Mythos und Realität der Piraten (eBook)
168 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-5029-8 (ISBN)
Thomas Schröter ist Schriftsteller und Philosoph, der sich intensiv mit den komplexen Zusammenhängen zwischen Technik, Gesellschaft und menschlichem Denken beschäftigt. In seinen Werken erforscht er die Grenzen der Freiheit, die Macht der Überwachung und die Verbindung zwischen Individuum und Gesellschaft. Mit scharfsinnigen Analysen und fesselnden Geschichten entwirft Schröter dystopische Welten, die beunruhigend real wirken, und stellt grundlegende Fragen über die Zukunft der Menschheit.
Kapitel 4 – Die Kilikischen Piraten
Wenn es in der Antike eine Region gab, die wie aus Stein und Sturm für die Seeräuberei geschaffen schien, dann war es die Südküste Kleinasiens. Kilikien, jener zerklüftete Gürtel zwischen Taurusgebirge und Mittelmeer, bot alles, was Piraten brauchten. Auf wenige Meilen folgten aufeinander: schroffe Klippen, enge Buchten, sandige Einschnitte, hinter denen das Gebirge sofort emporstieg. Flache Strände, auf denen Patrouillen hätten landen können, waren selten. Wer hier in einer Mondnacht ein leichtes Boot in eine Rinne aus Felsen lenkte, verschwand unmittelbar hinter einer Wand aus schwarzem Gestein. Jenseits der schäumenden Brandung begannen Ziegenpfade und Schluchten, die die Küstenlinie mit verborgenen Lagern verbanden. Kilikien Tracheia, das raue Kilikien, war nicht nur ein Name der Geografie, sondern ein Programm.
Aus den verstreuten Schlupfwinkeln wurden im zweiten und ersten Jahrhundert vor Christus Machtzentren. Namen wie Korakesion, das heutige Alanya, tauchen in den Quellen als Hochburgen auf.
Kleinere Häfen, unscheinbar und ohne große Kaimauern, wurden zu Werkstätten des Seeraubs. Auf improvisierten Helgen entstanden leichte, schnelle Schiffe, die man bei ruhiger See über die kiesigen Strände wieder in die Wellen drücken konnte. Der Bau folgte der Logik des Handwerks und des Krieges: wenig Tiefgang, große Ruderleistung, ein Mast für Fahrt vor dem Wind, und unter Deck Platz für Waffen, Ketten und Fässer. Diese Fahrzeuge waren keine seetüchtigen Kolosse, die den Ozean vor sich her schoben. Sie waren Nadelstiche aus Holz und Eisen, geschlagen in die Arterien des Mittelmeers.
Die Piraten Kilikiens unterschieden sich von den lose organisierten Banden früherer Zeiten. Sie entwickelten Strukturen, die an staatliche Ordnung erinnerten. Beute wurde systematisch geteilt, Routen geplant, Verstecke koordiniert. Hinter küstennahen Orten lagen befestigte Höfe, zu denen Ziegen und Olivenhaine gehörten. In tieferen Tälern wurden Gefangene bewacht, bis die Lösegelder eintrafen. Wer Geld hatte, kam frei. Wer niemanden hatte, der zahlte, wurde verkauft. Sklavenmärkte an den Küsten des östlichen Mittelmeers lebten seit langem von diesem Nachschub, doch mit dem Aufstieg der kilikischen Piraten erreichte der Handel eine kalte Effizienz. Selbst wohlgeborene Reisende, Senatoren und reiche Kaufleute fand man plötzlich in engen Verschlägen, wo die Nägel der Wachen in Fackellicht glitzerten und das Seil in der Hand mehr wog als jedes Gesetz.
