Die Reise nach Ascona (eBook)
160 Seiten
Saga Egmont (Verlag)
978-87-11-50910-4 (ISBN)
Lise Gast (geboren 1908 als Elisabeth Gast, gestorben 1988) war eine deutsche Autorin von Kinder- und Jugendbüchern. Sie absolvierte eine Ausbildung zur landwirtschaftlichen Lehrerin. 1933 heiratete sie Georg Richter. Aus der Ehe gingen 8 Kinder hervor. 1936 erschien ihr erstes Buch 'Tapfere junge Susanne'. Darauf folgen unzählige weitere Geschichten, die alle unter dem Pseudonym Lise Gast veröffentlicht wurden. Nach Ende des zweiten Weltkriegs floh Gast mit ihren Kindern nach Württemberg, wo sie sich vollkommen der Schriftstellerei widmete. Nachdem sie erfuhr, dass ihr Mann in der Tschechoslowakei in einem Kriegsgefangenenlager gestorben war, gründete sie 1955 einen Ponyhof und verwendete das Alltagsgeschehen auf diesem Hof als Inspiration für ihre Geschichten. Insgesamt verfasste Gast etwa 120 Bücher und war neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin auch als Kolumnistin aktiv.
Lise Gast (geboren 1908 als Elisabeth Gast, gestorben 1988) war eine deutsche Autorin von Kinder- und Jugendbüchern. Sie absolvierte eine Ausbildung zur landwirtschaftlichen Lehrerin. 1933 heiratete sie Georg Richter. Aus der Ehe gingen 8 Kinder hervor. 1936 erschien ihr erstes Buch "Tapfere junge Susanne". Darauf folgen unzählige weitere Geschichten, die alle unter dem Pseudonym Lise Gast veröffentlicht wurden. Nach Ende des zweiten Weltkriegs floh Gast mit ihren Kindern nach Württemberg, wo sie sich vollkommen der Schriftstellerei widmete. Nachdem sie erfuhr, dass ihr Mann in der Tschechoslowakei in einem Kriegsgefangenenlager gestorben war, gründete sie 1955 einen Ponyhof und verwendete das Alltagsgeschehen auf diesem Hof als Inspiration für ihre Geschichten. Insgesamt verfasste Gast etwa 120 Bücher und war neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin auch als Kolumnistin aktiv.
Maumi sprang auf die Couch hinauf, mit dem von ihr erfundenen, dem sogenannten Maumi-Schwung. Bei dem mußte man mit beiden Füßen zugleich abspringen, wie beim Schlußsprung, und ebenso aufkommen, und zwar gehörte dazu, daß man aus beiden Schuhen – offenen Sandaletten, Hüttenschuhen oder ähnlichen natürlich – freikam und barfuß landete, während das Schuhwerk, genau nebeneinander ausgerichtet, auf der Erde vor der Couch stehenblieb. Niemand konnte es so gut wie Maumi selbst, Bärbel allerdings kam ihr in letzter Zeit ziemlich nach. Maumi, heute allein im Haus, sah sich kritisch um, ob ihr der Sprung auch nach Wunsch gelungen sei. Wahrhaftig, die niedrigen, buntgesäumten Hüttenschuhe aus Seehundsfell standen nebeneinander wie im Schaufenster.
»Man müßte es fotografieren«, dachte Maumi befriedigt, »aber sie würden es nicht glauben. Sie würden sagen, ich hätte die Aufnahme gestellt. Na, laß.«
Auf der Couch stehend, begann sie, hinter der Bücherreihe zu wühlen, die auf dem selbstgezimmerten Bord stand. Hier im Haus, wo nichts verschlossen wurde – auch nachts stand stets alles offen, die Schlüssel waren meistens verlegt – mußte man sich, schon aus Selbstschutz, Verstecke suchen für das, was einem wichtig war. Jeder tat das. Bei der großzügigen Art, sich gegenseitig Tanzschuhe, Pullover und Personalausweise auszuborgen, die zwischen Mutter und Töchtern als ungeschriebenes und eigentlich auch unausgesprochenes, aber selbstverständlich durchgeführtes Gesetz galt, hatte sich das von selbst herausgebildet. Jeder besaß ›seine Ecke‹. Nicht etwa, daß er dort Geld oder ähnlichen lichtscheuen Besitz hortete – an den wären die andern sowieso nie gegangen. Niemals, unter Garantie. Aber manches wollte man eben doch griffbereit vorfinden, wenn man es gerade brauchte, ohne in den Schlachtruf »Hat jemand mein ...?« ausbrechen zu müssen. So förderte Maumi jetzt hinter ihrer Bücherreihe zutage, was sich da angesammelt hatte: Kugelschreiber, Zigaretten, ein Paar Sporen mit Lederriemchen dran, eine kleine weiche Schminktasche und schließlich ein noch unausgepacktes, flaches Paket. Maumi angelte ein Taschenmesser aus der tiefen Faltentasche ihres Rockes und schnitt den Bindfaden durch. Dabei bekam ihr Gesicht einen beinah wilden, ja fast süchtigen Ausdruck, der sich in glückliche Entspannung verwandelte, als die letzte Hülle gefallen und das Buch ausgepackt war.
