Beratungsangebote in der Unterstützten Kommunikation
Loeper Karlsruhe (Verlag)
978-3-86059-212-0 (ISBN)
Inhalt
1 Einleitung 8
2 Unterstützte Kommunikation und Beratung 17
2.1 Grundlagen 17
2.2 Zum Beratungsbegriff innerhalb des Fachgebietes der
Unterstützten Kommunikation 19
2.2.1 Einleitung 19
2.2.2 Sichtung der Quellenlage 20
2.2.3 Diskussion der Quellenlage 22
2.2.4 Zusammenfassung 29
2.3 Zum Beratungsbegriff innerhalb der Sozialwissenschaften 30
2.3.1 Einleitung 30
2.3.2 Zu den sozialwissenschaftlichen Grundlagen 31
2.3.3 Beratungskonzepte 34
2.3.4 Beratungsansätze 37
2.4 Stand der Diskussion zum Thema Beratung 45
3 Methodologische Erläuterungen 47
3.1 Die qualitative Sozialforschung als Forschungsgrundsatz 47
3.2 Forschungsperspektiven qualitativer Sozialforschung 48
3.2.1 Zur Forschungsperspektive des Symbolischen Interaktionismus 49
3.2.2 Zu ethnomethodologischen Forschungsperspektiven 50
3.2.3 Zur Forschungsperspektive der objektiven Hermeneutik 51
3.3 Zu konstruktivistisch begründeten Forschungsperspektiven 52
3.3.1 Zum Wirklichkeitsbegriff konstruktivistischer
Forschungsperspektiven 54
3.3.2 Zum Begriff des wissenschaftlichen Beobachters 57
3.4 Zur Bedeutung konstruktivistischer Forschungsperspektiven
für die qualitative Sozialforschung 59
4 Planung und Ablauf der Studie 62
4.1 Einleitung 62
4.2 Zur Auswahl der Stichprobe 62
4.3 Zur Begründung des Interviewleitfadens und zur Durchführung
der Interviews 66
4.3.1 Zur Begründung des Interviewleitfadens 66
4.3.2 Zur Durchführung der Interviews 72
4.4 Zur Transkription und Auswertung der Interviews 75
4.4.1 Zur Transkription der Interviews 75
4.4.2 Zur Auswertung der Interviews 78
4.5 Zum Einsatz von Computersoftware zur
qualitativen Datenauswertung 84
4.6 Konzept der Studie 86
5 Ergebnisse der Studie 88
5.1 Entstehung des Kodesystems 88
5.2 Auswertung der erhobenen Sozialdaten und Memos 93
5.2.1 Auswertung der erhobenen Sozialdaten 93
5.2.2 Auswertung der Memos 96
5.3 Ergebnisse der Studie nach Kernkategorien 102
5.3.1 Ergebnisse in der Kernkategorie ‚Ärzte’ 104
5.3.2 Ergebnisse - Kernkategorie ‚Frühförderung’ 108
5.3.3 Ergebnisse - Kernkategorie ‚Kindergarten’ 113
5.3.4 Ergebnisse - Kernkategorie ‚Therapie’ 117
5.3.5 Die Ergebnisse - Kernkategorie ‚Schule’ 125
5.3.6 Ergebnisse - Kernkategorie ‚nachschulische Institutionen’ 141
5.3.7 Ergebnisse - Kernkategorie ‚Institutionsübergreifend’ 144
5.3.8 Zusammenfassung: Ergebnisse der Kernkategorien 166
5.4 Spezifische Darstellung der Ergebnisse im Hinblick auf die Fallvariablen „Alter“ und „kommunikative Kompetenzen“ 172
5.4.1 Vergleich der Ergebnisse im Hinblick auf das Alter der
unterstützt kommunizierenden Personen 172
5.4.2 Vergleich der Ergebnisse zweier Familiensysteme im Hinblick
auf die kommunikativ-sprachlichen Kompetenzen ihrer Kinder 179
5.5 Zentrale Ergebnisse der Studie 182
6 Konzeptionelle Weiterentwicklung von UK-Beratungsangebote
– Diskussion der Untersuchungsergebnisse 185
6.1 Anforderungen an die konzeptionelle Weiterentwicklung
von UK-Beratungsangeboten 185
6.2 Umsetzung der Weiterentwicklung von UK-Beratungsangeboten 191
7 Schlussbetrachtung 196
Literatur 199
