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DER MENSCH ALS GEHEIMIS -  Klaus P. Fischer

DER MENSCH ALS GEHEIMIS (eBook)

DIE ANTHROPOLOGIE KARL RAHNERS
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
348 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-3785-5 (ISBN)
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Der wohl folgenreichste Aspekt der Säkularisierung in den alten christlichen Ländern der westli­chen Hemisphäre ist ein Verständnis des Menschen, das ihn als innerweltlich völlig erklärbares, autonom vollendbares Lebewesen visioniert, das auf Glauben an Gott, Jesus Christus, Kirche und "ewiges Leben" - wie auf eine abgedroschene Begleitmusik - verzichten zu können meint. Karl Rahner hat diese Trends und Neigungen des Zeitgeistes früh erkannt und setzte sich in seiner Anthropolo­gie und Theologie mit dem säkularisierten Menschenbild und dessen Vorentscheidungen tiefgründig auseinander. Das vorliegende Werk, das hier zum dritten Mal aufgelegt wird, will diese weltgeschichtliche Aus­einandersetzung samt ihren Wurzeln anhand von Rahners Werk darstellen und zugleich aufzeigen, auf welchen Wegen das Geheimnis als Urgrund jeder menschlichen Existenz neu entdeckt werden und diese erhellen kann. Damit kann auch deutlich werden, dass christlicher Glaube tiefer gründet und dem Menschen wesentlich mehr entgegen kommt, als Werbung und journalistisch aufgemachte Menschen­bilder suggerieren. Hrsg. Hans-Jürgen Sträter, Adlerstein Verlag

Klaus P. Fischer, geb. 1941 in Stuttgart, studierte Klassische Philologie, Philosophie und Theologie in Tübingen, Innsbruck, Paris und Frankfurt/M. Theologische Promotion und Habilitation am Institut Catholique de Paris bei Henri Bouillard SJ über die Anthropologie Karl Rahners "Der Mensch als Geheimnis". Mitglied des Oratoriums des hl. Philipp Neri in Heidelberg. Langjährige Tätigkeit in Pastoral, Religionspädagogik, Klinik-Seelsorge, Erwachsenenbildung, Kirchl. Rundfunk­arbeit u.a.m. Diverse Veröffentlichungen zu Themen des Glaubens und christlicher Welt-Anschauung, wie Gott und Teufel, Gott und Schicksal, Schöpfung - Naturwissenschaft, Tod und Auferstehung, Eucharistie und Abendmahl, Mensch - Gott - Kirche, u.a.m. Lehrbeauftragter für Katholische Theologie an der Evangel.-Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg.

ERSTES KAPITEL


Der Mensch als Geheimnis in der „Erfahrung der Gnade“


§ 1. Geistliche Erfahrungen und Geistliche Übungen

Kein Gedanke, keine Erkenntnis kommt von ungefähr, etwa vom Würfeln, oder entsteht im leeren Raum. Jeder Einsicht, jeder Erkenntnis ist aber auch etwas zutiefst Unableitbares, Ursprüngliches eigen. Diese dialektische Doppelung von scheinbar einander widersprechenden Aussagen zielt auf ein schwieriges wissenschaftstheoretisches Problem, das an dieser Stelle nur genannt, nicht angegangen werden kann: das Verhältnis von Ursprünglichkeit und Geschichtlichkeit in der Erkenntnis.

Nur soviel soll hiermit angedeutet werden: wer eine thetisch formulierte Erkenntnis, die – wie in unserem Falle – ein ganzes Lebenswerk durchzieht, richtig verstehen und sachgerecht würdigen will, wird nicht daran vorbeikommen, diese Erkenntnis einerseits aus ihrer Herkunft aus einem bestimmten geistigen Traditions- und Bedingungszusammenhang zu begreifen, andererseits aber gerade ihre letzte Unableitbarkeit aus diesem Herkunftsmilieu wahrzunehmen. Diese Dialektik des Ursprungs macht eine Erkenntnis wesentlich komplex, und diese Komplexität läßt alles sogenannte Zurückführen auf Früheres als zu primitiv, das bloße, gleichsam ,absolute’ Herausstellen des ,Gehaltes’ hingegen als naiv erscheinen. Die folgenden Darlegungen möchten daher als Leitmotiv das Bemühen erkennen lassen, Rahners These, daß der Mensch wesentlich auf das Geheimnis verwiesen und dadurch zuinnerst selbst Geheimnis ist, sowohl in ihrer ursprunghaften, wie in ihrer traditionsverhafteten Eigenart zu sichten.

