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Wintersternschnuppen (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2016
cbt (Verlag)
978-3-641-17892-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Wintersternschnuppen - Kim Culbertson
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Mara James war schon immer eine Perfektionistin und zielstrebige Eliteschülerin. Doch dann hat sie einen totalen Nervenzusammenbruch während einer wichtigen Prüfung. Mara beschließt, sich eine Auszeit bei ihrem biologischen Vater zu gönnen, der im kalifornischen Wintersportort Tahoe in einem Outdoor-Laden jobbt. Eine perfekte Gelegenheit, ihn endlich mal näher kennenzulernen. Dass sie sich in Tahoe in ihren süßen Skilehrer Logan verliebt, wirbelt Maras Leben erst recht durcheinander, und sie muss sich entscheiden, was ihr wirklich wichtig ist ...

Kim Culbertson hat bereits mehrere preisgekrönte Jugendromane verfasst. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Kalifornien, wo sie Englisch und Schreiben unterrichtet. Sternengewitter war ihr erstes Buch, das auf Deutsch erscheint.

Kapitel Eins

Ich schreibe Listen, um zu überleben. Damit bin ich nicht allein. Egal, was man googelt, es ist immer eine Liste unter den Treffern. Einmal habe ich nach »Warum machen Leute Listen?« gesucht. Abgesehen von 127 Gründen, warum wir Listen lieben, bin ich dabei auf noch mehr Listen gestoßen: 11 ungewöhnliche Verwendungszwecke für eine Büroklammer. 15 misslungene Heiratsanträge. 23 Orte, die man im Leben gesehen haben muss.

Wann haben die Menschen damit angefangen? Vielleicht hat vor langer Zeit ein zotteliger Höhlenmensch in einer dunklen Höhle Mammut töten, Feuer machen, aufrecht gehen in die Wand geritzt.

Anscheinend stehen wir darauf. Und nach dem, was mir passiert ist, brauche ich meine Listen mehr denn je.

»Worüber denkst du nach?« Moms Augen huschen zu mir und dann zurück auf die Straße vor uns.

»Nichts.« Ich rutsche auf meinem Sitz hin und her und starre aus dem Fenster in die beigefarbene Landschaft Kaliforniens entlang der Interstate 5.

Ungefähr alle 80 Kilometer fragt Mom mich auf eine andere Art und Weise, ob sie umdrehen, nach Hause fahren und wir das Ganze vergessen sollen. Ich erzähle ihr jedes Mal eine neue Version von ich will das, fahr weiter, ich habe einen Plan und beobachte dabei, wie die Landschaft vor dem Fenster sich immer stärker von den hellen Erdtönen unterscheidet, die wir in San Diego zurückgelassen haben.

Ach was, Plan – ich habe eine Liste! Und ich liebe Listen. Diese hier ist nur anders als die Listen, die ich sonst gemacht habe.

Wir fahren Richtung Norden, die I-5 entlang, bis wir irgendwann die Autobahnen erreichen, die uns durch den dichten Tahoe Forest und dann weiter nach Squaw Valley führen.

Zu Trick McHale, meinem biologischen Vater.

So nennt ihn meine Mutter. Trick McHale, dein biologischer Vater. Ich hatte im ersten Jahr auf der Highschool eine Eins im Bio-Leistungskurs. Es besteht also kein Grund, mich an die Vererbungslehre zu erinnern. Außerdem denke ich nicht so über ihn. Meistens denke ich überhaupt nicht an ihn. Für mich ist Trick McHale nur eine Liste: Neun Geburtstagskarten (davon drei mit Zwanzig-Dollar-Schein), fünf Anrufe, ein Besuch im Zoo von San Diego, als ich sieben war. Das ist auch der Grund, warum Moms Überraschung nur von meiner eigenen getoppt wurde, als ich vor fünf Tagen verkündete, dass ich für eine Weile bei ihm leben wolle, einfach um mir eine Auszeit zu nehmen, um meinen schlimmen Tag (Moms Worte) hinter mir zu lassen. Ich kann es ihr nicht verübeln. Es kam wie aus dem Nichts. Völlig untypisch für mich. Das stand auf keiner meiner Listen. Aber hier bin ich. Auf dem Weg nach Norden. Noch schockierender ist eigentlich nur, dass Mom es erlaubt hat.

So schlimm ist es nämlich.