1 Einleitung „Wenn aber schon die Erziehung von nicht behinderten Kindern in unse-rer Gesellschaft, angesichts defizitärer sozialstaatlicher Bedingungen, für immer mehr Eltern eine schwierige und problembelastete Aufgabe bedeutet, dann ist es verständlich, dass unter den erschwerenden Aus-wirkungen der Bewältigung einer Behinderung ein erhöhter Beratungs- und Unterstützungsbedarf besteht“ (Wilken 2003, 157). Dieses Zitat verdeutlicht, dass es in vielen Bereichen der Rehabilitation von Menschen mit gravierenden motorischen, sprachlichen und kognitiven Schädi-gungen, die darüber hinaus auch noch unterschiedliche Sinnesmodalitäten betreffen können, notwendig ist, Beratungsangebote zu institutionalisieren, um frühzeitige und optimierte Möglichkeiten der Intervention anbieten zu können. Im Bereich der Unterstützten Kommunikation (engl. Augmentative and Alter-native Communication - AAC), das heißt bei komplexen Schädigungen des Spracherwerbs und des Sprechvermögens, sind in den vergangenen Jahren bundesweit vielfältige Angebote entstanden. Eine vorläufige Sichtung dieser Beratungsangebote ergibt allerdings eine deut-lich schulbezogene Ausrichtung (vgl. DUPUIS 2003, 11.007.001). So finden sich die meisten Fachkräfte, die über Kenntnisse und Fähigkeiten innerhalb des Fachgebietes der Unterstützten Kommunikation verfügen, an den Förderschu-len für körperliche / motorische und geistige Entwicklung. Diese sind zum größten Teil ausgebildete Förderschullehrer/innen mit Ausbildungsschwer-punkten in den genannten Fachrichtungen. Im Bereich der vor- und nachschulischen Betreuung zeigt sich ein sehr unein-heitliches und schwer zu durchschauendes Bild, da es von Region zu Region unterschiedlich ausgerichtete Beratungsangebote gibt. Die Bandbreite reicht von institutionell verankerten Beratungsstellen, die ihre Leistungen aber prinzi-piell offen anbieten, über universitäre Einrichtungen, die häufig im Rahmen von Forschungsprojekten gefördert werden, bis hin zu Anbietern auf dem freien Markt, die sich komplett über Krankenkassen oder über Leistungen nach dem Bundessozialhilfegesetz refinanzieren. Dies sind nur einige Möglichkeiten unter vielen, die aber die bestehende Bandbreite der Beratungsangebote ver-deutlichen. Allerdings verfügt kaum eine der Berufsgruppen, die an der Rehabilitation von Menschen, die sich schwer verständlich oder kaum lautsprachlich äußern kön-nen, beteiligt sind, über abgesicherte, im Rahmen einer Ausbildung erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten im Fachgebiet der Unterstützten Kommunikation. Dies führt dazu, dass die notwendigen Kompetenzen in der Regel berufsbeglei-tend erworben werden müssen, beispielsweise durch Kurse von ISAAC, Gesell-schaft für Unterstützte Kommunikation (vgl. http://www.isaac-online.de/Seiten/ fortbild_full.php?file=listen/fortbildungen.csv&filter10=Alle; 05.09.06, 15:31) oder dem Lehrgang Unterstützte Kommunikation (LUK) der Universität Leip-zig in Kooperation mit ISAAC und den Zieglerschen Anstalten (vgl. http:// www.lehrgang-unterstuetzte-kommunikation.de/;05.09.06,15:35). Einmal ist damit die Hürde einer Qualifikation sehr hoch gesetzt, denn es be-darf einer Menge an persönlichem, finanziellem und zeitlichem Engagement, um sie zu überwinden. Sehr viel schwerwiegender ist allerdings, dass