Die eben genannte These Rahners kann zwar über seiner ganzen philosophischen und theologischen Anthropologie als deren Titel stehen, ein Titel, der die innerste und letzte Einheit beider Anthropologien formuliert und auf den ,Begriff’ bringt. Der Grundgedanke aber, oder die zugrundeliegende Urerfahrung, welche diese philosophisch-theologische Entwicklung bei Rahner erst ermöglichte und vorantrieb, ist in der systematisch-expliziten Entfaltung dieser Konzeption nicht mehr oder nur noch mit Mühe direkt greifbar. Wo ist der rechte Ansatzpunkt für die These Rahners zu suchen, zu deren Erhellung unsere Untersuchung unterwegs ist? Die philosophisch-theologische Zuordnung von Mensch und Geheimnis hat zwar gewiß eine eminent hermeneutische Bedeutung für die heutige Theologie und Verkündigung, und viele Stellen bei Rahner verraten, daß er sich dieser Bedeutung durchaus bewußt ist. Das hermeneutische Anliegen streng als solches kommt jedoch als Boden für die Einsicht, daß der Mensch Geheimnis ist, insofern er mit dem Geheimnis zu tun hat, unmittelbar ebensowenig in Betracht wie etwa der Rückgriff auf jene bestimmten Lehrer (z.B. E. Przywara, M. Heidegger), denen Rahner eingestandenermaßen seine intellektuelle Wachheit für das Geheimnis als solches verdankt; von jenen Denkanstößen, die innerhalb der kirchlichen Tradition unter dem Sammelnamen „negative Theologie“ umlaufen, ganz zu schweigen. Es geht nicht darum, irgendwelche nachweisbare Einflüsse in Rahners Werk oder die Tatsache zu bestreiten, daß es mehrere Einstiegsstellen in unser Thema gibt. Vielmehr steht der Ursprung, der Uransatz hier zur Diskussion.

In seinem Rahner-Porträt1 stellt K. Lehmann mit Recht die Frage, welches denn bei Rahner die theologische Grunderfahrung sei, die seine anthropologisch und transzendental gewendete Theologie überhaupt ermögliche. Lehmann sieht, daß für Rahner die Erfahrung der Gnade jene eigentliche, fundamentale Realität des Christentums ist, die seinen Ansatz trägt und zur Entfaltung drängt (ebd. 166).

Hier sind wir schon ganz nahe jenem Punkt gekommen, der uns interessiert. Lehmann beschreibt stichwortartig Rahners Aufweis einer Erfahrung der Gnade und fügt hinzu, aus Art und Inhalt dieses Aufweises werde bereits erkennbar, „wie sehr in diesem Ansatz ignatianische Spiritualität und ursprüngliche, eigene geistliche Erfahrung … zusammentreffen“ (ebd. 168). Damit befinden wir uns im Zentrum unserer Frage.

Ich möchte hier mit aller Behutsamkeit die Aufmerksamkeit darauf zu lenken suchen, daß und wie die Entdeckung, daß der Mensch wesenhaft Geheimnis ist, weil ins Geheimnis verwiesen ist, in ihren frühesten Spuren bei Rahner auf jenes Grunderlebnis zurückweist, das Erfahrung der Gnade bzw. Erfahrung Gottes heißt, und das für Rahner offensichtlich im Rahmen und mit der Methode ignatianischer Spiritualität, insbesondere der Exerzitien, allererst zugänglich und wohl auch artikulierbar wurde.

Ich spreche mit Bedacht von ‘Spuren’ in Rahners Schriften. Niemand kann erwarten, daß die existentielle Erfahrung, die hier angezielt wird, irgendwo im Sinne einer breiten Darstellung und ausführlichen Analyse greifbar sei. Kommt doch alles darauf an, verständlich zu machen, daß wir hier jener Erfahrung begegnen, die das ‚Wovonher’ und ,Woraufhin’ Rahnerschen Denkens ausmacht, eines Denkens, das in ständigem Vorgriff und Hinweis auf diese Erfahrung sich selber, soweit als möglich, einholen, begrifflich objektivieren und endlich doch als sich ins Geheimnis entzogen bekennen muß.

Die weiterführende Fragestellung unserer Untersuchung zwingt uns also, noch einen Schritt weiter als Lehmann in seinem Porträt zu gehen: nicht nur der theologische Möglichkeitsgrund transzendentalen Denkens soll aufgehellt, sondern das Urerlebnis des Geheimnisses, das der Mensch ist und als das er sich erfaßt, soll in Rahners eigener spiritueller Erfahrung zum Vorschein gebracht werden.