Das Umfeld war bereit. Die hellenistische Welt befand sich im langgezogenen Nachbeben der Diadochenreiche, die Grenzen waren porös, Bündnisse fragil, und im Schatten rieben sich Kleinkönige, Stadträte und Warlords aneinander. Wer Schiffe, Männer und Mut besaß, fand Spielräume. Die römische Republik, im Westen zur Ordnungsmacht aufgestiegen, blickte weit und zugleich zu selten in die verwitterten Winkel der kilikischen Küste. Rom profitierte zudem nicht immer nur als Opfer. Der Handel verlangte Hände, die ruderten, und Märkte, die kauften. Mancher römische Unternehmer schloss die Augen, wenn die Quelle der Ware überflüssig peinliche Fragen aufwarf. So wuchs in den Schluchten und Buchten eine Ökonomie, die aus Plünderung, Lösegeld und Zwangsarbeit ein belastbares System machte.
Die Taktik der kilikischen Piraten war der Raum selbst. In kleinen Flotten traten sie plötzlich aus dem Schatten einer Landzunge, setzten in Windnähe schräg an und zwangen mit einer kurzen Salve aus Pfeilen und Steinschleudern die Mannschaft der Händler zu Fehlern. Ein schwerbeladenes Getreideschiff, das für Stabilität gebaut war, drehte träge, knarrte unter dem Druck der Ruder, und ehe die Matrosen die Segel bändigten, waren die Angreifer längsseits. Es kam vor, dass ein Kapitän sofort die Flagge strich, um das Schlimmste zu vermeiden, denn die Alternative war oft das gleiche Ergebnis mit mehr Blut. Nach dem Entern zählte nicht die Pose, sondern die Geschwindigkeit. Ladungsverzeichnisse, Handschriften, Amulette, Schmuck, Kisten mit Münzen, und besonders die lebende Fracht wurden gesichtet, verteilt, fortgeschafft. Was sich nicht tragen oder rudern ließ, ging über Bord.
Mit der Zeit trauten sich die Piraten weiter. Sie begriffen, dass die See nicht nur aus Linien bestand, die man kreuzte, sondern aus Knotenpunkten, an denen Ströme zusammenflossen. Sie überfielen nicht mehr nur isolierte Schiffe, sondern legten sich an Flaschenhälsen auf die Lauer, an Kaps und vor Hafenmündungen, wo selbst wendige Rümpfe kurz zur Zielscheibe wurden. Berichte der Antike erzählen in erschrockenen Sätzen, dass sie bis an die italienische Halbinsel vorstießen, entlang kalabrischer Küsten, ja einzelne Siedlungen ausraubten und im Morgengrauen wieder verschwanden. Diese Geschichten hatten einen Zweck: Sie färbten die Angst, aber sie entsprachen auch einem Kern der Wahrheit. Wenn die Routen der Versorgung ins Wanken geraten, beginnt Rom zu hören.
Die Republik hörte, murmelte, zauderte und fasste schließlich einen Entschluss. Vorher gab es Vorstöße gegen die Piraten, Feldzüge, die Namen trugen und Statuen erhielten. Doch sie folgten dem Muster: Anmarsch, Schlag, Rückzug, und die Klippen schwiegen wieder, bis sie lachten. Was fehlte, war ein Plan, der das Meer als Ganzes begriff. Erst als die Getreideschiffe für Rom ausblieben und die Preise in den Gassen stiegen, als Händler klagten und Wähler murrten, setzte sich eine unbequeme Einsicht durch. Man musste den Atem der Piraten angreifen, nicht nur ihre Fäuste. Man musste das Wasser ordnen.
Das Werkzeug dieser Ordnung wurde ein Mann. Gnaeus Pompeius Magnus, Pompeius der Große, erhielt durch ein außergewöhnliches Gesetz, das man in Rom mit zusammengepressten Lippen annahm, weitreichende Vollmachten über das Mittelmeer und einen breiten Gürtel des Küstenlands. Hinter den Debatten im Senat stand nackter Pragmatismus. Die Republik konnte den Preis politischer Eifersucht im Angesicht eines maritimen Stillstands nicht länger bezahlen. Pompeius nahm, was man ihm gab, und gab der See etwas zurück, das sie fürchtete: Struktur.
