Verhaltenstherapeutische Gruppentherapie (eBook)
484 Seiten
Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG
978-3-8444-3303-6 (ISBN)
13Einführung
Stellen Sie sich folgende Situation einer gruppentherapeutischen Sitzung vor:
Beispiel
Sieben Patientinnen und drei Patienten sitzen gemeinsam mit ihrem Gruppentherapeuten in einem Raum, der von den Teilnehmern aufgrund seiner ungünstigen Lichtverhältnisse als nicht optimal eingeschätzt wird. Zwei der weiblichen Gruppenmitglieder wurden erst vor kurzem in der Klinik aufgenommen und befinden sich zum zweiten Mal in der Gruppe. Der Gruppentherapeut weiß, dass eine der beiden nur ungern in die Gruppe kommt und es bevorzugen würde, mehr Einzeltherapie zu erhalten „anstatt sich die Probleme anderer anhören zu müssen.“ Zwei andere Patienten werden gegen Ende der Woche entlassen und sind nur noch einmal in der Gruppe. Der Therapeut betreut sieben Gruppenmitglieder auch einzeltherapeutisch, die anderen drei werden von seinem Kollegen bezugstherapeutisch behandelt, der sich in dieser Woche jedoch krank gemeldet hat. In den letzten Sitzungen hatte die Gruppe intensiv gearbeitet, was vor allem dadurch möglich wurde, dass die aktiveren Gruppenmitglieder durch ihre Offenheit und Bereitschaft, sich mit ihren Schwierigkeiten auseinanderzusetzen, die eher passiven Gruppenteilnehmer mitgezogen hatten.
Die Gruppentherapie hat vor 20 Minuten begonnen und in dieser Zeit hat sich die Gruppe darauf geeinigt, dass Herr B. heute den Raum bekommen soll, sein Anliegen in die Gruppe einzubringen. Bei Herrn B. handelt es sich um einen 53-jährigen, verheirateten, in leitender Stellung tätigen Verwaltungsbeamten, der sich aufgrund einer depressiven Störung in stationärer Behandlung befindet. Er berichtet in sachlich-nüchterner Weise über seine Problematik. Sein Sohn sei bereits seit mehreren Jahren drogenabhängig. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Phasen, in denen er kurzzeitig abstinent war, vor allem in den Monaten nach seinen (zwei) Entziehungskuren. Dennoch sei er wieder rückfällig geworden, was auch viel mit dem Freundeskreis zu tun habe, in dem sich sein Sohn bewege. Seine Frau und er hätten in den vergangenen Jahren viel mitgemacht: Hoffnung auf Besserung, Enttäuschung und Wut angesichts der Rückfälle und der eigenen Ohnmacht, Schuldgefühle, als Eltern 14versagt zu haben, und in der letzten Zeit auch eine zunehmende Resignation angesichts des bisherigen Krankheitsverlaufs. Die Situation eskalierte, als ihr Sohn, der nach seinem letzten Rückfall wieder für einige Zeit bei ihnen gewohnt habe, sie bestohlen hätte. Um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, habe er wertvollen Schmuck seiner Mutter gestohlen und ihn in einem Pfandleihhaus versetzt. Zwar habe man den Schmuck zurückkaufen können, jedoch habe dies mehrere tausend Euro gekostet, wobei die Enttäuschung und der Ärger über das Verhalten des Sohnes weitaus schlimmer gewesen wären als der materielle Schaden. Herr B. und seine Frau haben deshalb im Anschluss an den Diebstahl beschlossen, so lange keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn aufzunehmen, bis dieser seine Drogensucht überwunden habe und abstinent sei.
Während Herr B. seine Problematik schildert, breitet sich in der Gruppe eine bedrückende Stimmung aus. Der Therapeut beobachtet, wie sich zwei Gruppenteilnehmer vielsagende Blicke zuwerfen und Frau W. dabei ihre Augen rollt, als wolle sie damit sagen, dass sie von der Schilderung von Herrn B. genervt sei. Der Therapeut weiß aus den Einzelgesprächen mit Frau W., dass Herr B. sie an ihren pedantisch-rigiden Chef erinnert, mit dem es immer wieder zu Konflikten kommt. Sorgen bereitet ihm außerdem Frau K., die vor einigen Jahren ihren damals 19-jährigen Sohn bei einem Autounfall verloren hat. Den Verlust ihres Sohnes hat sie bis heute nicht überwunden, sodass die Trauer um ihn ein zentrales Thema der Therapie darstellt. Während sie zu Beginn der Gruppensitzung noch einen präsenten und engagierten Eindruck erweckte, blickt sie nun seit einigen Minuten starr vor sich hin und wirkt dabei abwesend, als sei sie mit ihren Gedanken weit weg.
Wir wollen an dieser Stelle das Gruppengeschehen verlassen, um an anderer Stelle wieder darauf zurückzukommen. Von diesem (Gruppen-)Fallbeispiel ausgehend, möchte ich stattdessen einige grundlegende Fragen in Bezug auf die psychotherapeutische Arbeit mit Gruppen aufwerfen. Zunächst einmal:
-
Welche Optionen hat der Therapeut1 in solch einer Situation?
