Zeit - Ort - Wort II (eBook)
204 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-8309-8 (ISBN)
Thomas Uecker, geb.1961 in Bad Schwalbach, Mitarbeit in der kirchlichen Jugendarbeit und der Friedensbewegung, Kriegsdienstverweigerung, Zivildienst beim Diakonischen Werk, Studium der Evangelischen Theologie in Mainz und Frankfurt, Vikariat in Wiesbaden, Spezialvikariat beim kirchlichen Entwicklungsdienst, 1992 Ordination zum evangelischen Pfarrer. 1992 bis 2005 Gemeindepfarrer in Guntersblum, 2005 bis 2025 Gemeindepfarrer für den Bezirk Hadamar. Ausbildungen: Spiel- und Theaterpädagogik, Mediation, Bibliolog nach Peter Pitzele, Biografiearbeit nach LebensMutig e.V. Thomas Uecker ist verheiratet, Vater von drei Kindern und Großvater. Er lebt mit seiner Frau in einem Dorf bei Hadamar.
Frieden – in Israel, Palästina und überall
| Matthäus 5, 9 – |
| Jesaja 40, 29-31 | 3. August 2006 |
Liebe Gemeinde,
der nächste Sonntag, der 10. nach Trinitatis, ist der so genannte Israelsonntag.
An diesem Tag wird in den christlichen Kirchen der Zerstörung des jüdischen Tempels vor fast 2000 Jahren gedacht und damit an Israel und das jüdische Volk.
Die derzeitige Situation im Nahen Osten hat mich veranlasst schon am heutigen Sonntag dieses Anliegen aufzugreifen.
Und ich wähle als Überschrift die Essenz einer Seligpreisung aus Matthäus 5: „Der Mut, aufrecht zu gehen, führt zum Frieden.“
Ein großes, wichtiges und auch schwieriges Thema. Der Mut, aufrecht zu gehen, führt zum Frieden.
In Kriegen dagegen – so auch derzeit im Süd-Libanon – wird behauptet, die Bomben und Raketen führten zum Frieden. Und die Soldaten und Kämpfer werden von der jeweiligen Seite als Helden und Stars gefeiert.
Helden und Stars. Ich möchte an dieser Stelle von Menschen berichten, die dieser Tage für mich Stars und Helden sind.
Zunächst mein Star. Sie heißt Britta Steffen, ist 1 Meter 80 groß, hat entsprechend lange Beine, blonde Haare und blaue Augen. Sie stammt aus Schwedt in der Uckermark, das liegt in Brandenburg. – Mein Familienname hat wohl in der Uckermark seinen Ursprung. –
Britta Steffen ist Schwimmerin und hat in der vorletzten Woche im Abstand von drei Tagen drei Weltrekorde geschwommen.
Europameisterin ist sie dabei auch noch geworden, zunächst in der Freistilstaffel der Damen über 4 mal 100 Meter, dann im Einzelwettbewerb über 100 Meter und dann noch einmal in der Staffel über 4 mal 200 Meter. Ihr Weltrekord für 100 Meter liegt jetzt bei sagenhaften 53,30 Sekunden.
Aber nicht dieser sensationellen Zeit wegen ist Britta Steffen für mich ein Star.
Sondern auf dem Weg zu diesen tollen Leistungen ist sie durch eine schwere Krise gegangen. Ein Jahr hat sie pausiert. Dann hatte sie wieder den Mut, zu schwimmen.
Sie sagt selbst von sich: "Ich kann jetzt schnell schwimmen, weil ich am Menschsein gearbeitet habe. Ich habe das Leben gelernt."
Vorher hatte sie gedacht, wenn sie schlecht schwimmt, sei sie ein schlechter Mensch; und um einen Weltrekord zu schwimmen, müsse man ein Übermensch sein. Jetzt aber fühlt sie sich nach dem Weltrekord genauso als Mensch wie vorher. Sie sagt einfach: "Ich fühle mich frei, das ist der Zauberschlüssel."
