Jennifer Salvato Doktorski hat früher mal in ihrem selleriegrünen Oldsmobile einen Road Trip quer durch die Vereinigten Staaten gemacht. Als freischaffende Schriftstellerin hat sie Artikel und Essays für nationale Zeitschriften wie Cosmopolitan geschrieben. Sie lebt in New Jersey mit ihrer Familie und ihrem Hund Buffy (dem Quietschspielzeug-Killer). 'Wie mein Sommer in Flammen aufging' ist ihr Debüt.
1. Kapitel
Bis jetzt gehörte ich nicht zu der Art von Mädchen, die am ersten Tag der Sommerferien gleich nach dem Aufstehen erfahren, dass sie eine einstweilige Verfügung am Hals haben. Doch die Sache ist aus dem Ruder gelaufen, als Joey, mein Ex, letzten Freitagabend zur alljährlichen Schuljahres-Abschlussparty mit seiner neuen Tussi ankam – einer strohblond gefärbten Neuntklässlerin, mit der er mich betrogen hat. Erst als ich sie da zusammen gesehen habe, wurde mir klar, dass er und seine Taktlosigkeit ein echtes Problem für mich waren. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand sämtliche Luft aus den Lungen gequetscht. Was soll ich sagen? Zuerst habe ich mein Herz verloren. Und dann den Verstand.
Wie benommen stehe ich deshalb jetzt an der Fliegengittertür, sehe das Polizeiauto davonfahren und mein Gesicht glüht vor Verlegenheit. Was, wenn Mrs Friedman von gegenüber es gesehen hat? Ihr entgeht nichts, rein gar nichts. Mal ehrlich, kann ein Montagmorgen noch beschissener anfangen?
»Das kann einfach nicht wahr sein«, flüstere ich.
»Rosie, du hast den Wagen von deinem Freund abgefackelt. Was hast du erwartet?«, sagt Matty, der im Nachbarhaus wohnt.
»Zum letzten Mal: Ich habe Joeys Wagen nicht abgefackelt, okay? Er hat nur Feuer gefangen!«
»Wo ist der Unterschied?«
»Hallo?! Es gab keine Explosion oder so. Ich hab nur das ganze Zeug, das er mir geschenkt hat, auf seiner Auffahrt verbrannt!« Warum kapiert das denn keiner? Das ganze Wochenende über habe ich versucht, es ihnen zu erklären. »Der Karton stand nicht mal in der Nähe von Joeys Wagen. Er stand ein gutes Stück weit weg. Ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte.«
»Feuerzeugbenzin und Plüschtiere sind eine fatale Kombination«, kommentiert Matty trocken.
»Klappe, Matty! Ich muss nachdenken.«
»Hättest du mal besser tun sollen, bevor du mit den Streichhölzern herumgespielt hast!«
»Erstens war es ein Feuerzeug und zweitens – was hast du überhaupt schon wieder hier zu suchen?« Echt, Matty hängt so oft bei uns herum, dass man meinen könnte, er hätte kein eigenes Zuhause. Als er sechs war, hat meine Mutter ihm angeboten, nach der Schule immer zu uns zu kommen, damit seine Mutter keine Kinderbetreuung brauchte. Und Matty denkt offenbar, dieses Angebot gelte für immer und ewig.
Jetzt rappelt er sich von der Couch hoch und kommt herüber zur Haustür, wo ich nach diesem herben Schicksalsschlag noch immer wie vom Donner gerührt stehe. »Bleib locker, okay? Das Problem bin nicht ich, sondern deine schlechte Laune.«
»Ich hab keine schlechte Laune.« Um dem Blick seiner stahlblauen Augen auszuweichen, starre ich auf meine violett lackierten Fußnägel. »Ich bin nur etwas temperamentvoll.«
»Nenn es, wie du willst, wenn du dann besser damit leben kannst. Ich bin längst immun gegen deinen bissigen Sarkasmus, aber in letzter Zeit bist du … ich weiß nicht, irgendwie aggressiv.«
Aggressiv? Wie kommt er denn darauf? Okay, ich bin vielleicht ein wenig gereizt. Gebe ich ja zu. Doch in unserer Familie lässt man seinen Gefühlen freien Lauf. Wir brüllen, wenn wir glücklich sind, wir brüllen, wenn wir sauer sind, wir brüllen, wenn uns jemand die Fernbedienung geben soll. Das liegt uns Catalanos im Blut.
