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Nachtschwärmer (eBook)

Ausgezeichnet mit dem Saarländischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2021

(Autor)

eBook Download: EPUB
2019 | Originalausgabe
408 Seiten
cbj (Verlag)
978-3-641-21869-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Nachtschwärmer - Moira Frank
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(CHF 7,80)
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Auf der Suche nach dem verlorenen Bruder

Ganze drei Wochen hatte Helena einen Halbbruder. Lukas hat sie auf Facebook gefunden, sie haben stundenlang telefoniert, doch bevor sie sich treffen können, stirbt er bei einem Verkehrsunfall. Als Helena in den Sommerferien mit ihrem nichtsahnenden Freund in die Uckermark zum Zelten fährt, um Lukas' Grab zu besuchen, lernt sie seine beiden besten Kumpel kennen und das Mädchen, mit dem er zusammen war. Und nach Wochen des Stillstands nimmt Helenas Leben rasant an Fahrt auf ...

Moira Frank, geboren 1993 bei Hamburg, studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Sie hat in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht und war 2015 Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses. »Sturmflimmern« ist ihr Debütroman.

· 2 ·


EIN SPAZIERGÄNGER UND sein Hund fanden Lukas, noch ehe am Montagmorgen die Klausur auf allen Tischen lag. Das konnte ich mir später ausrechnen, weil es in der Zeitung stand. Wahrscheinlich hatte ich gerade mit zitternder Hand den soeben ausgeteilten Arbeitsbogen umgedreht.

Mathe und ich standen auf dem Kriegsfuß, seit wir in der ersten Stunde in der Grundschule im Chor einen Abzählreim aufsagen und dabei unsere Finger zählen sollten. Daran scheiterte ich, weil ich an einer Hand nur vier Finger hatte. Was ich dann meiner Klasse und der Lehrerin erst mal erklären musste. Und ab dann ging es nur noch abwärts. Mit Mathe und meinem Sozialstatus.

Ich kannte eine Menge Leute, die behaupteten, sie wären richtig schlecht in Mathe, aber keiner war so schlecht wie ich. Wenn mir jemand mit Kurven und Variablen und Prozenten kam, fror mir das Hirn ein. Ich hatte ein Riesenglück, dass die Kasse im Supermarkt, in dem ich jede Woche zehn Stunden aushalf, mir das Wechselgeld vorrechnete. Oder dass ich nicht im Kurs vom Jamek saß, der die Marker aus der Whiteboard-Ablage nach einem warf, wenn man sich zu dumm bei ihm anstellte. Selbst Ole hatte trotz aller Liebe aufgegeben, mir zu helfen.

Beim Durchlesen meiner in Hieroglyphen abgefassten Aufgabenblätter – Die Zufallsvariable X ist binomialverteilt mit den Parametern n = 30 und p = 0,25. Berechne a) P (X = 10) b) P (X10) c) P (X > 5) d) P (15X25) – hatte ich mein erstes Blackout. Im letzten Jahr waren es bloß diese kurzen, panischen Aussetzer gewesen, die jeder in der Schule mal hat, sogar Maren, die überall genial war außer in Sport. Der Schulstress, sagten alle, auch meine Hausärztin, die Menschen hasste und die ich deshalb möglichst selten aufsuchte. Gehen Sie raus an die frische Luft, schlafen Sie regelmäßig, ernähren Sie sich ausgewogen, die ganze Leier.

Doch seit die Klausurphase angefangen hatte, fuhr ich länger runter. Es war keine Ohnmacht, eher wie ein Roboter, dem der Saft aus ist. Ich fiel auch nicht vom Stuhl oder so, und wenn ich über meine Arbeit gebeugt saß, sah es so aus, als würde ich einfach sehr gründlich nachdenken.

Es hatte bislang noch keiner was gemerkt. Auch diesmal nicht, als ich wieder zu mir kam. Alle waren sehr beschäftigt mit Rechnern und Kugelschreibern und Handys unterm Tisch, und mir fehlten bloß sechs Minuten. Ich machte mich daran, auswendig gelernte Formeln hinzuschreiben. Da kamen manchmal ein, zwei Punkte bei zustande. Bei neuen Mathelehrern fügte ich eine Entschuldigung an, aber bei der Rehmann, die mich seit drei Jahren hatte, konnte ich mir das sparen. Dann wartete ich, bis Jana und Tarik abgegeben hatten, und brachte meine Klausur auch nach vorn. Rehmann kniff die Lippen zusammen und sagte nichts. Brauchte sie auch nicht, denn das war’s für mich gewesen.