es weit-gehend von individuellen beruflichen Schwerpunktsetzungen abhängt, ob Kenntnisse und Fähigkeiten über Unterstützte Kommunikation erworben wer-den. Dies führt dazu, dass es zurzeit noch mehr oder weniger dem Zufall über-lassen bleibt, ob Menschen mit schwer verständlicher oder nicht vorhandener Lautsprache oder ihre Angehörigen, egal in welcher Altersgruppe, in Kontakt mit Unterstützter Kommunikation kommen. LAGE (2006, 181) fasst diese recht unübersichtliche Situation im Hinblick auf die Professionalisierung innerhalb des Fachgebietes der Unterstützten Kommu-nikation und damit implizit auch auf jede Form der Beratung eher beiläufig in einer Fußnote folgendermaßen zusammen: „Im Rahmen meiner Forschungs-, Weiterbildungs- und Fachberatungs-tätigkeit für UK entsteht bei mir nicht selten der Eindruck, als tue die gesamte Fachwelt so, als gäbe es UK gar nicht. Immer wieder erlebe ich Situationen, in denen ich mich frage, warum Fachleute noch nie et-was davon gehört oder gelesen haben.“ Forschungsleitendes Interesse und Anspruch der Untersuchung Kann also im Hinblick auf die Professionalisierung von Fachpersonal noch keineswegs von einheitlichen Standards gesprochen werden, so stellt sich doch die Frage, wohin sich Menschen wenden, die konkrete Hilfe, Information und Beratung im Hinblick auf kommunikativ-sprachliche Einschränkungen benöti-gen. Obwohl es mittlerweile etliche praktische Erfahrungen im Zusammenhang mit Beratung bei Unterstützter Kommunikation gibt (u. a. DENECKE / TEGELER 2003, GEIGER 2002, HELD 2003, HOFFMANN-SCHÖNEICH 2003, HORNICEK 2003, KRISTEN 2003, PRAZAK / HOCHGATTERER 2003, SCHNEIDER 2001) und in der gängigen Fachliteratur auch vielfältige Verweise auf die Notwendigkeit von Qualifikationen, Vernetzungen und interdisziplinär ausgerichteten Arbeitsfor-men zu finden sind (u. a. DUPUIS 2003 UND 2005, LAGE 2006, WIECZOREK 2004, KRISTEN 2002, V. TETZCHNER 2000), so bleiben doch die Perspektiven und Wünsche der unterstützt kommunizierenden Menschen selbst und die ihrer Bezugspersonen weitgehend unbeachtet. Damit blendet der aktuelle Theorie-Praxis Diskurs innerhalb des Fachgebietes der Unterstützten Kommunikation die Partizipation der Beratungssuchenden am Prozess der Beratung weitgehend aus und thematisiert nahezu ausschließ-lich die Perspektiven der Fachpersonen. Dies ist angesichts der oben skizzierten Probleme bei der umfassenden Ausbildung von Fachpersonal umso verwunder-licher. Hier setzt das forschungsleitende Interesse an. Die Erfahrungen und Erlebnisse von Menschen, die Beratungsangebote gesucht und wahrgenommen haben, werden systematisch aufbereitet. Die folgenden Fragen geben einen ersten Einblick in den Problemkontext: Was erwarten eigentlich Menschen, die im Anschluss an die Geburt ihres Kindes feststellen, dass eine mehr oder weniger schwere Schädigung we-sentlicher körperlicher Funktionen vorliegt, die sich auch auf den Erwerb und die Produktion der Sprache auswirkt? Welche Erfahrungen sammeln diese Menschen, die sich Rat, Hilfe oder Informationen im Zusammenhang mit schweren kommunikativen und sprachlichen Beeinträchtigungen holen? Zu welchen Zeitpunkten innerhalb ihrer Biografie wenden sie sich an wel-ches Fachpersonal? Wie