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Unheilsmächte und Schutzgenien, Antiwesen und Grenzgänger

Vorstellungen von "Dämonen" im alten Israel
Buch | Hardcover
XII, 370 Seiten
2007 | 1., Aufl.
Academic Press Fribourg (Verlag)
978-3-7278-1591-1 (ISBN)
CHF 108,10 inkl. MwSt
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Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit ist der forschungsgeschichtliche Befund, dass unter dem Begriff "Dämon" eine Vielfalt von Phänomenen subsumiert wird. Der Gebrauch dieses Sammelbegriffs ohne semitisches Äquivalent suggeriert eine Einheitlichkeit der Quellen (Bilder und Texte), die sich bei näherer Betrachtung nicht bestätigt. Werden in Studien zur Ikonographie (bedrohliche) Mischwesen als "Dämonen" bezeichnet, so sind es in den Texten Krankheiten ebenso wie depotenzierte Götter oder Wesen, die die Peripherie der Zivilisation bevölkern, aus der Umwelt Israels übernommene Gestalten wie Lilit und A_modai oder Grenzgänger und Mittlergestalten wie die Figur des Satans. Die vorliegende Arbeit überprüft deshalb sowohl in terminologischer als auch funktionaler Hinsicht verschiedene Bestimmungsmerkmale des Phänomens "Dämon" (Aussehen: Mischwesen; Herkunft: depotenzierte Götter; Ort: Gegenwelten; Kommunikationsmittler: Grenzgänger; Bedrohung: Schadensgeister; Hilfe: Schutzgenien) hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit auf den ikonographischen Befund in Syrien-Palästina sowie auf alttestamentliche Texte. Dabei zeigt sich, dass verschiedene Zugänge zum Phänomen "Dämon" sich funktional jeweils nur auf bestimmte Texte bzw. Bilder anwenden lassen, auf andere aber nicht. Ein Überbegriff "Dämon/Dämonen" sollte deshalb für das alte Israel vermieden werden. Die beschriebenen Phänomene müssen vielmehr einzeln betrachtet und in einem zweiten Schritt auf ihre jeweiligen funktionalen Gemeinsamkeiten hin überprüft werden. In religionsgeschichtlicher Hinsicht führt die Untersuchung zum Ergebnis, dass sich über einen ausgeprägten Glauben an (negativ-)numinose Mächte neben Jahwe kaum dezidierte Aussagen machen lassen. In der Glyptik werden Schadensgeister nicht dargestellt. Statt dessen steht die Schutzthematik im Vordergrund, was lediglich als indirekter Hinweis darauf gewertet werden kann, dass es Gefahren gab, vor denen man sich schützen wollte. Im literarischen Bereich zeigt sich, dass man im alten Israel zwar Phänomene aus der Umwelt in die eigene Religion integrierte, sie zugleich aber theologisch instrumentalisierte. Nicht an Dämonologie, sondern an Theologie ist den Texten gelegen: Jahwe ist nicht nur ein omnipotenter Arzt, sondern vor allem ein omnipotenter Herrscher, dessen Macht alle anderen Mächte überstrahlt. Das Fehlen einer dezidierten Dämonologie und eines damit verbundenen Beschwörungssystems dürfte politische, ökonomische und theologische Gründe haben: Dem Herrscher Jahwe selbst eigneten zunächst positive wie negative Seiten. Mit dem voll ausgebildeten Monotheismus von Judentum und Christentum, der Gott von negativen und unheimlichen Elementen befreien will, verschiebt sich allerdings die theologische Einsicht der Alleinursächlichkeit Jahwes. Die Ausbildung einer Hierarchie von Engeln und Dämonen entlastet in gewisser Weise das Gottesbild; zugleich führt der Glaube an Engel und Dämonen aber dazu, dass in den monotheistischen Religionen ein unterschwelliger Polytheismus aufrechterhalten wird.

This study discusses the nature and function of so-called "demons” in Old Testament literature and iconography from the ancient Levant. The author examines both terminology used and the significance of "demons” in ancient Israel’s religious history. Originally a Greek word, "demon” does not have an equivalent in Semitic languages. The use of the term by modern scholars suggests a unified concept which however cannot be confirmed by a close examination of relevant sources (images and texts). The author therefore engages in a different way with the material, discussing both the terminology used in the sources and the function of various classes of "demons”. Images and texts are analysed according to defining features and functions: hybrid physiognomy; once mighty gods depossessed of their power (in the case of Re_ep or the _edim); residence in a dangerous counter-world (Lilit, _e‘irim, ’ochim, ’iyyim); mediating role of boundary-crossing entities, such as Satan or A_modai, between the human and the numinous world; threat against humans (deber, qeteb, barad). Since no single feature applies to all entities under discussion, the author concludes that scholars should refrain from using the overarching concept of "demons” in the context of ancient Israelite religion. The different phenomena have to be dealt with individually, and functional similarity should be stressed where applicable, but not postulated as a general rule. Regarding the history of ancient Israelite religion, there seems to be no evidence for a specific belief in negative numinous powers beside Yahwe. Such powers are not represented in glyptic iconography, which is dominated by the issue of protection, help and healing. Still, threatening powers must have been conceived of, since protection was needed against them. But while both Old Testament texts and Syro-Palestinian iconography integrate some "demonic” phenomena taken from surrounding cultures into their own religious framework, they always use them to some theological purpose. As it happens, the sources never develop a theory of demons per se but they stress a theological message: Yahwe is more than an powerful healer, he is above all the omnipotent ruler, more mighty than any other ruler or power. The lack of a specific demonology and, concurrently, of an official system of magic rituals to be employed against "demons”, probably had political, economical and theological reasons. As ruler most mighty, Yahwe himself had positive and negative features and aspects. With the development of Jewish and Christian monotheism, however, believers sought to free God from his more negative and sinister features. As a result, the concept of Yahwe as the sole cause and origin of anything lost its full impact, being expanded by the notion of a hierarchical structure of angels and "demons”. This on the one hand brought some relief to the concept of God; on the other hand, it allowed for a kind of polytheism to subsist within the framework of monotheistic religions.

Henrike Frey-Anthes, geb. 1974 in Hamburg, studierte von 1995-2002 evangelische Theologie und Altorientalistik in Hamburg und Jerusalem. Im Februar 2002 legte sie das Erste Theologische Examen der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche ab. Seit April 2002 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fach Altes Testament am Institut für Evangelische Theologie der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Nähe von Stuttgart.

Reihe/Serie Orbis Biblicus et Orientalis ; 227
Sprache deutsch
Maße 160 x 235 mm
Einbandart gebunden
Themenwelt Geschichte Allgemeine Geschichte Altertum / Antike
Schlagworte Altes Israel • HC/Geschichte/Altertum • Schutzgenien • Unheilsmächte
ISBN-10 3-7278-1591-4 / 3727815914
ISBN-13 978-3-7278-1591-1 / 9783727815911
Zustand Neuware
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