Immerhin, sagte ich mir, wie man sich das eben einredet, wenn gerade alles den Bach runtergeht, hatte ich es jetzt hinter mir. Vielleicht konnte ich heute Abend wieder was essen, ohne danach zu kotzen. Ich hängte mir meinen Rucksack um, verzog mich aus dem Klassenzimmer und setzte mich mit meinem Handy ins kühle, stille Treppenhaus.

Ich hatte gehofft, Lukas hätte mir geschrieben. Er wusste, dass heute die Klausur war. Ich hatte ihm schließlich genug damit in den Ohren gelegen. Er war der einzige Mensch, der von meinem Gejammer und meiner Mathedummheit noch nicht genug hatte, und das wahrscheinlich bloß, weil er mich noch nicht lang genug kannte. Er war selbst nicht besonders gut und hatte vorgeschlagen, eine Freundin von sich zu fragen, die da hochbegabt wäre. Aber mir hätte Laplace selbst nicht helfen können, und der hatte einen Teil von dem Mist erfunden, also hatte ich ihn bloß gebeten, mir die Daumen zu drücken.

Ich hatte keine Nachricht von ihm. Was aber okay war, immerhin schrieb er bald Abitur, und ich konnte ja nicht verlangen, dass er rund um die Uhr am Handy hing, nur weil ich Redebedarf hatte.

Ich schrieb: Ich hab’s vergeigt. Kann ich dich später anrufen? Dann wartete ich, ob er die Nachricht jetzt gleich sah und mich anrief, und als er es nicht tat, weinte ich im Treppenhaus noch ein wenig um mein Abitur. Ich hatte früh abgegeben und jede Menge Zeit.

Abends rief ich ihn dann selbst an. Wir hatten schon viermal telefoniert, immer mehrere Stunden. Beim letzten Mal hatte er etwas von einem Projekt für den Sommer angedeutet, etwas, das mit Verschwörungstheorien zu tun hatte. Er stand auf so was – nicht, weil er es wirklich glaubte, sondern weil ihn faszinierte, dass andere es taten. Wie Menschen überzeugt sein konnten, dass die Erde in Wirklichkeit flach ist, weil man ja die Erdkrümmung nicht mit dem Auge sehen kann und weil das Wasser in den Weltmeeren drin bleibt statt wie an einem Ball runterzulaufen. Oder dass es in den USA keine Amokläufe gibt, sondern die von der Anti-Waffen-Lobby inszeniert werden und die trauernden Angehörigen bloß Schauspieler sind. Er hatte mir die wichtigsten Dokus für Einsteiger empfohlen, aber so was war mir selbst aus wissenschaftlicher Sicht zu abgefahren. Das war eher was für Spinner wie Isi, wo man nie so genau wusste, ob sie das ironisch glaubte oder ein bisschen in echt.

Er hatte mir nicht verraten, was genau er da anstellen wollte. Ich sollte es einfach abwarten, hatte er gemeint. Im Sommer würde ich das schon herausfinden, jedenfalls, wenn ich ihn wirklich besuchen käme. Er wohnte in einem kleinen Dorf mitten in der Pampa mit einem Badesee und Campingplatz um die Ecke. Auf den Fotos, die er mir geschickt hatte, war alles trist und graubraun in der leeren Jahreszeit zwischen Winter und Frühling. Im Sommer aber sehr schön. Eine Reise aus Berlin wert, meinte er.

Ich hätte nach diesem missratenen Tag nichts lieber getan, als mit Lukas den Sommer zu planen, doch er ging nicht ans Handy. Ich dachte an ihn, ehe ich einschlief. Nur war es natürlich schon zu spät. Ich hatte ihn eine Nacht vergessen, und er war gleich aus der Welt gefallen.

Am nächsten Tag war sein Profil verschwunden. Ich starrte lange auf den anonymisierten Account. Ich war kein Soziophobiker oder so. Ich hatte kein Problem mit Telefonaten. Hotline-Anrufe machte bei uns im Haus grundsätzlich ich. Im November hatte ich für meinen vor Stress fast weinenden Vater sogar seine Agentin angerufen, um seine Deadline zu verschieben. Aber jetzt begannen meine Hände zu schwitzen, und mir wurde flau. Ich wählte in WhatsApp, wo er zum Glück noch war, seine Nummer, holte tief Luft und hielt das Handy ans Ohr. Die Mailbox sprang direkt an. Ich hinterließ ihm eine kurze und bemüht lässige Nachricht.