charakterisieren sie die dort erlebte professionelle Betreuung und Be-gleitung? Was schätzen sie, was vermissen sie? Dieses Buch erhebt also insgesamt den Anspruch, aus der Perspektive betroffe-ner Eltern und unterstützt kommunizierender Personen den Begriff der „Bera-tung“ zunächst einmal zu thematisieren und in möglichst vielfältiger Weise zu beleuchten, um im Anschluss daran Schlussfolgerungen im Hinblick auf kon-zeptionelle Entwicklungen zu formulieren. Insgesamt kommt der Studie damit der Charakter einer Felderschließungsstudie zu, die Aussagen darüber liefern möchte, welche thematischen Schwerpunkte überhaupt aus der Perspektive der ‚potentiell zu Beratenden’ formuliert werden können. Methodologische Grundlagen Diese ersten Aussagen zur grundlegenden inhaltlichen Ausrichtung der Arbeit führen zwingend zu ihren methodologischen Fundamenten. Methodologisch bezieht sich die Studie dabei auf die Grundlagen der Qualitativen Sozialfor-schung (FLICK 2002, LAMNECK 1995a und 1995b). Diese Grundlegung wurde insbesondere deswegen gewählt, weil es kaum empi-risch gesicherte Erkenntnisse über die Zusammenhänge von Unterstützter Kommunikation und Beratung bei Menschen gibt, die von Geburt an, aus viel-fältigen Gründen, Probleme beim regelgeleiteten Erwerb der Sprache und des Sprechens haben. Es gibt zwar Vorannahmen auf Seiten des Autors über mög-liche inhaltliche Schwerpunkte, Ergebnisse oder thematische Eingrenzungen, die sich insgesamt aus der Bearbeitung der relevanten Fachliteratur ableiten lassen. Es fehlt jedoch ein verlässliches, institutionalisiertes Konzept von Bera-tung bei Unterstützter Kommunikation, das es zum jetzigen Zeitpunkt erlaubt, eher im Sinne einer Überprüfung, denn im Sinne einer Entwicklung von theo-retischen Grundlagen zu agieren. FLICK (2002, 13) charakterisiert diese Akzen-tuierung von qualitativer Forschung folgendermaßen: „Statt von Theorien und ihrer Überprüfung auszugehen, erfordert die Annäherung an zu untersuchende Zusammenhänge, in die – entgegen einem verbreiteten Missverständnis – durchaus theoretisches Vorwissen einfließt. Damit werden Theorien aus empirischen Untersuchungen heraus entwickelt und Wissen und Han-deln als lokales Wissen und Handeln untersucht.“ Allerdings definiert sich qualitative Sozialforschung häufig noch sehr stark durch Konkurrenz und Abgrenzung zu quantitativen Methoden und ihren Grundlagen (vgl. als Kritik MAYRING 2001). So widmet LAMNECK in seinem Grundlagenwerk zur Qualitativen Sozialforschung (LAMNECK 1995a) ein ge-samtes Unterkapitel eben diesem Versuch der Abgrenzung und unterstellt da-bei, quantitative Forschung unterliege pauschal einem „restringierten Erfah-rungsbegriff„ (Ders., 9). Damit wird zwar einerseits der Versuch unternommen, für ein eigenständiges methodologisches Profil zu sorgen, andererseits wird aber ein epistemologisches Grundproblem verschärft. Dieses zeigt sich zwar eher im Bereich der theoretischen Fundierung, kann sich aber bei unkritischer Rezeption durchaus auch auf forschungspraktisches Handeln auswirken. Zur Überwindung dieser „fruchtlosen Frontstellungen und Dichotomien“ (HUG 2004, 130) werden innerhalb der vorliegenden Studie „unterschiedliche Theo-reme zur Konstruktivität von