Ich starre auf das Schreiben in meiner Hand. »Joey muss die Polizei gerufen haben.«
»Wundert dich das?«
Ich fühle mich, als hätte ich gerade einen Bauchklatscher an Land gemacht. Meine Eltern werden ausflippen. Hausarrest habe ich ja sowieso schon auf unbestimmte Zeit, seit Joeys Mom am Samstagmorgen angerufen und sich fürchterlich darüber aufgeregt hat, dass ich nach der Party ein kleines Feuerchen auf ihrer Auffahrt gemacht habe. Und jetzt diese einstweilige Verfügung. Ich fürchte, meine Eltern werden mich in einen Turm einsperren, bis ich nächsten Juni meinen Highschool-Abschluss in der Tasche habe. Für den Bruchteil einer Sekunde denke ich darüber nach, ob ich das Ganze vielleicht geheim halten kann. Ha, träum weiter! Ich habe es ja nicht einmal geschafft, einen Karton mit Andenken zu verbrennen, ohne dass ich jetzt die Polizei am Hals habe. Was ist in letzter Zeit nur mit mir los?
»Vielleicht ist es ja eine Verwechslung«, sage ich.
Matty nimmt mir das drei Seiten lange Schreiben aus der Hand. »Klar! Das hier ist für die andere Rosalita Ariana Catalano, mit der Joey zusammen war, und die ebenfalls sein Auto in die Luft gejagt hat.«
Ich verschränke die Arme vor der Brust und sehe missmutig zu, wie Matty die erste Seite überfliegt. »Ich muss mit ihm reden.«
»Hier steht, du sollst dich von Joey fernhalten, sowohl zu Hause wie auch bei seiner Arbeit. Jede Kontaktaufnahme per Telefon, Internet, SMS oder Brief oder über Dritte zwischen der Beklagten und dem Kläger ist verboten.« Er macht eine kurze Pause. »Hier steht auch ausdrücklich, dass es dir untersagt ist, zum Tatort zurückzukehren.« Er pfeift durch die Zähne. »Verstöße gegen die Anordnung können mit Zwangsgeldern oder Zwangshaft geahndet werden.«
»Ich muss mit ihm reden«, wiederhole ich stur.
»Sag mal, hast du was an den Ohren?« Matty wedelt mit den Blättern vor meinem Gesicht herum. »Kontaktverbot!«
»Aber wenn ich ihm erkläre …«
»Spar dir das für die Verhandlung in zwei Wochen auf.«
»Was!?« Ich muss vor Gericht? Ich reiße ihm das Schreiben aus der Hand und überfliege es hektisch, doch die Wörter und Sätze verschwimmen vor meinen Augen. Mir ist, als ob ich tausend Smarties im Mund hätte, und Angstschweiß bricht mir aus. Am liebsten würde ich etwas gegen den Fernseher werfen. The View läuft, die öde Morgen-Talkshow – typisch Matty. Vielleicht sollte ich besser ihm etwas an den Kopf werfen. Vielleicht habe ich ja wirklich ein Aggressionsproblem.
Ich gebe Matty das Schreiben zurück. »Wo soll das stehen? Ich hab nichts gefunden.«
»Hier!«, sagt er und zeigt auf die fragliche Stelle. Du musst vor dem Richter des Kammergerichts in Essex County, New Jersey, erscheinen, um dich zu den Anschuldigungen in Sachen … Moment mal … Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Belästigung und Stalking zu äußern. Hä? Stalking?«
Ich schlage mir die Hände vors Gesicht. Entweder kotze ich gleich oder ich fange an zu heulen. So spontan weiß ich nicht, was mir mehr helfen würde. Ich spreize die Finger ein bisschen, um Matty anzusehen. »Es waren nur ein paar E-Mails und SMS.«
»Ein paar?«
»Und vielleicht habe ich ein- oder zweimal bei ShopRite vorbeigeschaut, als er Feierabend hatte.«
»Du hast ihn echt gestalkt? Tolle Freizeitbeschäftigung, wenn ein Typ mit einem Schluss gemacht hat. Meinst du, dass du im Knast schneller über deinen Liebeskummer hinwegkommst?«, fragt Matty.