Ein neues Buch. Durch irgendeine Empfehlung, mündlich oder aus der Zeitung herausgelesen, im Rundfunk gehört, irgendwo aufgeschnappt, war sie auf dieses Buch aufmerksam geworden und hatte es schließlich nach einem ziemlich kurzen, von vornherein verlorengegebenen Seelenkampf bestellt. Nun lag es auf ihrer Hand, im lackglänzenden bunten Schutzumschlag, neu, frisch, jung, noch nicht aufgebogen, duftend nach Papier oder Leim oder Druckerschwärze oder was es war – ein neues Buch. Eine neue Welt, ein neues Abenteuer, vielleicht eine neue Liebe. Jedesmal glaubte Maumi daran, hoffte sie darauf, erwartete sie es. Mit der Kindergier einer Zehnjährigen auf die Geburtstagstorte stürzte sie sich auf jedes neue Buch, fraß erst mit den Augen den Umschlag, dann den Einband, dann Vorsatzpapier und Titel, beroch das Ganze, fuhr mit dem Buchrücken an der Wange entlang und schlug dann die erste Seite auf. Nun konnte es losgehen.
Dies tat sie heute stehend auf der Couch, allein im Haus, am späten Nachmittag. Nach zwei Stunden stand sie noch immer und las.
Maumi war an diesem Tag vierundvierzig Jahre alt. Sie trug eine sparsame rote Sommerbluse ohne Ärmel und einen weiten bunten Leinenrock, der, ein wenig zu lang für die gerade herrschende Mode, um ihre schmale, besser: magere Figur bis auf die Mitte der Waden herabhing. Er ließ nicht viel von den Beinen sehen; nur daß sie dünn und sehr braun waren, konnte man feststellen. Sehr braun war auch das kleine, magere Gesicht mit der schmalen, ganz wenig gebogenen Nase – »mach mal die Totenmaske vom alten Fritz!« verlangten die Kinder manchmal. Dann schloß Maumi die Augen und spitzte den Mund ein wenig, nur eine Sekunde lang – alles schrie Beifall. Die Ähnlichkeit war verblüffend, wenn auch nicht unbedingt schmeichelhaft. Jedoch mit vierundvierzig ist man nicht mehr so eitel wie zwanzig Jahre früher, und Maumi war es überhaupt nie allzusehr gewesen. »Wenn er mich nicht wegen meiner guten Laune genommen hätte, weswegen wohl dann? Denn schön war ich nie«, sagte sie, übrigens ohne das geringste Fishing, von ihrem Mann.
Die Töchter glaubten ihr das. Sie nahmen ihre Mutter hin, wie sie war, sie taten es ein wenig seufzend, ironisch-liebevoll und gleichzeitig ungeduldig-duldsam, so wie alle Töchter heutzutage ihre Mütter hinzunehmen pflegen, wo es nicht grade hart auf hart geht – mögen es nun zu altmodische oder zu moderne, zu kluge oder zu hausbackene, zu schöne oder zu sportliche, zu dicke, zu tyrannische, zu verschlafene oder zu bedeutende Mütter sein. Alle Mütter sind »zu« für ihre Töchter, keine ist richtig in ihren Maßen. Sobald man das als Mutter erkannt hat, ist ein Nebeneinanderleben möglich.
Freilich, manchmal war Maumi wirklich etwas zu sehr »zu«. Als Bärbel an diesem Sommerabend – es war ein Samstag im Juni – heimkam, ärgerte sie sich. Alle Türen des kleinen Hauses standen offen, in der Küche verröchelte soeben der Tauchsieder, nachdem er vermutlich halbstundenlang in seinem hohen Aluminiumtopf gelärmt hatte. Bärbel sprang zu und riß den Stecker aus dem Kontakt. Wieder einmal weißglühend und natürlich durchgebrannt, äh! Auf der roten Resopalplatte des Arbeitsplatzes stand gebrauchtes Kaffeegeschirr gestapelt. Es mußte Besuch dagewesen sein. Immer dieser Besuch, wann war man mal ohne!
Jetzt. Eben. Deshalb ja wohl hatte auch Maumi alles andere vergessen, sich auf irgend etwas gestürzt, das sie längst, längst ersehnte – eine Zeichnung, ein Aquarell oder einen Brief, den zu lesen oder zu schreiben man oft tagelang hinausschieben mußte, oder auf ein Buch. Jedenfalls auf etwas Eigenes, auf etwas, das man endlich, endlich tun konnte, solange man allein war. Alleinsein, köstlichstes Gut aller überbeschäftigten Mütter!