Beobachtung und Erkenntnis“ (MOSER 2004, 7) herangezogen, die sowohl methodologisch und methodisch die Arbeit begrün-den, als auch einen brauchbaren epistemologischen Rahmen liefern. Die Auseinandersetzung mit konstruktivistischen Theorien wird an dieser Stelle nicht nur dazu benutzt, um die methodologischen Grundlagen der Studie zu bestimmen, sondern ebenfalls um den Begriff der Beratung umfassend zu dis-kutieren. Notwendig wird die Einnahme einer solch metatheoretischen Perspek-tive, da erst damit die Konstruktion des Begriffs „Beratung“ selbst hinlänglich erfasst werden kann. NESTMANN / SICKENDIEK & ENGEL (2004, 606) fassen dies folgendermaßen zusammen: „Gerade vor dem Hintergrund der neueren konstruktionistischen Orientie-rungen in der Beratung muss sich zumindest die Wissenschaft der Bera-tung auch mit der Konstruiertheit der Vorstellungen von Beratung, die in unseren Gesellschaften dominieren, befassen.“ Schließlich wird ebenso thematisiert, inwieweit die Ergebnisse eines solchen Diskurses zum Thema Beratung in einen Theorierahmen der Unterstützten Kommunikation eingebunden sind oder möglicherweise eingebunden werden können. Erst seit einigen Jahren widmen sich deutschsprachige Forscherinnen und For-scher überhaupt der Frage nach den theoretischen Grundlagen von Unterstützter Kommunikation. HORSTER akzentuiert dies zu Beginn seines Vorwortes zu dem Buch ‚Unterstützte Kommunikation und Lebenswelt’ (LAGE 2006, 9) fol-gendermaßen: „Das Projekt Unterstütze Kommunikation ist in den sechziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts aus der Praxis entstanden, hatte aber bis dato keinen fundierten theoretischen Bezugsrahmen. Es wurde keine Theorie benannt, die helfen könnte, die vielfältigen und komplexen Problemlagen der Unterstützten Kommunikation erklären und bearbei-ten zu können.“ Nun liegen mit den Büchern von RENNER (2004) und LAGE (2006) zwei aktuel-le Werke vor, die aus je unterschiedlicher Position eine theoretische Fundierung von Unterstützter Kommunikation vornehmen. Das Interesse von RENNER (2004, 11) liegt dabei vorrangig darin, „wie die in der Praxis der Unterstützten Kommunikation entstandenen neuen Handlungsmöglichkeiten theoretisch erfasst und systematisch er-schlossen werden können.“ Allerdings beschränkt er dies nicht nur auf die vielfältigen Entwicklungen der Praxis, sondern eröffnet ebenfalls folgende Möglichkeit: „Auch empirische Forschungen könnten anhand ihres jeweiligen spezifi-schen Gegenstandes in den Theorierahmen eingeordnet und unterein-ander sowie mit den Theorien in Beziehung gesetzt werden.“ (Ders., 251) LAGE nimmt in ihrem Entwurf einer kommunikationstheoretischen Grundle-gung Bezug auf die Theorie des kommunikativen Handelns von HABERMAS. „HABERMAS´ umfassende Kommunikationstheorie bietet einen theoreti-schen Reflexionsrahmen, der Begriffe des kommunikativen Handelns, der Kommunikation, der kommunikativen Kompetenz, Sozialisation, Enkulturation und Identität in sich schlüssig einbindet.