Small Talk mit dem Unbewussten (eBook)
152 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-5428-9 (ISBN)
Dr. von Hummel ist Arzt und Psychoanalytiker und hat Ende der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts ein neues psychotherapeutisches Verfahren entwickelt. Er hat es in Vorträgen und Einführungsabenden sowie in zahlreichen Büchern an Kranke, aber auch an allgemeine Interessenten herangetragen. Bis 2020 praktizierte er in eigener Praxis und befindet sich jetzt in Rente.
1. Zuhause
Dass man Psychoanalyse und Meditation zu einem eigenen, neuen Verfahren der Psychotherapie oder zu einer Selbstanalyse verbinden kann, ist nicht schwer zu verstehen. So muss der Psychoanalytiker beispielsweise mit einer „gleich schwebenden Aufmerksamkeit“, wie S. Freud es nannte, dem Patienten zuhören. Er darf sich dem Gespräch nicht so oberflächlich zuwenden, wie dies in den meisten alltäglichen Kommunikationen der Fall ist, sondern soll alle „eigenen Vorstellungen“ zurückdrängen und nur auf die Zwischenklänge des Gesprächs hören. Vereinfacht heißt das, dass er ein bisschen meditieren muss, sich nicht an bewusst-logischen Zusammenhängen orientieren und sich selbst seinem Unbewussten aussetzen soll.1 In diesem Zustand – so Freud – würde er eher empfänglich sein für die leichten Interruptionen und Hemmungen in der Rede des Patienten, aus denen er die Wahrheit heraushören kann. Ganz analog dazu wird auch das Verhalten des Patienten erläutert. Dieser soll nämlich spontan und ungehemmt, also „frei assoziierend“ seinem Sprechen lauf lassen, was ebenfalls mit einem meditativen Vorgang zu tun hat, nämlich völlig unkontrolliert und wie aus der Trance heraus „alles zu erzählen, was einem spontan in den Sinn kommt.“
Es handelt sich nicht gerade um eine Glossolalie, ein Zungenreden, aber um einen Ansatz davon. Idealerweise würden Therapeut und Patient sich „von Unbewussten zu Unbewussten“ miteinander austauschen.2 Diese direkte Kommunikation wird so allerdings kaum Realität, obwohl es um etwas geht, was dem Verfahren ähnelt, das ich in diesem Buch vorstellen will. Doch die Chancen stehen in meinem Fall besser. Es besteht vielleicht ein Gegensatz, aber absolut kein Widerspruch zwischen Psychoanalyse und Meditation, speziell wenn es sich um tiefliegende Gründe des menschlichen Seelenlebens handelt, wie ich es versuche. Auch mit dem Titel dieses Kapitels, dem Zuhause, möchte ich auf diese Gründe hinweisen, die belastend, aber auch wohlwollend sein können, wenn ich an die Kinder denke, die stets nach langen Spaziergängen oder Rückfahrten aus den Ferien jammerten: ‚Wann sind wir endlich wieder zuhause‘? So schön der Urlaub war, so strahlend hell leuchtet letztendlich das kuschelige Zuhause.
Das Zuhause steht für die Mutter, auch für die sogenannte Mutter-Imago, die unbewusste frühe, ‚urverdrängte‘ Mutter, deren geheimnisvolles Wesen als Ehepartnerin des Vaters, als Mutter der Kinder und als eigene Person, als originäre Frau, in allen Zimmern wohnt. Der Vater sitzt im Arbeitszimmer, die Kinder in dem oder den ihrigen, aber die Frau ist überall zu Hause. Wie, wo, warum, weiß man nicht und deswegen wurde sie zum nicht erklärbaren Zentrum der Psychoanalyse. Allerdings schreibt der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan dazu Folgendes: „Dass die Frauen in dem Kreislauf der Diskurse [der Art und sich konkret sprachlich auszudrücken] weniger eingeschlossen sind als ihre Partner, ist kein Zufall. Der Mann, das Männliche, das Virile, so wie wir es kennen, ist eine Schöpfung des Diskurses – zumindest lässt sich nichts von dem, was durch ihn analysiert wird, auf andere Weise definieren. Soviel kann man von der Frau nicht sagen. Nichtsdestoweniger ist jeder Dialog nur dadurch möglich, dass man sich auf der Ebene des Diskurses situiert.“3
Und weiter: „Deshalb könnte, bevor sie erschaudert, die Frau, die von der revolutionären Tugend der Analyse beseelt wird, sich sagen, dass sie, viel mehr als der Mann, Vorteil zu ziehen hat aus dem, was wir eine gewisse Kultur des Diskurses nennen. Nicht, dass sie dafür nicht begabt wäre, ganz im Gegenteil. Und wenn sie davon beseelt wird, dann wird sie in diesem Kreislauf zu einem hervorragenden Führer.“ Dies hat auch damit zu tun, dass die Frau, wie Lacan an anderer Stelle vermerkt, der symbolischen Ordnung buchstäblich unterworfen sei.4 Buchstäblicher als der Mann, sozusagen, obwohl ja beide im alltäglichen, verbalsprachlichen Diskurs eingebettet sind. Aber was heißt das?