Aber in Wirklichkeit ist es gar nicht so schlimm. Gar. Nicht. So. Schlimm. Am Tag nach meinem schlimmen Tag habe ich eine Liste gemacht und innen an meine Zimmertür geklebt. Meine Reiß-dich-zusammen-Liste.

Niemand ist gestorben.

Niemand hat Krebs.

Niemand hat mich in einem Kriegsgebiet ausgesetzt.

Ich wurde nicht in die Kindersklaverei verkauft.

Ich bin nicht in eine Sekte eingetreten, die sich nur von Weizengras und Limetten ernährt.

Ich habe keinen Körperteil verloren.

Allerdings fühlt es sich ein bisschen so an, als hätte ich das. Einen Körperteil verloren.

»Wenn ich bei dieser Ausfahrt umdrehe, sind wir bis zum Abendessen wieder zu Hause.«

Mom schaut in den Rückspiegel, bevor sie die Spur wechselt und einen staubigen weißen Minivan überholt. Ein kleiner Junge auf dem Rücksitz schaut zu uns und presst seine winzige Hand gegen die Scheibe.

»Vielleicht habe ich Lust, in Squaw Valley zu essen.« Ich rücke den schmalen roten Ordner auf meinem Schoß zurecht. Meine Listen über langfristige Ziele lege ich gerne in Ordnern ab, in richtigen Ordnern zum Anfassen, nicht bloß elektronisch. In dem Punkt bin ich altmodisch. Ich habe ein System. Gestern hab ich ein Deckblatt dafür ausgedruckt: DIE HIER-UND-JETZT-LISTE, und im Hintergrund ein Sonnenuntergang auf Hawaii. Nichts schreit so sehr »Lebe im Hier und Jetzt« wie ein Sonnenuntergang, stimmt’s? Ich betrachte das Bild mit zusammengekniffenen Augen und Zweifel steigen in mir auf.

Auf der Interstate 5 reihen sich die Sattelschlepper aneinander wie Waggons von Spielzeugzügen und Mom drängt den Lexus daran vorbei. Während wir Geschwindigkeit aufnehmen, sagt sie: »Oder wir drehen einfach um. Ich glaube wirklich, dass das Ganze nur ein Strohfeuer ist.«

Offenbar verwechselt sie »Strohfeuer« mit »Lauffeuer«, denn es breitet sich immer weiter aus. Als ich das letzte Mal nachgeschaut habe, hatte das Youtube-Video 616 487 Klicks.

Ich räuspere mich und sage in heiterem Ton: »Nein, mir geht’s gut. Ich glaub, das wird großartig!« Ich höre mich an wie eine Disneyprinzessin nach ihrem dritten Helium-Ballon.

Mom entgeht das nicht und sie schaut mich finster von der Seite an. »Ja, so hörst du dich auch an.«

Ich schalte einen Gang runter. »Ehrlich. Stell dir einfach vor, das wäre mein Auslandssemester, mit dem Unterschied, dass ich für ein Vierteljahr weg bin und nach Tahoe gehe statt nach Italien oder Südamerika. Wie eine Austauschschülerin. Nur dass ich kein Geld tauschen muss oder mich wundern, warum mein Getränk ohne Eis serviert wird.«

Ihr Blick wird noch finsterer. Offenbar findet sie überhaupt nicht, dass diese Reise einem Austausch ähnelt. Sie hat mir schon gesagt, wofür sie das Ganze hält. Für eine Flucht.

Ich weiß immer noch nicht, was passiert ist. Nicht wirklich. Ich meine, ich weiß, was passiert ist; ich hab die Videoaufnahmen gesehen. Aber ich weiß immer noch nicht, wie es passiert ist. Im einen Moment hat Mr Henly uns aufgefordert, Bleistifte der Stärke HB zu benutzen, und im nächsten habe ich den Test zerrissen und »Das ist sinnlos, es hat alles keinen Sinn, es ist völlig sinnlos« geschluchzt, immer und immer wieder, bis Mr Henly jemanden aus dem Sekretariat gerufen hat, um mich zu holen.

»Das wird großartig, ich schwör’s«, sage ich noch einmal mit dünner Stimme und schaue nach draußen, wo das kahle Landesinnere Kaliforniens an mir vorbeizieht. »Ich habe eine Liste gemacht.«

Mom presst die Lippen aufeinander und starrt auf die Straße.