“ (LAGE 2006, 43) Weiterhin bezieht sie sich in ihrer Ausrichtung von „UK als behindertenpädagogi-sche Handlungsdimension“ (Dies., 173) ausdrücklich auf BRONFENBRENNERS öko-systemischen Ansatz. „Mit einem solchen öko-systemischen Zugang zur UK werden ihre In-terventionsbereiche und Handlungsfelder um die sozialen Bedingungen und sozialtheoretische Faktoren in den verschiedenen Lebensbereichen der Menschen mit schweren Kommunikationsbeeinträchtigungen erwei-tert.“ (Dies., 180) Damit liefern sowohl LAGE als auch RENNER aktuelle Ansatzpunkte für eine Einordnung des Beratungsbegriffs in einen Theorierahmen der Unterstützten Kommunikation. Zusammenfassend kann also postuliert werden, dass sich im Verlaufe der Stu-die die inhaltlichen und forschungsmethodischen Diskurse ergänzen sollen. Sie begründen damit ein Vorgehen, das die Notwendigkeit der Partizipation von unterstützt kommunizierenden Menschen und ihrer Angehörigen auf der Suche nach Lösungen thematisiert. Auf diese Weise leistet dieses Buch einen Beitrag zur Weiterentwicklung und Professionalisierung des Beratungshandelns bei Unterstützter Kommunikation. Inhalte der Studie Zum Abschluss dieser Einleitung soll im Folgenden ein Überblick über die Inhalte der einzelnen Kapitel vorgenommen werden. Nach dem einleitenden ersten Kapitel werden im darauf folgenden zweiten zunächst die schon jetzt bestehenden Zusammenhänge zwischen Unterstützter Kommunikation und Beratung erörtert. Mit Hilfe einer ausführlichen Sichtung der Quellenlage werden bereits dokumentierte konzeptionelle Entwürfe und Praxiserfahrungen diskutiert. Bearbeitet wurde zum einen die momentan rele-vante deutschsprachige Fachbuchliteratur zum Thema Unterstützte Kommuni-kation, zum anderen wurden die letzten fünf Jahrgänge der Zeitschriften DER SPRACHHEILPÄDAGOGE, DIE SPRACHHEILARBEIT, DEUTSCHE BEHINDERTEN¬ZEITSCHRIFT, FORUM LOGOPÄDIE, FRÜHFÖRDERUNG INTERDISZIPLINÄR, HEIL¬PÄDAGOGISCHE FORSCHUNG, LERNEN KONKRET, LOGOS INTER¬DISZIPLINÄR, SZH - SCHWEIZERISCHE ZEITSCHRIFT FÜR HEILPÄDAGOGIK, SPRACHE-STIMME-GEHÖR, SPRECHEN, VHN (VIERTELJAHRESZEITSCHRIFT FÜR HEILPÄDAGOGIK UND IHRE NACHBARGEBIETE), ZFH (ZEITSCHRIFT FÜR HEILPÄDAGOGIK) und ZUSAMMEN zur Auswertung hinzugezogen. Anschließend werden ausführlich die allgemeinen sozialwissenschaftlichen Grundlagen des Beratungsbegriffs herausgearbeitet. Dieses Kapitel liefert da-mit sowohl die Grundlagen für ein Verständnis des bisherigen Erkenntnisstan-des zum Thema Unterstützte Kommunikation und Beratung, als auch mögliche Bezüge zur Entwicklung eines Kategoriensystems, mit dessen Hilfe die Inter-views ausgewertet werden können. Kapitel drei beschreibt zunächst die methodologischen Grundlagen der Studie. Ausgehend von einem qualitativen Forschungsbegriff werden dessen Grundge-danken erörtert und mit Hilfe konstruktivistischer Forschungsansätze erweitert. Einer Diskussion dieser Zusammenhänge folgt schließlich die Verortung der eige-nen Arbeit innerhalb des Feldes qualitativ-sozialwissenschaftlicher Forschung. Im Anschluss daran wird in Kapitel 4 die Konstruktion der empirischen Fall-studie eingehend begründet. Zunächst werden die Entscheidungen, die zur Auswahl der Interviewpartner, zur Entstehung und Ausgestaltung des Inter-viewleitfadens, zur Durchführung der Interviews und zu deren Transkription und Auswertung geführt haben, herausgearbeitet. Abschließend wird das Kate-goriensystem erläutert, welches mit Hilfe der QDA-Software MAXQDA (vgl. KUCKARTZ 2005) entwickelt wurde. Damit wurden sämtliche Grundlagen expliziert, die für die Darstellung der Untersuchungsergebnisse, die nun in Kapitel fünf vorgenommen wird, bedeut-sam sind. Die Ergebnisse werden zunächst einer allgemeinen Auswertung unterzogen, wobei in einem ersten Auswertungsschritt die Aussagen sämtlicher Familien-systeme und unterstützt kommunizierender Personen für die Interpretation der Daten hinzugezogen werden. Sowohl die Art und Weise der Darstellung insge-samt, als auch die Begründung dieser Vorgehensweise orientiert sich dabei stark an der Studie von WALTHES u. a. (1994), die ebenfalls ein systemtheore-tisch und konstruktivistisch begründetes Vorgehen wählten, um die Situation von Familien mit blinden, mehrfachbehinderten oder sehbehinderten Kindern zu beschreiben. In einem zweiten Schritt wird im Sinne eines „Subgruppenvergleichs“ (Ku-ckartz 2005, 159) eine Kontrastierung von Einzelfällen vorgenommen. Hierfür wird zunächst ein Vergleich der Aussagen zweier Familiensysteme im Hinblick auf die Variablen „kommunikativ-sprachliche Kompetenzen“ und „Alter“ ihrer Kinder vorgenommen. Anschließend wird bei den Aussagen der unterstützt kommunizierenden Perso-nen eine Kontrastierung von zwei Einzelfällen im Hinblick auf die Variable „Alter“ vorgenommen. Generell kann dadurch erwartet werden, dass die Band-breite der von den Interviewten vorgenommenen Aussagen noch einmal stärker im Hinblick auf bestimmte Teile des Kategoriensystems akzentuiert werden kann. Dies ermöglicht, bezogen auf die Familiensysteme, gezielte Aussagen einerseits über mögliche unterschiedliche Erfahrungen von Eltern im Hinblick auf eine zeitliche Dimension, andererseits im Hinblick auf unterschiedliche Erfahrungen und Erlebnisse auf Grund vielfältiger motorischer und / oder kog-nitiver Schädigungen ihrer Kinder zu machen. Bezogen auf die unterstützt kommunizierenden Personen ermöglicht es Aussagen über unterschiedliche Erfahrungen im Hinblick auf eine zeitliche Dimension. Nach der Darstellung der Untersuchungsergebnisse werden in Kapitel sechs die Ergebnisse im Hinblick auf eine konzeptionelle Weiterentwicklung von Bera-tungsangeboten für das Fachgebiet der Unterstützten Kommunikation umfas-send diskutiert. Kapitel sieben bietet eine abschließende Betrachtung. Relevante Begriffe Nach diesem Überblick über die Inhalte der einzelnen Kapitel der Arbeit wer-den nun noch einige relevante Begriffe geklärt. Für Menschen, die nicht oder nicht verständlich sprechen können und auf Me-thoden der Unterstützten Kommunikation angewiesen sind, wird der Terminus unterstützt kommunizierende Person verwendet. Diese Begrifflichkeit wurde wesentlich innerhalb der Internationalen Gesellschaft für Unterstützte Kommu-nikation (ISAAC) von ihren unterstützt kommunizierenden Mitgliedern selbst mit entwickelt und hat sich als international gebräuchlicher Terminus durchge-setzt. Wenn in der Arbeit von Familien oder Eltern die Rede ist, wird häufig der Terminus Familiensystem gebraucht. Dies wird auch dann der Fall sein, wenn lediglich ein Elternteil befragt werden konnte. Allerdings wurde diese Unter-scheidung in den statistischen Daten zu den Interviews erfasst und wird an geeigneter Stelle