Susanne Gerdom lebt und arbeitet als freie Autorin und Schreibcoach mit ihrer Familie und fünf Katzen am Niederrhein. Sie schreibt seit mehr als einem Jahrzehnt Fantasy und Romane für Jugendliche und Erwachsene.
1
Annik brach früh am Morgen auf, nachdem sie eine Weile prüfend vor dem Spiegel gestanden hatte. Es war ein schöner, frischer Morgen, die Dächer glänzten in der Sonne, und die Luft war noch nicht so voller Straßenstaub, wie sie es in ein paar Stunden sein würde. Der Wind, der von der Schelde kam, roch nach Salz, und Möwengeschrei hing in der Luft.
Die schmalspurige Straßenbahn ratterte an ihr vorbei und kreischte durch die Kurve, dann verschwand sie im engen Gewirr der Altstadtgassen.
Einen Moment lang dachte Annik darüber nach, ein Stück mit der Straßenbahn zu fahren, um nicht verschwitzt zu ihrem Vorstellungstermin zu erscheinen, aber dann entschied sie sich dagegen. Der Fußmarsch würde sie beleben.
Annik verließ das Hexenviertel und lief am Bahnhof vorbei, auf dessen Vorplatz die Tauben pickten. Sie hörte das Brüllen einer Raubkatze aus dem Zoo. Annik liebte den Bahnhof, er sah aus wie ein Theater oder ein Ort, an dem wunderbare Dinge geschehen konnten. Als sie noch klein gewesen war, hatte ihr Vater sie immer gefragt: »Möchtest du in den Zoo, Annik?«, und sie hatte jedes Mal geantwortet: »Lieber in den Bahnhof, Papa.« Die eingesperrten Tiere machten sie traurig, aber die hohe, schöne Bahnhofshalle, durch deren prachtvolle Fenster bunt das Sonnenlicht brach, war für Annik ein Ort voller Zauber.
Heute war der Bahnhof jedoch nicht ihr Ziel, sie war auf dem Weg zum Zurenborg. Ihr Vater nannte es immer ein bisschen abfällig das »pompöse Operettenviertel«. Dort wohnten ausschließlich reiche Leute, die sich die riesigen, prunkvollen Stadthäuser mit ihren barock verschnörkelten und vergoldeten Giebeln und Erkern, den bunt bemalten Backsteinen und Mosaiken, Jugendstilfenstern und marmornen Treppenaufgängen leisten konnten. Wer dort wohnte, hatte Personal und einen schicken, großen und teuren Wagen.
Annik hatte weder die Zeit noch die Nerven, sich in Ruhe umzusehen und über all den Luxus zu staunen. Sie überprüfte den Zettel mit der Adresse und suchte nach der richtigen Hausnummer.
Diese hier musste es sein. Zwischen einem ockerfarbenen Haus mit weit vorspringendem Erker, auf dem sich steinerne Blumenranken um geflügelte Amoretten rankten, und einem mehrgeschossigen Haus mit vergoldeten Giebelverzierungen und runden Fenstern in der obersten Etage erstreckte sich eine lange Mauer. Eine hohe Mauer, hinter der Büsche und Bäume und keine Spur von einem Haus zu sehen waren. Aber die Hausnummer, die auf Anniks Zettel stand, musste zu diesem Grundstück gehören.
Sie lief an der Mauer entlang und suchte nach einem Eingang, als ein berittener Polizist ihr auf der Straße entgegenkam und bei ihrem Anblick sein Pferd zügelte. »He, du«, rief er laut. »Hexe. Du hast hier nichts zu suchen.«
Annik blieb wie erstarrt stehen. Die Angst vor der Schutzpolizei saß tief. Sie atmete durch und fischte ihren roten Passierschein aus dem Brustbeutel. »Hier, bitte«, sagte sie atemlos. »Ich habe ein Vorstellungsgespräch bei Mijnheer van Leuven.«
Der Polizist schnalzte mit der Zunge. Sein Schimmel schnupperte neugierig an Ybbas, der sich auf Anniks Schulter aufrichtete, um den großen Pferdekopf ebenso neugierig zu beschnüffeln. Der Polizist war ein Tumber, er konnte den Chamäleon-Gny nicht wahrnehmen. Er studierte den Passierschein, überprüfte den Stempel mit seinem Lesegerät, das er am Gürtel hängen hatte, und reichte ihr den Schein dann zurück. »Wehe, ich erwisch dich abseits des erlaubten Weges«, knurrte er dann und zerrte am Zügel.