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Welches Ziel verfolgt er?
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Welche Methoden wendet er an?
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Auf welcher Systemebene interveniert er?
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Wie und in welchem Maße bezieht er dabei die Gruppe mit ein?
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Wie sehr bringt er sich selbst dabei ein?
Er könnte auf der Gruppenebene intervenieren, wie es für Gruppenanalytiker typisch wäre. Dann würde er sich beispielsweise die Frage stellen, warum die Gruppe 15gerade diese Thematik favorisiert. Welche Form des Widerstandes offenbart sich hierdurch und mit welcher Funktion? Identifiziert sich die Gruppe gerade mit dem drogenabhängigen Sohn und teilt dem Therapeuten dadurch mit, dass es ihm bisher nicht gelungen ist, der Gruppe den Halt, die Grenzen und die Struktur zu geben, die sie dringend benötigt? Oder will die Gruppe aus dem strengen Rahmen, den die Klinik vorgibt, ausbrechen? Und liegt die tiefe Angst der Gruppe darin begründet, bei solch einem Ausbruch „unter die Räder zu kommen“, wie es offensichtlich bei dem Sohn von Herrn B. der Fall war? Für eine Deutung wäre es in jedem Fall zu früh. Der Therapeut würde sich weiterhin zurücknehmen, aufmerksam zuhören und schweigend abwarten, in welche Richtung sich die Gruppendynamik weiterentwickelt.
Er könnte ebenso die interpersonelle Ebene der Gruppenteilnehmer zum Gegenstand seiner Intervention machen. Welche Art der Übertragung entfaltet sich im Verlauf und durch die Schilderung von Herrn B.? Wer identifiziert (und solidarisiert) sich unbewusst mit Herrn B., wer mit dessen Sohn und wer mit seiner Ehefrau? Spiegelt die Art der Beziehungsgestaltung in der Gruppe die Beziehungsgestaltung zu seinem Sohn und seiner Ehefrau wider? Auf welche Weise wehrt Herr B. seine Emotionen ab, die bei seiner Schilderung immer wieder spürbar werden? Auch hier würde der Therapeut sicher noch abwarten, in welche Richtung sich die Übertragung entwickelt und welche möglichen Konflikte des Patienten sich in seiner Darstellung manifestieren. Vielleicht wird er den Patienten auf seine sachlich-distanzierte Art der Schilderung hinweisen oder Gruppenteilnehmer anregen, dies zu tun.
Ein verhaltenstherapeutisch arbeitender Gruppentherapeut würde sich hingegen an Herrn B. und dessen individueller Problematik orientieren. Für ihn ist Gruppentherapie immer Einzeltherapie „in und mit der Gruppe“ (Fiedler, 1996) und dabei, zumindest nach meinem Verständnis, immer auch „der Gruppe“ (vgl. dazu ausführlich Kap. 2). Konkret würde dies bedeuten, dass der Gruppentherapeut zunächst einmal herausarbeiten würde, mit welcher Intention Herr B. von seinem Schicksal berichtet. Um was geht es ihm dabei? Welche Wünsche und Hoffnungen sind für ihn damit verbunden? Welche Befürchtungen? Will er Anteilnahme und Verständnis für sein Schicksal? Oder ist es ihm wichtiger, dass die anderen Gruppenmitglieder seine Entscheidung, den Kontakt zu seinem Sohn nach dessen Diebstahl abzubrechen, nachvollziehen können oder ihn sogar darin bestärken? Oder will er mithilfe der Gruppe besser verstehen, warum sich sein Sohn so entwickelt hat, wie er es getan hat? Oder wäre es für ihn wichtig, Anregungen zu erhalten, wie er in Zukunft besser mit dieser schwierigen Situation umgehen könnte, als er es bisher getan hat? Oder geht es um etwas ganz anderes?
Ein verhaltenstherapeutisch arbeitender Gruppenleiter würde diese potenziellen, impliziten Ziele des Patienten gemeinsam mit ihm und der Gruppe herausarbeiten, explizieren und damit zugleich auch transparent machen. Dabei gilt es natür16lich auch, die Gruppendynamik nicht aus den Augen zu verlieren. Sollten sich einige Gruppenmitglieder mit dem Sohn von Herrn B. identifizieren, dann werden sie...
| Erscheint lt. Verlag | 14.4.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Psychologie |
| Schlagworte | Ambulante Gruppe • Gruppendynamik • Gruppenkohäsion • Gruppentherapeutische Verfahren • Gruppentherapie • Kommunikation • Problembearbeitung • Psychiatrie • Psychische Störung • Psychosomatik • Psychotherapie • Stationäre Gruppe • Verhaltenstherapie • Wirkfaktoren der Gruppenpsychotherapie • Zieloffene Gruppe |
| ISBN-10 | 3-8444-3303-1 / 3844433031 |
| ISBN-13 | 978-3-8444-3303-6 / 9783844433036 |
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