ausführlicher erörtert. Grundsätzlich soll in der Arbeit weitestgehend auf die Begriffe Behinderung, Behinderter, schwer-, schwerst- oder schwerstmehrfachbehindert und deren vielfältige Variationen verzichtet werden. Die Gründe hierfür liegen zum einen in der generellen Ausrichtung der Arbeit, die sich insgesamt konstruktivistischen Denkansätzen verpflichtet fühlt, in denen Behinderung als sozial konstruierte, kontextabhängige Größe und nicht als personenbezogenes Merkmal (vgl. WALTHES 1997, 90 - 93) verstanden wird. Zum anderen hat sich international, auch durch die Weiterentwicklung der WHO-Klassifikation für Schädigung, Beeinträchtigung und soziale Benachtei-ligung (ICIDH) ein verändertes Verständnis des Behinderungsbegriffs durchge-setzt. Die überarbeitete Klassifikation mit dem Namen ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) bezieht sich vornehmlich auf ein bio-psycho-soziales Modell und „verlagert den Beg-riff der Behinderung ausschließlich ins Soziale“ (LAGE 2006, 185). Dennoch wird er häufig, mangels geeigneter Alternativen, weiterhin benutzt. An dieser Stelle muss RENNER ausdrücklich zugestimmt werden, der kritisiert, dass der Begriff der Behinderung innerhalb der deutschen Version der ICF eine unzu-längliche Übersetzung des englischsprachigen Begriffs disability darstellt (RENNER 2004, 115) und sich damit terminologisch nicht genügend von einem traditionellen Gebrauch des Behinderungsbegriffes abgrenzt. Ich werde daher in dieser Arbeit weitgehend das Verständnis der ICF im Hinblick auf den Gebrauch der Begriffe Schädigung und Beeinträchtigung zu Grunde legen (ICF 2004, 17). Allerdings verwende ich dort, wo die soziale Konstruktion des Beg-riffs unmittelbar deutlich wird, wo also behindernde Faktoren aufgrund gesell-schaftlicher Rahmenbedingungen in den Vordergrund treten, den Begriff der Behinderung. Weiterhin ist es an einigen Stellen der Arbeit unumgänglich, oben angegebene, eher traditionelle Variationen des Behinderungsbegriffs zu benutzen. Dies ge-schieht immer dann, wenn im Rahmen der Bearbeitung von Fachliteratur Be-grifflichkeiten nicht verändert werden sollen. Bei der Bezeichnung von Berufsgruppen findet in dieser Arbeit ausschließlich die männliche Form Verwendung. Selbstverständlich ist damit keinesfalls be-absichtigt, Stigmatisierungen in einer anderen, als der eben kritisierten Weise vorzunehmen, sondern lediglich eine, aus der (männlichen) Perspektive des Autors, bessere Lesbarkeit zu gewährleisten
| Erscheint lt. Verlag | 1.10.2008 |
|---|---|
| Verlagsort | Karlsruhe |
| Sprache | deutsch |
| Maße | 148 x 210 mm |
| Gewicht | 316 g |
| Einbandart | Paperback |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Sprach- / Literaturwissenschaft ► Sprachwissenschaft |
| Sozialwissenschaften ► Pädagogik ► Sonder-, Heil- und Förderpädagogik | |
| Schlagworte | Beratung • Gestützte / Unterstützte Kommunikation • Hardcover, Softcover / Pädagogik/Sonderpädagogik • HC/Pädagogik/Sonderpädagogik • Sonderpädagogik • Unterstützte Kommunikation |
| ISBN-10 | 3-86059-212-2 / 3860592122 |
| ISBN-13 | 978-3-86059-212-0 / 9783860592120 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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