Annik steckte den Passierschein ein und atmete langsam und kontrolliert aus. Diese Demütigungen schmerzten immer, obwohl sie sich langsam daran gewöhnt haben sollte. Verdammt, sie hätte den Polizisten fragen sollen, wo der Eingang zu diesem Anwesen war …
Mit einem Seufzen ging sie weiter und wurde nach einigen Metern mit dem Anblick eines in die Mauer eingelassenen Tores belohnt. Annik suchte und fand einen Klingelknopf, den sie betätigte.
Ein Lautsprecher knackte und eine Frauenstimme bellte: »Ja?«
»Annabelle Joncker«, antwortete Annik. »Ich bin wegen der Stelle …«
Ehe sie ausreden konnte, knackte es erneut. »Kommen Sie herein«, herrschte die Stimme sie an, und das Tor schwang auf.
Ein Kiesweg führte in einem sanften Bogen in ein Wäldchen, und Annik stand wie verzaubert in dem grünen Paradies, das sich unerwartet vor ihr aufgetan hatte.
Einige Atemzüge lang blieb sie stehen und genoss den Anblick. Sie holte tief Luft, sog das würzige Aroma der Bäume tief in ihre Lungen. Wie schön es hier war. Das Hexenviertel bot wenig Grün, bis auf efeuberankte Hausfassaden und kümmerliche Pflanzen in Kübeln und Töpfen. Es war einfach kein Platz für Gärten oder Bäume in dem übervölkerten Stadtteil.
Ein scharfes Gefühl von Neid überrumpelte sie. Annik hatte sich nie für einen neidischen Menschen gehalten, aber jetzt, in diesem Moment, neidete sie den Bewohnern dieses Hauses ihren Reichtum, das Privileg, einen riesigen Park ganz für sich alleine zu haben, jeden einzelnen Baum, jeden Busch und jeden Grashalm.
Sie ballte die Fäuste. Es brachte nichts. Ihr Zorn würde die Welt nicht verändern. Sie erwartete, eine faire Belohnung für ihre Arbeit zu bekommen, und das war alles, was eine Hexe sich vom Leben erhoffen konnte.
Entschlossen setzte sie sich in Bewegung und betrat den Park. Zwischen den Bäumen war es still und schattig, irgendwo murmelte Wasser und Vögel sangen. Dieser Ort war magisch. Annik spürte die Unruhe, die Ybbas erfasste, in ihrem eigenen Inneren. »Ruhig«, murmelte sie. »Hier ist nichts Böses. Ganz ruhig, Ybb.«
Es stimmte. Der Zauber, den sie zu spüren meinte, war sanft und freundlich. Er ließ Wasser plätschern und eine Amsel singen und malte Kringel aus Sonnenlicht auf dunkles Moos. Nichts deutete auf eine Bedrohung hin.
Der Weg beschrieb eine jähe Kurve und führte sie hinaus ins helle Licht, auf eine weite, hügelige Rasenfläche. Sie sah endlich das Haus und staunte. Es war ein Schloss, ein riesiges, düsteres Märchenschloss. Wie konnte all dies zwischen zwei normalen Stadthäusern in einer eng bebauten Stadt wie Antwerpen Platz finden? Es war wunderbar und erschreckend zugleich.
Annik überquerte das Gelände und betrat die kiesbestreute Auffahrt. Eine breite, geschwungene Freitreppe führte zu einem einschüchternden Portal. Ganz sicher würde der Hausherr nicht wollen, dass sie sein Anwesen durch den Haupteingang betrat. Annik wandte sich von der Treppe ab und ging an der Fassade entlang, um den Dienstboteneingang zu finden.