Von diesem Unternehmen aus, das, wie gesagt, sich nur auf literarische ,Spuren’ stützen kann, wird hoffentlich auch etwas Licht auf das Verhältnis von Philosophie und Theologie bei Rahner fallen, nämlich auf die, alles in allem, recht untergeordnete Bedeutung der Philosophie für Rahners Denken (trotz des für manchen Leser oft gegenteiligen Anscheins), so daß „eine isolierte ,philosophische’ Behandlung K. Rahners ... die Hauptintention fast völlig (verfehlt)“ (Lehmann, a.a.O.163)2.

§ 2. Theologie als Übersetzung mystischer Erfahrung

K. Rahner zitiert einmal zustimmend ein Wort Nadals über Ignatius, ein Wort, das in eigentümlicher Weise für ihn, Rahner selbst und seine Lebensarbeit, gelten kann, und auf die ich es hier an wenden möchte: Rahners Theologie „ist eigentlich der Versuch des Mystikers, seine Erfahrung für andere zu übersetzen und sie an seiner Gnade teilnehmen zu lassen“3.

Eine solche Aussage beinhaltet nun aber, genau besehen, die Überzeugung, daß die mystische Gnaden- bzw. Gotteserfahrung nicht ein Reservat einzelner, bevorzugter Menschen, sondern irgendwie, mindestens ansatzweise, Allgemeingut ist oder werden kann (Übersetzbarkeit dieser Erfahrung, Teilnahme an der Gnade). In der Tat betont Rahner bei jeder passenden Gelegenheit, daß die Gotteserfahrung als solche „nicht das Privileg einzelner ,Mystiker’, sondern in jedem Menschen gegeben“ sei (STh IX, 164, 165). Die Beobachtung, daß es sich in dieser Bemerkung um mindestens eine der elementaren Grundüberzeugungen Rahners handelt, scheint mir von außerordentlichem Gewicht für das Verständnis seines Denkens zu sein: eine Grundüberzeugung, von der er als von einer selber erfahrenen ausgeht, die er in immer neuen Anläufen zu beschreiben und in seinem Hörer oder Leser wachzurufen sucht4. Natürlich möchte Rahner die gnadenhafte Gotteserfahrung des durchschnittlichen Gläubigen nicht mit jener der großen und exemplarischen Mystiker der Kirchengeschichte vergleichen. Doch ist es wohl die Überzeugung, daß die großen Mystiker nicht nur für sich, sondern für alle Gläubigen eine Bedeutung haben müssen (was ja auch die Überzeugung der großen Mystiker selbst war und ist!), die Rahner zu zwingen scheint, anzunehmen oder anzuerkennen, daß es „Stufen“ in der Erfahrung der Gnade gibt, „deren unterste auch uns zugänglich sind“ (STh III, 105; vgl. QD 5, S. 131,145).

Wie später noch deutlicher werden wird, ist vor allem Rahners geistliches Schrifttum, ist seine spirituelle Deutung der subjektiven und objektiven Erlebniswelt des heutigen Menschen nicht wenig von der Lektüre der Mystiker angeregt – außer vom hl. Ignatius beispielsweise auch vom hl. Johannes vom Kreuz, der hl. Theresia von Ávila u. a. –, deren Werke er zweifelsohne gelesen hat, wie das die Jesuitennovizen heute noch tun, und auf die er bei Gelegenheit, wenn auch weniger direkt als indirekt, anspielt. So sagt etwa Johannes vom Kreuz von der (passiven) Nacht der Sinne, daß sie, im Unterschied zur Nacht des Geistes, von vielen Menschen erlebt werde und so eine recht gewöhnliche Erfahrung gott-gewirkter Art sei (vgl. Dunkle Nacht I, 8. Kap.). Was so der spanische Mystiker den „Anfängern“ zuschreibt, stimmt genau zusammen mit der „untersten“ mystischen Stufe, deren Erfahrung nach Rahner auch dem gewöhnlichen Gläubigen zugänglich ist. In einer kleinen Laudatio auf die hl. Theresia von Ávila, die er unlängst verfaßt hat, legt Rahner großes Gewicht...

Erscheint lt. Verlag 29.8.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften Religion / Theologie Christentum
ISBN-10 3-6951-3785-1 / 3695137851
ISBN-13 978-3-6951-3785-5 / 9783695137855
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