Da hätte ich es natürlich ahnen können. Ich weiß es im Nachhinein nicht. Vielleicht dachte ich bloß, er wäre von mir genervt, und Facebook konnte er einfach gelöscht haben, um seine Ruhe beim Lernen zu haben, oder weil heutzutage eh kaum einer, der nicht im Alter unserer Eltern war, noch auf Facebook herumhing.

Am Freitag übernachtete ich bei Ole. Zu dem Zeitpunkt machte ich mir schon solche Sorgen, dass ich abgesagt hätte, wenn ich ihn in den letzten Wochen nicht viel zu sehr vernachlässigt hätte. Es war unsere letzte Möglichkeit für ein gemeinsames Wochenende im März. Er fuhr gerade ständig mit dem Verein weg. Sie hatten es bis in die nächste Liga geschafft und repräsentierten jetzt ganz Berlin, und das machte mich natürlich auch stolz. Da hatten wir uns verliebt, beim Basketball. Ich hatte in der Oberstufenmannschaft der Mädchen gespielt, er bei den Jungs. Er war immer noch dabei, aber ich kam mit dem ganzen Stoff fürs Abitur einfach nicht hinterher, um auch noch Zeit für Sport zu haben. Seit den Weihnachtsferien machte ich jetzt Pause. Ich war ohnehin kein Überflieger wie Ole.

Wir waren in den Winterferien zusammengekommen, kurz nach Neujahr. Eigentlich war es an Silvester schon klar gewesen. Maren, Katta, Isi und ich hatten Sekt getrunken, einen Haufen Raketen und Knallfrösche in die Nacht geschickt und waren weiter durchs Viertel zu Friedrichs Party gezogen, und am Ende der Nacht hatte Ole mich auf der von geschwärzten Böllerresten übersäten Straße geküsst.

Heute waren seine Eltern im Theater und wir hatten das Haus für uns. Statt Pizza zu bestellen, hatte er vegetarische Carbonara mit Erbsen und Spinat für mich gekocht. Wenn er wollte, konnte er gut kochen, aber ich bekam nicht viel runter. Es war wie vor der Klausur, nur schlimmer.

Wir stritten uns deswegen, oder eher er mit mir. Ich müsse endlich aufhören, mich wegen Mathe fertigzumachen. Als wir schließlich schlecht gelaunt vorm Fernseher saßen und durch Netflix blätterten, stand er seufzend noch mal auf, ging in die Küche und machte mir einen der fürchterlich riechenden entschlackenden Kräutertees, auf die seine Mutter schwor. Er stellte ihn mir hin und küsste mich, und da hätte ich es ihm fast gesagt. Aber ich hätte ihm auch erklären müssen, warum ich das nicht schon vor drei Wochen getan hatte, und da beschäftigte ich mich lieber damit, meinen Tee in kleinen Schlucken runterzuwürgen.

Es war nicht nur Ole, der nichts von Lukas wusste. Ich hatte es niemandem erzählt. Nicht mal meinen besten Freundinnen, und schon gar nicht meinem Vater. Seit drei Wochen kein Wort. Was für andere sicher komplett verrückt klingt. Ist doch absolut fantastisch, plötzlich einen Bruder haben. Das muss man doch groß feiern. Das muss man allen sagen.

Natürlich hätte ich ihnen gleich die erste Nachricht von ihm vorlesen können, aber das war einfach nicht meine Art. Klar, ich wollte es ihnen sagen. Bald sogar. Aber erst mal wollte ich ihn in Ruhe kennenlernen....

Erscheint lt. Verlag 22.7.2019
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Kinder- / Jugendbuch Jugendbücher ab 12 Jahre
Schlagworte ab 14 • Andreas Steinhöfel • Coming of Age • eBooks • Janne Teller • Jugendbuch • Jugendbücher • Kanu • Lesbische Liebe • LGBTQ • Pubertät • Saarländischer Kinder- und Jugendbuchpreis 2021 • Sommer • Trauer • tschick • Young Adult • Zelten
ISBN-10 3-641-21869-1 / 3641218691
ISBN-13 978-3-641-21869-0 / 9783641218690
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