Er teilte das Mittelmeer in Zonen, befahl Flottenkommandanten, definierte Zuständigkeiten, Sektoren, Zeithorizonte. Er nahm dem Gegner das, was ihn stark gemacht hatte, die Freiheit, sich von einer vertriebenen Küste in die nächste zu retten. Binnen kurzer Zeit, man sprach bald von wenigen Wochen für den westlichen Teil, begannen die Händler wieder zu segeln, als sei die Luft klarer geworden. Der Osten blieb die harte Nuss. Dort lagen die Nester, Stützpunkte, Werkstätten, Gefängnisse, die Ökonomie des Raubs. Pompeius zog mit konzentrierter Kraft nach Kilikien, dorthin, wo das Gebirge ans Meer griff, und zwang die Piraten zur offenen Konfrontation, die sie sonst vermieden. Es kam zu Seeschlachten, die nicht wegen ihrer Größe bedeutend sind, sondern wegen ihres Ergebnisses: Sie zerschlugen die Flotten der Piraten, unterbrachen ihre Ketten der Versorgung und erschütterten ihren Glauben an die eigene Unverwundbarkeit.
Und dann geschah etwas, das die antike Welt nicht selbstverständlich kannte. Pompeius’ Sieg erschöpfte sich nicht im Töten. Gefangene Piraten ließ er in großer Zahl nicht kreuzigen, nicht vernichten, sondern umsiedeln. Er siedelte sie in Städten an, fern der unmittelbaren Versuchung des Wassers, in Soli etwa, das später als Pompeiopolis bekannt wurde, und an anderen Orten des Binnenlands. Er schnitt nicht bloß die Hand, er band den Arm an die Arbeit. Die Männer erhielten Acker, Ziegel, Werkzeuge, und mit ihnen die Möglichkeit, gesellschaftlich wieder zu erscheinen, nicht mehr als Schatten aus der Gischt, sondern als Nachbarn. Man kann diese Politik aus vielen Richtungen lesen. Humanität war gewiss nicht ihr einziger Motor. Es war auch Strategie. Wer Piraten nur erschlägt, sät neue. Wer sie in Häuser setzt, nimmt ihren Söhnen die Boote.
Die Wirkung war unmittelbar. Die kilikischen Buchten, eben noch vibrierend vor heimlicher Aktivität, wurden stiller. Händler wagten sich weiter vor, Konvois gewannen an Takt, und in Rom glätteten sich die Stirnen. Pompeius’ Ruhm wuchs, und mit ihm das Selbstverständnis einer Republik, die das Meer wieder Mare Nostrum nannte, unser Meer. Doch der Sieg war mehr als ein Kapitel in der Laufbahn eines Feldherrn. Er zeigte, dass Piraterie, wenn sie zur Struktur geworden ist, nicht mit einem einzigen Schlag zu beenden ist, sondern mit einer Mischung aus militärischem Druck und sozialer Umlenkung.
Nichts davon darf in eine romantische Erzählung kippen. Auch nach Pompeius gab es Seeräuber. Neue Anreize, andere Küsten, frische Gelegenheiten. Aber die kilikische Macht, wie sie sich zuvor ausgebildet hatte, war gebrochen. Die Küstenbewohner atmeten auf, die Märkte stabilisierten sich, und das Silber, das in den Säcken der Händler klirrte, war wieder häufiger Lohn statt Lösegeld. Das Gebirge blieb, die Buchten auch, doch sie gaben ihre Stimmen leiser.
Für die Geschichte der Piraterie ist Kilikien eine Wegmarke. Hier zeigte sich zum ersten Mal in...
| Erscheint lt. Verlag | 28.10.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geschichte ► Teilgebiete der Geschichte ► Kulturgeschichte |
| Schlagworte | Freibeuter • Kosaren • Morgan • Seeräuber • Wikinger |
| ISBN-10 | 3-6951-5029-7 / 3695150297 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-5029-8 / 9783695150298 |
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