Die tausend Fenster des Hauses starrten sie an. Annik ignorierte das Kitzeln, das sich in ihrem Nacken regte, und marschierte weiter. Sie bog um die Hausecke und betrat den Schatten, den das Gemäuer warf. Mit einem Mal war es eisig kalt. Ybbas ringelte seinen langen, geschuppten Schwanz um ihr Handgelenk und kroch in ihren Ärmel.
Ein frischer Wind kam auf, ließ ihre Jacke flattern und blies ihr Haarsträhnen in die Augen. Sie hielt den Kragen ihrer Jacke mit der Hand zusammen, fluchte leise und sprach einen Windstill-Zauber. Das war ein Spruch, den jedes Kind beherrschte, aber hier versagte er.
Mit einer Hand an der Jacke und mit der anderen ihre Haare bändigend, gelangte sie zu einer kleinen Pforte, die sehr viel weniger herrschaftlich wirkte als das Hauptportal. Voller Erleichterung flüchtete sie sich unter das Vordach und klopfte an.
Es dauerte einige Zeit, bis sich etwas rührte. Dann erklangen drinnen energische Schritte, ein Riegel schnappte, und die Tür ging auf.
Die Frau, die vor Annik aufragte, trug ein dunkles Kleid und einen ordentlichen ingwerfarbenen Dutt. Sie war von imposanter Statur, hatte ein strenges, ebenmäßiges Gesicht und durchdringend graue Augen.
»Annik«, sagte Annik, verwirrt von der bohrenden Musterung. »Die Stelle als Kindermädchen.«
Ein Lächeln erwärmte die strenge Miene. Die Frau schob die Tür weit auf und winkte Annik hinein. »Wouters«, sagte sie. »Wir haben telefoniert. Kommen Sie, Juffrouw.« Sie lenkte Annik durch einen schmalen, langen Korridor in ein fensterloses Gemach neben der Küche. Annik konnte einen Blick durch die halb offene Tür werfen und sah einen großen Gasherd und Schränke.
Dies hier schien der Aufenthaltsraum oder das Esszimmer des Personals zu sein. Ein langer Tisch mit mehr als einem Dutzend Stühle und hohe Schränke an den Wänden bildeten die einzige Einrichtung. Eine Neonröhre an der Decke verbreitete kaltes, gleichmäßiges Licht.
Frau Wouters sah Annik missbilligend an. »Sie sind sehr jung«, sagte sie.
Annik schälte sich aus ihrer Jacke. Ybbas’ Krallen kratzten leicht über die Haut ihres Nackens, und sie sah im Augenwinkel, dass seine lange Zunge nervös vor- und zurückschnellte.
Sie fuhr mit den Fingern glättend durch ihr Haar und lächelte die Haushälterin an. »Neunzehn, Mevrouw. Und ich habe bereits Erfahrung als Kindermädchen.«
Frau Wouters nickte, ohne das Lächeln zu erwidern, und musterte Annik eingehend. »Sie sehen nicht sehr kräftig aus«, sagte sie.
»Für diese Aufgabe sollte es reichen«, erwiderte Annik ein wenig spitz. »Wie alt ist das Kind?«
»Elias ist fünf«, sagte die Haushälterin und wies auf eine Tür, die in ein kleines, ordentliches Arbeitszimmer führte. »Setzen Sie sich, wir trinken eine Tasse Kaffee und besprechen alles.« Sie schien nicht in Betracht zu ziehen, Annik zu fragen, ob sie vielleicht lieber Wasser oder Tee haben wollte. Sie ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einer Kaffeekanne und Bechern zurück, die sie auf den...
| Erscheint lt. Verlag | 12.9.2016 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| Kinder- / Jugendbuch ► Jugendbücher ab 12 Jahre | |
| Schlagworte | ab 14 • Alternate Reality • Dorian Gray • eBooks • Fantasy • Jugendbuch • Jugendbücher • Liebe • Romantasy • romantisch • Young Adult |
| ISBN-10 | 3-641-18287-5 / 3641182875 |
| ISBN-13 | 978-3-641-18287-8 / 9783641182878 |
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