-10 | 3-458-76933-1 / 3458769331 |
| ISBN-13 | 978-3-458-76933-0 / 9783458769330 |
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