Das heißt, dass auf der Ebene der Sprache, des Wort-Wirkenden, der symbolischen Ordnung, die Dinge nicht so einfach gelöst werden können. Der Mann, der sich auf dieser Ebene mehr zu Hause sieht, obwohl die Frau dort eigentlich das Sagen hat, müsste – so wieder Lacan – zu einem Gott von Mann werden, um so etwas wie einer Ehe, dieser seit Jahrtausenden bestehenden seltsamen Institution, eine Festigkeit und Klarheit zu geben. „Mit anderen Worten, wenn in der ursprünglichen Form der Ehe die Frau nicht einem Gott, nicht etwas Transzendentem gegeben wird und sich gibt, dann unterliegt die grundlegende Beziehung allen möglichen Formen imaginären Verfalls, und das ist das, was geschieht, denn wir sind, und zwar seit langem, nicht Manns genug, Götter zu verkörpern.“2
Dass die Sprache, die man doch ständig verwendet und die auch noch im Traum das Geschehen dominiert, wie Freud es in seiner ‚Traumdeutung‘ konstatierte, so schwierig, so ungenau komplex, so fluide funktioniert, klingt seltsam. Die Sprache allein würde Es, das Freud‘sche Es, das Unbewusste, nicht erreichen, betonte Lacan ausdrücklich. In seinem 24sten Seminar behauptete er sogar, dass die Sprache, wie sie üblicherweise verwendet wird, misslungen sei. Sie sei „unpassend, um irgendetwas zu sagen“.5 Vor allem nutze man die Sprache mehr zur Verschlüsselung innerer Strebungen und tiefliegender Begehren, als zur Enthüllung und Klärung, wozu sie eigentlich da sei.6
Anders betrachtet und auf Grund ihrer der Sprache zu unterworfenen Position besteht ein Hauptproblem der Frau darin, dass sie sich zwar bestens mit anderen Frauen unterhalten und verstehen, sich aber nicht so gut mit ihnen in einer größeren Gemeinschaft solidarisieren kann, obwohl sie also im Unbewussten gerade dafür zu stehen scheint. Jedenfalls versucht die Soziologin, Feministin und FLINTA*- Mitglied Franziska Schutzbach in ihrem neuesten Buch solch eine bisher fehlende weibliche Solidargemeinschaft herzustellen.7 FLINTA*, das heißt: Feminin, Lesbisch, Intersex, Non-binär, Transund A-gender, etc., etc., denn, so die Autorin, das Sternchen (*) bedeutet, es werden noch viele weitere Personen und auch ‚Gender-Queere‘ Menschen dazukommen. Zu was? Zu einer queeren, aber Top-Frauenkommune?
Die Autorin steht politisch links und kämpft dafür, dass Frauen sich viel mehr zusammentun und verbünden müssten, doch sollten diese Freundschaften nicht aus Konversation betreibenden Plaudertaschen bestehen, sondern eine feminine Revolte vorantreiben, um eben die verrohten Männer aus dem Patriarchat zu vertreiben. FLINTA* klingt so ein bisschen nach Flinte, doch die ist nicht gemeint, wenn es um die Verfolgung dieser Männer geht, obwohl sie sicher effektvoller wäre, als der reine Kampf mit Worten. Ich glaube allerdings, dass die angeblichen Patriarchate, also die Vaterherrschaften, nur Andriarchate, Männerherrschaften, sind, und dass man das alles anders ausdrücken müsste.
Es geht also um die Relation der Geschlechter, hinsichtlich der Lacan auch behauptet, dass die Frauen ihren Schwerpunkt statt aufs Begehren mehr auf die Liebe verlegt haben, die hochsublimiertes, vergeistigtes, verfeinertes Begehren und Genießen darstellt, aber damit schwerer zu definieren ist. Somit ließe sich allein damit, also mit der Emotionalität der Liebe, eine Frauenbewegung ebenfalls nicht so leicht erstellen. Es braucht guten Feminismus, nicht nur Niedermachung des Patriarchats, sondern ‚Gemeinschaftsmachung‘ für die Frauen selbst. Doch wozu brauchen sie – wie Schutzbach fordert – „die lesbischen Feministinnen,“ die – wie Lacan kühnbetont – verleugnen, dass der ‚Phallus‘ ein Signifikant ist, dass also versteckt Erotisches, unterdrückt Sexuales, verschwiegen männlich Intimes in allem Reden und Beteuern, Sagen und Erklären unbewusst mitschwingt.
Dass der Mann also aus ‚Sex‘ (Sex in Anführungszeichen, verschleiert, verhüllt, und als Liebe getarnt) Logik macht oder zu machen versucht. Demgegenüber würden die Feministinnen diesem Signifikanten, diesem Bedeutungsträger mitten im Fluiden der Sprache nur skeptisch gegenüberstehen. Sie wollen nicht akzeptieren, dass ‚Sex‘ – nicht das Sexuelle, sondern das ‚Sexuale‘ (wie der Psychoanalytiker Laplanche es heißt), das erotisch Wahrhafte (M, Foucault), die unbewusste Triebkraft (Lacan), das Übertragungs-Objekt ‚Sex‘, der Ausgangspunkt des Begehrens als eines ‚sexuierten‘, eine der wirksamsten Metapher als solche ist.
Die Übertragung spielt in der Psychoanalyse eine bedeutende Rolle. Man überträgt in der analytischen Therapie Bedeutungen aus früheren oder aktuellen anderen Beziehungen auf den Therapeuten, woraus dieser Schlüsse bezüglich der ja inadäquaten Relation, fehlerhaft und phantasmatisch unterstellten Beziehung, ziehen kann, denn er ist ja nicht selbst gemeint, sondern...
| Erscheint lt. Verlag | 5.1.2026 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Psychologie ► Persönlichkeitsstörungen |
| ISBN-10 | 3-6951-5428-4 / 3695154284 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-5428-9 / 9783695154289 |
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