Deshalb ist Britta Steffen für mich ein Star: Sie hat gelernt, ein Mensch zu sein.
Sie weiß, was es bedeutet, frei zu sein. Es bedeutet nämlich: aufrecht zu gehen. Christen lernen das dadurch, dass sie auf Jesus Christus schauen und sich deshalb vor niemand anders beugen. Christ zu sein, heißt, sich demütig vor Gott zu beugen und vor sonst niemandem. Wer aufrecht geht, kann seine Begabungen einbringen. Wer aufrecht geht, kann etwas für den Frieden tun.
Und das ist heute so nötig wie eh und je. Ja, es ist heute auf besondere Weise nötig.
Und damit komme ich zu meinen Helden dieser Tage.
Es sind die Kinder im Libanon.
Diese Kinder erleben etwas, was jeden Erwachsenen überfordert und jedes Kind erst recht. Sie erleben Krieg.
In ihrem Land ist eine Untergrundarmee stationiert, der noch niemand das Handwerk legen konnte, die so genannte Hisbollah, das heißt zu Deutsch "Partei Gottes" – als ob irgendeine Partei oder gar eine Armee Gott für sich in Anspruch nehmen könnte.
Diese Armee schießt Raketen auf Israel ab und hat israelische Soldaten gefangen genommen. Das kann kein Staat hinnehmen. Aber Israel reagiert darauf mit massiven militärischen Angriffen auf den südlichen Libanon. Diese Angriffe treffen nicht nur militärische Ziele, sondern größtenteils Zivilisten.
In Kana – einem Ort, dessen Name uns an das Wunder erinnert, wie Jesus bei einer Hochzeitsgesellschaft Wasser in Wein verwandelte – in Kana waren es vor allem Kinder, die von einem zusammenstürzenden Haus begraben und getötet wurde.
Andere Kinder fliehen vor Angst, oft ohne ihre Eltern.
Dann irren sie auf den Straßen der Hauptstadt Beirut oder anderer Orte umher.
Sie haben den Mut zu gehen, denn sie suchen den Frieden. Sie wollen nicht von Raketen getroffen oder unter zusammenstürzenden Häusern lebendig begraben werden.
Diese Kinder sind für mich die Helden dieser Tage, Zeugen des Friedens, den der Nahe Osten so dringend braucht wie die ganze Welt.
„Für diese Kinder betet ich, wenn ich um den Frieden im Nahen Osten bete“, so der Berliner Bischof Wolfgang Huber, „an sie denke ich ebenso wie an diejenigen, die ihnen helfen wollen, damit sie bald wieder im Frieden leben können.“
In Beirut gibt es eine evangelische Gemeinde. Der Pfarrer und andere Gemeindeglieder halten dort aus, um Hilfe zu leisten, wo sie nur können.
Die Frau des Pfarrers, Friederike Weltzien, erzählte, wie vier dieser Kinder im Pfarrhaus Zuflucht fanden. Geschlafen haben sie die ganze Nacht nicht, sondern erzählt. Ja, geweint haben sie auch, geweint um den Frieden.
In der durchwachten Nacht im Beiruter Pfarrhaus waren es ernste Gespräche. Es ging um den Frieden. Der Mut, aufrecht zu gehen, führt zum Frieden.
Wie bitter nötig der Ruf zum Frieden ist, zeigt auch die Erinnerung.
Vor 61 Jahren wurde in Hiroshima die erste Atombombe gezündet.
Ein Opfer von damals berichtet: "Als ich zu mir kam, war ich schlimm verbrannt. Und auch meine Frau war furchtbar zugerichtet. Wir stiegen durch den Schutt. Dann stolperte meine Frau über etwas. Über einen Mann. Wir erkannten ihn nicht. Und konnten nicht sehen, ob er noch lebte oder schon tot war. Er aber erkannte uns. ‚Lasst mich, Kinder’, flüsterte er, ‚flieht!’ Die Stimme war fremdartig, aber ich wusste, dass es die Stimme meines Vaters war. ‚Fort!’, rief er, ‚fort! Sonst bleibt auch ihr liegen!’. Ich wollte ihm helfen und Wasser geben, aber dann sagte ich zu meiner Frau: ‚Gehorchen wir!’ und zog sie hinter mir her, und so verließen wir ihn und ließen ihn liegen. Auf dem Wege haben wir noch viele andere liegen gesehen und liegen lassen. Bei jedem habe ich gedacht: Es ist mein Vater."