Bärbel versuchte, das zu verstehen, und bis zu einem gewissen Grad gelang es ihr auch. So verschluckte sie ihren Ärger und trat aus der Küchentür ins Freie, in den Garten hinaus. Von hier aus sah man in Maumis Zimmer. Und da stand die Mutter also auf ihrer Couch und las.
Bärbel war zwanzig Jahre, ihres Zeichens Krankengymnastin, einen Kopf größer als Maumi und so schön, wie man in diesem Alter zu sein pflegt. Alles an ihr war wohlgebildet und gepflegt, gleichzeitig trainiert und üppig. Sie besaß Schultern und Muskeln einer Schwimmerin, eine mattschimmernde, bräunliche Haut und helles Haar, etwas heller als von Natur, jedoch nicht sehr aufgehellt. Ihre Kleider zeigten tiefste Ausschnitte, tiefer war technisch nicht möglich, und teils enge, teils unwahrscheinlich weite Röcke. Immer kam ihre Taille zu Geltung, die so schmal war, daß jedermann kalkulierte, er vermöge sie mit zwei Händen zu umspannen. Dabei tat Bärbel nie etwas, jemanden zu solch einem Gedanken anzuregen. Sie war einfach da, das genügte.
Jetzt stand sie sekundenlang, sah zu ihrer Mutter hinüber, öffnete den Mund, um zu rufen, und schloß ihn wieder. Ein Blick auf die Armbanduhr – hm. Und dann ging es los.
Feuer im Herd, Wasser aufgestellt. Das Holz knackerte, daß es eine Lust war. Bärbel hatte den weiten Rock abgeworfen und lief in Bluse und kurzer Sporthose umher. Sie hantierte mit Büchsenöffner und Brotmesser, goß, mischte und rührte, schmeckte ab und verzierte. Nach fünfundzwanzig Minuten war die Küche blank und im Garten, unterhalb der Küchentür, ein Abendbrottisch gedeckt mit Tee unter der Mütze, den guten Tassen, bunt belegten Broten, einem zierlich angerichteten Salat und einem Glas Heckenrosen mitten auf dem Tisch. Bei Bärbel fehlten nie Blumen. Übrigens war der Tisch für vier Personen gedeckt.
»Guten Abend, Frau Mama«, rief Bärbel jetzt durchs offene Fenster herein. Maumi drehte sich um, erwachte. Sie ließ das Buch fallen und sprang von der Couch.
»Bärbel, nein, sowas! Ich dachte, du kämst dieses Wochenende nicht!«
Sie küßten sich durchs Fenster. In dieser Familie wurde viel geküßt, bei Abschied und Wiedersehen und Gutenachtsagen und herrlichen oder fürchterlichen Neuigkeiten. Man hielt es dabei zwar mehr wie im zaristischen Rußland, küßte also aneinander vorbei in die Luft, zumal helle, ziegelrote oder purpurne Spuren des Lippenstifts ja nicht unnötig auf den Gesichtern der anderen zu erscheinen brauchten, aber es war eine herzliche und echte Gebärde. Maumi schwang die Beine über das Fensterbrett, hakte die Tochter unter und ließ sich von ihr an den Abendbrottisch führen.
»Wunderschön, ich danke dir. Was hab’ ich für einen gräßlichen Hunger, unbegreiflich, woher! Wollen wir gleich anfangen?«
»Ja, gern. Nur vielleicht – wir bekommen nämlich Gäste, weißt du«, sagte Bärbel. »Der Assistenzarzt aus unserm Krankenhaus will kommen, mit seinem Freund – ja, es ist noch nicht sicher, daß er es tut, ich habe ihn schlecht behandelt. Und gewarnt: Wer hierherkomme, tue es auf eigene Gefahr.«
Oben an der Straße bremste ein Wagen. Bärbel sah nicht hinauf, sie konnte auch aus dem Viertelprofil heraus sehen, erkennen und registrieren. »Der Große ist es, der Dünne, man kann auch sagen: der Schlanke. Der andere ist es natürlich nicht, der sieht aus wie ein Gummischweinchen, das man aufbläst und quieken läßt ...«
»Natürlich freu’ ich mich, sehr sogar«, sagte Maumi und bat zu Tisch. »Immer sind mir (Freunde? Nein, sagt man nicht! Mitarbeiter? Klingt so nach Geschäft. Kollegen? Stimmt...
| Erscheint lt. Verlag | 26.2.2016 |
|---|---|
| Verlagsort | Copenhagen |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| Kinder- / Jugendbuch ► Bilderbücher ► Erzählerische Bilderbücher | |
| Schlagworte | Abenteuer • Familie • Familie, Reisen, Leben, Humor, Abenteuer, Selbstfindung • Humor • Leben • Reisen • Selbstfindung |
| ISBN-10 | 87-11-50910-4 / 8711509104 |
| ISBN-13 | 978-87-11-50910-4 / 9788711509104 |
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