Er sieht genauso gequält aus, wie ich mich fühle, und deshalb brauche ich dringend was zu futtern. Ich gehe in die Küche und durchsuche die Schränke nach genau dem richtigen Knabberkram, der mich wieder runterholt. Mal sehen. Einstweilige Verfügung … Ich lasse die kleinen Brezeln links liegen und mache mich über die Double Stuf Oreos her, die mit der doppelten Cremefüllung. Ich reiße die frische Packung auf, und Pony, unser vierzig Kilo schwerer Labradormischling, der in der Küche unter dem Lüftungsschacht geschlafen hat, wacht prompt auf. Ich grinse, als er den Kopf zu mir dreht, als wollte er fragen: »Hey, gibt’s was zu futtern?«
»Toller Wachhund«, säusle ich mit der Babystimme, in der ich immer mit meinem Doggy rede – weswegen Eddie, mein kleiner Bruder, mich immer aufzieht. »Wo warst du denn vor zehn Minuten, als die Bullen vor der Tür standen? Das hast du verpennt. Aber bei Keksen wirst du wach, hm?«
Pony tapst zu mir und stupst mich mit seiner großen, feuchten Schnauze an den Ellbogen, bis ich weich werde. Süßigkeiten sind schlecht für Hunde, ich weiß, aber wenn er mich so flehentlich ansieht, kann ich nicht Nein sagen. »Aber nur eins, mein Dicker«, sage ich. Behutsam nimmt er mir das Oreo aus den Fingern und verschlingt es in einem Stück. Als ich mir gerade ein Glas Milch einschenke, kommt Matty in die Küche.
»Ich glaube, ich weiß, wie wir das regeln können«, sagt er.
Matty versucht dauernd, alles zu regeln. Meistens macht es mich traurig, dass er denkt, das sei sein Job. Ich schätze, es liegt daran, dass er nie einen Vater hatte – ein Thema, über das Matty und ich allerdings nie reden. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum Matty so gern bei uns herumhängt – weil er hier Kind sein darf. Mit seinen sechzehn Jahren ist Matty ein Jahr jünger als ich und genauso alt wie mein Bruder, aber mindestens einen Kopf größer als wir beide. Als ich in der Middle School war, haben Eddie und ich endlich aufgehört, uns darüber zu streiten, wem von uns beiden Matty »gehört«. Er ist »unser« Matty. Ich liebe ihn wie einen zweiten Bruder und leider streite ich auch manchmal mit ihm wie mit einem Bruder.
In letzter Zeit bin – ehrlich gesagt – meistens ich an unseren Auseinandersetzungen schuld. Ich weiß, dass ich seit dem Memorial Day vor ein paar Wochen schlichtweg unerträglich bin. An dem Wochenende bin ich mit meiner Familie weggefahren und Joey hat mich mit dieser kleinen Freshman-Tussi betrogen. Immerhin hat er es mir sofort gebeichtet und mich gebeten, ihm zu verzeihen. Sie hätten nur rumgeknutscht. Es sei ein großer Fehler gewesen, ein einmaliger Ausrutscher, bla, bla, bla. Ich hätte ihm echt gern geglaubt, doch ich war verletzt, wütend und total schockiert. Ich kam nicht...
| Erscheint lt. Verlag | 8.2.2016 |
|---|---|
| Übersetzer | Anne Braun |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | How My Summer Went Up in Flames |
| Themenwelt | Literatur |
| Kinder- / Jugendbuch ► Jugendbücher ab 12 Jahre | |
| Schlagworte | ab 12 • ab 13 • Amerika • Arizona • Coming of Age • eBooks • Ford Taurus • Freundschaft • Habitat for Humanity • Jugendbuch • Jugendbücher • Liebe • New Jersey • Roadtrip • Sommer • Young Adult |
| ISBN-10 | 3-641-17472-4 / 3641174724 |
| ISBN-13 | 978-3-641-17472-9 / 9783641174729 |
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