Als wir ein paar Stunden später die Südstaaten langsam hinter uns gelassen haben und statt Palmen jetzt Kiefern die Straße säumen, fragt Mom wieder: »Bist du sicher, dass ich nicht umdrehen soll?«

Ich wünschte, sie würde aufhören zu fragen. »Wir sind fast da.« Mit schwitzigen Händen umklammere ich meinen Ordner, schaue in die stille Landschaft und versuche Luft zu holen.

Sie fährt auf die Autobahn 89 Richtung Squaw Valley, vorbei an Campingplätzen und Picknicktischen, deren Tischplatten dunkel aus dem Schnee hervorschauen. Das Campingplatz-Schild ist mit Plastik abgedeckt. Kaum zu glauben, dass wir San Diego heute Morgen erst verlassen haben und jetzt hier sind. Wo Trick lebt. Wir haben nur ein Mal angehalten, um ein paar Sandwiches und Kaffee zu kaufen, daher sind wir gut durchgekommen. Mom liebt es, schnell voranzukommen, also sage ich ihr nicht, dass ich pinkeln muss. Wir sitzen dicht nebeneinander, und ich ertrage es nicht, dass sie noch öfter auf ihre Uhren schaut, als sie es ohnehin schon tut. Mom hat immer mehrere Uhren zur Absicherung. An ihrem Handgelenk. Auf ihrem Handy. Am Armaturenbrett. Sie überprüft ständig, ob sie synchron gehen. Das scheint sie gleichzeitig zu beruhigen und nervös zu machen.

»Ich weiß nicht, wie Tricks Wohnverhältnisse sind.« Mom starrt auf die verschneite Straße. »Ich will dich nur vorwarnen. Er lebt, na ja, anders als wir.« Sie sagt das, als würde er in einem Zelt auf dem Feld leben. Gar nicht so unwahrscheinlich, wenn ich mich hier so umschaue.

Meine einzige Erinnerung an den realen Trick McHale ist unser Ausflug in den Zoo von San Diego. Mom hat die Tickets besorgt und uns Geld fürs Mittagessen gegeben und auf dem Parkplatz gewartet, falls ich sie brauche. Trick ist mit mir im Zoo herumspaziert und hat ein Bier geschlürft, das er in seiner Socke reingeschmuggelt hatte. Am besten erinnere ich mich an sein schallendes Gelächter über meine entsetzte Reaktion auf die Nacktmulle. »Da steht, sie sind gar nicht völlig nackt«, sagte er mit Blick auf das Schild, auf dem stand, sie hätten über hundert Haare, die ihnen bei der Orientierung helfen. »Für mich sehen die aber splitternackt aus.« Ich konnte nicht mehr vor Lachen. Es war so ein Kleinmädchen-Lachen, ganz tief aus dem Bauch heraus – nur mit meiner besten Freundin Josie lache ich noch manchmal so. Er sah so überrascht und erfreut aus. Erst als wir beim Polarfuchs waren, habe ich aufgehört zu lachen.

Beinahe zehn Jahre hab ich ihn nicht gesehen und die Abstände zwischen den Geburtstagkarten und Anrufen wurden immer länger. Mom hat mir nie verboten, Trick zu sehen. So war das nicht. Es gab keine Feindschaft, er war einfach nur nicht da. Sie hat ihn all die Jahre kaum erwähnt, und er hat sich nie bemüht, also hab ich mich auch nicht bemüht. Ich war beschäftigt. Ich hatte Mom und meinen Stiefvater, Will, und meine kleinen Zwillingsbrüder, Seth und Liam, und viel zu tun in der Schule. Unser Ausflug in den Zoo kam mir vor wie ein Traum, aber...

Erscheint lt. Verlag 11.10.2016
Übersetzer Clara Mihr
Verlagsort München
Sprache deutsch
Original-Titel The Possibility of Now
Themenwelt Literatur
Kinder- / Jugendbuch Jugendbücher ab 12 Jahre
Schlagworte ab 12 • ab 13 • Dash & Lily • eBooks • Eliteschule • Fish out of Water • heiße Schokolade • Herzklopfen • Jugendbuch • Jugendbücher • Kontrollfreak • Skilehrer • Squaw Valley • Tahoe • Tapetenwechsel • Winterromance • Winterwunderland • Young Adult
ISBN-10 3-641-17892-4 / 3641178924
ISBN-13 978-3-641-17892-5 / 9783641178925
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