Wer diese Erinnerung an den Tag von Hiroshima vor 61 Jahren hört, in dem steigt Scham auf. Scham darüber, dass Menschen andere in eine Lage bringen, wo sie nicht einmal helfen können. Da ist kein Raum mehr für die einfachste gute Tat: einem anderen einen Schluck Wasser geben, ihm das Wasser einflößen, wenn er sich selbst nicht mehr bewegen kann, damit er wenigstens nicht verdurstet.
Der Frieden, ja die Menschlichkeit ist am Ende, wenn es keinen Raum mehr gibt für die gute Tat, die menschliche Zuwendung, das Menschsein.
Die Antwort auf Gewalt und Krieg kann nicht heißen, die Potentiale der Gewalt zu steigern. Deswegen gibt es zu der Gewalt im Nahen Osten auch nur eine einzige deutliche Position: Sie muss an ein Ende kommen, so schnell wie möglich. Alle Länder, auch unseres, sind mitverantwortlich dafür, dem Sterben im Libanon und in Israel ein Ende zu machen. Die Vereinten Nationen haben dort eine wichtige Aufgabe: die Kämpfenden voneinander zu trennen, damit ein gemeinsamer Friede möglich wird.
Gewalt führt nicht weiter. Der aufrechte Gang, das aufrechte Worte, die ehrliche Gesinnung sind Schritte auf dem Weg des Friedens. Die Seligpreisungen Jesu werden auf diese Weise zur praktischen Anleitung. Die prophetische Botschaft zeigt den Weg.
Hören wir auf Gottes Verheißung aus der Bergpredigt und aus dem Jesajabuch: "Freuen dürfen sich alle, die Frieden stiften – Gott wird sie als seine Söhne und Töchter annehmen. – Gott gibt dem Müden Kraft und Stärke genug. Männer und Frauen werden müde und matt, sie fallen. Die aber Gott kennen, kriegen neue Kraft. Sie fahren auf, mit Flügeln wie Adler. Sie laufen und werden nicht matt. Sie wandern und werden nicht müde."
Ehrlich gesagt: Diese Worte sind nicht an Weltmeister gerichtet. Da sind nicht die mit den besonders langen Beinen gemeint. Diese Worte richten sich an Menschen, die müde sind vom vergeblichen Kampf, die den Frieden oft versucht haben und immer wieder gescheitert sind, die sich mit anderen vertragen wollten und denen das oft misslang.
Sie bekommen zur Antwort: Verlass dich auf Gott, den Schöpfer und Erhalter des Lebens! Immer wieder ist er bereit, dem Müden Mut zu geben und dem Erschöpften Kraft einzuhauchen. Das Scheitern ist kein letztes Argument. Der misslungene Versuch braucht nicht mutlos zu machen.
Wir kennen das alle: Man hat es mit einem andern versucht, aber es hat nicht geklappt.
Der will halt nicht, denkt man und fragt lieber nicht, ob es vielleicht an einem selber liegt. Aber schließlich versucht man es doch einmal; denn einander immer nur aus dem Weg zu gehen, ist ja auch keine Lösung.
Da klappt es plötzlich; man wechselt ein gutes Wort, man tauscht einen freundlichen Blick, man geht miteinander einen Weg.
Frieden ist möglich. Das ist die Kraft...
| Erscheint lt. Verlag | 6.1.2026 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Religion / Theologie ► Christentum |
| ISBN-10 | 3-6951-8309-8 / 3695183098 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-8309-8 / 9783695183098 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 1,3 MB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich