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Mädchen aus Papier (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2017
cbj (Verlag)
978-3-641-18796-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Mädchen aus Papier - Sina Flammang
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“Meine Schwester ist das gestohlene Meisterwerk. Ich bin nur die Fälschung.“

Mari ist drei, als ihre Schwester in einem Kaufhaus spurlos verschwindet. Seit Mari sich erinnern kann, schwebt der Schatten der verlorenen Tochter über der Familie und lässt die Verschwundene beinahe realer scheinen als sie selbst. Als Annika nach zwölf Jahren wie aus dem Nichts wieder auftaucht, sind alle überfordert von diesem Geistermädchen, das verschlossen, unzugänglich und geheimnisvoll ist. Während die Eltern krampfhaft heile Welt spielen, fühlt Mari sich mehr und mehr verdrängt. Bis ihr irgendwann nichts anderes übrig bleibt, als selbst zu verschwinden. Zusammen mit ihren Freunden Clementine und Ole macht sie sich auf einen irrwitzigen Trip nach Italien – um am Ende doch zurückzufinden.

Sina Flammang, geb. 1986, studierte Literaturwissenschaft sowie Drehbuch und Creative Writing, u.a. bei Doris Dörrie, an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Bereits während des Studiums entwickelte sie Drehbücher und schrieb Kurzgeschichten. 2011 erhielt sie den Förderpreis Junge Ulmer Kunst in der Sparte Literatur und war 2014 mit „Mädchen aus Papier“ für den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg nominiert. 2016 gewann sie mit der Mystery-Serie "Halbstark" den Förderpreis zur Weiterentwicklung der "Initiative Fernsehen aus Thüringen". Sina Flammang lebt und arbeitet in München als Autorin.

2

Wunderbaum

Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen fragt Niklas mich nicht, was mit Annika passiert ist. Vielleicht weiß er gar nichts davon. Für ihn bin ich einfach nur Mari. Nicht »die kleine Schwester«.

Wenn ich Nacht-Mari bin, fühle ich mich frei. Während alle anderen Menschen sich in ihren Häusern verkriechen und die Türen verrammeln, sich ihre Bettdecken über die Köpfe ziehen und die Augen verschließen vor den unheimlichen Schatten, die die Nacht in eine bizarre Theaterkulisse verwandeln, weiß ich, dass ich in Sicherheit bin. Die größten Gefahren dieser Welt gehen von anderen Menschen aus, und nachts sind kaum Menschen unterwegs. Es ist also viel sicherer als tagsüber. Tagsüber werden Leute überfahren. Tagsüber verschwinden Kleinkinder aus Kaufhäusern. In der Nacht kann man mitten auf der Straße auf dem weißen Streifen balancieren wie eine Seiltänzerin und keinen kümmert es.

Ich gehe auf Zehenspitzen, die Arme ausgebreitet, und stelle mir vor, dass die Straße links und rechts von mir ein tiefer Graben ist. Ein Fehltritt, und ich bin weg. Nicht mehr als ein kleiner Punkt, der in der Tiefe verschwindet. Meine Füße sind leicht, und der Wind spielt mit meinen Haaren, als wolle er mich beschnuppern. Es riecht nach Regen. Am Ende der Straße schwimmt eine Tankstelle in einem Heiligenschein aus weichem, gelbem Licht, wie aus der Welt gefallen. Der Himmel knurrt leise, er klingt hungrig, und ich ziehe den Kopf ein, als müsse jeden Moment eine große Schlabberzunge aus den Wolken schießen und mich von der Straße lecken.

Als ich den Kopf wieder hebe, sehe ich sie. Sie steht im Lichtkegel einer Straßenlaterne, in einem blauen Latzkleid mit langen Trägern. Ein Zipfel ihrer Bluse ist an der Seite rausgerutscht. Ihre Haare sind blond und zerzaust, wie ein Wust durchscheinender Watte sitzen sie auf ihrem runden Kopf. Sie ist vielleicht vier Jahre alt und ganz allein. Ich bleibe schwankend stehen, verliere die Balance und berühre mit einem Fuß die Straße. Abgestürzt. Mein Magen macht einen kleinen Satz.

In diesem Moment dreht das Mädchen ruckartig den Kopf, als hätte es jemand gerufen. Es dreht sich um und rennt, mit platschenden Füßen, wie ein kleiner Pinguin, aus dem Licht in die Dunkelheit, um Sekunden später im gelben Lichtsee der Tankstelle wieder aufzutauchen. Eine Frau breitet die Arme aus und das Mädchen springt hinein. Über die Schulter seiner Mutter wirft es mir einen letzten Blick zu, als es in seinen Kindersitz gehoben wird. Die Augen zwei kleine Punkte, die mich über eine wollene Schulter hinweg fixieren, als wollten sie mich festnageln, hier wo ich stehe.

Meine Hände sind warm und nass. Ich kann mich nicht bewegen. Ich schaue zu, wie die Mutter mit dem Mädchen vom Parkplatz rollt. In der Ausfahrt blinkt sie und wendet kurz den Kopf nach rechts, um zu sehen, ob die Straße frei ist. Erst als ihr Blick mich trifft und sie die Stirn runzelt, klappe ich meinen Mund zu und schaue weg. Ich muss aussehen wie eine Verrückte. Mitten auf der Straße, glotzäugig und starr. Ich drehe mich auf dem Absatz um und verschwinde im Schutz der Dunkelheit. Eine Maus huscht in ein Gebüsch. Von einem zerfetzten Plakat an einer Litfasssäule grinst ein Mädchen mit einer rötlichen Haarpalme auf dem Kopf. »Vermisst!« steht in dicken, schwarzen Buchstaben darunter. Ein hysterisches Lachen gluckert in meiner Kehle. Ich würge es runter, verschlucke mich daran und huste. Reiß dich zusammen, sage ich mir selbst von innen in die Ohren. In das einsame Rauschen in meinem Schädel, mit dem man allein ist, wenn man die Augen so fest zudrückt, dass es wehtut.

Ich stolpere den Mittelstreifen entlang, lege den Kopf zurück, schaue in den Himmel. Ich laufe einfach geradeaus, und dann ist es, als würde ich direkt in den Himmel hineinfallen, zwischen die Sterne. Es ist beinahe wie Fliegen. Ich habe das Gefühl, dass eine namenlose Kraft wie ein Magnet an meiner Schädeldecke zieht und mich nach oben hebt, ich werde leichter und leichter, wie ein Ballon, der sich langsam mit Stille füllt. Und dann reißt mich ein lautes Quietschen aus meinem Wachtraum.

Ich öffne meine Augen und starre in die eines Wesens, das sich direkt vor mir aus dem Boden gestampft hat. Seine hellen Augen flackern auf und erlöschen dann, als hätte das Wesen seine Lider darüber fallen lassen. Erst dann verstehe ich, dass ich vor einem Auto stehe.

Das Fenster wird heruntergekurbelt und ein Junge streckt den Kopf heraus. Ich kenne ihn. Er heißt Niklas Schiller, hat drei nervige Brüder und wohnt am Ende unserer Straße in einem schmutzig gelben Haus. Wenn sich in diesem Haus jemand streitet, was oft passiert, hören alle Nachbarn mit, ob sie wollen oder nicht. Deshalb weiß ich auch, dass der Junge Niklas heißt und seine Brüder Florian und Philip und Lukas. Ich weiß sogar, wie seine Eltern heißen, die sich ihre Namen am häufigsten an den Kopf werfen. Wie Steine. Jetzt streckt Niklas seinen Kopf aus dem Seitenfenster und fragt mich freundlich grinsend, ob ich noch ganz dicht sei. Er ist vielleicht ein Jahr älter als ich. Keine Chance, dass er schon einen Führerschein hat. Das sage ich ihm auch und er hebt unbeeindruckt die Schultern.

»Willst du mich verraten oder lieber ein Stück mitfahren?«, fragt er. Ich lege den Kopf schief und sehe ihn an. Der Mond wirft einen weißen Streifen auf das schwarze Autodach, es sieht beinahe aus wie hinlackiert.

»Okay«, sage ich.

Niklas und ich fahren Streife. Jedenfalls nennt er das so. Jede Nacht klaut er sich das Auto seiner Eltern und »cruist« durch die verwaisten Straßen, auf der Suche nach Verbrechern, die er zur Rechenschaft ziehen kann.

»Wie ein Superheld halt, nur ohne Kostüm. Das ist doch total dumm, oder? In einem roten Cape rumlaufen, damit deine Feinde dich schon von Weitem erkennen? Es ist doch viel schlauer, wenn du dich als ganz normaler Typ tarnst und dann, BAM!, mit deinen Superkräften zuschlägst, so aus dem Hinterhalt, weißt du?«

»Was für Superkräfte hast du denn?«, frage ich spöttisch. »Galaktischen Haarwuchs? Bist du als Kind in einem Labor eingesperrt worden und dann hat dich ein Yeti gebissen?« Niklas hat ziemlich viele Haare auf dem Kopf.

»Haha«, sagt er trocken. »Nee, ich mein doch nur. Wenn ich eine haben KÖNNTE, dann. Ich glaub, Fliegen wär schon gut … Und wenn mir alles zu doof wird, flieg ich einfach irgendwohin, wo’s gut ist. Nach Manhattan. Mein Bruder wohnt in Manhattan.«

»Sag mal, wie viele Brüder hast du?«, frage ich. Er zuckt mit den Schultern.

»Ein paar. Zu viele. Egal.«

»Und wie viele Verbrecher hast du schon gefangen, mit deinen krassen Superkräften?«

Niklas antwortet nicht. Er sieht nachdenklich aus. »Wer wärst du lieber: Magneto oder Doctor Manhattan?«

»Äh. Wer ist Doctor Manhattan?«

»What, spinnst du? Doctor Manhattan, von Watchmen? Hast du den einen Film nicht gesehen? Der kam neulich sogar im Fernsehen. Das ist dieser riesige, blaue Typ.«

»Wart’ mal, riesig und blau? Ist das nicht total auffällig und gefährlich, deiner These nach?«

»Mann, nein! Der kann sich auch normal groß machen.«

»Ach so, dann ist er normal groß – und blau. Das macht es natürlich viel weniger auffällig. Ich glaub, dann wär ich schon lieber Magneto …«

»Nee, jetzt wart mal. Doctor Manhattan kann total viel, so teleportieren und … solche Sachen. Ich find’s echt schwer zu entscheiden, so. Weil, Magneto hat schon krasse Power und so, aber Doctor Manhattan kann einfach Leute wegbeamen. Ist doch geil, so morgens in der U-Bahn? Paff!«

Ich nicke langsam. Einfach Leute wegbeamen, das hört sich gut an. Allein sein. In Ruhe gelassen werden.

»Ich bin, glaub ich, doch für diesen Manhattan«, sage ich.

»Doctor Manhattan«, sagt Niklas und grinst mich an.

Wir rollen im Schritttempo durch ein Wohngebiet mit Gartenzwergen und Windrädern in den Beeten, und ich erkläre Niklas, dass er hier keine Beute machen könne. Wenn er einen echten Verbrecher fangen wolle, dann müsse er in ganz andere Gegenden fahren. Hinter den Güterbahnhof oder ins Industriegebiet.

»Was glaubst du denn, wo ich gerade hinfahre?«, sagt er, beinahe eingeschnappt. Er trägt einen schwarzen Hoodie, wie ich. Es sieht fast so aus, als hätten wir uns zu einem Überfall verabredet. Niklas hat seine Kapuze auf, darunter lugen einzelne Strähnen seiner gewaltigen Matte hervor. In Niklas’ Familie haben alle gewaltige Matten, die sie meistens mit Mützen zu bändigen versuchen. Die Matte von Niklas’ Vater ist grau, aber keine Spur von Haarausfall, wie bei meinem Vater. Der behauptet immer, die Sorgen hätten ihm die Haare geraubt. Dabei dachte ich immer, von Sorgen werden die Haare bloß weiß. Sogar im Industriegebiet ist in dieser Nacht nichts los.

Niklas parkt das Auto vor einer hässlichen Baracke zwischen zwei großen Lagerhallen. Die Baracke hat eine Tür, neben der ein Klingelschild hängt, und Fenster mit Vorhängen davor.

»Wohnen da Menschen?«, frage ich und kann es kaum glauben. »Äh, jaaa?«, sagt Niklas, als wäre ich dumm.

Er holt was zum Rauchen raus und fängt an, daran herumzubasteln. Ich frage mich, ob wir nur zufällig hier stehen geblieben sind oder ob Niklas etwas Bestimmtes vorhat. Ich starre auf die Baracke. Hinter einem Fenster im ersten Stock geht ein Licht aus. Niklas erstarrt für einen Moment, alarmiert wie eine Katze, die eine Maus gesichtet hat. Dann fängt er meinen irritierten Seitenblick auf...

Erscheint lt. Verlag 20.3.2017
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur
Kinder- / Jugendbuch Jugendbücher ab 12 Jahre
Schlagworte ab 14 • Coming of Age • eBooks • entführtes Kind • Freundschaft • Italien • Jugendbuch • Jugendbücher • Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg • Magersucht • Roadtrip • Schwester • Selbstwert • Young Adult
ISBN-10 3-641-18796-6 / 3641187966
ISBN-13 978-3-641-18796-5 / 9783641187965
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